Finanzsystem | 14.03.2017

Schattenspiele mit Schattenbanken

Matthias Thiemann hat auf Makroskop die Funktionsweise und damit verbundenen wirtschaftlichen Probleme des „geheimnisvollen“ Schattenbankensystems analysiert. Da seine Überlegungen aber auf falschen Annahmen über die Funktionsweise moderner „Geldsysteme“ basieren, kommen die wirklichen Probleme kaum zur Sprache.

Thiemann schreibt, dass „die Kreditschöpfung der Banken inzwischen direkt von der Liquidität der Kapitalmärkte abhängig und zunehmend der Kontrolle der Zentralbanken entzogen“ ist. Früher hätten Banken, um Kredite vergeben zu können, sich bei ihrer Zentralbank refinanzieren müssen und diese Notwendigkeit hätte „disziplinierend“ auf die Kreditvergabepraxis gewirkt. Jetzt dagegen sei die Kreditvergabe durch den „Mechanismus des repos“ von der Kontrolle durch die Zentralbank befreit, was zu einer „Überexpansion durch Kredite im Aufschwung“ führe.

Diese These Thiemanns scheint auf der Annahme zu beruhen, dass das Kreditportfolio einer Geschäftsbank einstmals über Mindestreservepflichten und den Zahlungsausgleich qualitativ durch eine Zentralbank gesteuert werden konnte, weil sie sich dafür bei ihrer Zentralbank refinanzieren musste. Da die Refinanzierung über die Zentralbank die Stellung von notenbankfähigen Sicherheiten erzwingt, kann sie daher – so die Theorie – die Qualität der Aktiva der Geschäftsbank steuern (siehe dazu auch den Artikel von Paul Steinhardt).

Das neue System ist gar nicht so neu

Um die These Thiemanns zu verstehen, muss man zunächst einmal verstehen, welche Phänomene er unter dem Begriff des „Kapitalmarkts“ subsumiert. Nun besteht selbst unter Fachleuten keine Einigkeit darüber, auf welche empirischen Phänomene mit diesem Begriff rekurriert werden soll: Mal wird darunter der Markt für langfristige Schulden (Kredite, Anleihen, etc.) verstanden, mal will man damit das Gegenstück zum sogenannten Geldmarkt bezeichnen, auf dem statt der Einlagen bei Geschäftsbanken Zentralbankgeld (sogenannte Reserven) gehandelt werden.

Thiemann scheint mit dem Begriff auf den Interbankenmarkt zielen zu wollen, auf welchem Reserven, also Forderungen gegenüber der Zentralbank, gehandelt werden. Das neue Interbankenmarkt-System, so seine These, zeichnet sich durch Broker-Dealer aus, „die für ebendiese Schuldtitel sowohl Preise für deren Kauf als auch Verkauf bereitstellen und diese notfalls auch selber kaufen beziehungsweise verkaufen“. Dass es eine solches System des Handels von Reserven gibt, ist zwar nicht zu bestreiten, neu ist es aber keineswegs.

Das System wurde bereits von Hyman Minsky unter dem Begriff „Money Manager Capitalism“ in den 1970ern ausführlich beschrieben und analysiert. Auf die anhaltende Relevanz dieser Arbeiten für ein Verständnis der Funktionsweise moderner Geldsysteme hat Randall Wray in einem lesenswerten Artikel schon 2011 hingewiesen. Dass man inzwischen auf Verkäufe von Wertpapieren oder anderen Forderungen mit einer Rückkaufvereinbarung („repurchase“, daher engl. „repo“) setzt, statt auf Verkäufe ohne eine solche Verpflichtung, hat an der Funktionsweise der Refinanzierung von Banken untereinander nichts Wesentliches verändert. Dass sich Banken gegenseitig ihre Forderungen auf Reserven gegen die Stellung von Sicherheiten kreditieren, ist also keineswegs ein neues Phänomen.

Neu ist auch nicht, dass Banken gegenüber anderen Banken in Zahlungsschwierigkeiten geraten und die Zentralbank dann helfend in die Bresche springen muss. Daran ist per se nichts Verwerfliches, denn Aufgabe von Zentralbanken ist es, das Funktionieren des Bankensystems zu gewährleisten. Gehen zu viele Banken oder auch nur eine größere Bank pleite, bricht der Zahlungsverkehr zusammen: Der Super-Gau für eine Geldwirtschaft. Daher ist es Aufgabe einer verantwortlichen Zentralbank, durch die Bereitstellung von Reserven sogenannte systemrelevanten Banken vor dem Kollaps zu bewahren.

Demzufolge ist gegen die oft beklagten Bankenrettungsmaßnahmen nach der Finanzkrise erst einmal nichts einzuwenden. Allerdings hätte der Staat die kriminellen Aktivitäten der Branche sehr viel härter bestrafen müssen. So hätte man viele Banken nationalisieren und die für viele betrügerischen „Finanzinnovationen“ verantwortliche Manager hinter Gitter bringen sollen, anstatt sie für die Schädigung der Realwirtschaft auch noch mit ohnehin schon skandalös hohen Boni zu belohnen.

Liquiditätsprobleme des Kapitalmarkts keine primäre Ursache von Bankenkrisen

Thiemann geht davon aus, dass die Kreditvergabe von Banken mit der am Kapitalmarkt verfügbaren Liquidität derart korreliert, dass die Höhe der Liquidität das Volumen von vergebenen Krediten bestimmt. Lässt sich also mit der Höhe der Liquidität am Kapitalmarkt zum Beispiel der Immobilienboom in den USA und Spanien und das Platzen der Blase seit Ende 2007 erklären?

Zunächst ist festzuhalten, dass Banken zuerst Kredite an ihre Kunden vergeben und sich erst danach die dafür notwendigen Reserven besorgen. Keine Bank in Europa oder in den USA prüft vor der Kreditvergabe, ob sie über genügend Reserven verfügt, um den Kredit an ihren Kunden vergeben zu können. Darüber hinaus braucht eine Geschäftsbank für die Kreditvergabe alleine nur Reserven in Höhe der Mindestreservepflicht, die sich sowohl im Euro- als auch Dollarraum auf gegenwärtig lediglich 1% der durch Kreditvergabe erzeugten Einlagen belaufen. Der Liquiditätsbedarf ergibt sich in erster Linie dann, wenn Überweisungen von einer Bank an eine andere größer sind als andersherum und die Bank mit einem positiven Saldo auf den Ausgleich der Differenz mit der Überweisung von Reserven besteht, weil Zweifel an der Solvenz der Bank mit dem negativen Saldo bestehen (siehe dazu auch hier und hier).

Insofern kann man nicht behaupten, dass es zwischen der Höhe der Kreditvergabe und der Höhe der Liquidität auf dem Kapitalmarkt einen kausalen Zusammenhang gibt. Weder lässt sich daher der Immobilienboom etwa in den USA und Spanien noch das Platzen der Blase auf das „private System der Liquiditätserzeugung“ zurückführen. Nachdem die Immobilienblasen geplatzt waren, gab es zwar Liquiditätsprobleme auf dem Interbankenmarkt, aber die Kreditvergabe für Immobilien war schon vorher sowohl in den USA als auch in Spanien rückläufig. Aus diesem Grund sind Liquiditätsprobleme auf dem Interbankenmarkt eher ein Symptom als eine Ursache von Bankenkrisen. Was sie davon abhält, sich weiterhin gegenseitig Kredit einzuräumen, ist die Sorge von Banken, dass andere Banken zu viele faule Kredite auf ihren Bilanzen haben.

Auch die Annahme, dass die Notwendigkeit von Banken, über Reserven zu verfügen, eine irgendwie disziplinierende Funktion für die Kreditvergabe der Banken spielt, ist wenig überzeugend. Wenn eine Bank Reserven benötigt und diese nicht von anderen Banken auf dem Interbankenmarkt bekommt, dann muss sie eben solche von der Zentralbank bekommen – oder aber die Überweisungen ihrer Kunden platzen. Da aber die Zentralbanken für die Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs zuständig sind, dürfen sie solventen Banken mit Bedarf an Zentralbankgeld die entsprechende Zubuchung auf deren Zentralbankkonto nicht verweigern. Daher werden sie in der Regel die Anforderungen an die Qualität von notenbankfähigen Sicherheiten reduzieren, sofern dies ein Problem darstellt.

Dass man bei einem Abweichen von dieser Regel nicht nur unverantwortliche Geschäftspraktiken von Banken, sondern ganze Volkswirtschaften gleich mit bestraft, ist eine wichtige Lehre aus der Pleite von Lehman Brothers. Zentralbanken sind daher dazu verpflichtet, als „dealer of last resort“ zu fungieren.

Schattenbanken, die Zweite

Schattenbanken definiert Thiemann als „Geldmarktfonds, Investmentfonds und sonstige Finanzinstitute außerhalb des regulären Bankensystems“. Diese Definition ist aber wenig erhellend, um die Probleme im Zusammenhang mit Schattenbanken zu verstehen. Ein Beispiel soll diesen Einwand erklären: Die US-amerikanische Bank Lehman Brothers beispielsweise hatte vor der Krise ziemlich viele Forderungen, die sie wohl nicht hätte eintreiben können. Solange diese Forderungen in der Bilanz stehen, muss für sie Eigenkapital vorgehalten werden. Banken haben vor der Krise Eigenkapital mit hohen Renditeversprechen geködert und wollten ihre Investoren natürlich nicht enttäuschen. Zudem hängt die Höhe der Boni der Bankmanager unmittelbar oder mittelbar – z.B. über die Aktienkurse – von der erzielten Eigenkapitalrendite ab.

Lehman Brothers hat daher mit einer Methode, die als „Repo 105“ bezeichnet wird, diese problematischen Forderungen wie folgt aus ihrer Bilanz gebracht: Die Bank gründete eine Tochtergesellschaft irgendwo in einem Land mit „leichten“ regulatorischen Vorgaben. Dieser übertrug sie die zweifelhaften Forderungen, wofür sie mit dem Besitz der Firma „bezahlt“ wurde. Nun besaß Lehman Brothers die Schrottpapiere nicht mehr direkt, sondern nur noch die neu gegründete Gesellschaft, welche die entsprechenden Papiere hielt.

Gut, aber nicht gut genug. Denn jetzt musste man noch – zumindest auf dem Papier – die betreffende Firma loswerden. Ein direkter Verkauf erwies sich als unmöglich, da aus naheliegenden Gründen niemand die „Bad Bank“ haben wollte. Ließe sich aber die Firma über einen „repo“ auf Zeit verkaufen, so dass sie zum Stichtag nicht mehr auf der Bilanz auszuweisen ist, wäre auch die Ausweisung von hohen Renditen und die Genehmigung großzügiger Boni weiterhin möglich.

Um für ein solches Repo-Geschäft einen Gegenpart zu finden, wurde dem Käufer zugesichert, dass dieser aussteigen kann, wann immer die Bad Bank in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Magie! Die faulen Papiere und damit das Risiko waren aus der Bilanz verschwunden. Diese von Lehman Brothers zur Umgehung amerikanischer Bilanzierungsvorschriften zum Zwecke der Profiterhöhung geschaffenen „structured investment vehicles“ (SIV) sind ein Teil des geheimnisvollen Schattenbankensystems.

Es steht zu befürchten, und da ist Thiemann ausdrücklich zuzustimmen, dass eine Ausweitung der Schattenbanken und eine Neuausrichtung der Zentralbanken als „dealer of last resort“ dazu führt, dass die Banken mehr Schrottkredite vergeben. Und zwar, weil sie wissen, dass die Zentralbank die faulen Kredite im Notfall aufkaufen wird. Dies könnte man etwas ketzerisch als „Sozialismus für Banken“ bezeichnen. Banken vergeben unnütze Kredite, verkaufen sie dann zu festgelegten Preisen an die Zentralbank und erfreuen sich dadurch an Gewinnen, denen allzu oft absolut keine volkswirtschaftliche Leistungserbringung gegenübersteht.

In einem funktionierenden kapitalistischen System aber sollte eine Bank nur jene Kredite vergeben, für die es eine ausreichend hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sie auch bedient werden können. Vergeben sie schlechte Kredite, so die Theorie, werden sie vom Markt verschwinden. Wenn aber dieser negative Selektionsmechanismus durch eine Zentralbank außer Kraft gesetzt wird, die die Garantiepreise auf Kredite am Sekundärmarkt zahlt, dann können Banken nicht mehr verlieren. Die staatliche Macht, jederzeit jede beliebige Liquidität zu erzeugen, für private Profitspielchen zu missbrauchen, kann aber nicht toleriert werden.

Das Finanzsystem und die Macht über Ressourcen

Thiemann schreibt am Ende seines Artikels:

«Ist die Zentralbank als Vertreterin der Steuerzahler an den Finanzmärkten ausreichend mit Regulierungsinstrumenten bewaffnet, um das Kreditwachstum dort zu begrenzen, wo wir, die Menschen, es für zu riskant halten?»

Durch privaten Kredit erzeugte Bankeinlagen können dazu genutzt werden, reale Ressourcen einer Volkswirtschaft zu aktivieren, aber auch um Finanzmarktprodukte wie Aktien, Wertpapiere oder ähnliches zu erwerben. Doch die verfügbaren realen Ressourcen sind zu jedem Zeitpunkt begrenzt. Eine Gesellschaft muss sich genau überlegen, für welche Zwecke sie diese Ressourcen verwenden möchte. Unser Wohlstand hängt davon ab, ob mit der Geldschöpfung durch die Vergabe von Krediten Güter und Dienstleistungen produziert werden, die für uns einen Nutzen haben. Werden durch die Kreditvergabe dagegen mehr Aktien gehandelt und steigen damit die Aktienkurse, wird der zu verteilenden Kuchen nicht größer. Das wirkliche Problem ist daher das gegenwärtige marktbasierte System, welches dazu führt, dass die „kapitalistischen Regeln“ außer Kraft gesetzt werden.

Es handelt sich primär um ein ordnungspolitisches Problem. Banken sollen Gewinne machen, wenn sie Kredite vergeben. Wenn Kredite ausfallen, sollen sie Verluste machen. Wenn Verluste aber keine negativen Auswirkungen für Banken und ihre Manager haben, dann werden Kredite für Projekte vergeben, die sich nicht „rechnen“. Aufgabe von Banken aber sollte es sein, nur solche Kredite zu vergeben, die aus dem generierten Cash-Flow auch bedient werden können. Nur damit lässt sich die Rolle der Banken als Erzeuger von zusätzlicher Kaufkraft in einer kapitalistischen Wirtschaft rechtfertigen.

Ein Bankensystem, dessen Kredite größtenteils faul werden, wird sich unter heutigen institutionellen Bedingungen gesundschrumpfen müssen. Dagegen wehren sich die entsprechenden Akteure. Über Buchhaltungstricks (Bankenregulierung, „dealer of last resort“, etc.) erwecken sie den Eindruck, dass sie erfolgreich und damit profitabel wirtschaften. Der Preis sind die durch die Kredite fehlgeleiteten Ressourcen, die besser auf andere Art und Weise hätten verwendet werden sollen. Genau an dieser Stelle müsste eine öffentliche Diskussion über politische Ziele und Maßnahmen zu deren Erreichung ansetzen.

Eine Diskussion über die Schäden für Steuerzahler führt dagegen in die Irre. Wie das Management der Eurokrise zeigt, kann man die Probleme ganz ohne das Geld der Steuerzahler aus der Welt schaffen. In Irland etwa hat der Steuerzahler für die Rettung der Banken keinen Cent gezahlt. Dass es dort später dennoch zu einer Erhöhung von Steuern kam, ist schlicht der institutionellen Ausgestaltung des Systems der Eurozone geschuldet.

In allen Ländern mit einer eigenen Zentralbank dagegen kann der Staat seine Ausgaben immer durch eine Erhöhung der Verschuldung bezahlen. Die Zinsen steigen dabei, wie das Beispiel Japan zeigt, keineswegs notwendigerweise. Der Grund: Eine Zentralbank setzt am Interbankenmarkt den kurzfristigen Zins und kann mit Offenmarktgeschäften auch die Zinsen am langen Ende festlegen (siehe dazu auch hier).

Thiemann hat also völlig recht, wenn er eine öffentliche Debatte über die Zukunft der institutionellen Ausgestaltung des Bankensystems fordert. Seine Analyse aber führt dazu, dass wir Probleme diskutieren, die keine sind und die wirklich wichtigen politischen Herausforderungen aus den Augen verlieren.

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