Aufgelesen | 08.03.2017

Die ganze Welt in Schuldknechtschaft – die ökonomische Vision des Michael Hudson

In den letzten Wochen ist es über Michael Hudsons vor Kurzem auf deutsch erschienenen Buch „Der Sektor“ zwischen Norbert Häring und Heiner Flassbeck zu einer kleinen Kontroverse gekommen. Hier und hier und hier und hier zu finden. Ich will im Folgenden versuchen, etwas zur Klärung beizutragen.

In seiner Geschichte der ökonomischen Analyse bemerkt Joseph Schumpeter, dass ökonomische Schriftsteller einer Vision der Wirtschaft folgen, die ihr Denken über das wirtschaftliche Geschehen leitet. Ich will versuchen, die Vision des Michael Hudson zu skizzieren, um sie danach mit einigen wirtschaftlichen Daten zu konfrontieren. Als Einstieg ein Zitat aus dem Buch, das in einem Satz die Grundthese zusammenfasst:

«Finanzialisierung ist die zentrale Triebkraft, die die heutigen Volkswirtschaften polarisiert. Sie zielt darauf ab, einer Gläubigerklasse die Kontrolle über die Produktionsmittel und die Privilegien der Rentenabschöpfung zu sichern, um Arbeitnehmern, Industrie, Landwirtschaft und Staaten eine stetig wachsende Schuldenlast aufzubürden. Beschäftigung, Löhne und Anlageinvestitionen können sich so lange nicht erholen, wie sich nichts an der daraus resultierenden Überschuldung ändert.» (Hudson, S. 497)

Bei Michael Hudson ist die gesamte ökonomische Landschaft in zwei Klassen gespalten. Auf der einen Seite eine global operierende „Gläubigerklasse“, das „Eine Prozent“, das sämtliche Guthabenpositionen auf sich versammelt, auf der anderen Seite der Rest der Welt, die „99 Prozent“ die bei dieser Gläubigerklasse verschuldet sind. Folge ist, dass die „99 Prozent“ von den „1 Prozent“ in „Schuldknechtschaft“ gehalten werden. Der einzige Ausweg, den Hudson sieht, ist die Annullierung dieser Schuldenlast, die Abschreibung der Schulden, was aber politisch schwierig durchzusetzen sei:

«Das politische Problem, das Schuldenabschreibungen verhindert, besteht darin, dass die Schulden der einen Partei (hauptsächlich der 99 Prozent) die Ersparnisse der anderen sind. Es ist nicht möglich, Schulden auf der Passiva-Seite der Bilanz zu annulieren, ohne Ersparnisse auf der Aktiva-Seite zu vernichten. Solange „Ersparnisse“ (hauptsächlich des Einen Prozent) die Form von Forderungen gegen den Rest der Gesellschaft annehmen, werden sie exponentiell ansteigen und die 99 Prozent in einer sich vertiefenden Schuldknechtschaft halten, während das Eine Prozent den Überschuss monopolisiert, und zwar in einer Weise, die die Wirtschaft schrumpfen lässt.» (Hudson, S. 569)

Eine in jeder Hinsicht dystopische Vision. Da es bei Michael Hudson um Schuldverhältnisse und irgendwie auch um eine Bilanzbetrachtung geht, betrachte ich im Folgenden die Sektorbilanz der USA, also die aggregierten Verschuldungsverhältnisse zwischen den verschiedenen Wirtschaftssektoren, den privaten Haushalten, den privaten Unternehmen, dem Staat und dem Ausland. Es sollten sich in dieser Statistik Spuren von Hudsons „Gläubigerklasse“ auffinden lassen, so es sie denn gibt. Ich betrachte die Sektorbilanzen der USA, da die Wirtschaft der USA für Hudson wichtiges Anschauungsmaterial liefert. Es finden sich bei Hudson zwar auch Überlegungen zur Situation in der Eurozone, jedoch ist die ökonomische Situation der Eurozone zu komplex und Hudsons Gedanken dazu zu „eigenwillig“, so dass ich sie in diesem Artikel nicht behandeln werde. Es würde den Rahmen sprengen.


Die Grafik zeigt die Sektorbilanz der USA von 1975 bis 2015. Die Daten stammen von der OECD.


Es gibt über die gesamte Zeitspanne von einem halben Jahrhundert zwei Konstanten: Die Leistungsbilanz ist bis auf eine kurze Zeitspanne 1982 im Defizit. In der Darstellung der Sektorbilanzen erscheint dieses Defizit als ein Guthaben des Auslandes, in der Grafik befindet sich diese Kurve (Gelb) daher oberhalb der Nulllinie. Das permanente Defizit im Außenhandel erklärt einige der innenpolitischen Probleme der USA, die im letzten Jahr aufgebrochen sind. Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass ein Land seine Arbeitslosigkeit exportiert, ein Leistungsbilanzdefizit dementsprechend, dass es Arbeitslosigkeit importiert. Man kann sich den Zusammenhang so deutlich machen: Ein Defizitland verbraucht mehr, als es selbst produziert. Hält ein solcher Zustand über Jahrzehnte an, erodiert mit der Zeit die Produktionsbasis.

Ein „normales“ Land in einer solchen Lage bekäme mit der Zeit Probleme mit der Devisenbeschaffung und müsste sich ernsthafte Gedanken machen, wie es seinen Außenhandel ins Gleichgewicht bringt. Nicht so die USA. Da der Dollar Weltreservewährung ist, können die USA ihre Einkäufe weltweit in der eigenen Währung bezahlen. Das Dollarprivileg erlaubt es den US-Konzernen ihre Produktion im großen Maßstab ins Ausland zu verlegen mit den bekannten innenpolitischen Folgen.

Der Staat (Blau) befindet sich mit Ausnahme des Jahres 1999 ebenfalls über die gesamte Zeit hinweg teilweise dramatisch im Defizit. Mit diesem Defizit kompensiert der Staat das Verhalten der anderen Sektoren. Er muss die Guthaben und Defizite der anderen Sektoren ausgleichen, damit die Volkswirtschaft einigermaßen funktioniert. Er kann und sollte die Volkswirtschaft makroökomomisch steuern. Er kann aber auch an seiner Steuerungsaufgabe scheitern. Es gibt also keine „gute“ oder „schlechte“ Staatsverschuldung, sondern nur eine angemessene. Angemessen ist die, bei der Vollbeschäftigung herrscht. Die Staatsverschuldung muss also danach beurteilt werden, in welchem Kontext bzw. in welcher Situation sie stattfindet.

Die Verschuldungsposition der privaten Haushalte (Grün) und der privaten Unternehmen (Rot) zeigt kräftige Schwankungen. Konzentriert man sich auf die Unternehmen und die Haushalte, kann man drei sehr unterschiedliche Phasen unterscheiden. Der erste Wendepunkt liegt um das Jahr 2000 herum, der zweite wird durch das Platzen der Immobilienblase markiert.

Von 1975 bis etwa zum Anfang der 2000er befinden sich die privaten Unternehmen im Defizit. Sie nehmen Kredite auf und investieren. Die Unternehmen verhalten sich also so, wie sie es in einer normalen Volkswirtschaft tun sollten. Gleiches gilt für die privaten Haushalte. Die Haushalte sparen. Vergleicht man die Kreditaufnahme der Unternehmen mit dem Sparverhalten der Haushalte, so fällt jedoch auf, dass es keinen augenfälligen Zusammenhang zwischen diesen beiden Größen gibt. Es gibt keinen Mechanismus, der automatisch dafür sorgen würde, dass Investition und Ersparnis die gleiche Höhe haben. Das liegt einfach daran, dass es keine Verkettung dieser beiden Größen gibt. Wenn private Haushalte sparen, so bauen sie Forderungen gegenüber ihrer Bank auf. Es gibt jedoch keinen Mechanismus, der dafür sorgt, dass die Bank entsprechende Investitionskredite an private Unternehmen vergibt. Wenn die Unternehmen nicht in Höhe der Ersparnis der privaten Haushalte investieren wollen oder können, dann können die Banken sie nicht dazu zwingen. Die sich ergebenden Disparitäten muss der Staat ausgleichen, will er seiner Aufgabe gerecht werden.

Ende der 1990er Jahre ändern die privaten Haushalte ihr Verhalten dramatisch. Sie hören auf zu sparen und verschulden sich. Dass private Haushalte nicht sparen, sondern sich systematisch verschulden, ist eine äußerst problematische Situation. Privathaushalte haben nicht den breiten Buckel, um unendlich Schulden zu akkumulieren. Eine Überschuldung der Privathaushalte führt irgendwann in eine ökonomische Katastrophe.

Kurze Zeit nach den Haushalten ändern die Unternehmen ihr Verhalten in umgekehrter Richtung. Sie hören auf, sich zu verschulden und bilden Guthaben. Die Rollen von Sparer und Schuldner haben sich vertauscht. Damit beginnt der Weg in die große Finanzkrise, die dann 2008 ausbricht.

Während der akuten Krise geraten die Unternehmen noch einmal kurz ins Defizit, die Haushalte dagegen beenden ihre Kreditaufnahme schlagartig und werden wieder fleißige Sparer. Die Unternehmen folgen kurz darauf. Als Reaktion auf die große Finanzkrise sind in den USA seit dem Jahr 2009 sowohl Unternehmen wie Haushalte Sparer. Da das Ausland auch weiterhin Guthaben bildet, der Außenhandel weiter im Defizit ist, muss die Regierung die Guthaben aller anderen Sektoren kompensieren und stürzt tief ins Defizit.

Die Schuldenphobie, die allenthalben in der Öffentlichkeit grassiert, ist eine Reaktion auf die große Finanzkrise. Richard Koo schreibt in seinem Aufsatz über die Folgen der Finanzkrise „Bilanzrezessionen und die globale Wirtschaftskrise“ (siehe dazu auch hier) von einem „Trauma“, das die Krise hinterlassen habe. Erst in letzter Zeit scheint dieses Trauma bei den Unternehmen und den privaten Haushalten langsam überwunden zu sein. Die Unternehmen nähern sich stetig der Nulllinie und auch die Haushalte senken ihre Sparrate.

Dieses Trauma beherrscht auch die öffentliche Debatte und scheint hier zäher zu sein als bei den wirtschaftlichen Akteuren. Ich habe den Eindruck, dass auch Michael Hudson von diesem Trauma betroffen ist.

Ich habe die Sektorbilanz der USA seit 1975 so ausführlich kommentiert, um dem Leser vorzustellen, dass die Verschuldungssituation der USA in den letzten Jahrzehnten teilweise dramatische Wandlungen durchlebt hat. Von dieser wechselvollen Geschichte erfährt man bei Michael Hudson so gut wie nichts.

Das analytische Instrument der Sektorbilanzen findet man bei Michael Hudson an keiner Stelle des Buches, was einigermaßen erstaunlich ist. Hudson arbeitet am Department of Economics der University of Missouri-Kansas City als Research Professor, in derselben Fakultät, in der auch L. Randall Wray und Stephanie Kelton lehren, zwei führende Theoretiker der Modern Money Theorie (MMT). In der MMT sind Sektorbilanzen ein selbstverständliches Analyseinstrument. Dass an Hudson dieses Instrumentarium vorbei gegangen ist, ist umso mehr verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Hudson zusammen mit Wray ein Buch herausgegeben hat und Hudson Wray in seinem Buch mehrfach erwähnt.

Auch andere analytische Instrumente sucht man bei Hudson vergeblich. Der Begriff der ökonomischen Rente steht bei Hudson im Zentrum der ökonomischen Überlegung. Er greift dabei auf einige Motive von Smith und Ricardo zurück. Der Begriff der Rente wird seit den 70er Jahren in der ökonomischen Wissenschaft ausgiebig diskutiert. Die englischsprachige Wikipedia enthält mehrere ausführliche Artikel zu diesem Themenkomplex (Economic rentRent-seekin, Rentier state, Unearned income). Hinweise auf auf diese Diskussionen, was immer man von ihnen halten mag, findet man bei Hudson nicht, stattdessen erweckt er bei seinen Lesern den Eindruck, er sei der Erste, der nach langer Zeit diesen Begriff neu entdeckt hat.

Statt einer nüchternen Analyse der Verschuldungsverhältnisse zwischen den Sektoren oder der Kritik dysfunktionaler Rentenextraktion, entwirft Hudson in seinem Buch ein impressionistisches Gemälde katastrophaler Verschuldungsszenarien. Er sammelt Beispiele der zerstörerischen Verwendung des Kredites, etwa durch Hypotheken, Kreditkarten und Studiendarlehen überschuldeter privater Haushalte, kreditfinanzierte Spekulation in Rohstoffen und Devisen, Firmenübernahmen durch „Heuschrecken“, die europäischen Austeritätsprogramme nach der Eurokrise usw. und bündelt sie zu dem apokalyptischen Bild, dass die ganze Welt auf dem Weg in die Schuldknechtschaft bei dem Einen Prozent der Gläubigerklasse sei. Wie genau diese Konzentration der Guthaben bei dem Einen Prozent funktioniert, bleibt dabei etwas verschwommen.

Hudson entwickelt also keine ökonomische Theorie im eigentlichen Sinn, er entwirft eine apokalyptische ökonomische Untergangsvision. Apokalyptische Visionen haben in der europäischen Geschichte ihren festen Platz. In früheren Jahrhunderten trieben sie manch eine religiöse Sekte zu Wahnsinnstaten. In unserer postmodernen Kultur sind sie weit verbreitet: in der Unterhaltungsliteratur, in den Katastrophenfilme aus Hollywood, in Videospielen, in der Popmusik. Hier mögen sie ihren gewissen Unterhaltungswert haben. Ich sehe jedoch wenig Sinn darin, dieses Genre innerhalb der Wirtschaftswissenschaften zu betreiben.

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