Ökologie | 28.04.2017 (editiert am 05.02.2018)

Der Irrtum der Postwachstumsdebatte – 3

Ohne eine an den Stoffströmen ansetzende Limitierung und eine damit verbundene Ressourcenbewirtschaftung wird es keinen ökologischen Umbau und keine veränderte Entwicklungsrichtung der Industrie geben.

Der ökologische Umbau der Industriegesellschaft

Auf der Grundlage einer Weltbevölkerung von mehr als sieben Mrd. Menschen, deren Anzahl weiter steigen wird, ist eine Rückkehr zu vorindustriellen Produktionsweisen kein Weg zur Lösung der globalen Umweltprobleme. Auch die Begrenzung der Industrie auf das derzeitige Volumen wäre kein Ausweg, da die heutigen Emissionen und Umweltprobleme schon weit über den Tragfähigkeitsgrenzen liegen und binnen einiger Jahrzehnte reduziert werden müssen. Wachstumsreduzierung würde nicht genügen.

Der Ausweg besteht nur in einem Umbau der Industrie, bei dem Umweltkompatibilität zum Selektionskriterium jeder industriellen Entwicklung wird. Grundsätzlich ist es möglich, umweltkompatible Industriesysteme zu entwickeln. Grund für diesen Optimismus ist die Analyse der Koevolution von Ökosystemen in der Erdgeschichte. Offene autopoietische Natursysteme können sich mit geschlossenen Stoffkreisläufen reproduzieren und sie nutzen einen Energiefluss zum Entropieexport. So war es in der Erdgeschichte sehr wohl möglich, in dieser endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen und Energieströmen endlos Entwicklung zu generieren. Freilich kein unendliches Wachstum. Entwicklung und Wachstum sind nicht dasselbe.

Was Natursysteme können, ist grundsätzlich auch für Industriesysteme möglich, denn sie funktionieren, physikalisch gesehen, nicht grundsätzlich anders. Entwicklung in autopoietischen Natursystemen kann als Vorbild für eine umweltkompatible Industrie gelten, denn offene Systeme mit Entropieexport sind auch an der Schnittstelle zwischen Industrie und Natur möglich und in Gestalt regenerativer Systeme in ersten, freilich unzureichenden Ansätzen vorhanden.

Joseph Huber:

«Der Zielhorizont von Industrieller Ökologie geht dahin, den industriegesellschaftlichen Metabolismus wieder besser einzubetten in den Gesamtmetabolismus der Geo- und Biosphäre, und zwar weniger durch bloße Mengenänderungen, als vielmehr durch Änderung der Stoffstrom-Qualitäten. Es geht nicht darum, eine Mengenanpassung auf dem gegenwärtigen Entwicklungsniveau der technologischen Strukturen herbeizuführen, sondern diese Strukturen so fortzuentwickeln, dass damit eine metabolisch naturintegrierte Industriegesellschaft geschaffen wird.» [1]

Eine umweltkompatible Industrie ist möglich, aber nur, wenn Umweltkompatibilität als Selektionskriterium für neue Produkte und Verfahren umfassend wirksam wird. So wie im Teilhabekapitalismus die Steigerung der Arbeitsproduktivität das zentrale Selektionskriterium der Kapitalverwertung wurde, durchgesetzt durch an die Produktivität gekoppelte Lohnentwicklung, muss in einer ökologischen Kapitalverwertungswirtschaft der Gewinn von umweltkompatiblen Innovationen abhängen, die Steigerung der Arbeitsproduktivität tritt an die zweite Stelle.

Entwicklungsrichtungen werden aber nicht durch Behörden, Plankommissionen oder Unternehmensvorstände verordnet und durchgesetzt, sondern durch komplexe wirtschaftliche Regulationssysteme, zu denen Märkte, Unternehmensbürokratie und staatliche Behörden gehören, Ordnungspolitik, Gesetze, Umweltstandards und Kontrollen.

Aus meiner Sicht müssen Organisationen und Strukturen neu geschaffen werden, die die Nutzung und Reproduktion wirtschaftlich genutzter Naturressourcen gestalten, regulieren und kontrollieren. Ich nenne sie Ökokapitalgesellschaften, die öffentlich-rechtlich verfasst werden sollten, da sie die wirtschaftliche Nutzung von Gemeingütern zu organisieren, zu regeln und zu kontrollieren haben.

Kern eines auf Umweltkompatibilität gerichteten Selektionssystems ist die Bewirtschaftung aller kritischen Umweltressourcen auf definierten Absenkungspfaden, wie im ersten Teil meines Beitrags beschrieben. Dadurch werden Produkte und Verfahren, die nicht umweltkompatibel sind, von Jahr zu Jahr teurer, während Innovationen mit umweltkompatiblen Produkten und Verfahren einen Schumpeter-Gewinn [2] abwerfen.

Die zweite vorgeschlagene Komponente ist ein Kreditprogramm, das erhebliche Teile der Investitionen der privaten Unternehmen, der Haushalte und des Staates in neue umweltkompatible Projekte lenken soll. Durch den Zusammenhang beider Instrumente ändert sich die Selektion potenzieller Innovationen und damit die Entwicklungsrichtung der Wirtschaft, der Technologie, des Konsums, ohne dass eine Zentrale in jede einzelne Innovationsentscheidung eingreifen müsste. Es handelt sich um einen regulierten Marktprozess, der eingebettet sein muss in einen politischen und soziokulturellen Rahmen. Vorausgesetzt ist selbstverständlich ein Konsens der Bevölkerung, Einsicht und Einverständnis in den Umbau, Teilhabe und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Ohne diese wäre eine Veränderung der Wirtschaftssysteme und ihrer Entwicklungsrichtungen nicht umsetzbar.

Sollte man alles umkrempeln? Ja.

Einem Kritiker geht die Vorstellung, man müsse die ganze Wirtschaft umstellen und die gesamte Industrie umbauen, viel zu weit.

«[…] warum wollen Leute wie Land immer gleich die ganze Welt umbauen oder auch nur unser komplettes Stromerzeugungssystem, und versuchen sich nicht erst mal an einfacheren Dingen wie z.B. der Verbesserung der Mondfähre oder der Fahrradklingel? […]»

Warum nicht konkrete einzelne Umweltprobleme Stück für Stück lösen? Nun, die Lösung einzelner Umweltprobleme und ein umweltkompatibler Umbau der Industrie und des Konsums insgesamt schließen sich nicht aus, vielmehr besteht der Umbau aus vielen einzelnen Details. Nur muss man das hinter den Umweltproblemen stehende grundsätzliche Problem erkennen und das Prinzip ändern, das immer wieder neue Umweltprobleme verursacht. Das Allgemeine in den vielen einzelnen Problemen sind die Verfahren der Selektion von Innovationen, diese müssen geändert werden. Wovon hängen sie ab? Von den Institutionen des Wirtschaftssystems. Die Bewirtschaftung von Ressourcen soll die Selektion für Innovationen und Investitionen so ändern, dass umweltschädliche Produkte und Verfahren möglichst nicht profitabel sind, umweltkompatible sich aber lohnen und nach und nach durchsetzen. Damit erst entstünde ein Rahmen für die Lösung jedes einzelnen der vielen Detailprobleme und eine Entwicklungsrichtung, die grundsätzlich erst einmal umweltkompatibel ist. Damit ist zwar nicht ausgeschlossen, dass künftig auch neue Umweltprobleme entstehen, weil man bestimmte Erkenntnisse noch nicht hatte, sich verplant hat usw. Ausgeschlossen ist aber, dass permanent und wissentlich immer wieder ökologische Fehlentwicklungen in Gang gesetzt werden und nachträglich repariert werden müssen, weil die Selektionskriterien wirtschaftlicher Entwicklung die Ausbeutung der Natur belohnen statt sie ihre Nutzung zu beschränken und ihre Reproduktion zu sichern.

Die Angst vor Umbau ist geschichtsfremd. Umbau gibt es immer und sowieso. Es geht nur darum, in welche Richtung und mit welchen Mitteln. Nicht jede Innovation ist gut, es geht um Selektion von Entwicklungsrichtungen – und heute geht es eben nicht mehr nur um Wohlstand, nicht um mehr Konsum (jedenfalls in Europa), sondern um den „sukzessiven“ Aufbau einer neuen, mit den Ökosystemen der Erde verträglichen Wirtschaftsweise.

In den 250 Jahren seit der industriellen Revolution wurde das gesamte Industrie- und Wirtschaftssystem wenigstens drei- oder viermal komplett umgebaut, alle zwei Generationen. Jedes Mal ist alles auf den Kopf gestellt worden, die Lebensweise der Menschen eingeschlossen. Zuletzt seit den 1990er Jahren mit der Digitalisierung, davor mit der Motorisierung und der Massenproduktion, davor mit der Elektrifizierung und davor mit der Industrialisierung der Produktion und den entstehenden Industriestädten, um nur die wichtigsten Etappen zu nennen. Die Welt von gestern können wir nur noch im Museum besichtigen.

Umbau gab es nicht nur technisch, auch sozial und institutionell. Niemand hat im 18. Jahrhundert an eine Rentenversicherung gedacht oder daran, dass Arbeiter mal mitregieren werden und Frauen Gleichstellung bekommen könnten. Oder dass wir mal ununterbrochen mit personalisierter Werbung überschüttet, manipuliert und unsere Mails von Maschinen der Geheimdienste elektronisch überwacht werden.

Der ökologische Umbau in zwei Generationen hätte tatsächlich solche Dimensionen wie die industrielle oder die elektrotechnisch-chemische Revolution. Der WBGU spricht von einer Großen Transformation, die nur mit der neolithischen vergleichbar sei.

Wachstum oder Entwicklung?

Daniel Deimling meint in seinem Beitrag vom 13.4.2017, ich hätte den Postwachstumstheoretikern zu Unrecht unterstellt, sie würden quantitativ denken. Er meint, das stimme nicht. Nun war meine Kritik im Kern, dass man bei der Limitierung der Stoffströme ansetzen muss und nicht beim Wachstum. Dieses Argument dürfte nach den ergänzenden Ausführungen dieses Beitrags klar sein und dazu gab es von Deimling auch keinen Widerspruch. Warum aber setzt die Postwachstumsdebatte beim Wachstum an?

Die meisten Argumentationsmuster der Postwachstumstheoretiker benutzen mit umgekehrten Vorzeichen die Wachstumsformel von Solow oder Weiterentwicklungen davon – bzw. mehr oder weniger unwissentlich aus diesem Zusammenhang stammenden Wachstumsvorstellungen. In der neoklassischen Wachstumstheorie wird der Output (Gesamtheit aller Produkte und Leistungen, Nettoprodukt) als Funktion der Faktoren Kapital, Arbeit und technischer Fortschritt dargestellt. Etwas weiterentwickelt und neu gefasst wird dies in der endogenen Wachstumstheorie, aber die methodischen Voraussetzungen sind dieselben. Alle diese Modelle versuchen, Entwicklung durch Wachstum zu erklären. [3] Das ist der grundlegende methodische Fehler, der zu unsinnigen Ansätzen führt, z.B. zu der Vorstellung, man könne zwischen den Faktoren „verschieben“, Arbeit durch Kapital ersetzen oder umgekehrt.[4]

Richtig wäre es umgekehrt: Entwicklung ist die Grundlage, sie erklärt Wachstum. Wachstum kann Ausdruck und Folge von Entwicklung sein, Entwicklung ist aber auch ohne Wachstum möglich, ohne Wachstum von Ressourcen, sogar bei sinkenden Verbrauch von Ressourcen. Im Rahmen der neoklassischen Denkweise aber gibt es gar kein Modell wirklicher Entwicklung, es gibt nur verschiedene Arten von Wachstum. Jede qualitative Änderung, neue Produkte, neue Verfahren, erscheinen als quantitative Veränderungen von Wachstumsfaktoren. Methodisch kann man das alles nur absurd nennen.[5]

Nur in Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung wird wirklich unterschieden zwischen stationären Zuständen, Wachstum als bloßer Zunahme gegebener Produktionsfunktionen ohne neue Produkte und Verfahren und echter Entwicklung, d.h. Entstehung von neuen Produktionsfunktionen, neuen Produkten mit Innovationsgewinnen. Entwicklung entsteht nicht durch andere Faktorkombinationen, sondern durch neue Produktionsfunktionen, die ein bestehendes Wirtschaftssystem aufmischen und chaotisieren (Ungleichgewicht!), verbunden mit neuen (anderen!) Produktionsmitteln, neuen (anderen!) Produkten, neuem Wissen und veränderten Arbeitstätigkeiten. Gleichgewichte sind zwar die ökonomische Norm, ohne die keine Messung möglich ist, aber sie sind nicht der Normalzustand, sondern nur Durchgangspunkte in einem permanenten Veränderungsgeschehen.

Solange die Wachstumskritik bewusst oder unbewusst ihre Kritik auf der neoklassischen Wachstumstheorie (oder deren Abzweigen und Nachfolgern) begründet, macht sie mit umgekehrten Vorzeichen die gleichen Fehler. Die einen denken, Wachstum sei das Wesen des Kapitalismus, und die Kritiker meinen, Postwachstum sei die richtige Gegenthese. Beides ist falsch.

Daniel Deimling schreibt, dass es stets um alle drei Nachhaltigkeitskriterien gehe: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Dann verweist er auf Joseph Huber, der meines Wissens das Prinzip der Industriellen Ökologie zumindest in Deutschland zuerst formuliert hat: einen industriegesellschaftlichen Metabolismus, eingebettet in den Gesamtmetabolismus der Geo- und Biosphäre (oben zitiert). Das ist Umweltkompatibilität.[6] Ich bin mit Huber völlig einig – nur er ist gerade kein Postwachstumstheoretiker. Wachstumskritisch ja, aber es geht vor allem um die Änderung der Stoffstromqualitäten.

Wie ich in meinem Beitrag schrieb, könnte nur ein sehr geringer Teil der notwendigen Reduzierung des Ressourcenverbrauchs durch Wachstumsreduzierung erreicht werden. Fatal aber wäre, wenn durch Maßnahmen der Wachstumsbeschränkung die Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung zusammenbräche. Denn dann könnten ja keine neuen umweltkompatiblen Produkte und Verfahren mehr in das System gelangen. Die wirklich spitze Frage ist, wie man einerseits die Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung beschleunigen, zugleich aber das Wachstum beschränken will? Geht das überhaupt?

Eine Antwort verlangt, dass man die Frage genauer stellt. Die derzeit geringe Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung soll beschleunigt werden (z.B. durch ein Kreditprogramm) und zugleich selektiv gestaltet werden durch Kreditlenkung, die an Kriterien gebunden ist, und durch Ressourcenbewirtschaftung. Das Wachstum, genauer der Ressourcenverbrauch, wird hingegen negativ durch die Ressourcenbewirtschaftung auf einem Absenkungspfad. In dieser Konstellation ist es gerade die verbesserte Dynamik und Selektivität wirtschaftlicher Entwicklung, die den sinkenden Ressourcenverbrauch möglich macht.[7]

Den entscheiden Beitrag zur Reduzierung der Umweltbelastungen müssen neue umweltkompatible Verfahren und Produkte leisten. Dem hat Deimling nicht widersprochen. Schön, wenn dies der Standpunkt der meisten Postwachstumstheoretiker wäre, allein finde ich wenig Anzeichen dafür. Gerade Niko Pech ist anderer Meinung:

«Die Postwachstumsökonomie grenzt sich von landläufigen, auf Konformität zielende Nachhaltigkeitsvisionen wie „qualitatives“, „nachhaltiges“, „grünes“, „dematerialisiertes“ oder „decarbonisiertes“ Wachstum ab.» (hier)

Auf seiner Webseite skizziert er Umsetzungsvorschläge, aber technische Innovationen, neue Verfahren und Produkte werden nicht erwähnt, es geht um „Entrümpelung und Entschleunigung“, mehr Eigenarbeit und Selbstversorgung. Auch Pech kennt nur Wachstum oder Nichtwachstum oder Schrumpfung. Entwicklung durch veränderte Produkte und Verfahren? Fehlanzeige.

Sicher bin ich auch für weniger Fleischkonsum und Reduzierung des Verkehrs, für höhere Preise bei Lebensmitteln und für weniger Flugreisen. Natürlich halte ich Regionalentwicklung für sinnvoll, allerdings in Kombination mit überregionalen und auch globalem Handel. Freilich halte ich auch eine Boden- und Geldreform für nötig. Nur dies alles schließt einen Umbau der Industrie nicht aus, sondern ein und hat das Ziel, wirtschaftliche Entwicklung inhaltlich in andere Richtungen zu lenken, nicht sie einzustellen.

Ich kenne die Literatur und die Blogs zum Postwachstum relativ gut und habe wenig bis nichts über innovative Umgestaltung der wirtschaftlichen Entwicklung, neue Produkte und Verfahren, andere Industrie etc. gefunden. Viele Postwachstumstheoretiker sehen im Umbau der Industrie ein zu kritisierendes Wachstumsmodell, sie kennen nur Wachstum und Nichtwachstum, Entwicklung ist Wachstum, wie in der Neoklassik. So gesehen ist die Aufzählung von Effizienz, Konsistenz und Suffizienz in der Regel ein Lippenbekenntnis, der Zusammenhang der drei Strategien wird gar nicht ausgeführt. Über eine veränderte Selektion, umweltkompatible Innovationen und Investitionen kann ich wenig bis nichts finden. Deimling schreibt:

«Eine qualitative Veränderung der Stoffströme sei ihre Sache [die der Postwachstumstheoretiker] nicht. Wäre dies der Fall, wäre das in der Tat zu beklagen. Allein: Es stimmt nicht.»

Doch, es stimmt, und genau das ist zu beklagen.

Zu ideologischen Argumentationsweisen gehört auch der undifferenzierte Umgang mit den „Reboundeffekten“, die auch Deimling benutzt, dummerweise an einem Beispiel, das gerade nicht trifft. Tatsächlich gibt es solche Reboundeffekte und sie wurden auch ganz gut wissenschaftlich untersucht. Wenn beispielsweise eine neue Lichttechnologie, z.B. LEDs oder früher Stromsparlampen, weniger Strom für die gleiche Lichtmenge benötigt, haben viele die Gelegenheit genutzt, die Räume heller auszuleuchten, also den Effizienzgewinn ganz oder teilweise für mehr Lichtoutput zu nutzen und keinen Strom einzusparen. Auch meine Großmutter hat seinerzeit eine 40 Watt Funzelglühbirne durch eine hellere Lampe ersetzt. Klassischer Rebound-Effekt. Aber viele scheinbar ähnliche Fälle haben andere Gründe, sind gar nicht Folge des Effizienzgewinns. Beispielsweise ist eine der großen ökologischen Lasten die Vergrößerung der Wohnfläche pro Person, Kinderzimmer für jedes Kind usw. Dies ist aber kein Reboundeffekt, weil es keine Folge der Effizienzsteigerung im Bau- oder Wohnungswesen war, sondern der allgemeinen Einkommenssteigerung. Und das ist bei vielen der vermeintlichen Reboundeffekte so. Klar, wenn es Einkommenssteigerungen gibt und Stoffströme nicht limitiert sind, dann sieht fast jede Effizienzsteigerung aus wie ein Reboundeffekt.

Nehmen wir das von Deimling herangezogene Beispiel der CO2-Emissionen. Auf den ersten Blick scheint es plausibel: Die Effizienzsteigerung wird durch das Wirtschaftswachstum kompensiert. Dies ist aber kein realer Effekt, sondern rein statistisch begründet. Nicht die Effizienzsteigerungen haben das zusätzliche Wachstum ermöglicht, wie der Terminus „Rebound-Effekt“ nahelegt, sondern das Bevölkerungs- und Einkommenswachstum vor allem in den Schwellenländern hat zu einer entsprechenden Steigerung des Energieverbrauchs geführt. Dies hat aber mit der Effizienzsteigerung, die überwiegend in den Industrieländern erfolgte, gar nichts zu tun. Auch ohne die Effizienzsteigerung wären zusätzliche Ressourcen verbraucht worden, der Ressourcenverbrauch wäre global einfach noch schneller gestiegen. Mit der Reboundthese wird oft – nicht immer – der tatsächliche Zusammenhang so gedreht, dass ein Argument gegen Effizienzsteigerung und technische Innovationen herauskommt. Das ist absurd und unredlich.

Nehmen wir die CO2-Emissionen in Deutschland. Leider sind sie von 1995 (ich nehme absichtlich nicht den Wert von 1990) von rund 1.100 Mio. t CO2-Äquivalenten bis 2016 auf nur rund 950 Mio. t gesunken – das sind ungefähr minus 0,75 % trotz geringem Anstieg des BIP. Ein Großerteil der Effizienzsteigerung wurde durch das Wirtschaftswachstum aufgefressen? Nein, kein Reboundeffekt. Die Effizienzsteigerung wurde eingesetzt, um den Ausfall der stillgelegten Atomkraftwerke zu kompensieren.[8] Ohne dies hätte die Reduzierung wohl 2 % pro Jahr betragen. Das ist immer noch zu wenig (global würde es knapp ausreichen, wenn alle 2 % Reduktion jährlich schafften, aber die Industrieländer sollten das Doppelte erreichen). Wirtschaftswachstum und die CO2-Emissionen wären freilich deutlicher entkoppelt, wenn man den Rückbau der Kohle und anderer fossiler Energien strikter vorantreiben würde. Dazu aber wären komplexere Strategien nötig als der bloße Ausbau von Solar- und Windenergie: dezentrale Systeme, Sektorenkopplung, Netzausbau und Entwicklung von kostengünstigen Speichern. Die CO2-Emissionen können aber nicht sinken, solange man nur Regenerative Energie zubaut, fossile aber aus Profitgründen nicht abbaut.

Gegen eine allgemeine kausale Interpretation des Reboundeffekts sprechen auch Beispiele, bei denen eine ökologische Regulierung ganz klar zu deutlich sinkenden absoluten Ressourcenbelastungen geführt hat. Das ist die gelungene globale FCKW-Substitution und die ebenfalls erfolgreiche Reduzierung der Versauerungsgase unter die Tragfähigkeitsgrenze in Europa, den USA und Australien. Hier haben strikte Regelungen der Stoffströme zu deutlichen Reduzierungen geführt, ohne dass es Reboundeffekte gegeben hat. Es kommt also darauf an, wie man reguliert. Setzt man Regulierungen an den Stoffströmen an, sind es echte Limits und keine Fakes, sind Reboundeffekte von vornherein ausgeschlossen.

Es ist aber eine verdammte Tatsache, dass die globalen Ressourcenbelastungen je nach Ressource absolut nur wenig oder gar nicht sinken, oft sogar weiter steigen. Aber warum ist das so? Es gibt eben keine Ressourcenbewirtschaftung, die an den Stoffströmen ansetzt (von kleinsten Ansätzen abgesehen). Die CO2-Emssionszertifikate hätten so etwas werden können, sind aber eine an die Interessen der Energiekonzerne angepasste verdorbene und wirkungslose Fehlkonstruktion, weil sie keinen echten Absenkungspfad einschließen, viele Schlupflöcher haben und politisch instrumentalisiert werden können.

Um nicht falsch verstanden zu werden. Ich plädiere nicht für mehr Wachstum. Ich bin für strikte Reduzierung des Verbrauchs von Naturressourcen (natürlich Emissionen, Abprodukte und Umweltlasten aller Art eingeschlossen), und zwar Jahr für Jahr bis Nullemissionen erreicht oder Tragfähigkeitsgrenzen unterschritten sind. Insofern bin ich für echt negatives Wachstum der Stoffströme. Ich bin für den Aufbau einer neuen und den Abbau der alten nicht umweltkompatiblen Industrie binnen zwei bis drei Generationen (ca. 50 bis 75 Jahre), allerdings für den Abbau im Gleichschritt mit dem Aufbau einer umweltkompatiblen Industrie und Landwirtschaft bei gleichzeitiger Veränderung der Konsummuster, wobei auch hier Veränderung nicht einfach Konsumverzicht bedeutet, allerdings auch nicht ausschließt.

Ich bin aber dagegen, über Wachstum zu debattieren, statt über Entwicklung, und eine neoklassische Wachstumsdebatte zu führen, nur mit negativem Vorzeichen. Es geht um Entwicklung, aber in eine andere Richtung. Deshalb lehne ich auch fundamentalistische pauschale Kritiken an Wachstum, Kapitalismus und Wettbewerb ab. Auch beim Wettbewerb geht es darum, welche Spielregeln gelten: Wettbewerb um Finanzmarktanlagen, Scheininnovationen und Konsummanipulationen oder um echte umweltkompatible Innovationen? Wie Wettbewerb wirkt, das hängt von den politischen Regularien und der soziokulturellen Einbettung der Wirtschaft ab. Hier stimme ich Deimling zu: Wettbewerb funktioniert nur, wenn er durch Regeln begrenzt ist. Und wenn ein gesellschaftlicher Rahmen bestimmt, um welche Entwicklungsrichtungen es gehen soll und um welche nicht.

Meine These: Ohne eine an den Stoffströmen ansetzende Limitierung und eine damit verbundene Ressourcenbewirtschaftung wird es keinen ökologischen Umbau und keine veränderte Entwicklungsrichtung der Industrie geben. Aber Postwachstum ist die falsche Debatte.

 


Anmerkungen

[1]         Huber, J. (1999): Industrielle Ökologie. Konsistenz, Effizienz und Suffizienz in zyklusanalytischer Betrachtung. VDW-Jahrestagung, Berlin, 28.-29.Oktober 1999. In: Simonis, U. E./Kreibig, R. (2000): Global Change. Ort: Berliner Wissenschaftsverlag. Online: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-121622 [22.06.2016] S. 5.
[2]         Das ist ein temporärer Innovationsgewinn, der in der Verbreitungsphase einer Innovation entsteht. Die Bewirtschaftung ökologischer Ressourcen auf einem Absenkungspfad verteuert nicht umweltkompatible Produkte und verbilligt umweltkompatible, aus der Differenz entsteht ein Innovationsgewinn.
[3]         Vgl. Jochen Röpke (2006): Einführung zum Nachdruck der 1. Auflage Joseph A. Schumpeters „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. In: Joseph Schumpeter (1912, 2006): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Nachdruck der 1. Auflage von 1912. Berlin: Dunker & Humblot
[4]         Man fragt sich, wie mehr Arbeiter mit mehr Arbeit, aber ohne Hochofen Stahl produzieren sollen. Das ist einfach Quatsch. Eher ist denkbar, dass der Hochofen ohne Arbeiter produziert, allerdings noch nicht ohne Pförtner, Ingenieur und Vorstand.
[5]         Vgl. Karl-Hein-Brodbeck: Grenzen der mathematischen Erkenntnis. https://www.youtube.com/watch?v=6Q1lAQFWe74&t=4634s. Seine Kritik an dem Solow-Modell bei 1:15.
[6]         Ich benutze diesen Terminus lieber als Konsistenz, weil mir Konsistenz zu eng assoziiert scheint.
[7]         Mehr Dynamik darf man nicht mit Beschleunigung verwechseln: noch schneller noch mehr immer mehr Scheininnovationen – das wäre Unsinn. Mehr Dynamik bedeutet vor allem, eine höhere Selektivität anzustreben, also nicht jede potenzielle Innovation umzusetzen, damit die Investition zurückläuft, sondern deutlichere und vor allem gerichtete Qualitätsveränderungen an den Produkten und Verfahren zu erreichen.
[8]         Vgl. dazu: Günter Weber: Gastkommentar zur Energiewende. Makroskop 14.12.2016. https://makroskop.eu/2016/12/gastkommentar-zur-energiewende/

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