Konjunktur | 21.04.2017

Die europäische und deutsche Konjunktur im Spätwinter 2017 – 3

Außer Sondereffekten ist auch in den Bereichen Bau und Einzelhandel keine Belebung in Europa zu erkennen. Angesichts weiter stagnierender Masseneinkommen wird sich an dieser Situation auch so schnell nichts ändern. Dass die Wirtschaftspolitik weiterhin nichts tut, ist skandalös, darf aber offensichtlich nicht diskutiert werden.

Die Bauproduktion in der EWU war im Februar von der gleichen statistischen Verzerrung gekennzeichnet, über die wir schon im ersten Teil für Deutschland berichtet haben (Abbildung 1). Allerdings gab es auch für Frankreich eine kräftige Aufwärtsbewegung, die von einem Effekt ausgelöst sein könnte, der von der Saisonbereinigung nicht erfasst wird. Dass Eurostat über diese Daten berichtet, ohne auf die deutsche Verzerrung zu verweisen, zeigt einmal mehr, dass auch statistische Ämter eine politische Agenda haben können.


Abbildung 1


In Südeuropa tut sich am Bau auch in diesem Winter nichts (Abbildung 2). Insbesondere in Italien, wo in der Industrie eine leichte Belebung zu sehen ist, bleibt die Bauproduktion flach. Spanien, das immer wieder erhebliche BIP-Zuwachsraten ausweist, hat auch in diesem Bereich außer Stagnation nichts zu bieten.


Abbildung 2


In Osteuropa kommt nur Ungarn allmählich aus seiner Baurezession heraus (Abbildung 3). Polen, Tschechien und besonders Bulgarien haben offensichtlich keine Mittel, um die Rezession zu überwinden.


Abbildung 3


In einigen mittleren westlichen Ländern dagegen ist die Bauproduktion immer noch sehr dynamisch und trägt die wirtschaftliche Entwicklung (Abbildung 4). Das gilt insbesondere für Schweden, Dänemark und die Niederlande. Belgien verzeichnet wie Deutschland einen großen Schub nach oben, aber das dürfte ein Effekt sein, der einen Sondereffekt nach unten im Januar ausgleicht.


Abbildung 4


Der Einzelhandelsumsatz in der EWU ist weiter stark von der französischen Aufwärtsentwicklung bestimmt (Abbildung 5). Trotz weniger stark steigender Einkommen bleiben die Franzosen in Kauflaune und gleichen offenbar die geringeren einkommensspielräume durch sinkende Ersparnisse aus. Italien bleibt dagegen auf Stagnationskurs, weil dort die Masseneinkommen inzwischen sinken.


Abbildung 5


Deutschland befindet sich in der Mitte mit einer immer noch verhaltenen Einkommens- und Konsumentwicklung.

In Südeuropa ist auch hier wenig Bewegung zu verzeichnen (Abbildung 6). Griechenland bleibt auf Depressionsniveau, aber auch in Spanien und Portugal passiert offenbar in Sachen Konsum sehr wenig.


Abbildung 6


Die Arbeitslosigkeit sinkt in der EWU von Monat zu Monat leicht, aber das hat offenbar wenig Bedeutung, weil in den eigentlichen politischen Krisenstaaten Frankreich und Italien seit vielen Monaten keine Bewegung zu erkennen ist (Abbildung 7).


Abbildung 7


Aber auch in Deutschland, wo nach offizieller Lesart alles in Ordnung ist, sind die letzten harten Daten vom Arbeitsmarkt keineswegs ermutigend. Die Unterbeschäftigung ist in den letzten drei Monaten jeweils nur um 10 000 Personen zurückgegangen und die Zahl der offenen Stellen stagniert seit dieser Zeit.

In Südeuropa ist ebenfalls ein leichter Rückgang der Zahlen vom Arbeitsmarkt zu beobachten, aber ohne erkennbare wirtschaftliche Dynamik bedeutet das wohl überwiegend, dass sich Arbeitssuchende nicht mehr registrieren lassen (Abbildung 8).


Abbildung 8


Die Preise in der EWU sind zuletzt wieder weniger stark gestiegen (Abbildung 9), was nur zeigt, dass die Verzerrungen durch Energie und andere Saisonprodukte nun wieder in die andere Richtung gehen. Wir haben schon im letzten Bericht darauf hingewiesen, dass sich die Kerninflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel), wie sie von der EZB gemessen wird, seit vielen Monaten praktisch nicht bewegt (hier zu finden). Genau ist auch zu erwarten angesichts der weiterhin großen Drucks auf die Löhne in den meisten Ländern (dazu mehr in der Serie über Arbeitskosten, die gerade begonnen hat, siehe Hinweis weiter unten).


Abbildung 9


Bei den von den Rohstoffpreisen stark beeinflussten Erzeugerpreisen ist allerdings noch wenig Gegenbewegung gegen den Anstieg in jüngster Zeit zu erkennen (Abbildung 10). Das spricht dafür, dass die Sondereffekte für den Verlauf dieses Jahres eine erhebliche Rolle spielen werden, was wiederum heißt, dass die geringen nominalen Einkommenssteigerungen weitgehend von den Inflationsraten ausgeglichen werden könnten.


Abbildung 10


Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

Viele kritische Beobachter fragen sich, wie es sein kann, dass die europäische (und auch die deutsche) Konjunktur seit 2011 schon fast jede zyklische Bewegung vermissen lassen. Jahrzehntelang war man davon ausgegangen, dass es einen Konjunkturzyklus gibt, der die Wirtschaft entlang eines Wachstumspfades immer wieder zu höheren Produktionsniveaus führt. Gibt es eine Kraft, die systematisch verhindert, dass aus den zarten Aufschwungspflänzchen wirklich einmal ein kräftiger Aufschwung wird? Makroskop hat diese Frage schon oft beantwortet (hier zum Beispiel), doch sie findet nicht Eingang in die wirtschaftspolitischen Strategien der Parteien, weder in Deutschland noch anderswo, weil sie den zugrundeliegenden Ideologien der Neoklassik fundamental widerspricht.

Die Kraft, die Europa immer wieder nach unten zieht, ist die deflationäre Lohnpolitik in Deutschland. Heiner Flassbeck hat gerade eine neue Artikelserie begonnen (hier der erste Teil), die zeigen soll, auf welche Weise die Nachwirkungen des deutschen Gürtel-enger-Schnallens in den anderen Ländern die Tarifpartner (geschoben durch die Politik) dazu zwingen, sich nach unten anzupassen und jetzt klar unter den deutschen Pfad zu gehen.

Wenn aber die Masseneinkommen nicht steigen, dann steigt nichts. Die Wirtschaftsforschungsinstitute (hier zu finden) haben gerade für Deutschland die Zuwachsrate für die privaten Konsumausgaben, die sie im vergangenen Jahr noch bei 1,5 Prozent für dieses Jahr sahen, auf 1,1 reduziert (der Sachverständigenrat erwartet 1,0 Prozent). Im vergangenen Jahr lag diese Zuwachsrate immerhin bei 2, 0 Prozent. Das ist kein Aufschwung! Sinkende Zuwachsraten im Zeitverlauf für das wichtigste Nachfrage-Aggregat sind ein Zeichen für verfehlte Lohn- und Wirtschaftspolitik und sonst nichts.

Noch schlimmer bei der Investitionstätigkeit, die normalerweise dem Aufschwung Beine macht, weil es hier eine starke Akzeleration im Zeitverlauf gibt. Die Institute schätzen den Zuwachsbei den Ausrüstungsinvestitionen in diesem Jahr auf sage und schreibe 0,5 Prozent, nach 1,1 Prozent im vergangenen Jahr. Das ist ein Witz, aber auf keinen Fall ein Aufschwung. Selbst bei den Bauten, wo es doch nach vielen Berichten einen Boom gibt, glauben die notorischen Optimisten in den Instituten an 2,1 Prozent in diesem nach 3 Prozent im vergangenen Jahr.

Das alles müsste in einem Land, in dem es kritische Medien und kritische Wissenschaftler gibt, fast jeden Tag problematisiert und hinterfragt werden. Doch nichts dergleichen geschieht. Deutschland sonnt sich in seinen Exporterfolgen und zieht ganz Europa in die Tiefe. Wer das infrage stellt, ist ein Populist, womit sich dann in den Augen der herrschenden Klasse das Problem erledigt hat.

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