Kommentar | 16.03.2017

Ein Wort zur Güte

Meine Besprechung von Michael Hudsons Buch „Der Sektor“ auf Makroskop gefiel Norbert Häring gar nicht. Entsprechend böse hat er reagiert. Ok, mein Artikel war polemisch und eine ebenso polemische Retourkutsche ist angemessen und belebt die Debatte. Jedoch kommt nach der Polemik wieder die Zeit des ruhigen Nachdenkens.

Im Wesentlichen hält mir Norbert Häring drei Versäumnisse vor, ein empirisches Versäumnis und zwei theoretische Versäumnisse. Theoretisch habe ich, so Norbert Häring, die „Rentenextraktionsthese“ nicht angemessen behandelt und zudem mit den Sektorbilanzen das falsche Instrumentarium verwendet. Empirisch sei ich bei der Diskussion der Sektorbilanzen nicht den „Spuren von Hudsons Argumenten“ genau genug nachgegangen. Ich denke, hier hat Norbert Häring recht. An dieser Stelle war ich etwas schlampig. Ich will das nachholen.

Empirisches Versäumnis

Beginnen will ich mit dem empirischen Teil, den „Spuren von Hudsons Argumenten“. Norbert Häring schreibt:

«Spuren von Hudsons Argumenten hätte man aber durchaus finden können, wenn man danach gesucht hätte. So gibt es genügend Analysten, bis hin zum Internationalen Währungsfonds, die die dargestellte Verschuldung der privaten Haushalte ab der Jahrtausendwende mit der massiven Konzentration der Einkommen und Vermögen bei Hudsons oberstem Prozent in Zusammenhang bringen.»

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Sektorbilanzen:



Die Grafik ist fast die gleiche wie die, die ich in meinem ersten Artikel verwendet habe – mit einer Modifikation. Ich habe die Phase der „Verschuldung der privaten Haushalte ab der Jahrtausendwende“ rosa unterlegt. Wie man sieht, gibt es nicht nur ein „ab“, sondern auch ein „bis“. Die Phase der „Verschuldung der privaten Haushalte ab der Jahrtausendwende“ beginnt Ende der 1990er Jahre und endet ziemlich abrupt 2007/8. 2009 haben die privaten Haushalte ihre Verschuldungsorgie beendet und sind wieder Nettosparer geworden. Dazwischen liegt der laute Knall der großen Finanzkrise. Dieser Befund wirft einige Fragen auf.

Warum dieser Knall? Was bedeutet er? Und was bedeutet es, dass die Haushalte danach Nettosparer geworden sind? Und wie verträgt sich dies mit der These von einer globalen „Schuldknechtschaft“? Ich zitiere Michael Hudson:

«Finanzialisierung ist die zentrale Triebkraft, die die heutigen Volkswirtschaften polarisiert. Sie zielt darauf ab einer Gläubigerklasse die Kontrolle über die Produktionsmittel und die Privilegien der Rentenabschöpfung zu sichern, um Arbeitnehmern, Industrie, Landwirtschaft und Staaten eine stetig wachsende Schuldenlast aufzubürden.» (Michael Hudson: Der Sektor. S. 497)

Folgt man der Argumentation von Michael Hudson, müsste die Verschuldungsorgie der privaten Haushalte eigentlich bis ins Unendliche weitergehen, man kommt sonst nicht zu dem Befund einer „Gläubigerklasse“, die dem Rest der Wirtschaft „eine stetig wachsende Schuldenlast“ aufbürdet. Die Verschuldungsorgie gipfelt stattdessen in einem lauten Knall und die Haushalte sparen, sie entschulden sich also. Die Hudson’sche „stetig wachsende Schuldenlast“ wächst tatsächlich nicht stetig, sie erreicht 2008 ihr Maximum und wird seitdem abgebaut. Irgendetwas stimmt nicht mit Hudsons Analyse.

Auch Norbert Häring ist an diesem Punkt etwas ungenau. Er spricht von der „Verschuldung der privaten Haushalte ab der Jahrtausendwende“, erwähnt aber nicht die Wende nach der großen Finanzkrise und erweckt so ebenfalls den Anschein, die Verschuldung würde weitergehen.

Diese Wende von der Verschuldung zur Entschuldung ist in meinen Augen wesentlich zum Verständnis der wirtschaftlichen Lage seit der großen Finanzkrise. Die Spar- und Entschuldungsanstrengungen unternehmen nicht nur die privaten Haushalte, sondern auch die privaten Unternehmen. Wie man in der Grafik eindrucksvoll sieht, schnellt die Kurve (Rot) der privaten Unternehmen nach 2009 steil in die Höhe und erreicht fast 5% des Bruttosozialproduktes. Private Haushalte und Unternehmen entziehen der Volkswirtschaft damit zusammen etwa 10% der Gesamtnachfrage. Ein Nachfrageausfall, den der Staat kompensieren muss. Aufgrund der notorischen Aversion mächtiger politischer Kräfte in den USA gegen eine hohe Staatsverschuldung war der Staat jedoch in seinem Handeln gebremst. Kein Wunder, dass die Erholung nach der Finanzkrise die schwächste in der USA nach einer Krise seit dem zweiten Weltkrieg war.

Richard Koo spricht in seinen Aufsätzen zur Situation nach der großen Finanzkrise von „Schuldendeflation“ und „Bilanzrezession“. Er meint damit den eben beschriebenen Vorgang. Da Haushalte und Unternehmen ihre Bilanzen „in Ordnung“ bringen wollen und damit der Wirtschaft Kaufkraft entziehen, gibt es Rezession. Und es entsteht Deflation, da die Unternehmen keine Kredite mehr aufnehmen. Letzteres ist in meinen Augen durchaus diskussionswürdig, aber es ist hier nicht der Ort, die Stärken und Schwächen von Richard Koo zu diskutieren.

Wichtig an dieser Stelle ist jedoch, dass Michael Hudson die Theorie von Richard Koo völlig in den falschen Hals bekommt. Er erwähnt Richard Koo und verwendet den Begriff der „Schuldendeflation“, jedoch bedeutet sie bei Hudson nicht eine Folge eines Abbaus von Schulden des privaten Sektors, sondern sie geht bei ihm irgendwie einher mit einer steigenden Verschuldung von irgendwie allen.

Tatsächlich jedoch endete die Verschuldung der privaten Haushalte – bleiben wir erst einmal nur bei ihnen – abrupt mit der großen Finanzkrise. Warum? Was ist der wirtschaftliche Mechanismus, der die Verschuldung gestoppt hat? Warum ging die Verschuldung nicht ewig weiter mit dem Endpunkt der „Schuldknechtschaft“ des Michael Hudson? Meine Antwort ist: Weil wir nicht mehr in der Antike leben, aus deren historischen Studium Michael Hudson den Begriff der „Schuldknechtschaft“ gewonnen hat, sondern im Kapitalismus. Ich will dies im Folgenden weiter erläutern.

Theoretisches Versäumnis I: Rentenextraktion

Das Studium der Wirtschaftsgeschichte, wie das Studium der Geschichte überhaupt, ist eine sehr herausfordernde Beschäftigung. Es gibt dabei eine Reihe von Fallstricken, in denen man sich leicht verheddern kann. Eine große Hürde ist das Phänomen der Fremdheit, dem man unweigerlich begegnet. Das Leben unserer Vorfahren war in vielen Punkten völlig anders organisiert als unser Leben. Die Gewohnheiten waren andere, die Institutionen waren andere, die Worte hatten eine andere Bedeutung. Nur zu leicht projizieren wir unser Verständnis der Dinge in die Vergangenheit oder übertragen Vorgänge und Begriffe aus der Vergangenheit auf unsere Verhältnisse.

In unserem Zusammenhang betrifft dies insbesondere den Begriff der „Schulden“. Schulden haben in unserer Gesellschaft eine völlig andere Bedeutung als Schulden etwa in der Antike oder in der alten europäischen Feudalgesellschaft. Die Rechtssysteme waren anders, das Geld war ein anderes, der gesamte institutionelle Aufbau war ein anderer. Wir sperren niemanden mehr in den Schuldturm oder zwingen ihn in „Schuldknechtschaft“, gerne auch ganze Familien über Generationen hinweg, stattdessen haben wir die Institution der Privatinsolvenz.

Karl Marx – ein Autor, dem Michael Hudson einige Sympathie entgegenbringt – war sich der prinzipiellen Andersheit der Funktionsweise des Kapitalismus gegenüber den, wie er es nannte, „vorkapitalistischen“ Gesellschaften sehr bewusst und er wurde nicht müde, die Unterschiede in der Bedeutung der Begriffe immer wieder zu betonen. Im dritten Band des Kapitals verwendet er ein ganzes Kapitel unter der Überschrift „Vorkapitalistisches“ der Diskussion dieses Epochenbruchs in der Bedeutung des Kredites. Er spricht hier gleich am Anfang von „antediluvianisch“, vorsintflutlich und charakterisiert damit den Abstand der zwischen dem Kredit im Kapitalismus und dem Kredit in vorkapitalistischen Gesellschaften besteht. Ich kann jeden Leser nur empfehlen, dieses Kapitel selbst nachzulesen. Ich bin sonst kein Anhänger der marx‘schen Analyse des Kapitalismus, jedoch gelingt es Marx in diesem Kapitel, den Formwandel des Kredites über die Epochen hinweg vortrefflich darzustellen.

Michael Hudson verwischt diese Differenz. Er teilt diese mangelnde Differenziertheit mit David Graeber, den Michael Hudson verschiedentlich lobend erwähnt. Es gibt keine Schuldknechtschaft mehr in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft. So solche Formen, die noch in Entwicklungsländern existieren, sind Relikte aus vergangener Zeit. Solche Relikte können überaus zäh sein. In den USA etwa gab es im Kohlebergbau Schuldknechtschaftsverhältnisse bis ins 20te Jahrhundert hinein. Sie sind der sozialhistorische Hintergrund etwa für den bekannten Folksong „Sixteen Tons“. Sie bleiben jedoch Relikte, dazu bestimmt, zu verschwinden. Im Kohlebergbau der USA gibt es diese Form der Schuldknechtschaft heute nicht mehr.

Was für die Schuldknechtschaft gilt, gilt ähnlich auch für die „Rentenextraktion“. Noch bis zum Anfang des 20ten Jahrhunderts hatte der landwirtschaftliche Großgrundbesitz eine enorme politische und ökonomische Machtposition. Kein Wunder, die Landwirtschaft beschäftigte in den Industriestaaten immer noch etwa 40% der Bevölkerung, weltweit waren es 80% und mit der Bedeutung der Landwirtschaft hielt sich die Bedeutung des Großgrundbesitzes. Heute beschäftigt die Landwirtschaft weltweit nur noch etwa 5% der Menschen. Mit der schwindenden Bedeutung der Landwirtschaft schwand die Macht des Großgrundbesitzes. Mit ihm verschwand auch die Grundrente aus den politischen Debatten. Um 1900 gab es populäre Bodenreformbewegungen, in den USA Henry George, in Deutschland Adolf Damaschke, Namen die heute kaum mehr jemand kennt. Die wirtschaftliche Entwicklung hat das Problem beseitigt. Der Großgrundbesitz stellt in den entwickelten Industriestaaten keinen Machtfaktor mehr da. Michael Hudson weiß das natürlich auch. Er löst deshalb den Begriff der Rente vom Grundbesitz und verwandelt ihn in eine Metapher für die Macht des Finanzsektors im Allgemeinen.

Was hat es nun mit dieser Macht des Finanzsektors auf sich? Es ist unbezweifelbar, dass die Wallstreet in den USA einen enormen Machtfaktor darstellt. Es gibt ein reges Kommen und Gehen zwischen den Wallstreetbanken und höchsten Regierungsstellen, zeitweise stellte die Wallstreet den Finanzminister. Was ist der Hintergrund für diese Bedeutung des Finanzsektors in den USA?

In meinem ersten Papier hatte ich bei der Betrachtung der Sektorbilanzen auf die Folgen des jahrzehntelangen Leistungsbilanzdefizites hingewiesen. Ich will die Passage hier noch einmal einfügen:

«Die Leistungsbilanz ist bis auf eine kurze Zeitspanne 1982 im Defizit. In der Darstellung der Sektorbilanzen erscheint dieses Defizit als ein Guthaben des Auslandes, in der Grafik befindet sich diese Kurve (Gelb) daher oberhalb der Nulllinie. Das permanente Defizit im Außenhandel erklärt einige der innenpolitischen Probleme der USA, die im letzten Jahr aufgebrochen sind. Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass ein Land seine Arbeitslosigkeit exportiert, ein Leistungsbilanzdefizit dementsprechend, dass es Arbeitslosigkeit importiert. Man kann sich den Zusammenhang so deutlich machen: Ein Defizitland verbraucht mehr, als es selbst produziert. Hält ein solcher Zustand über Jahrzehnte an, erodiert mit der Zeit die Produktionsbasis.»

Ich denke, die Erosion der Industrie in den USA erklärt vieles. Der Industriegürtel der USA ist heute bekannt als Rostgürtel. Die USA hat weite Bereiche ihrer ehemaligen Industrie verloren. Es erscheint mir einleuchtend, dass diese Umschichtung der Branchenstruktur mit einer Verschiebung der Machtverhältnisse einhergeht. Die Wallstreet hat einfach ein Machtvakuum ausgefüllt.

Michael Hudson stellt in seinem Buch fest, dass die Banken in den USA kaum mehr Kredite für Industrieinvestitionen vergeben und stattdessen in Hypotheken und Spekulation investieren. Hudson stellt es so dar, als ob die Initiative für diese Verschiebung von den Banken ausging und nimmt dies als Beleg für seine Rentenextraktionsthese.

Ich denke, der Motor war ein anderer. Zwei Dinge sind dabei zu unterscheiden, die meines Erachtens jedoch beide zum selben Effekt führen: dem Schwinden des industriellen Kredites. Zum einen die jahrzehntelange Erosion der Industrie und zum anderen, dass die privaten Unternehmer seit der großen Finanzkrise sich nicht mehr verschulden, sondern sparen. Wie sollen die Banken Industriekredite vergeben, wenn keine nachgefragt werden?

Theoretisches Versäumnis II: Falsches Instrumentarium

Eine zentrale These Hudsons Buches ist, dass es der Finanzsektor mit Hilfe seines Einflusses auf die ökonomische Diskussion geschafft hat, die gesamte Debatte zu korrumpieren. Michael Hudson benutzt dazu das Bild eines Parasiten, der das Gehirn seines Opfers vergiftet, damit dieser den Parasiten als Teil des eigenen Körpers akzeptiert. Insbesondere die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung sei davon betroffen. In den Worten von Norbert Häring:

«Denn Hudson verwendet einige Seiten darauf, darzustellen und zu kritisieren, dass es dem Finanzsektor gelungen ist, sich durch entsprechende Ausgestaltung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung unsichtbar zu machen und die Extraktion von Renten als produktive Tätigkeit erscheinen zu lassen. Der „Sektor“ taucht in der Sektorbilanz nicht auf. Sie ist daher für Hudsons Analyse kaum brauchbar.»

Gleich danach relativiert Norbert Häring diese starke Aussage jedoch wieder und stellt fest, dass es doch Spuren von Hudsons Argumenten in der Sektorbilanz gibt, nämlich die Verschuldung der privaten Haushalte ab der Jahrtausendwende. Den Punkt hatte ich oben schon inhaltlich diskutiert.

Ganz so schlimm kann es mit der Blindheit der Sektorbilanz dann wohl doch nicht sein. Ich will mir polemische Bemerkungen ersparen und nur darauf verweisen, dass man in den entsprechenden Abschnitten der statistischen Erfassung einen genauen Einblick in die Geschäftspraktiken der Banken bekommen kann. Insbesondere findet man eine genaue Auflistung von Krediten welcher Art und in welcher Höhe, die Banken vergeben haben. Woher wüssten wir sonst von dem Schwinden des industriellen Kredites?

Nachbemerkung

In seinem Artikel „Nachlese zu Hudsons der Sektor: Warum Keynesianer ein Problem mit der Renten-Extraktionsthese zu haben scheinen“ stellt Norbert Häring einen Zusammenhang zwischen der ungleichen Vermögensverteilung und der „Rentenextraktion“ her. Ein Zitat aus dem Text:

«Ja, es ist ein Verteilungsproblem. Ein Vermögensverteilungsproblem. Wenn das reichste Prozent, auf das Hudson so gerne plakativ abhebt, seine Rieseneinkommen für Konsum ausgeben würde, würde es kein (Netto-)Vermögen aufbauen. Entsprechend gäbe es auch keinen Schuldenaufbau bei den Übrigen. Die einfachen Arbeitnehmer und die Unternehmen müssten sich (per Saldo) nicht verschulden, sondern hätten genug Einkommen.»

Ich denke, dieses Denkmodell beruht auf einer Verwechslung. Norbert Häring scheint anzunehmen, dass die Vermögen des „Einen Prozent“ aus Schuldverschreibungen irgendwelcher Art bestehen. Stimmt das überhaupt? Woraus besteht das Vermögen von Bill Gates? Im Wesentlichen aus einem gewaltigen Aktienpaket (Aktien von Microsoft und über eine Investmentgesellschaft gestreut über verschiedene Branchen, siehe hier).

Sind Aktien Schulden? Nach meinem Verständnis ist ein Unternehmen bei seinen Aktionären nicht verschuldet, sondern die Aktionäre sind Eigentümer des Unternehmens.  Die „Assetpreis-Inflation“, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, treibt den Preis der Aktien in die Höhe und damit den Unternehmenswert. Dies bedeutet jedoch keine höhere Verschuldung von irgendjemandem.

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