Ökologie | 25.04.2017 (editiert am 05.02.2018)

Der Irrtum der Postwachstumsdebatte – 2

Was ist das globale Umweltproblem moderner Industriegesellschaften? Ein Überblick über die Geschichte von Umweltproblemen.

Zu meinem Beitrag Der Irrtum der Postwachstumsdebatte gab es verschiedene Reaktionen, auf einige möchte ich hier eingehen.

Klimawandel und die Folgen?

Erstens ging es darum, ob die Gefahren des Klimawandels tatsächlich bestehen, wir tatsächlich mit einer globalen Erwärmung zu rechnen haben und welche Folgen dies haben wird. Mit den Gegenargumenten kann und will ich mich aber nicht im Detail auseinandersetzen, ich bin kein Klimaforscher und kann die verschiedenen Studien und Modelle nicht selbst prüfen. Die Literatur zum Thema ist kaum noch überschaubar. Ich verweise für die Details auf den 5. Sachstandsbericht (2014) des Weltklimarates IPCC oder beispielsweise das Sachbuch des Physikers Harald Lesch.

Ich kann nur feststellen, dass die Mehrheit der Klimaforscher, zu denen nicht nur das Potsdamer Institut für Klimaforschung gehört, sondern auch eine ganze Reihe von internationalen Instituten, etwa folgende Position vertritt:

Es gibt einen empirisch messbaren Anstieg der globalen Temperatur in Atmosphäre und Meeren, der mit Hilfe von wissenschaftlich gestützten Klimamodellen recht gut durch den Anstieg der industriellen CO2-Emissionen erklärt werden kann. Natürlichen Klimaschwankungen, beispielsweise Übergänge von Warm- in Kaltzeiten, dauern einige tausend Jahre und lassen daher den Ökosystemen und den biologischen Arten die Möglichkeit, sich durch biologische Evolution und Koevolution anzupassen. Sie sind aber trotzdem mit erheblichen Veränderungen der Ökosysteme, dem Vergehen und Entstehen neuer Tier- und Pflanzenarten verbunden. Möglicherweise ist das Aussterben der Neandertaler mit dem Ende der Eiszeit zu erklären.

Der vom Menschen verursachte gegenwärtige Temperaturanstieg verläuft wesentlich schneller und wird mindestens zwei Grad betragen, wenn es nicht gelingt, die CO2-Emissionen in den nächsten 20 bis 50 Jahren komplett einzustellen. Ohne Dekarbonisierung der Industrie und des Konsums wird der Anstieg der Temperaturen aber wesentlich höher sein. Die Prognosen gehen davon aus, dass dann Kipppunkte des Erdsystems überschritten werden; etwa das Abschmelzen der Eismassen auf dem Nord- und gegebenenfalls auch dem Südpol, die Veränderung der Meeresströmungen, zum Beispiel des Golfstromes und andere. Kritisch wäre auch ein Zusammenbruch der Biomassekreisläufe in den Ozeanen auf Grund von Versauerung.[1]

Wenn es nicht gelingt, den industriell verursachten Treibhauseffekt zu stoppen, ist mit gravierenden Veränderungen an Schnittstellen zwischen Landwirtschaft, Industrie und Natur zu rechnen: Verlust von Siedlungs- und Agrarfläche, Zusammenbruch wichtiger Wasser- und Biomassekreisläufe, Zusammenbruch vieler Agrarsysteme, Hungerkrisen, Flüchtlingsströme und so weiter. Nach menschlichem Ermessen würden die heutigen soziökonomischen Systeme der Menschheit solche weitreichenden Veränderungen nicht überstehen. Natürlich würde der Planet Erde nicht untergehen, voraussichtlich würden sich die Ökosysteme der Erde durch Evolution verändern und an die neue Lage anpassen, wie dies mehrfach in der Erdgeschichte geschehen ist. Und vielleicht würde auch die Spezies Mensch in einigen Regionen biologisch überleben können, sich bei deutlich verringerter Populationsstärke an neue Bedingungen anpassen, vielleicht könnte eine neue Variante menschlicher Gesellschaft entstehen. Der Klimawandel ist keine Katastrophe für das Universum oder die Erde, nur die heutige menschliche Gesellschaft würde untergehen.

Die Hauptargumente gegen diese Prognosen sind, dass letzte und untrügliche Beweise fehlen. Künftige Zustände, insbesondere nach Überschreiten bestimmter Kipppunkte, kann man mit Modellen nicht oder nur mit sehr großer Unsicherheit prognostizieren. Das sei zugestanden, nur folgt daraus m. E. nicht, dass man abwarten sollte, bis die Veränderungen eingetreten sind – denn dann ist es zu spät.

Das Interesse an der Selbsterhaltung sollte dazu führen, den Klimawandel, soweit er durch die industrielle Tätigkeit des Menschen verursacht ist, zu stoppen. Unbenommen bleibt, dass wir natürliche Klimaveränderungen des Erdsystems, den Wechsel der Warm- und Eiszeiten, die Schwankungen in der Sonnenaktivität usw. nicht aufhalten können und nur zu lokalen Anpassungen an Veränderungen des Erdsystems in der Lage sind. Die Menschheit wird nicht ewig existieren. Wir können aber versuchen, die von uns selbst, also anthropogen verursachte Umweltveränderungen, die wie im Zeitraffer ablaufen, aufzuhalten.

Umweltprobleme der Gegenwart und ihre Geschichte

Meines Erachtens ergibt sich die Notwendigkeit eines grundlegenden ökologischen Umbaus nicht nur wegen des Klimawandels – auch wenn es keinen Klimawandel gäbe, könnte die Menschheit nicht einfach so weiter wirtschaften. Wir haben es mit einer Vielzahl von Umweltproblemen zu tun, einigen globalen, vielen regionalen und lokalen. In einer Studie für die FGW habe ich die m.E. wichtigsten  globale Probleme genannt (hier gekürzt und zusammengefasst):

  • CO2-Emissionen und Dekarbonisierung der Energiesysteme (Verkehr und Wohnen eingeschlossen),
  • Lösung der globalen Wasserversorgung und Sicherung der regionalen Wasserkreisläufe,
  • Umbau der Landwirtschaft zwecks Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit,
  • Neuordnung der Herstellung und Verwendung von Chemikalien, speziell Regelung des Umgangs mit nicht umweltkompatiblen Chemikalien,
  • Entwicklung und Umsetzung eines neuen umweltkompatiblen Modells der „postfossilen Stadt“.

Das Blacksmith Institute und Green Cross International haben eine Liste der zehn für den Menschen größten Umweltprobleme der Gegenwart erstellt[2]:

  • Nichtindustrieller Goldabbau (Emission von Quecksilber),
  • Verschmutzte Oberflächengewässer (fünf Millionen Tote im Jahr durch Bakterien und Viren, Schwermetalle und organische Verbindungen aus der Industrie),
  • Verschmutztes Grundwasser (undichte Abfalldeponien, Pestizide und Dünger aus der Landwirtschaft, Altöl),
  • Luftschadstoffe in Innenräumen (Verbrennung von Kohle, Holz, Holzkohle und Dung in schlecht gelüfteten Räumen kostet bis zu drei Millionen Menschen pro Jahr das Leben),
  • Industrieller Bergbau (mineralische Abfälle, feinkörnige Schlämme, Metallsulfid-Verbindungen, giftige Chemikalien beeinträchtigen durch ihre große Menge Landschaft und Landwirtschaft in der Umgebung),
  • Metallschmelzen und -verarbeitung (Schwermetalle, Schwefel- und Stickoxide, Schwefelsäure, giftige Schlacken),
  • Radioaktive Abfälle und Abfälle aus dem Uranbergbau,
  • Ungeklärtes Abwasser (Fäkalien und Reinigungschemikalien, auf der Erde haben 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, Verbreitung von Krankheiten wie Cholera, Typhus, Amöbenruhr und Wurminfektionen),
  • Luftverschmutzung in Städten (Feinstaub, Ruß, Stick- und Schwefeloxide aus Kraftwerken, Autos und Industrie, jedes Jahr für 865.000 Tote),
  • Recycling von Batterien (über 8 Millionen Tonnen Blei, Batteriesäure)

Zweifellos sind dies jeweils spezielle Umweltprobleme, die nur mit jeweils besonderen Maßnahmen und Strategien bearbeitet und vielleicht gelöst werden können. Aber es gibt einen übergreifenden Zusammenhang: Erstens die Spezifik der modernen Industrie (deren Ausgangspunkt die Industrielle Revolution war). Sie hat eine grundsätzlich neue Eingriffstiefe in Natursysteme möglich gemacht. Zweitens die Bevölkerungs- und Einkommensentwicklung der letzten 300 Jahre, vor allem der letzten 100. Ein Blick in die Geschichte zeigt, worum es geht.

Umweltprobleme in ursprünglichen extraktiven Produktionsweisen

Betrachten wir zunächst einmal die Etappen der Entwicklung des Mensch-Natur-Verhältnisses. Die erste Form wirtschaftlicher Tätigkeit war die der Jäger und Sammler. Sie lebten davon, dass sie aus bestehenden Ökosystemen jagbare Tiere, essbare Pflanzen sowie Rohstoffe und Materialien für Werkzeuge, Kleidung, Feuer usw. entnahmen.

Jedes Wirtschaftssystem funktioniert dadurch, dass es Stoff- und Energie mit der natürlichen Umwelt austauscht und dadurch den Entropieexport realisiert, der für jede Selbstorganisation biologischer wie sozioökonomischer Systeme unabdingbar ist. Jäger und Sammler nutzen den Entropieexport vorgefundener Ökosysteme, indem sie einzelne Sachen entnehmen und nutzen, ohne das jeweilige Ökosystem selbst zielgerichtet zu verändern. Jäger- und Sammlergesellschaften breiteten sich über die gesamte Erde bis an die Ränder der Polkappen und der Wüsten aus und differenzierten ihre Wirtschaftssysteme und ihre Kultur dabei entsprechend der verschiedenen Umwelten. Am Ende dieser Ausbreitungsphase vor ca. 10.000 Jahren dürfte die Bevölkerungszahl etwa 5 bis 10 Millionen Menschen betragen haben. Dann war das für diese Produktionsweisen mögliche Bevölkerungsmaximum erreicht, in einigen Regionen überschritten, nachgewiesen durch Kämpfe um „Jagdgründe“, belegt durch entsprechende Waffen.

Schon bei diesen ersten Wirtschaftssystemen sind Umweltwirkungen zu beobachten. Beispielsweise kann man zeigen, dass die Ausbreitung des Menschen in Amerika, die nach heutigem Kenntnisstand vor etwa 11.500 Jahren über die Landbrücke zwischen Sibirien und Nordamerika begann und sich binnen ein- bis zweitausend Jahren bis nach Feuerland fortsetzte, mit dem Aussterben bestimmter Tierarten verbunden war. Gleiches ist für Australien wahrscheinlich und für eine Reihe von Inseln nachgewiesen. Diese ökologischen Veränderungen waren lokal und konnten durch wechselseitige Anpassung der jeweiligen Wirtschaftssysteme und der Ökosysteme (Koevolution) bewältigt werden. Große regionale oder gar globale Ökosysteme wurden nicht grundlegend beeinträchtigt.

Umweltprobleme in vorindustriellen Agrarproduktionsweisen

Die zweite große Gruppe sind die agrarischen Produktionsweisen, mit denen die Grenzen der Jäger und Sammler überwunden wurden. Sie entstanden in fünf oder mehr Regionen der Erde unabhängig voneinander, breiteten sich von da über die gesamte Erde aus, differenzierten sich dabei. Die Produktivität ausdifferenzierter agrarisch-handwerklicher Produktionsweisen ermöglichte weiteres Bevölkerungswachstum. Etwa um 1700 betrug die Erdbevölkerung 800 Millionen Menschen, Grundlage waren ausdifferenzierte agrarisch-handwerkliche, also vorindustrielle und vorkapitalistische Produktionsweisen.

Das Naturverhältnis dieser Produktionsweisen beruht dominant auch auf der Nutzung naturgegebener komplexer Ökosysteme: Pflanzen und Tiere, Boden, Wiesen, Wald, Wetter, Wasserkreisläufe usw. in ihrem natürlichen Zusammenhang. Der Stoff und Energiekreislauf und der Entropieexport erfolgen durch komplexe Produktionssysteme, deren Kern Ökosysteme sind, die der Mensch zwar nicht geschaffen hat, aber im Unterschied zu Jagd und Sammeln verändert, modifiziert, als Ganze manipuliert hat. Auf dem Acker werden Pflanzen selektiv angebaut, bewässert, gepflegt und bearbeitet. Pflanzen und Tiere werden durch Zucht verändert. Der gesamte Zyklus wird durch menschliche Eingriffe kontrolliert und gestaltet. Die Komplexität der vorgefundenen (nicht vom Menschen erzeugten, sondern naturgegebenen) Ökosysteme ist die unaufhebbare Voraussetzung für das Funktionieren dieser Wirtschaftssysteme.

Hier gibt es bereits gravierende Umweltprobleme: Bodenerosion, Versiegen der Bewässerungsquellen, Bodenversalzung und so weiter. Jared Daimond hat in „Kollaps“ Fälle des Zusammenbruchs von vorindustriellen Wirtschaftssystemen wegen nicht mehr beherrschbarer systemischer Umweltprobleme beschrieben. Allerdings sind immer nur regionale Öko- und Wirtschaftssysteme betroffen, es gab keine globale Umweltkrise. Die Menschen wanderten weiter und fanden möglicherweise anderswo eine neue wirtschaftliche Grundlage. Einige Fälle zeigen, dass Umweltprobleme, die beispielsweise durch das Abrennen von Wald für den Ackerbau entstanden waren, zu Veränderungen der Agrarsysteme durch sozioökonomische Evolution führten. Die Brandwirtschaft wurde zur Zwei- und Dreifelderwirtschaft, mit denen ein schon einmal genutzter Acker lange Zeit immer wieder bestellt werden konnte, weil Bodenfruchtbarkeit erhalten oder durch geeignete Düngung und Bearbeitung reproduziert wurde. Aber nicht jede Agrarwirtschaft hat es geschafft, funktionierende Kreisläufe zu entwickeln.

Umweltprobleme in handwerklicher Produktion

Neben der Agrarwirtschaft, die ein vorgefundenes Ökosystem nutzt, indem sie es menschlichen Zwecken gemäß manipuliert und verändert, gibt es zwei weitere Formen der technologischen Naturaneignung, die auf anderen Prinzipien beruhen. Zunächst das Handwerk. Bei Handwerk wird ein jeweils spezialisiertes Werkzeug benutzt, um ein ganz bestimmtes natürliches Wirkprinzip (z.B. Hebel, Keil, schiefe Ebene) zielgerichtet zur Veränderung eines Arbeitsgegenstandes einzusetzen. Dabei wird ein Naturprozess (ein Wirkprinzip ist ein angewandtes Naturgesetz) isoliert und neukombiniert. Anders als in einem Agrarsystem wird der natürliche Zusammenhang des Ganzen nicht erhalten, sondern gebrochen: Isolation und Neukombination. Ein Holzhaus ist eine andere Kombination von Hölzern als ein Baum. So entstehen Dinge, die es in vorgefundenen und modifizierten Ökosystemen so nicht gibt: Messer, Helme, Räder, Wagen, Pflüge, Häuser, Mühlen usw.

Ein Tier oder eine Pflanze, ein Acker oder ein Wald, eine Weide oder ein Fischteich würden keine Isolation und Neukombination vertragen, sie funktionieren nur, weil der natürliche Zusammenhang mit der Erde, dem Boden, dem Wasser, der Atmosphäre und den Ökosystemen der Erde gerade nicht aufgehoben, sondern nur modifiziert wird.

Handwerklich gefertigte Produktionsmittel werden allerdings für die manipulativen Eingriffe in die landwirtschaftlich genutzten Ökosysteme benötigt: Hacke und Spaten, Pflug und Messer, Haus, Stall und Zäune sind die in handwerklichen Verfahren hergestellten Produktionsmittel der Agrarsysteme. Handwerkliche Arbeit ist zunächst ein spezieller Teil von Jäger und Sammlern bzw. Agrarproduktionsweisen und dient der Herstellung der Produktionsmittel. Eine von den Bedürfnissen der Agrarwirtschaft unabhängige Entwicklung des Handwerks erfolgte in der Antike und im Mittelalter im Bereich der Waffenproduktion, des Städtebaus und der Luxusproduktion.

Isolation und Neukombination natürlicher Wirkprinzipien und die damit verbundenen stofflichen Prozesse haben andere Umweltprobleme zur Folge als die agrarischen Produktionsweisen. Während Agrarsysteme in der Regel Schäden an komplexen Ökosystemen erzeugen, sind die Umweltschäden handwerklicher Produktionsweisen singulär, was nicht bedeutet, dass sie weniger relevant wären. Zunächst ist Isolation immer mit einer Aufhebung des Zusammenhangs zu natürlichen Ökosystemen verbunden. Natürliche Lagerstätten werden erschlossen und verbraucht, Abprodukte häufen sich in Deponien. Bestimme Prozesse beeinträchtigen Ökosysteme, beispielsweise haben Gerber und Färber lokal Flüsse und Bäche zerstört und das Wasser verdorben. Während der Abfallkreislauf im Bauernhof weitgehend geschlossen war, häuften sich schon in den antiken und mittelalterlichen Städten die Abfälle und die damit verbundenen hygienischen Folgen. Trotzdem sind die Schäden auch hier begrenzt, da der Mensch in der Regel selbst physisch Teil des Produktionssystems bleibt.

Umweltprobleme in industriellen Produktionsweisen

Eine dritte Form der Aneignung der Natur nenne ich „Industrielle Naturprozesse“.[3] Damit sind Produktionsprozesse gemeint, deren Wirkprinzipien technisch nicht durch das System Hand und Werkzeug realisiert werden können, sondern nur dadurch, dass die Ausgangs- und Randbedingungen eines technischen Ablaufs so organisiert werden, dass der technologische Prozess dann von selbst abläuft. Auch dieser Typ der Naturaneignung existiert von Anfang an, die früheste Form ist das Feuer, aus dem sich eine Vielzahl weiterer Produktionsmittel entwickeln, die industrielle Naturprozesse und keine Handwerkzeuge sind – vom Brotbacken bis zur Metallurgie und dem Raketentriebwerk.

In der industriellen Revolution werden industrielle Naturprozesse zur Grundlage der Produktivkraftentwicklung. Grundlage der „Fabrik“ des 19. Jahrhunderts waren die ingenieurtechnische Rekonstruktion einiger handwerklicher Verfahren. Die Innovatoren der industriellen Revolution transformierten das System Werkzeug und Hand in Werkzeugmaschinen (Spinnmaschinen, Webstuhl usw.) und kombinierten diese mit Antriebsmaschinen, so entstanden Maschinensysteme, industrielle Naturprozesse, die die Bewegungen von Hand und Werkzeug reproduzierten, allerdings vervielfacht und schneller. Hier bedient sich nicht mehr der Arbeiter des Werkzeugs, um auf den Gegenstand einzuwirken, vielmehr bedient der Arbeiter die Maschine, die die Bewegung des Werkzeugs mittels ihrer eigentümlichen Konstruktion „von selbst“ ausführt.

Die Wirkprinzipien, das Know how ist im Maschinensystem verwirklicht und seine Entwicklung wurde eine Funktion des Kapitals. Voraussetzung war, den Innovationsprozess, die Forschung und Entwicklung von Maschinensystemen, neuen Produktionsmitteln, neuen Produkten und Verfahren, vom eigentlichen Produktionsprozess zu trennen und Produktion als rationelle, später wissenschaftlich und bürokratisch geleitete Umsetzung von Forschung und Entwicklung zu gestalten. Das Gestaltungsprinzip aber ist Kapitalverwertung: Jeder Innovations- und Produktionsprozess wird als Investition einer Geldsumme organisiert, die nach einer bestimmten Zeit mit Gewinn zurückfließen muss – was Geld und doppelte Buchführung als Instrumente der Analyse und Gestaltung der Verwertung voraussetzt. Diese Trennung und organisierte Vermittlung von Innovation und Produktion ist das eigentliche Prinzip jeder Industrie.

Dieses in der industriellen Revolution entstandene neue Prinzip öffnete den Zugang zu vielen vorher nur erfahrungsbasierten Verfahren, zunächst der Metallurgie, die nun wissenschaftlich durchdrungen, kapitalistisch organisiert und rationalisiert wurden. So entstanden die Siemens-Martin-, Bessemer- und Thomas-Verfahren, die Verkokung, die Montanindustrie. Im nächsten Schritt ermöglichte dieses Prinzip, ganz neue Klassen von Wirkprinzipien in technische Systeme umzusetzen und wirtschaftlich zu nutzen. Neue Verfahren und Produkte, die nicht mehr industrielle Rekonstruktion von Handwerk waren: Elektrotechnik und Chemie, Massenproduktion am Fließband, chemische Reaktoren, Atom- und Fusionskraftwerke, Bioreaktoren, Elektronik usw.

Für unser Thema ist festzuhalten, dass industrielle Naturprozesse eine grundsätzlich neue Dimension der Aneignung der Natur darstellen: Die technische Realisierbarkeit von Wirkprinzipien ist weder an vorgefundene Ökosysteme gebunden noch durch die physischen und biologischen Eigenschaften des Menschen begrenzt. Die damit mögliche Tiefe des Eingriffs in Ökosysteme übersteigt die agrarischen und handwerklichen Wirtschaftssysteme, da Verfahren, Materialien, Gegenstände mit Eigenschaften erzeugt werden können, die es in der Natur so gar nicht gibt: Chemikalien, synthetische Materialien, Energie- und Datenverarbeitungssysteme. Diese Industriesysteme erreichen in ihren Wirkungen die Größenordnung von Natursystemen: große Kraftwerke, Chemieanlagen, Atomkraftwerke und Waffensysteme, um nur einige zu nennen. Industrielle Naturprozesse überschreiten qualitativ die Dimension der Umweltprobleme, die durch vorindustrielle Agrarwirtschaft oder durch das System Mensch- und Werkzeug (Handwerk) verursacht werden konnten.

Nicht jeder industrielle Naturprozess schafft gravierende Umweltprobleme, aber potenziell können industrielle Naturprozesse die Funktionsweise globaler Ökosysteme untergraben und diese zerstören. Dies hat man beispielsweise an FCKW und dem Ozonloch erfahren. Wären die FCKW-Emissionen nicht eingestellt worden, hätte die Ozonschicht zerstört werden können, was zu gravierenden Problemen für Organismen und Ökosysteme der Erde geführt hätte.

Seitdem ist klar, dass industrielle Großsysteme und große Stoffkreisläufe (beispielsweise der Eintrag der Abbauprodukte von Medikamenten in die Abwässer) nicht ohne Prüfung und laufende Überwachung angewendet werden dürfen. Auch die anthropogenen CO2-Emissionen sind Wirkungen von Großsystemen, deren Grundlage industrielle Naturprozesse sind. Auf der Basis agrarischer oder handwerklicher Verfahren könnten diese Mengen an CO2 gar nicht emittiert werden.

Bevölkerungs- und Einkommensentwicklung multiplizieren die Umweltprobleme der industriellen Produktionsweisen

Allerdings müssen die von der Eingriffstiefe industrieller Naturprozesse ausgehenden Gefahren im Zusammenhang mit zwei weiteren Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen werden, zunächst der Bevölkerungsentwicklung. Vorindustrielle Agrarwirtschaften entstanden bei einer Weltbevölkerung von 5 bis 10 Millionen und erreichten im 18. Jahrhundert etwa 500 Millionen Menschen. Nach der industriellen Revolution verdoppelte sich die Weltbevölkerung in 100 Jahren auf 1 Milliarde und stieg in weiteren 100 Jahren auf etwas mehr als 1,5 Milliarden Menschen. Von 1900 bis 2000 wuchs sie auf das Sechsfache. Prognostiziert sind 10 bis 11 Milliarden bis Ende des 21. Jahrhunderts.

Dieses Bevölkerungswachstum ist die Folge der Ausbreitung der modernen industriellen Produktionsweise über die gesamte Welt. Erst die Kombination der Eingriffstiefe industrieller Naturprozesse und der Bevölkerungsexplosion des 20. Jahrhunderts generiert die großen Risiken globaler Umweltprobleme.

Ein weiterer Faktor ist die Einkommensentwicklung. Die Grafik zeigt, dass die Anstiegswinkel der Einkommen nach dem zweiten Weltkrieg steiler sind als vorher. In den Industrieländern stiegen Einkommen und Produktivität nach 1950 mehr als doppelt so schnell wie vor dem 2. Weltkrieg, bis 1980 etwa auf das Vierfache der Vorkriegseinkommen.


Quelle; Busch, Land 2009: 11[4]


Diese Einkommens- und Produktivitätsdynamik ist auf die Kopplung der Lohnentwicklung an die Produktivität zurückzuführen, die es vorher nicht oder nur auf wenige soziale Gruppen beschränkt gab. Das zentrale Selektionskriterium der wirtschaftlichen Entwicklung in dem Produktionssystem des „Teilhabekapitalismus“ war die Steigerung der Arbeitsproduktivität, aber es gab keine Limitierung des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung. Umwelt war (damals scheinbar noch) keine knappe Ressource. Bis in die 1970er Jahre stieg die Produktion bei stagnierendem bzw. sogar sinkendem Einsatz an Arbeit, während der Ressourcenverbrauch ungefähr genauso schnell wuchs wie die Produktion (vgl. Busch, Land: 10-35 und 141ff).

Das grundsätzliche Umweltproblem der Moderne entsteht also durch die potenziell unbeschränkte Eingriffstiefe industrieller Naturprozesse in die Ökosysteme plus Bevölkerungswachstum plus Einkommenswachstum. Dieses grundsätzliche Problem ist die Folge der sozioökonomischen und soziokulturellen Evolution menschlicher Produktionsweisen in den vergangenen Jahrtausenden. Die Eingriffstiefe vorindustrieller Agrarsysteme war begrenzt, weil die Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Ökosysteme unmittelbare Voraussetzung der Agrarproduktion war und bleibt. In handwerklichen Produktionsprozessen ist der Menschen als physisches Wesen Teil des technischen Funktionszusammenhangs, auch dies setzt Grenzen. Die Eingriffstiefe industrieller Naturprozesse ist nicht immanent begrenzt, was im Zusammenhang mit Bevölkerungs- und Einkommenswachstum zu globalen Problemen mit existenziellen Ausmaßen führen kann und führen muss, wenn „die Gesellschaft“ die Nutzung der Natur nicht in irgendeiner Form vernünftig reguliert und kontrolliert.

Im dritten Teil soll diskutiert werden, auf welche Weise die Umweltprobleme der Moderne bearbeitet werden könnten – und warum eine Postwachstumsdebatte dazu wenig beitragen kann.

 


Anmerkungen

[1]         Vgl. dazu auch die Beiträge von Will Denayer „Die rapide Zerstörung des Planeten“ in Makroskop ab 05.08.2016.
[2]         Wiedergegeben nach „Ökosystem Erde“, http://www.oekosystem-erde.de/html/globale-aenderungen.html 19.04.2017
[3]         Der Terminus ist angelehnt an Karl Marx: „Es ist nicht mehr der Arbeiter, der modifizierten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern den Naturprozeß, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein.“ Karl Marx (1857, 1983): Grundrisse. In: MEW 42: 601
[4]         Ulrich Busch, Rainer Land (2013): Teilhabekapitalismus. Aufstieg und Niedergang eines Regimes wirtschaftlicher Entwicklung am Fall Deutschland 1950 bis 2010. Ein Arbeitsbuch. Norderstedt: BoD.

 

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