Kommentar | 15.03.2017

„Löhne sind gar nicht wichtig“

Denn sie wissen nicht, was sie tun: Die Gewerkschaften verteidigen sich gegen ihre Freunde und überlassen ihren Feinden das gesamte Feld der Volkswirtschaft. Gewerkschaftsnahe Ökonomen „beweisen“, dass Lohnzurückhaltung sinnlos ist und kommen doch nicht auf die Idee, viel höhere Löhne zu fordern.

In diesen Tagen häufen sich wieder einmal die Papiere, in denen gewerkschaftliche, gewerkschaftsnahe oder generell linke Ökonomen versuchen, die Bedeutung der Löhne für die wirtschaftliche Entwicklung kleinzureden. Das ist nichts Neues, gibt es doch eine nahezu natürlich zu nennende Tendenz in der Gewerkschaftsbewegung, sich einer gesamtwirtschaftlich ausgerichteten Ökonomik zu entziehen. Entweder man hält sich aus volkswirtschaftlichen Fragen weitgehend raus und akzeptiert damit den Mainstream oder aber man stellt so radikale Forderungen nach Veränderung des „Systems“, dass man von vorneherein nicht ernst genommen wird und sich folglich auch nicht mit der herrschenden Volkswirtschaftslehre auseinandersetzen muss. Sind die Gewerkschaften auf diese Weise in der intellektuellen Versenkung verschwunden, können sie problemlos das tun, was sie offenbar am liebsten tun, nämlich rein betriebswirtschaftlich orientierte Politik machen.

Reden Ökonomen wie wir, die offensichtlich nicht dem Mainstream angehören, über Löhne und kritisieren gar die Gewerkschaften dafür, dass sie zu geringe Lohnabschlüsse zugelassen haben, kommen aus allen Ecken ganz schnell viele kleine Gewerkschaftsökonomen, die ohne Rücksicht auf Konsistenz mit anderen Aussagen oder die gesamtwirtschaftliche Glaubwürdigkeit der Arbeitnehmerbewegung „nachweisen“, dass hie und da und wenn man die Zahlen nur lange genug verbiegt, die Löhne gar keine so große Rolle gespielt haben.

Um es noch einmal klar zu sagen: Die Löhne sind in einer Volkswirtschaftslehre, die dem Marktglauben der Neoklassik, also der Aussage, der „Arbeitsmarkt“ funktioniere wie ein normaler Markt, ein konsequent gesamtwirtschaftliche Sichtweise gegenüberstellt, nicht nur wichtig, die Löhne sind in dieser Welt das Wichtigste überhaupt. Ich kann gut verstehen, dass Gewerkschaftsführer mit einer höchst rudimentären volkswirtschaftlichen Ausbildung einen solchen Satz nicht gerne hören, weil er sie unmittelbar in den Fokus der gesamten volkswirtschaftlichen Debatte rückt. Genau da wollen sie jedoch nicht hin, weil sie wissen, dass sie nicht wirklich mitreden können.

Was will man beweisen?

Bevor ich mich einigen der neueren Papiere kurz zuwende, will ich eine politische und eine wissenschaftliche Vorbemerkung zum deutschen Merkantilismus via Lohndumping in der Währungsunion machen.

Politisch wäre für die Gewerkschaften der Beweis, dass die Löhne (und damit das Zurückbleiben der Reallöhne hinter der Produktivität, die Agenda-Politik und Hartz IV) keine bedeutende Rolle bei der relativ guten Leistung der deutschen Wirtschaft in der EWU gespielt haben, fatal. Das hieße ja nichts anderes, als dass die Lohnzurückhaltung, die ja wirklich von niemandem bestritten wird, vollkommen sinnlos gewesen wäre. Wieso haben die Gewerkschaften eigentlich diese Politik der Lohnmoderation mitgemacht? Wenn die Volkswirte der Gewerkschaften doch wussten, dass das außenwirtschaftlich nichts zusätzlich bringen würde und binnenwirtschaftlich Schaden anrichtet (was ebenfalls alle zugestehen), dann haben die Gewerkschaftsführer, die dieser Politik zugestimmt haben, den deutschen Arbeitnehmern eindeutig Schaden zugefügt und gehören in die Wüste geschickt.

Und wenn das wahr wäre, müssten die Gewerkschaften jetzt mit hohen Lohnforderungen doch versuchen, alles, was die deutschen Arbeitnehmer an realer Kaufkraft in den Jahren der Lohnmoderation unnötigerweise verloren haben, wieder hereinzuholen. Das müsste gemäß der „Löhne spielen keine Rolle“-These ja vollkommen unproblematisch sein, weil die deutschen Exporterfolge dadurch überhaupt nicht gefährdet würden. Das aber glauben die Gewerkschaftsspitzen offensichtlich nicht, sonst würden sie sich doch nicht immer noch mit Zuwächsen in der Größenordnung von wenig über zwei Prozent zufriedengegeben. Zumindest würden sie in der Öffentlichkeit laut über die zu geringen Lohnsteigerungen Klage führen. Den gewerkschaftsnahen Volkswirten, die ihren Spitzenfunktionären implizit sagen, sie hätten über viele Jahre eine vollkommen schwachsinnige Strategie verfolgt, sollte man nahelegen, darüber nachzudenken, ob sie an der richtigen Stelle arbeiten.

So funktioniert die Welt offensichtlich nicht. Dass alle Seiten (Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften) bei einer solchen Frage völlig danebenliegen, ist nicht zu erwarten. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Tarifpartner sich unter politischem Druck auf ein Modell einigen, das kurzfristig erfolgreich ist, weil es in einem betriebswirtschaftlichen Kalkül absolut richtig ist. Unter den Bedingungen der Europäischen Währungsunion war es aus betriebswirtschaftlicher Sicht vollkommen rational, auf eine Strategie der Unterbewertung durch Lohnzurückhaltung zu setzen, weil die allfällige Sanktion einer Aufwertung der nationalen Währung nicht mehr existierte. Nur wegen der Beharrungstendenzen der EWU war das Experiment so lange erfolgreich. Wer würde denn im Ernst bestreiten, dass eine D-Mark, ähnlich wie der Schweizer Franken, bei einem Leistungsbilanzüberschuss von fast zehn Prozent und einer überdurchschnittlichen Wachstumsentwicklung unter massivem Aufwertungsdruck stünde? Wer das aber nicht bestreitet, kann auch nicht bestreiten, dass die Lohnzurückhaltung eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Preise und Mengen

Wissenschaftlich gesehen, kann man es nur ärgerlich nennen, dass immer wieder mit der Verdrehung von Zahlen und der Verwendung exotischer Länder (wie Irland vor allem) Argumentationen aufgebaut werden, deren Autoren vermutlich nichts im Sinn haben, als Verwirrung zu stiften. So wird zum Beispiel seit vielen Jahren immer wieder auf das sogenannte Kaldor-Paradox aus den 60er Jahren zurückgegriffen (siehe zum Beispiel gerade wieder hier), das empirische Evidenz dafür bieten soll, dass eine Zurückhaltung bei den Löhnen nicht zu steigenden Marktanteilen und zu mehr Wachstum führt.

Das führt aber in keiner Weise weiter, weil die Währungsverhältnisse der Sechziger Jahre heute nicht mehr relevant sind und die Verbindung von Lohnstückkosten zu Wachstumsraten schon seit vielen Jahren von keinem vernünftigen Menschen mehr vertreten wird. Zudem begreifen die Autoren des oben genannten Papiers offensichtlich nicht, welche bedeutende Rolle die Löhne für die Binnenwirtschaft spielen (sie zitieren Blanchard mit dem Hinweis auf psychologische und legale Hindernissen für eine Lohnsenkung, aber nicht ökonomische Hindernisse!) und arbeiten mit Daten, die von 1980 bis 2007 reichen, ohne, so weit ich es gesehen habe, die vollkommen unterschiedlichen Währungsverhältnisse in dieser langen Zeit zu problematisieren.

Generell ist die Trennung von Preisen und Mengen, also die Behauptung, es gebe große Mengeneffekte ohne Preiseffekte, für große und stark diversifizierte Volkswirtschaften äußerst problematisch. In kleinen, auf wenige Produkte spezialisierten Volkswirtschaften kann es dazu passende Beobachtungen schon einmal geben. Es gibt auch vermehrt die Beobachtung, dass kleine Volkswirtschaften allein durch ausländische Direktinvestitionen (die absolut niedrige Lohnniveaus ausnutzen) große Exporterfolge erzielen, wenngleich die Lohnstückkosten kräftig steigen. Irland ist dafür der klassische Fall.

In normalen Volkswirtschaften sind Preise und Mengen untrennbar verbunden, weil es sonst einfach keine Marktwirtschaft gibt. Da das Qualitätsargument (siehe hier) unhaltbar ist, gibt es immer nur die Preise, die Güter untereinander vergleichbar und folglich auch vorteilhaft oder unvorteilhaft machen. Dass ein hoch industrialisiertes und diversifiziertes Land, in dem es gelingt, die Löhne zehn Jahre weit schwächer steigen zu lassen als in den Partnerländern in einer Währungsunion, daraus unter marktwirtschaftlichen Bedingungen keine Vorteile ziehen sollte, wäre absolut außergewöhnlich.

Vergleichen, was vergleichbar ist

Man muss folglich, um seriös zu sein, sehr genau hinschauen, was man untersucht und wen man in welcher Periode unter welchen Umständen vergleicht. Werden etwa innerhalb der Währungsunion die Verhältnisse in Deutschland nicht mit Frankreich und Italien verglichen, sondern mit, sagen wir Griechenland und Irland, kann man das Papier gleich zur Seite legen. Besonders ärgerlich in diesem Sinne ist das Papier von Fabian Lindner (hier) vom IMK.

Sein Vergleich der nominalen (?) Exportzuwachsraten von 1999 bis 2007 für Deutschland, Griechenland und Irland riecht schon von weitem verdächtig nach „ergebnisorientierter Forschung“. Es gibt überhaupt keinen Grund, Deutschland mit den beiden Ländern zu vergleichen, nicht aber mit Frankreich und Italien. Für Frankreich und Italien passt aber die Entwicklung der Lohnstückkosten hundert Prozent zu der Entwicklung der realen Exporte (Abbildung 1).


Abbildung 1


Für Griechenland stimmt sein Befund nicht, wenn man die realen und nicht die nominalen Exporte betrachtet (das Land ist aber sowieso uninteressant bei einem solchen Vergleich) und für das extrem kleine Irland gibt es, wie oben gesagt, so viele Möglichkeiten der Veränderung solcher Ströme dadurch, dass ein paar internationalen Unternehmen dort neue Fabriken in Betrieb nehmen, dass das Land sowieso nicht mit Deutschland vergleichbar ist (Abbildung 2).


Abbildung 2


Draghi hat es verstanden

Da hebt sich der jüngste Befund eines konservativen Ökonomen doch sehr klar von der Konfusion der Gewerkschaftsökonomen ab. Mario Draghi hat in seiner letzten Pressekonferenz (hier) ohne Schnörkel über die Bedeutung der Löhne gesprochen und gesagt:

«Wir beginnen Lohnwachstum zu sehen, das ein Angelpunkt einer sich selbst tragenden Inflationszunahme ist. Das ist die Schlüsselvariable, die wir anschauen müssen; es ist nicht nur eine Variable, sondern es ist sicherlich die Schlüsselvariable.» (Übersetzung des Autors)

«We’ll start seeing that wage growth, which is the lynchpin of a self-sustained increase in inflation. That is the key variable that we should look at; it’s not the only one but it’s certainly key.» (Original)

Man muss jetzt nur noch ergänzen, dass dann, wenn das stimmt (also die Lohnstückkosten die entscheidende Determinante der Inflation sind), es zwingend ist, dass in allen Ländern der EWU die realen Löhne immer mit der Zuwachsrate der nationalen Produktivität steigen müssen. Das ist eine perfekte Steilvorlage für Gewerkschaftsführer, die ihre Rolle begreifen und bereit und in der Lage sind, sich in der volkswirtschaftlichen Debatte in Deutschland und Europa zu profilieren. Doch diese Gewerkschaftsführer gibt es wohl nicht und die volkswirtschaftlichen Berater ergehen sich lieber in sinnlosen Debatten, als die immer klarer erkennbaren Schwächen des Mainstream aufzugreifen und konstruktiv zu nutzen.

Ob Draghis Argument von der Beschleunigung des Zuwachses der Arbeitskosten faktisch stimmt, ist eine andere Frage. In der nächsten Woche werden von Eurostat die Ergebnisse für den Arbeitskostenindex für das gesamte Jahr 2016 veröffentlicht und dann wird man sehen, ob es wirklich eine Beschleunigung gibt. Im dritten Quartal vergangenen Jahres sind die Arbeitskosten (im Vergleich zum Vorjahr) für die gesamte EWU nur um 1,5 Prozent gestiegen (hier) und es gibt Anzeichen dafür, dass in Italien und Frankreich der Druck auf die Löhne nun stark zunimmt, ohne dass in Deutschland das Gegenteil passiert. Sollte das so sein, kann auch die deflationäre Gefahr sehr schnell wieder akut werden.

Der Überschuss muss auf jeden Fall weg

Zum Abschluss möchte ich noch auf ein grundsätzliches Papier hinweisen, das Friederike Spiecker im Jahr 2013 zur Lohnproblematik geschrieben hat (hier) und dessen Lektüre heute mehr denn je lohnt. Den Volkswirten, die sich den Gewerkschaften nahe fühlen, kann ich aber nur (leicht modifiziert) noch einmal sagen, was ich 2015 aus ähnlichem Anlass gesagt habe (hier):

«Das eigentliche Problem … ist mit dieser Argumentation noch nicht einmal angesprochen. Es ist ganz gleich, aus welchen Gründen Deutschland sein Unter-den-Verhältnissen-Leben und seine Leistungsbilanzüberschüsse realisiert hat, es muss sich auf jeden Fall ein anderes Wirtschaftsmodell suchen, nämlich eines, bei dem die Handelspartner in Zukunft unter ihren Verhältnissen leben können, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Wenn es wahr wäre, dass die Nachfrage nach deutschen Produkten auch ohne den deutschen Wettbewerbsvorsprung in Sachen Löhne … so groß gewesen wäre, dass das Ausland sich hoch verschuldet hätte, um deutsche Produkte zu kaufen, dann kann man wiederum nur konstatieren, dass die ausländischen Unternehmen und Staaten das nicht hätten tun dürfen, weil sie sich eigentlich die deutschen Produkte nicht leisten konnten. Folglich müssen sie jetzt die Nachfrage nach deutschen Produkten zurückfahren und versuchen, selbst mehr nach Deutschland zu exportieren.

Dann sind die deutschen Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften gleich zweimal die Gelackmeierten. Einmal, weil sie die Löhne (bzw. die Lohnstückkosten, also die Löhne im Verhältnis zur nationalen Produktivität) nicht genau so stark erhöht haben wie ihre Nachbarn, obwohl es – nach Aussage der Gewerkschaftsökonomen – keinerlei Hinderungsgrund gab, das zu tun. Zum zweiten, weil sie jetzt Arbeitsplätze verlieren, wenn der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in ein Defizit umgekehrt werden muss, weil die Handelspartner ihre Schulden zurückzahlen wollen. Hätten die Gewerkschaften wenigstens seit Beginn der Währungsunion mit aller Macht für eine normale Erhöhung der Löhne gekämpft und die wenigstens annähernd durchgesetzt, dann würde der nunmehr unumgängliche Verlust der Arbeitsplätze im Exportsektor weniger schmerzen.»

Es ist keine Frage, dass Deutschland an Marktanteilen im Welthandel verlieren muss, was es gewonnen hat. Das würde dadurch erleichtert, dass es im Binnenmarkt erheblich gewinnen würde, wenn die Löhne stark stiegen. Da die Gewerkschaften sich jedoch intern mit der merkantilistischen Strategie abgefunden haben und sie noch offensiver als zuvor vertreten (siehe den Beitrag hier), wissen sie, dass es den positiven Binnenmarkteffekt nicht geben wird. Folglich hat man sich offenbar im Lager der Gewerkschaften darauf geeinigt, den positiven Außenhandelseffekt in der Vergangenheit zu leugnen, damit niemand mehr auf die Idee kommt, den Binnenmarkteffekt für die Zukunft einzuklagen. Denn sie wissen nicht, was sie tun…

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