Kaufkrafttheorie der Löhne – eine fruchtlose Endlosdebatte

Wie müssen die Löhne steigen? Die richtige Antwort wird mit der sogenanten „Goldenen Lohnregel“ gegeben. Sie beschreibt eine Gratwanderung zwischen der Kaufkraft- und Gewinntheorie der Löhne, die ihrerseits isoliert betrachtet beide falsch sind.

Vor ein paar Tagen erreichte uns folgende Anfrage eines VWL-Studenten zum Thema Kaufkrafttheorie der Löhne als Argument für Lohnsteigerungen: Ein Professor X habe in einer Arbeitsmarktökonomik-Vorlesung die Erhöhung der Löhne zur Nachfragestabilisierung in einer Krise mit dem Argument abgelehnt, das käme dem Verschenken von Gütern gleich und stelle daher keinen Anreiz für mehr Investitionen dar. Außerdem könne man nach dieser Logik ja auch gleich alle Güter verschenken und schon sei die Welt wieder in Ordnung.

Was hätte der ob dieser „Beweisführung“ konsternierte Student einwenden können? Nun, er hätte die Gegenfrage stellen können, ob denn umgekehrt eine Krise dadurch zu lösen sei, dass die Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft einfach an die Unternehmer verschenken, sprich: sich mit einem Lohn von Null zufrieden geben. Dann handelte es sich zwar um eine Gesellschaft von Sklaven und Sklavenhaltern, aber zur Klärung grundlegender Zusammenhänge ist das Nachdenken über extreme Varianten bekanntlich hilfreich.

Professor X hat bei seiner Überlegung nicht näher erklärt, woher denn die zu verschenkenden Güter stammen. Da wir uns nicht im Schlaraffenland befinden, müssen sie wohl irgendwann unter Einsatz von Arbeit hergestellt worden sein. Und nun in der Krise liegen diese Güter also auf Halde, keiner fragt sie in ausreichendem Maße nach. Und die Unternehmer haben daher kein Interesse zu investieren, denn mit ihren bereits vorhandenen Produktionskapazitäten kann ja offenbar mehr produziert werden, als am Markt absetzbar ist. Sind in einer solchen Situation Lohnerhöhungen generell falsch und umgekehrt Lohnsenkungen oder zumindest das Einfrieren der Löhne das Mittel der Wahl, ganz egal, wie es zu der Krise gekommen ist?

Woher stammt denn die Nachfrage am Markt? Natürlich aus den Einkommen aller Marktteilnehmer, also einiger Unternehmer und ziemlich vieler Arbeitnehmer (und dann noch weiterer Personen wie Rentner oder Arbeitslose). Und wie steht es um diese Einkommen in der Krise? Die Einkommen der Unternehmer sind in der Krise zwar nicht unbedingt sofort Null, aber sie laufen auf jeden Fall schlechter als erhofft, denn jedes produzierte, aber nicht verkaufte Gut hat Kosten verursacht, ohne Umsatz, geschweige denn Gewinne zu erbringen. Würden die Arbeitnehmer auf Lohn verzichten, also die Kosten der zukünftig (ggf. erneut auf Halde) produzierten Güter senken, wären die Verluste der Unternehmer pro Halden-Stück geringer und die Gewinne pro verkaufter Einheit größer.

Doch die Auslastung der Kapazitäten, das Kriterium für die Investitionsbereitschaft, nähme aufgrund der Kostensenkung noch lange nicht zu. Denn wer sollte die auf Halde befindlichen Güter jetzt tendenziell lieber kaufen als vor der Lohnsenkung? Die Arbeitnehmer? Sicher nicht, denn die haben ja nach einer Lohnsenkungsrunde noch weniger Einkommen in der Tasche als vorher. Die werden also tendenziell insgesamt noch weniger kaufen als am Ausgangspunkt unserer Überlegung. Die Unternehmer selbst? Auch das ist mehr als unwahrscheinlich, denn sie stellen nach der Lohnsenkungsrunde fest, dass die Nachfrage nach ihren Produkten und damit ihr eigenes Gewinneinkommen trotz Stückkostensenkung fällt. Wie sollte da das Gros vorsichtiger Unternehmer seinen Konsum ausweiten oder sich gar auf das Wagnis neuer Investitionen einlassen?

Bleibt der berühmte Dritte Mann, der hier einspringen muss, das Ausland. Mit all den Verschuldungsproblemen, die wir von der Eurokrise inzwischen hinreichend kennen (vgl. weiter unten).

Um unser Beispiel zu Ende zu diskutieren: Wie ist es um die Einkommen der Arbeitnehmer in der Krise bestellt? Den auf Halde produzierten Gütern steht offenbar – das ist der Charakter einer Absatzkrise – zu wenig Nachfrage gegenüber. Nach der allgemein üblichen, aber leider falschen Interpretation von Say’s Law dürfte das gar nicht passieren, denn dieses Gesetz besagt ja, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft. Wer Say’s Law richtig verstanden hat, der weiß, dass es nur besagt, dass sich jedes abgesetzte Angebot seine Nachfrage schafft. Damit ist zwar noch nicht geklärt, warum der Absatz nicht funktioniert hat, aber immerhin kann man Say’s Law beruhigt zu den Akten „richtige, aber im Krisenfall nicht hilfreiche Erkenntnisse“ legen.

An dieser Stelle kommt man um die Frage der Entlohnung der Arbeitnehmer vor der Krise nicht mehr herum. Was ist im Zuge der Produktion der Güter, die in der Krise auf Halde liegen, schief gelaufen? Wohlgemerkt, es geht hier um eine generelle, d.h. gesamtwirtschaftliche Absatzkrise, nicht um ein einzelnes Unternehmen, das einen Flopp am Markt gelandet hat und nun in die Verlustzone rutscht. In der gegenwärtigen Situation in Europa, den USA und Japan kann man eindeutig sagen, dass der Absatzkrise keine extremen Lohnerhöhungen mit folgender extremer Inflation und entsprechender Zinsanhebung der Zentralbanken vorausgegangen sind wie seinerzeit im Zuge der Ölpreiskrisen in den 1970er Jahren. Es hat auch keine Umverteilung zugunsten der Lohneinkommensbezieher stattgefunden, wie das bei starken Lohnerhöhungen und gleichzeitig fehlender Abwälzungsmöglichkeit der Kostensteigerung in den Preisen der Fall wäre. Ganz im Gegenteil sind die Lohnquoten in den genannten Regionen bis vor der Finanzkrise nicht gestiegen, sondern insgesamt gefallen.

Da liegt es nahe, den Knackpunkt der Nachfrageschwäche bei genau diesen Lohneinkommen zu suchen. Hier muss man allerdings zwischen den Regionen differenzieren. Japan taumelt seit dem Platzen seiner Immobilienblase in den 1990er Jahren im Deflationsmodus dahin, mühsam aufrecht erhalten durch eine meist unterbewertete Währung, die ihm den letzten wirtschaftlichen Strohhalm, nämlich die Exportüberschüsse, sichert. Eine Umkehr der Preiserwartungen, die die Voraussetzung für ein Wiederbeleben der inländischen Nachfrage wäre, gelingt seit Jahren weder der extrem expansiven Geld- noch der mit Konjunkturprogrammen hantierenden Fiskalpolitik. An die Lohn- und Einkommenspolitik, den entscheidenden Hebel der Nachfrage, traut sich der Staat nicht heran getreu dem Motto „Löhne müssen in einer Marktwirtschaft marktbasiert sein, egal ob sich die Menschen gegenseitig in Grund und Boden konkurrieren“.

In den USA hat die Entwicklung der Masseneinkommen im vergangenen Jahrzehnt ebenfalls zu wünschen übrig gelassen. Das ist den meisten Beobachtern lange Zeit nicht aufgefallen, hat doch die Liberalisierung der Finanzmärkte eine mehr oder weniger ungehemmte Kreditvergabe ermöglicht, die – gepaart mit spekulativen Blasen an Immobilien-, Devisen- und Rohstoffmärkten – die lohneinkommensbedingte Nachfrageschwäche jahrelang übertüncht hat. Mit dem Platzen der spekulativen Preisblasen und dem daraus automatisch folgenden Faulwerden der Kredite ist diese Fehlentwicklung aber klar zu Tage getreten. So klar, dass inzwischen auch der amerikanische Präsident in seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation die Notwendigkeit einer deutlich positiveren Entwicklung der Löhne als zentralen Bestandteil einer wirtschaftlichen Erholung bezeichnet („Corporate profits have skyrocketed to all-time highs — but for more than a decade, wages and incomes have barely budged. It is our generation’s task, then, to reignite the true engine of America’s economic growth — a rising, thriving middle class.“ Vgl. http://m.whitehouse.gov/state-of-the-union-2013).

Europa nimmt insofern eine Sonderrolle beim Thema Lohnentwicklung ein, als hier die einzelnen Länder entgegengesetzte Wege eingeschlagen haben: Die einen (allen voran Deutschland) haben ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnzurückhaltung ausgebaut und die notwendig damit einhergehende inländische Nachfrageschwäche durch Exportüberschüsse wenigstens teilweise wettzumachen versucht. Die anderen (Südeuropa) haben eine im Vergleich zum Inflationsziel der Europäischen Zentralbank etwas zu großzügige, im Vergleich zum Lohnzurückhaltungsweltmeister Deutschland nachgerade fatale Lohnpolitik betrieben, dadurch ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit massiv verschlechtert und der Lohnzurückhaltungstaktik der Handelspartner Luft, sprich: ausländische Nachfrage verschafft, teilweise zusätzlich gut gepolstert durch die Teilnahme am Kredithype (einschließlich Immobilienpreisblase etwa in Spanien).

Die Handelsdefizite, die diese zweite Ländergruppe im Laufe der Jahre entwickelt haben, sind übrigens das Feigenblatt, hinter dem sich die EWU-Überschussländer zu verstecken versuchen, wenn es um die Frage geht, welches Land seine Währung zur Förderung seiner Exporte unterbewertet zu halten versucht. Denn die Eurozone insgesamt weist eine mehr oder weniger ausgeglichene Handelsbilanz mit dem Rest der Welt auf. Da ist es natürlich bequem, Japan seine Geldpolitik mit ihren Unterbewertungsfolgen für den Yen-Kurs als unzulässige Exporthilfe vorzuwerfen, während man selbst (wie etwa Bundesbankpräsident Weidmann, vgl. z.B. http://www.n-tv.de/wirtschaft/Weidmann-lehnt-Dumping-ab-article10100721.html) seine Hände in Unschuld wäscht, ohne zu erwähnen, dass die Zeche für diese Unschuld die hoch im Ausland verschuldeten europäischen Defizitländer zahlen.

Die dritte Ländergruppe in Europa, bestehend aus dem einen Land Frankreich, hat sich vertragstreu verhalten, weder eine über- noch eine untertriebene, sondern eine dem Inflationsziel vollkommen gerecht werdende Lohnentwicklung seit Beginn der EWU zustande gebracht. Sie sieht sich heute jedoch einem ähnlichen Druck in Sachen Leistungsbilanzdefizite mangels internationaler Wettbewerbsfähigkeit und Kredit-würdigkeitszweifeln ausgesetzt wie die zweite Gruppe, kann sich also für ihre Vertragstreue buchstäblich nichts kaufen.

Für die europäischen Länder gilt jedoch, dass vor Ausbruch der Finanzkrise keine Lohnpolitik betrieben wurde, die zu steigenden Lohnquoten geführt hätte. Eine Umverteilung zugunsten der Arbeitnehmer hat es im Vorfeld der Finanzkrise und der Eurokrise nicht gegeben. Eigentlich sollte es angesichts einer solchen empirischen Faktenlage nicht so verwunderlich sein, dass eine (weitere) Senkung der Löhne kein Heilmittel gegen die Eurokrise und keines gegen die weltweite Nachfrageschwäche darstellen kann. Ganz abgesehen von der oben geführten theoretischen Argumentation.

Wie also müssen die Löhne steigen, damit es erst gar nicht zu einer Nachfragekrise kommt? Und wie müssen sich die Löhne weltweit und insbesondere in Europa entwickeln, damit wir aus der gegenwärtigen Krise herauskommen? Die erste Frage haben wir wiederholt und ausführlich mit der „Goldenen Lohnregel“ beantwortet (in unserem Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ von 2007 ebenso wie in „Irrweg Grundeinkommen“ von 2012), die nichts anderes besagt, als dass man dem Einkommens- und Kostencharakter der Löhne nur dadurch angemessen, d.h. konform mit dem System Marktwirtschaft gerecht werden kann, dass man den landesdurchschnittlichen nominalen Stundenlohn jährlich erhöht um den landesdurchschnittlichen, über mehrere Jahre gemittelten Produktivitätszuwachs plus die vereinbarte Zielinflationsrate der Zentralbank.

Dieser Weg ist die Gratwanderung zwischen Kaufkrafttheorie und Gewinntheorie der Löhne, die ihrerseits isoliert betrachtet beide falsch sind und in den Abgrund links (Inflation) oder rechts (Deflation) dieses Grates führen. Leider sind einige Industrieländer gefährlich auf der Gewinntheorieseite vom Grat abgerutscht (wiederum allen voran Deutschland), gehalten nur von dem Gegengewicht der auf der anderen Seite baumelnden, und es stellt sich die Frage, wie alle zusammen wieder oben auf den Grat gelangen können, um den Weg bergauf fortzusetzen statt über den Abgründen hängen zu bleiben an den Seilen des Freihandels und der Finanzmärkte, deren Reißfestigkeit dauernd abnimmt.

Am leichtesten haben es da die USA, weil sie bislang den Deflationsstrudel vermieden haben und sich dank einer eigenen und bedeutsamen Währung in keiner festen Seilschaft befinden, auf die sie in jedem Fall Rücksicht nehmen müssten. Für Japan wird es wegen des Deflationsstrudels schwieriger, wieder Boden unter die Füße zu bekommen: Ohne eine anti-deflationäre Mindestlohnpolitik und die Geduld des Auslands, noch eine Weile japanische Exportüberschüsse hinzunehmen, wird es nicht gehen. Am schwierigsten aber ist die Situation in Europa, weil der Euro eine Art feste Seilschaft zwischen den Mitgliedstaaten darstellt: Jede Bewegung auf der einen Abgrundseite hat Auswirkung auf die andere. Wenn Deutschland nun auch noch mit Macht durchsetzt, dass alle Europartnerländer durch Lohnsenkung auf seine deflationäre Abgrundseite wechseln, erwartet es implizit, dass andere Teilnehmer der Weltwirtschaft außerhalb von Euroland ein Gegengewicht dazu bilden, damit Europa nicht komplett abstürzt. Das ist wenig realistisch, weil die anderen lieber oben auf dem Grat weiter voran kommen wollen, als sich noch länger durch deutsche Seilkünste blockieren zu lassen, deren Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit außerhalb Europas und teilweise auch hierzulande immer besser durchschaut werden.

In Deutschland müssten über mehrere Jahre hinweg in der Tat kräftige Lohnsteigerungen her. Dann könnte die Umverteilung zu Gunsten der deutschen Gewinneinkommen und zu Lasten der Lohneinkommen wenigstens gestoppt werden und zugleich den EWU-Partnerländern mehr Luft zum Atmen verschafft werden.

Ob allerdings eine so differenzierte Debatte mit Professor X möglich wäre, der kritischen Fragen von Studenten offenbar mit wenig durchdachten Extremargumenten begegnet, bleibt offen. Wir bieten aber gern an, den Diskurs auf dieser Internetseite zu führen, der andernorts zu kurz kommt.

Dieser Text wurde am 20 Februar 2013 bereits auf flassbeck-economics veröffentlicht, hat an Aktualität aber leider nichts eingebüßt.

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