Ökologie | 30.03.2017

Die deutsche Energiewende und die globale Klimapolitik

Unsere Diskussion über die deutsche Energiewende hat wichtige Schwachstellen bei der Umstellung auf erneuerbare Energien herausgearbeitet. Die Befürworter haben jedoch gezeigt, dass es technische Lösungen gibt, die auch lange Dunkelflauten überwinden helfen. Ob sich das alles in ein globales Konzept zur Verminderung des CO 2-Ausstoßes einfügt, bleibt allerdings eine vollkommen offene Frage.

Die Herausgeber von Makroskop haben sich entschlossen, die Diskussion um  die deutsche Energiewende, also die Diskussion um vorwiegend technische Fragen der Durchführbarkeit und der Stabilität einer weitgehend auf erneuerbaren Energien beruhenden Stromversorgung, vorerst zu beenden. Der Grund ist einfach: Wir sehen nicht, dass fundamental neue Aspekte zu den schon genannten kommen und wir haben kein Autorenteam, das von sich aus in den technischen Fragen ein klares Urteil abgeben oder die Diskussion weiter vorantreiben könnte.

Speicher als Lösung?

Dennoch war die Debatte, die in den vergangenen Monaten stattgefunden hat, gut und notwendig. Nach meiner Provokation (hier) über das Ende der Energiewende haben sich Gegner und Befürworter einen interessanten Schlagabtausch geliefert. In erster Linie ging es dabei um die Frage, wie und ob man Schwankungen in der Stromversorgung, die bei erneuerbaren Energien schon eingetreten und auch in Zukunft zu erwarten sind, ausgleichen kann. Hier argumentieren die Befürworter in erster Linie mit prinzipiell vorhandenen Speichertechnologien (wie power to gas), während die Gegner auf die mangelnde Erprobung dieser Technologie und auf potentiell sehr hohe Kosten verweisen. Auch Südaustralien wurde von den Gegnern angeführt, wo es derzeit offensichtlich (hier in einem Bericht aus dem Handelsblatt) große Schwierigkeiten mit der Umstellung auf erneuerbare Energieträger gibt.

Interessant ist, dass auch bei einigen Befürwortern der Energiewende durchaus Skepsis herauszuhören ist, ob die vorhandenen Technologien zum Ausgleich von starken Leistungsschwankungen der Erneuerbaren schon bald einsetzbar zur Verfügung stehen oder doch eher Zukunftsmusik sind. Auch die Bundesregierung, die aus Prinzip optimistisch sein muss, geht offenbar sehr vorsichtig mit diesem Thema um. Einige Befürworter der Energiewende sagen ganz offen, dass dann, wenn man auf Atomkraft verzichtet (was ich ohne jede Wertung sage!), fossile Energie noch viele Jahre oder gar Jahrzehnte auch im Bereich der Kraftwerke zur Stromerzeugung gebraucht wird.

Globale Lösungen und der Markt

Das wirft dann allerdings ein globales Problem auf, das bisher noch nicht zur Sprache gekommen ist. Aus rein ökonomischen Gründen war immer klar, dass eine Energiewende in einem Land der Welt das globale Problem der Verbrennung fossiler Stoffe nicht lösen kann. In einem funktionierenden Markt führt der Minderverbrauch an einer Stelle zwingend zu einem Mehrverbrauch an anderer Stelle, weil der Markt bei einem geringeren Verbrauch eines Konsumenten das aus der Erde gewonnene Öl oder Kohle und Gas mit Hilfe von Preissenkungen an die übrigen Konsumenten bringt. Insofern, das müssen allerdings noch viele Einsparadvokaten lernen, gibt es keinen „Beitrag“, den ein Land (oder gar irgendeine kleinere Einheit wie ein Haushalt oder eine Privatperson) zur globalen Energiewende leisten kann, so lange es diesen Markt gibt. Dieser Markt wird jederzeit geräumt, wie die Ökonomen sagen, und wer das nicht will, muss über nicht weniger tun, als ein globales Regime zur Kontrolle und Steuerung dieses Marktes mit allen Konsequenzen schaffen. Das tut bisher aber niemand und auch in Paris, beim Beschluss über die letzten „großen“ Entscheidungen im Dezember 2015, hat es niemand getan, ja, man hat nicht einmal darüber geredet.

Insofern war das Beste, was man bisher zur deutschen Energiewende aus einer globalen Perspektive sagen konnte, dass es sehr wichtig sein kann, dass ein Land einmal zeigt, ob und wie eine solche Energiewende möglich ist. Das ist ein durchaus wichtiges Argument und sollte nicht kleingeredet werden. Auch dafür könnte es lohnend sein, in einem reichen Land sehr viel Geld in die Hand zu nehmen.

Wie viel fossile Energie braucht man zur Absicherung?

Doch wenn es so ist, dass auch Deutschland seine Energiewende über viele Jahre oder Jahrzehnte nur dadurch absichern kann, dass es konventionelle Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen vorhält, dann bricht leider auch dieses Argument in sich zusammen und die Energiewende wird unfassbar teuer, weil man praktisch nichts dafür erhält. Denn wenn die gesamte Welt sich Deutschland zum Vorbild nähme und auf erneuerbare Energien setzte, gleichzeitig aber auch (wiederum, wenn Atomkraft ausscheidet) die fossile Energie als Auffanglösung brauchte, dann braucht man auch weiterhin einen funktionierenden Markt für fossile Energieträger.

Diesen Markt und die dazugehörige globale Infrastruktur kann die Welt aber nicht für acht Monate auf quasi Null fahren und dann, wenn man ihn wegen Dunkelflaute und anderer Gründe braucht, schnell wieder hochfahren. Diesen Markt, die Förderung von Öl, Kohle und Gas und die gesamte gewaltige dazu gehörende Logistik, hat man oder man hat ihn nicht. Wenn man ihn aber hat, dann werden die geförderten Rohstoffe entweder sofort verbraucht oder die Welt braucht zwingend die oben erwähnte globale und staatliche Steuerung und Sicherung dieses Marktes (auf der Angebots- und auf der Nachfrageseite, was heißt, über Besteuerung der Nachfrage und über Rationierung des Angebots), über die heute die internationale Politik nicht einmal bereit ist zu reden, geschweige denn ernsthaft zu verhandeln.

Ein globales Paradox

Auch hier gibt es folglich eine sehr interessante „fallacy of composition“ (also eine Schlussfolgerung, die von Eigenschaften eines Teils des Systems fälscherlicher Weise auf Eigenschaften des gesamten Systems schließt): Ein Land kann sich bei seiner Energiewende hin zu erneuerbaren Energieträgern durchaus darauf verlassen, dass immer genügend fossile Energie zur Verfügung steht, um Schwankungen bei der Produktion erneuerbarer Energien auszugleichen, die Welt kann das jedoch nicht. Für die Welt bleibt dann beim heutigen Stand der Technik nur die Atomkraft (wiederum ohne Wertung) und die Hoffnung, dass noch weit vor dem natürlichen Ende des fossilen Zeitalters (der Erschöpfung aller fossilen Ressourcen) eine ganz andere sichere Energiequelle zur Verfügung steht.

Doch machen wir uns nichts vor, so lange es eine solche Energiequelle nicht gibt, wird niemand auf dieser Welt (außer dem „globalen grünen Diktator“) verhindern, dass fossile Energieträger in großem Ausmaß verbrannt werden, ganz gleich wie viele internationale Abkommen geschlossen werden, in denen sich (einige oder fast alle) Länder verpflichten, den CO 2 Ausstoß zu verringern. Gemessen an den Vorstellungen der Klimaforscher, die eine rasche absolute Verminderung des CO 2 Ausstoßes erreichen wollen, ist die derzeit global betriebene Politik einfach nicht geeignet, das zu tun, was man tun müsste, um eine globale Erwärmung zu verhindern.

Das sind keine optimistischen Aussichten für eine globale Klimastabilisierung. Doch es nützt nichts, sich mit Illusionen zu behelfen, wenn es keine guten Argumente dafür gibt. Die internationale Energieagentur (IEA) hat gerade berichtet, dass der globale Ausstoß von CO 2 in den vergangenen drei Jahren etwa konstant hoch geblieben, also nicht weiter gestiegen ist (hier ein Bericht der Financial Times dazu). Ob das Anlass zum Optimismus ist, kann derzeit nicht klar gesagt werden, da auch die IEA in Rechnung stellt, dass in China, wo die Emissionen um ein Prozent sanken, große Kapazitäten von Atomkraft ans Netz gehen und auch Wasserkraft verstärkt eingesetzt wird.

Man muss hierbei vor allem auch berücksichtigen, dass die globale wirtschaftliche Entwicklung recht schwach war (insbesondere die industrielle Entwicklung). Die drei Prozent BIP-Wachstum, die global errechnet werden, muss man mit großer Vorsicht genießen, da sie die globale Industriedynamik nicht abbilden. Auch in Europa, wo es in den vergangenen Jahren eine geringe Verminderung des CO 2–Ausstoßes gab, muss man zur Kenntnis nehmen, dass es in den letzten fünf bis sechs Jahren eine extrem schwache wirtschaftliche Entwicklung gab (auch hier vor allem in der Industrie), die man aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen nicht so fortschreiben darf.

In jedem Fall ist eine drastische absolute Verminderung des Ausstoßes von CO 2 aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe (andere Quellen gibt es dann immer noch) bis 2050, wie das von vielen Klimaforschern für notwendig gehalten wird (man redet sogar von Null-Emissionen aus der Verbrennung), vollkommen ausgeschlossen. Dazu müsste, wie gesagt, sehr rasch eine globale Energiewende in Richtung erneuerbare Energieträger in Gang kommen, die fast nirgendwo zu sehen ist. Zudem müsste ein globales und radikales Management des Marktes für fossile Energie installiert werden, das man sich nicht einmal traut, intellektuell vorzubereiten.

Nationale Politik muss Klarheit schaffen

Auch in der Bundesregierung scheinen sich, vermutlich unter dem Druck der Wirtschaft, die Urteile über die Energiewende erheblich zu bewegen. Wenn das auch nur halbwegs stimmt, was die WELT hier berichtet, dass man nämlich im Bundeskanzleramt nationale Ziele nun für falsch hält, dann bedeutet das ohne Zweifel, dass auch Deutschland das Tempo der Umstellung auf erneuerbare Energien verlangsamt. Ob zu diesem Umdenken auch die technischen Probleme der letzten Monate beigetragen haben, wissen wir nicht.

Es ist aber absolut notwendig, dass die Regierung der Bevölkerung reinen Wein einschenkt, statt immer wieder neue Nebelkerzen zu werfen. Insbesondere ist vollkommene Klarheit über die langfristige nationale und internationale Strategie notwendig, bevor man in machen Bereichen, wie etwa bei der Umstellung der Fahrzeuge auf Elektroantrieb, weit in die Zukunft reichende Investitionsentscheidungen anregt oder gar erzwingt. Die Prämie für Elektroautos, die im vergangenen Jahr beschlossen wurde und bei weitem nicht das erreicht hat, was man erwartete (hier), sollte Warnung sein, nicht weiter mit halbgaren Konzepten eine Entwicklung voranzutreiben, derer man sich selbst nicht sicher ist.

Preise und Mengen

Eine große Konfusion herrscht in der gesamten Energiedebatte weiterhin darüber, ob und inwieweit man „dem Markt“ die Entdeckung der richtigen Preise für Energieträger überlassen kann. Das gilt nicht nur für die fossilen Energieträger, sondern auch für Strom. Manch einer meint, man könne es nun, nachdem der Staat einen Anschub für die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien gegeben habe, weitgehend dem Markt überlassen, den richtigen Strompreis zu finden.

Nichts ist weiter von der Realität entfernt als eine solche Vorstellung. Man sieht schon heute, dass ein „freier“ Strompreis vollkommen verwirrende und irrationale Signale gibt. Negative Preise an den Strombörsen, wie sie seit der Energiewende immer wieder vorgekommen sind, signalisieren den Anbietern von herkömmlich hergestelltem Strom, dass ihr Produkt weniger als Nichts wert ist und fordern sie daher implizit dazu auf, die Produktion dieses Produktes sofort einzustellen. Das aber ist politisch gar nicht gewollt, weil dann die Volatilität der erneuerbaren Energieträger ja voll durchschlagen und Blackouts wie in Südaustralien nach sich ziehen könnte. Wenn das aber nicht gewollt ist, kann man nicht auf die Signale des Strommarktes setzen, ja, man muss sie im Grunde verhindern.

Das zeigt ein einfaches und unbestreitbares Prinzip: Wer aus politischen oder anderen Gründen bestimmte Mengenziele hat, darf die Preise nicht dem Markt überlassen. Der Markt verteilt nur das, was gegenwärtig an Angebot vorhanden ist, sorgt aber nicht dafür, dass ein bestimmtes Produkt in einer bestimmten Menge auch in Zukunft produziert wird. Das beste Beispiel dafür ist die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und der Zins. Weil alle westlichen Gesellschaften nicht nur darauf aus sind, das einmal vorhandene Güterangebot zu verteilen, sondern wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, wird einer der wichtigsten Preise in der Marktwirtschaft, der Zins, fast vollständig vom Staat (bzw. der von ihm beauftragten Notenbank) gesteuert.

Ein sich selbst überlassener Zins würde täglich, ja stündlich und minütlich ungeheuer schwanken und den potentiellen Investoren in Sachanlagen verwirrende und unsinnige Signale geben. Weil der Staat und die Zentralbank möchten, dass in einer sich dynamisch entwickelnden Wirtschaft neu in Sachanlagen investiert wird, legt die Zentralbank in praktisch allen Ländern der Welt den kurzfristigen Zins „von Hand“ jederzeit fest und hält auf verschiedenen Wegen auch den langfristigen Zins klar unter ihrer Kontrolle.

Wer in Sachen Energieversorgung und Klimawandel bestimmte Mengenziele verfolgt, darf sich nicht vor dem Eingriff in die Märkte scheuen, sondern muss aktiv in die Märkte eingreifen und die Preise möglichst stetig so steuern wie es seinen Zielen entspricht. Auch das müssten informierte und effizient funktionierende Staaten ihren Bürgern sagen, um klar zu zeigen, dass sie es mit den erklärten Zielen ernst meinen.

Im Lichte all dessen ist das, was Präsident Trump jetzt sagt und tut, nämlich das Pariser Abkommen explizit zu ignorieren, weniger dramatisch als es vielen scheint. Schöne Absichtserklärungen im Rest der Welt sind auch keine Politik zur Verhinderung des Klimawandels. Insofern kann man sich auch hier jede moralische Überheblichkeit sparen.

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