EU | 19.04.2017

Europäische Arbeitskosten: Unter deutschem Einfluss auf deflationärem Pfad – 1

Die europäischen Arbeitskosten sind von Land zu Land weiterhin extrem unterschiedlich. Doch das hätte die Europäische Währungsunion, anders als viele glauben, ohne weiteres verkraften können. Nur die Anpassung der nationalen Arbeitskosten an die eigene Produktivität war verlangt.

Immer wieder kann man in der deutschen Presse lesen, es habe inzwischen eine Lohnwende in Deutschland gegeben. Nach Jahren der Lohnzurückhaltung stiegen jetzt die Löhne in Deutschland wieder kräftig. Vielfach wird sogar darauf hingewiesen, dass in den letzten Jahren die Löhne in Deutschland sogar stärker gestiegen sind als in anderen Mitgliedsländern der EWU.

Das ist richtig, sagt aber gerade nicht das aus, was man damit sagen will. Selbst wenn in einigen der letzten Jahre oder über mehrere Jahre die Arbeitskosten in Deutschland stärker zulegen als in einigen Ländern, einer Gruppe anderer Länder oder der EWU insgesamt, dann bedeutet das nicht, das der deflationäre Druck, der über viele Jahre von Deutschland ausgegangen ist, verschwunden ist.

Abbildung 1 zeigt das Ausmaß der deutschen „Lohnzurückhaltung“ gegenüber der gesamten EWU (inklusive Deutschlands sogar, was die EWU-Kurve nach unten zieht) seit Beginn des Jahrhunderts. Man sieht sofort, dass die jüngste Umkehr dieser Entwicklung bei den Arbeitskosten insgesamt (also diesmal nicht bei den Lohnstückkosten, mit denen wir das üblicherweise messen) die zu Beginn des Jahrhunderts entstandene Lücke nicht geschlossen hat. Es ist damit offensichtlich, dass der Druck, der durch die deutsche Lohnpolitik ausgelöst wurde, nicht mit der jüngsten Umkehr der Verhältnisse (seit 2013) verschwunden ist, sondern noch viele Jahre weiter andauern wird.


Abbildung 1


Arbeitskosten pro Stunde sehr unterschiedlich

Die europäische Statistikbehörde Eurostat, mit deren Daten wir hier arbeiten, weist neben der Entwicklung der Arbeitskosten auch die absoluten Arbeitskosten in den EU-Staaten aus, also die Kosten, die in der Gesamtwirtschaft pro Stunde mit dem Einsatz von Arbeit verbunden sind.


Abbildung 2

Quelle: Eurostat


Die Unterschiede zwischen den Ländern sind gewaltig. Von über 40 Euro/Stunde in Dänemark bis unter fünf Euro in Bulgarien reicht das Spektrum, das die EU durchmisst. Auch für Länder, die Mitglied der Währungsunion sind oder für sehr lange Zeit schon feste Wechselkurse zum Euro haben, gilt das. Hier reicht das Spektrum von Belgien bis Bulgarien (das seine Währung seit Beginn der EWU fest an den Euro gebunden hat). Aber auch von Belgien bis Portugal ist es eine gewaltige Strecke.

Löhne und Produktivität

Was vielfach nicht verstanden wird, ist der einfache Sachverhalt, dass unterschiedliche absolute Kosten der Arbeit nicht ausschließen, dass Länder miteinander feste Wechselkurse haben oder gar Mitglied einer Währungsunion sind. Vielfach wird argumentiert, die „realen Unterschiede“ in der EWU seien so groß, dass von Anfang an klar war, dass die Währungsunion nicht funktionieren könne. Immer wieder werden auch Ökonomen und Politiker zitiert, die schon vor Beginn der Europäischen Währungsunion davor gewarnt haben, dass die EWU wegen der gewaltigen realen Unterschiede scheitern werde. Das ist jedoch in den meisten Fällen eine richtige Warnung mit einer vollkommen falschen Begründung. Die EWU ist zwar dem Scheitern sehr nahe, aber nicht wegen der großen realen Unterschiede.

Den großen realen Unterschieden, also den Unterschieden im Wohlstandsniveau wie sie in den Arbeitskosten (oder in den Arbeitseinkommen) zum Ausdruck kommen, entspricht ja immer ein Unterschied bei der Ausstattung mit Kapital und damit ein Unterschied bei der Fähigkeit, Arbeit produktiv einzusetzen. Den Unterschieden in den Arbeitseinkommen und Arbeitskosten entspricht also ein Unterschied bei der Arbeitsproduktivität. Das wiederum bedeutet, dass die Lohnstückkosten (also die Relation von Arbeitskosten und Arbeitsproduktivität) auch in sehr produktiven und von Seiten der Arbeit „sehr teuren“ Volkswirtschaften nicht höher sein müssen als in Volkswirtschaften mit niedrigen Löhnen.

Das ist der Grund, warum arme und reiche Länder durchaus miteinander Handel treiben und feste Wechselkurse haben können, denn keine Seite hat von vorneherein einen absoluten Vorteil wegen zu niedriger Löhne oder zu hoher Produktivität. Die europäische Entscheidung, eine Währungsunion zu gründen, setzte nur voraus, dass jedes Land bereit und in der Lage ist, seine Arbeitskosten weder inflationär noch deflationär an seine eigene Produktivitätsentwicklung anzupassen, also bereit ist, das von der EZB festgelegte Inflationsziel zu respektieren. Das aber ist, wie wir immer wieder gezeigt haben, schief gegangen und genau deswegen ist die Währungsunion in gewaltiger Schieflage. Mit den realen Unterschieden zwischen den beteiligten Ländern, also den Unterschieden im Wohlstandniveau oder sonstigen „strukturellen“ Unterschieden, hat das nichts zu tun.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich der deutsche Deflationsdruck auf die anderen Länder auswirkt.

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