Ökologie | 10.03.2017

Von der Lust am Scheitern

Wer den mit der Energiewende beschrittenen Weg ablehnt, muss Alternativen benennen können. Klar ist: Jeder Versuch einer Lösung wird in der Zukunft schwieriger umzusetzen sein als heute.

Der Artikel von Detlef Ahlborn baut einen Strohmann auf, klebt ihm das Etikett „Energiewende“ an und haut dann wortreich drauf, dass die Fetzen fliegen. Diese polemische Form der Auseinandersetzung mag die Diskussion befeuern, im Sinne einer vernunftgeleiteten Debatte wäre es jedoch wünschenswert, auf Grundlage des tatsächlichen Entwicklungspfads der Energiewende zu argumentieren.

Denn anders als von Herrn Ahlborn suggeriert, steht die Abschaffung des konventionellen Kraftwerksparks gar nicht auf der Tagesordnung. So geht beispielsweise der Entwurf des Netzentwicklungsplans 2030 (Entwurf Netzentwicklungsplan 2030, siehe hier), der sich momentan in der Abstimmung befindet, von einem Weiterbestehen konventioneller Kraftwerke mit einer Erzeugungskapazität von gut 80 GW aus. Zusammen mit Wasserkraft und Biomasse kann die angenommene Spitzenlast von 84 GW somit auch in Zukunft gedeckt werden. Gleichzeitig wird für das Jahr 2030 ein Anteil Erneuerbarer Energien (EE) an der deutschen Stromerzeugung von fast 50% angepeilt.

Vergleicht man dies mit den weit niedrigeren Zahlen, die zur Jahrtausendwende bei Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes für möglich gehalten wurden, ist die Energiewende bisher als großer Erfolg zu werten. Ein Debakel haben dagegen die Akteure auf dem Strommarkt erlebt, die in der Vergangenheit auf einen Stopp des EE-Ausbaus spekulierten.

Richtig ist, dass der weitere Zubau von Photovoltaik und Windkraft ohne die Umsetzung zusätzlicher Maßnahmen zur Energiespeicherung und großräumigen Vernetzung an eine Grenze stößt, wenn in großem Umfang unverwertbare Überschussproduktion stattfindet, während anderntags bei Nebel und Windstille dennoch konventionelle Reservekraftwerke einspringen müssen. Diesen Umstand als Totschlagargument ins Feld zu führen, ist jedoch unredlich.

Ein Drittel des Weges

Eine viertelstündliche Gegenüberstellung der EE-Erzeugungsdaten aus dem Jahr 2015 mit dem deutschen Stromverbrauch zeigt, dass selbst bei Außerachtlassen von Import- und Exportmöglichkeiten eine EE-Deckung von 60% bei einem Überschuss von lediglich 10% der gesamten EE-Produktion erreicht werden kann [1]. Lässt man Stromaustausch mit dem Ausland sowie eine Flexibilisierung von Biomasse und fossilen Kraftwerken zu, dann ist auch ein EE-Anteil von 70% möglich, ohne dass exotische Technologien wie Power-to-Gas ins Spiel gebracht werden müssen.

Gemäß des gültigen Fahrplans wird dieser Punkt erst um das Jahr 2045 herum erreicht sein. Bis dahin ist mit einer deutlich zunehmenden Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors zu rechnen, so dass gegenüber heute ohnehin neue Chancen und Herausforderungen im Strommarkt auftreten werden. Auf Sicht der nächsten 20 Jahre kann ich jedoch von den „unlösbaren und technisch unbeherrschbaren“ Problemen des Herrn Ahlborn nichts erkennen. Bildlich gesprochen haben wir im Strommarkt ein Drittel des Weges bereits hinter uns gebracht, das nächste Drittel ist gut einsehbar und ohne unüberwindliche Hindernisse, während allein das letzte Drittel noch im Nebel liegt.

Auch die ökonomischen Folgen der Energiewende sind bisher alles andere als verheerend. So betrug 2016 der durchschnittliche Preis für eine aus Deutschland exportierte Megawattstunde Strom 35 Euro, der für eine importierte MWh dagegen 37 Euro (hier). Negative Preise an den Strombörsen („Entsorgungsgebühr“) treten lediglich ein paar Dutzende Stunden im Jahr auf. Wer dies als grundsätzliches Problem präsentiert, der entstellt die Realität. Weiterhin ist das Abregeln von Windkraft- und PV-Erzeugung bisher nahezu ausschließlich auf regionale Netzengpässe zurückzuführen, nicht auf eine deutschlandweite Überproduktion. Dass der Netzausbau dem EE-Ausbau um einige Jahre hinterherhinkt, ist ein bekanntes Problem, auf das die Bundesregierung in der jüngsten EEG-Novelle mit einem Einbremsen des Windkraftzubaus reagiert hat. Solche Ungleichzeitigkeiten und Ineffizienzen kann man beklagen, sie stellen jedoch nicht das Projekt Energiewende als Ganzes in Frage.

Die Alternative klar benennen

Die Lust am Scheitern und Schlechtreden, die im Artikel von Herrn Ahlborn zum Ausdruck kommt, ist umso bemerkenswerter, wenn man sich vor Augen führt, was im Bereich der Energieversorgung auf lange Sicht auf dem Spiel steht. Wer die Energiewende hin zu einer Versorgung hauptsächlich aus Photovoltaik und Windkraft grundsätzlich ablehnt, muss die Alternative zu diesem Weg klar benennen. Ein Bild sagt dazu mehr als tausend Worte:


Quelle: Marion King Hubbert, „Nuclear Energy and the Fossil Fuels”, 1956


Diese Grafik ist mehr als 60 Jahre alt und hat nichts an Gültigkeit eingebüßt. Heute wie damals gilt, dass der Nutzung fossiler Brennstoffe zeitliche Grenzen gesetzt sind. Die von Herrn Ahlborn ins Feld geführte Vernunft gebietet es, den aufwendigen und langwierigen Umbau unserer Energieversorgung hin zu nicht-fossilen Energiequellen nicht so lange aufzuschieben, bis die Verknappung der heute genutzten Ressourcen ein akutes Problem darstellt. Da zukünftige technologische Wunder nicht zu erwarten sind, muss man sich der Tatsache stellen, dass allein die Kernkraft oder die vor 60 Jahren noch nicht absehbare Kombination von Photovoltaik und Windkraft in der Lage sind, die für die Weiterexistenz unserer Zivilisation notwendigen Energiemengen über die nächsten 100 Jahre hinaus bereitzustellen.

Wenn Herr Ahlborn den mit der Energiewende beschrittenen Weg ablehnt, muss er die Frage beantworten, ob er ein Revival der Kernkraft in Deutschland in absehbarer Zeit für möglich hält. Oder vertritt er die fatalistische Position, dass es sich die heutige Generation gut gehen lassen soll und unsere Nachkommen zusehen müssen, wie sie mit der Verknappung von Öl, Erdgas und schließlich auch der Kohle zurechtkommen? Klar ist: Jeder Versuch einer Lösung wird in der Zukunft schwieriger umzusetzen sein als heute. Ein Scheitern können wir uns in diesem Bereich nicht leisten.


Anmerkungen

[1] Eigene Berechnungen ausgehend von frei zugänglichen Daten der ENTSO-E Transparenzplattform, siehe: https://transparency.entsoe.eu/

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