Finanzsystem | 03.03.2017 (editiert am 06.03.2017)

Der Ursprung und die Bedeutung der TARGET2-Salden

Das Zerbrechen der Eurozone scheint nur eine Frage der Zeit. Sind TARGET2-Salden im Eurosystem ein Hindernis bei der Auflösung der Eurozone? Ein Blick auf Ursprung und Bedeutung der TARGET-Salden.

Bereits in zwei Artikeln wurde hier kürzlich die Bedeutung von TARGET2-Salden diskutiert. Joachim Nanninga analysierte sie im Zusammenhang mit einem eventuellen Ausscheiden Italiens aus dem Euro, Paul Steinhardt hatte mit einer kritischen Anmerkung zu den „Horrorgeschichten“ von Mario Draghi vorgelegt. Ich möchte ein paar grundlegende Anmerkungen vorausschicken und dann zur Frage kommen, ob die TARGET2-Salden ein Problem sein können, wenn der Euro zerbricht.

Eine Statistik ist eine Statistik und kein Gleichgewicht

Die TARGET2-Salden besagen letztlich, wie viel Guthaben jene nationalen Geschäftsbanken bei der EZB haben, die zur entsprechenden nationalen Zentralbank gehören. Für die Bundesbank bedeutet dies, dass die Guthaben der deutschen Geschäftsbanken bei der EZB den TARGET2-Forderungen oder Verbindlichkeiten der Bundesbank entsprechen. Geschäftsbanken brauchen Zentralbankgeld, um

  1. es gegen Bargeld zu tauschen, um die Kunden damit versorgen zu können;
  2. um Kredite von anderen Geschäftsbanken oder der Zentralbank zurückzahlen zu können;
  3. um es gegen Devisen zu tauschen, die eventuell von Kunden und der Bank selbst benötigt werden;
  4. um Staatsanleihen vom Staat zu kaufen;
  5. um Steuerzahlungen der Kunden zu ermöglichen;
  6. und um Überweisungen der Kunden an andere Banken durchzuführen, sofern letztere auf sofortigem Zahlungsausgleich bestehen.

Die deutschen TARGET2-Salden entstehen hauptsächlich durch Überweisungen von Geschäftsbanken aus dem Rest der Eurozone an deutsche Geschäftsbanken. Die Bundesbank erklärt die Zusammenhänge auf ihrer Internet-Seite wie folgt:

«Fließen beispielsweise einer über die Bundesbank an TARGET2 teilnehmenden Bank Gelder aus dem Ausland zu, führt dies bei der Bundesbank zu Verbindlichkeiten gegenüber dieser Bank (etwa durch Gutschrift des Betrages auf deren Girokonto). Im Gegenzug entsteht eine Forderung der Bundesbank in gleicher Höhe gegenüber der sendenden nationalen Zentralbank. Diese wiederum belastet das Konto der sendenden Geschäftsbank. Dies erfordert ein ausreichendes Guthaben an Zentralbankgeld der sendenden Bank. Zentralbankguthaben werden primär durch die geldpolitischen Refinanzierungsgeschäfte des Eurosystems bereitgestellt.»

Der Grund für die zufließenden Zentralbankguthaben kann vielfältig sein. Allerdings müssen sich die Guthaben der deutschen Geschäftsbanken bei der EZB verändern, damit sich am TARGET2-Saldo der Deutschen Bundesbank etwas ändert.

Was verändert die TARGET2-Salden?

Ein negativer Kreditsaldo, wie von Nanninga angedeutet, führt also nicht generell zu einer Veränderung der nationalen TARGET2-Salden. Es kommt auf die Form des Kredits an: wird eine Zahlung durch einen Interbankenkredit in die Zukunft verlagert, dann kommt es nicht zu einer Veränderung der TARGET2-Salden. Werden jedoch per Kredit bei der EZB Guthaben von einer Bank an eine andere übertragen, die in einem anderen Land ansässig ist, dann verändert sich auch der TARGET2-Saldo.

Ein Leistungsbilanzüberschuss (Exporte übersteigen Importe) oder -defizit (also andersherum) führt nicht zu einer Veränderung der TARGET2-Salden, solange sich die beteiligten Geschäftsbanken auf dem Interbankenmarkt Kredit gewähren und nicht in den Zahlungsausgleich gehen. Das ist in normalen Zeiten die übliche Vorgehensweise; in schwierigen Zeiten hingegen wird auf schnellen Zahlungsausgleich bestanden. Dies erklärt auch, warum die TARGET2-Salden trotz der innereuropäischen Leistungsbilanzungleichgewichte vor Ausbruch der Krise in den Jahren 2008/09 nicht anstiegen.

Beispiel Spanien

Spanien beispielsweise hatte ein Leistungsbilanzdefizit, die Spanier kauften also mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland als andersherum (Ich ignoriere hier die Gewinne und andere Positionen der Leistungsbilanz, die für diese Diskussion nicht wesentlich sind). Ganz wie wir, kaufen die Spanier natürlich viel in Supermärkten ein und achten beim Konsum wahrscheinlich ebenso wenig wie wir darauf, wo die Waren eigentlich herkommen. Wenn also die Spanier z.B. mit ihren Kredit- und Bankkarten Einkäufe von Produkten aus dem Ausland bezahlen, entsteht dadurch möglicherweise ein Leistungsbilanzdefizit. Da die Spanier erfolgreich an den Kassen bezahlt hatten, muss die Kapitalbilanz entsprechend einen Abfluss von Finanzanlagen angezeigt haben. Wie funktioniert das genau?

Die spanische Bank des LIDL Spanien-Kunden muss nach dem Einkauf der Waren die LIDL Spanien von LIDL Deutschland erwirbt, die Summe des Einkaufs an die EZB überweisen oder sich mit der deutschen Bank darauf einigen, dass das Zentralbankguthaben später überwiesen wird, dafür aber ein Zins anfällt. Wenn aber die deutsche Bank der spanischen nicht mehr vertraut, weil diese auf ihrer Bilanz haufenweise faule Immobilienkredite hat und daher mit einer Insolvenz gerechnet werden muss, dann wird die deutsche Bank der spanischen keinen Kredit mehr einräumen. Stattdessen wird sie für alle zukünftigen Transaktionen und auslaufenden Interbankkredite die Überweisung von Zentralbankguthaben fordern.

TARGET2-Salden sind eine Statistik, kein selbstständiges Kreditsystem

Sollten die spanischen Banken nicht genügend Guthaben bei der EZB haben, um die Überweisungen an die deutschen Banken durchzuführen, dann können sie sich von der spanischen Zentralbank gegen Sicherheiten Zentralbankguthaben leihen. Dabei bilden nur die Sicherheiten eine Grenze für die Ausleihe. Sofern sie vorhanden sind, können spanische Banken an Zentralbankgeld kommen. Erst wenn sie diese Guthaben bei der EZB an deutsche Banken überweisen, werden sich die TARGET2-Salden verändern. Für jeden Euro an neuem Guthaben der deutschen Banken wird der Bundesbank dabei ein Euro an TARGET2-Forderungen gutgeschrieben und der spanischen Zentralbank ein Euro an TARGET2-Verbindlichkeiten in die Bilanz gesetzt. Dies bedeutet, dass die Bundesbank sich nicht dagegen „wehren“ kann, dass ihr TARGET2-Saldo steigt, solange die deutschen Banken netto (=Zuflüsse > Abflüsse) EZB-Guthaben von ausländischen Banken empfangen.

Die Bundesbank erwirbt durch die TARGET2-Forderungen auch keinen Anspruch gegenüber der EZB oder andere Zentralbanken. Es handelt sich bei diesen Zahlen lediglich um Informationen zu der Frage, welche nationalen Zentralbanken wie viel Zentralbankguthaben ins Ausland überwiesen haben. Dies hat mit „Geld-Transfers“ unter Staaten überhaupt nichts zu tun. Die Grundlage der deutschen TARGET2-Salden ist einzig und allein der Empfang von EZB-Guthaben der deutschen Banken von Banken aus dem Ausland.

Genauso gut könnte man innerhalb von Deutschland Zahlen darüber ermitteln, welche Banken in den einzelnen Bundesländern, sich bei der Bundesbank über Kredite Zentralbankguthaben verschafft haben, die sie dann an Banken in anderen Bundesländern übertragen haben. Dass solche Zahlen zu Zeiten der D-Mark aber nie erhoben wurden – auch nicht nach dem Beitritt der neuen Bundesländer – ist ein gutes Indiz, dass diese Salden nicht von so großer Bedeutung sein können, wie von vielen, wie z.B. Professor Sinn aber auch Mario Draghi, suggeriert wird.

Warum diskutieren Europäer die TARGET2-Salden?

Die TARGET2-Salden der Eurozone sind im Wesentlichen ein Symptom der Leistungsbilanzungleichgewichte und der Kapitalflucht aus den Krisenländern der Eurozone nach Deutschland. Inzwischen ist klar, dass wir die Salden in den Bankensektoren in unterschiedlichen Ländern der Eurozone als eine Folge der deutschen Lohndumping-Strategie sehen müssen, die die Exportüberschüsse Deutschlands erst ermöglichten. Dass darüber noch immer nicht offen diskutiert wird, ist besorgniserregend. Die Sorge dagegen, darauf wurde auf Makroskop schon oft hingewiesen (z.B. hier und hier), dass  „wir“ den anderen Ländern Geld geliehen hätten und dies im Falle eines Auseinanderfallens des Euros nicht zurückfließen würde, hat mit der Realität nichts zu tun.

Die momentan wieder heiß diskutierten Hartz-IV-Reformen und die Strategie der Senkung der Lohnnebenkosten mit entsprechenden Entlastung des „Faktors Kapital“ und der Belastung des „Faktors Arbeit“ sorgten für relative Preisvorteile der deutschen Industrie im Wettbewerb mit Ausländern. Als dann der Immobilienboom in Spanien und Irland richtig losging, war dort auch die Kaufkraft vorhanden, um sich die deutschen Güter und Dienstleistungen leisten zu können. Banken in Irland und Spanien bauten daher hohe Verbindlichkeiten bei deutschen Banken auf. Als jedoch die Probleme bei den Immobilienkrediten immer deutlicher wurden und die deutschen Banken um ihre Forderungen fürchteten, brach der Interbankenmarkt zusammen und die Banken mussten vom Staat gerettet werden.

Was passiert bei einer Auflösung des Euros?

Erst einmal gilt es festzuhalten, dass die Verschuldung der Banken untereinander bestehen bleibt, egal was mit den TARGET2-Salden passiert. Zentralbanken aber können sicherlich nicht Pleite gehen. Die Bundesbank würde daher weiterhin die Einlagen der Banken auf ihren Konten führen. Was mit den TARGET2-Salden auf der Aktiva-Seite der Zentralbankbilanz passiert, also wie mit ihnen buchhalterisch umgegangen wird,  ist relativ unwichtig. Alle Euros der deutschen Banken auf den Konten der Bundesbank werden in NDM (neue D-Mark) „umgestellt“, die Haushalte können bei den Banken Bargeld von Euros gegen neues in NDM tauschen. Beträge auf Girokonten werden ebenfalls auf NDM umgestellt. Dies ist soweit alles relativ unproblematisch. Damit nicht Spekulanten auf die Idee kommen, kurz vor Auflösung des Euro noch Kredite in Euro in den Krisenländern aufzunehmen und nach Deutschland zu transferieren, um dann NDM zu bekommen, während die Kredite dann in „Pesetas nuevas“ oder „Lire 2“ lauten, kann die Konversion von Euros in NDM auf deutsche Kontoinhaber beschränkt werden.

Sicherlich gab es einige Fälle von Kredit- und dann Geldschöpfung in der Peripherie, die zu deutschen Exporten und damit zu Guthaben bei deutschen Banken geführt haben, die aber nicht zu Importen aus Spanien benutzt wurden. Letztlich sind so der deutschen Ökonomie netto Güter und Dienstleistungen entzogen worden, die wahrscheinlich auch zumindest teilweise im Lande hätten verwendet werden können. Die Hauptursache dafür, dass nicht mehr deutsche Waren in Deutschland gekauft wurden bzw. mehr Waren aus Spanien importiert wurden sind die relativ niedrigen deutschen Löhne und nicht die TARGET2-Salden gewesen. Die sogenannte Lohnmoderation in Deutschland beruht auf einer Wirtschaftspolitik und auf neoklassischen Mythen, die besagen, dass Exporte immer gut sind, Exportweltmeister zu werden das wichtigste Ziel aller Handlungen zu sein hat und das deutsche Wirtschaftssystem sowieso das beste ist.

Löhne, Renten und die Produktion

Exportüberschüsse sind für eine Ökonomie reale Kosten, denn es „fließen“ mehr Güter und Dienstleistungen ins Ausland ab, als vom Ausland „zufließen“. Wer also möchte, dass „wir“ im Alter mehr konsumieren können, der sollte die Renten und Löhne heute erhöhen und so Exportüberschüsse jetzt reduzieren. Bei einem Exportüberschuss von 8% des Bruttoinlandsproduktes könnten wir so z.B. den deutschen Konsum von 54% auf 62% des BIP steigern, wie Schaubild 8 der Veröffentlichung von Destatis zeigt. Das wäre eine Erhöhung des Realeinkommens um durchschnittlich etwa 14% und die deutsche Leistungsbilanz wäre immer noch ausgeglichen.

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