Genial daneben | 28.04.2017 (editiert am 14.06.2017)

Nachhilfeunterricht für Trumpisten

Schäuble erhält bei seinen Bemühungen, die Trumpisten zur Vernunft zu bringen, Unterstützung. Es wäre zum Lachen, wenn der vom Star-Ökonomen Jeffrey D. Sachs und Financial Times Herausgeber Martin Wolf zum Besten gegebene Unsinn nicht Leitschnur der Wirtschaftspolitik vieler Industrieländer wäre.

Wie Dirk Ehnts in seinem letzten Beitrag mit Bezug auf einen Spiegel-Online Beitrag berichtete, hoffte Wolfgang Schäuble seinen Besuch der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in Washington auch dazu nutzen zu können, den Vertretern der amerikanischen Regierung „Nachhilfe in den Grundlagen von Wirtschaftspolitik“  zu erteilen.

Der Nachhilfeunterricht scheint aber bei den Trumpisten auf taube Ohren gestoßen zu sein. US-Finanzminister Steve Mnunchin brandmarkte, wenn auch im Ton moderat, weiterhin Deutschland für seine parasitäre Wirtschaftspolitik:

„Nach unserer Ansicht sind exzessiv hohe Exportüberschüsse, genauso wie Exportdefizite, nicht dienlich, um ein freies und faires Handelssystem zu unterstützen“ (hier).

Leistungsbilanzungleichgewichte sind für die „sturen Amerikaner“ keine Naturereignisse, sondern Ergebnis verfehlter Wirtschaftspolitik. Mnunchin fordert deshalb recht unverblümt Deutschland dazu auf, seine Wirtschaftspolitik radikal zu ändern:

„Staaten mit einem großen externen Überschuss und soliden öffentlichen Finanzen haben die besondere Verpflichtung, zu einer robusteren Weltwirtschaft beizutragen, indem sie durch die Finanzpolitik aggressiv Wachstum ankurbeln“ (hier).

In Deutschland sah man bis noch vor nicht allzu langer Zeit Leistungsbilanzüberschüsse und schwarze Haushaltsnullen als Ausweis einer soliden und zukunftsweisenden Wirtschaftspolitik an. Die amerikanische Kritik stellt daher das Glaubens- und Wertesystem unserer Politiker, vieler deutscher Ökonomen und der allermeisten deutschen Wirtschaftsjournalisten infrage. Diese ablehnende Reaktion auf die Konfrontation mit anderen Überzeugungen kann man noch als normal ansehen. Bedenklich dagegen ist, dass die Wirkungen dieser Konfrontation, die Psychologen als kognitive Dissonanz bezeichnen, inzwischen sogar in der FAZ dadurch bewältigt wird, indem sie anerkennt, dass die deutsche „Lohnzurückhaltung“ für die „zu starke Wirtschaft“ verantwortlich ist (hier).

Die Kritik der Trumpisten stellt aber nicht nur Überzeugungen, sondern das real existierende Wirtschaftsmodell Deutschlands infrage. Wenn die Amerikaner ihrer Kritik auch Taten folgen lassen, so z.B. Importsteuern erheben, dann wird man in Deutschland leidvoll erfahren müssen, dass der relative wirtschaftliche Erfolg Deutschlands alleine darauf beruhte, dass Regierungen in vielen anderen Ländern ihre Bevölkerung bislang nicht vor der parasitären deutschen Wirtschaftspolitik geschützt haben.

Müssen wir uns vielleicht ernsthaft fragen, ob wir den „Freihandel“, auf den Deutschlands Wirtschaftspolitik so bedingungslos gesetzt hat, vollkommen falsch verstanden haben? Ist es vielleicht sogar so, dass der „Freihandel“ nicht automatisch die Wohlfahrt aller gewährleistet und politisch organisiert und moderiert werden muss, um nicht vielen Menschen sogar die Existenzgrundlage zu entziehen? Sind diejenigen, die nun des Protektionismus gescholten werden, vielleicht sogar als Demokraten zu bezeichnen, weil sie sich um die wirtschaftliche Zukunft ihrer weniger betuchten Mitbürger sorgen? Und sind diejenigen, die sich als Kämpfer für Freiheit und Demokratie aufspielen, vielleicht nur Profiteure einer Grenzenlosigkeit, die sich die Mehrheit der Bürger gar nicht leisten kann?

Der Ökonom Jeffrey D. Sachs, der schon Boris Jelzin – mit bekanntlich durchschlagendem Erfolg – den Weg in die freie Marktwirtschaft wies, und der Herausgeber der „Financial Times“ Martin Wolf geben Entwarnung. Nein, wir können weiterhin an unserem Weltbild festhalten. Alle Aussagen, die uns dazu bewegen, solche Fragen zu stellen, beruhen auf ökonomischem Analphabetismus und dem typischen rechtspopulistischen Impuls, bei eigenen Schwierigkeiten, die Ausländer zum Schuldenbock zu machen.

Wolf und Sachs belegen ihr harsches Verdikt mit Bezug auf Aussagen des amerikanischen Wirtschaftsminister Wilbur Ross. Wolf bescheinigt ihm, dass, was er von sich gibt, „rubbish“ und „nonsense“ ist. Und Sachs lässt uns wissen, dass Ross weniger von Ökonomik versteht als ein Volkswirtschaftsstudent im ersten Semester.

Elementare saldenmechanische Zusammenhänge belegen, so Sachs, dass die von Ross und anderen Trumpisten behaupteten Schuldzuweisungen an Handelspartner wie Deutschland völliger Mumpitz sind. Ein adäquates Verständnis dieser Zusammenhänge lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Der Grund für die Leistungsbilanzdefizite der Amerikaner ist ganz allein, dass die Amerikaner zu wenig gespart haben!

Und als hätten sich Sachs und Wolf abgesprochen, ergänzt Wolf, dass diese These nicht nur theoretisch gut begründet ist, sondern empirisch als äußerst gut bestätigt gelten kann.

Als Evidenz präsentiert er uns die folgende Graphik:



Diese Evidenz ist nicht überraschend. Denn unterscheiden wir zwischen drei volkswirtschaftlichen Sektoren, dem inländischen Privatsektor, dem heimischen Staatssektor und dem Ausland, dann gilt, dass deren Finanzierungssalden sich immer zu 0 addieren.

Der Finanzierungsaldo des Privatsektors ergibt sich aus der Differenz der heimischen Sparanstrengungen (S) und den heimischen Investitionen (I) und der Finanzierungssaldo des Staates ist die Differenz der Einnahmen (T) des Staates und seinen Ausgaben (G). Berücksichtigen wir neben diesen Finanzierungsalden den Leistungsbilanzsaldo (L), dann gilt immer der folgende „analytische“ Zusammenhang:

(S-I) + (T-G) + (- L) = 0

Damit nun auch jeder – also sogar Rechtpopulisten – versteht, was „analytisch“ heißt, erklärt es der Professor der Ökonomik noch einmal explizit wie folgt:

„It’s true whether you are liberal or conservative, populist or mainstream, a Keynesian or a supply-sider.“

So weit so gut. Ein Ökonom vom Kaliber „Sachs“ gibt sich aber natürlich nicht damit zufrieden, uns über saldenmechanische Zusammenhänge zu belehren, sondern nutzt dieses Instrument zur Analyse und leitet daraus wirtschaftspolitische Empfehlungen ab.

Stellt man die Gleichung um, dann gilt auch:

(S-I) + (T-G) = L

Die gesamtwirtschaftliche Bruttoersparnis (was heißt, die Einnahme-Ausgabesalden des privaten Sektors und des Staates zusammengenommen) ist also (bis auf einige statistische Abgrenzungsprobleme) nichts anderes als der Leistungsbilanzsaldo. Damit ist das, was Wolf uns mit seiner wunderbaren Empirie zeigt, nichts anderes, als dass diese Identität doch tatsächlich in allen Ländern der Welt Gültigkeit besitzt.

Mit Sachs kann man übereinstimmen, dass (T-G) uns über das Sparverhalten des Staates Auskunft gibt. Ist (T-G) negativ, dann hat der Staat mehr ausgegeben als eingenommen, also ein Haushaltsdefizit erzielt und ist (T-G) positiv, dann hat er mehr eingenommen als ausgegeben, er hat also einen Haushaltsüberschuss, er hat gespart. Klar ist auch, dass, wenn (T-G) negativ ist, der Staat sich verschuldet haben muss. Nimmt man an, dass (S-I) konstant bleibt, dann folgt zwingend, dass mit einem fallenden staatlichen Defizit der Leistungsbilanzsaldo fallen muss.

Nun hat sich die „Sparquote“ in den USA nach Angaben von Sachs über die letzten 30 Jahre drastisch reduziert und der Löwenanteil geht dabei auf das Konto des Staates. Folglich, so Sachs, war der Staat verantwortlich für das Leistungsbilanzdefizit. Nun braucht man nicht über die genialen Fähigkeiten eines Jeffrey D. Sachs zu verfügen, um zu erkennen, wie das Problem der amerikanischen Leistungsbilanzdefizite beseitigt werden kann: Staatliches Sparen ist angesagt. Eine Kombination von niedriger Staatsverschuldung und höheren Steuern ist die Lösung, die der Professor empfiehlt. Wer anderes empfiehlt, wie z.B. die Demokraten eine höhere Staatsverschuldung und wie die Republikaner Steuersenkungen und dann andere für ein unbefriedigendes Wirtschaftswachstum verantwortlich macht, der ist ein Populist.

Wie aber geht man mit Menschen um, die aufgrund ideologischer Verblendungen nicht verstehen, was man als Schwabe auch ganz ohne Saldenmechanik weiß: Sparen ist nicht nur eine Tugend, sondern die den zivilisatorischen Fortschritt ermöglichende Tugend. Denn ist nicht reich, wer gespart und arm, wer sein Geld verprasst hat? Wer Trumpisten zu Schwaben machen will, der braucht, so Wolf, vor allem eins, viel Geduld. Denn:

„The US should not be governed forever by those who have so little understanding of what is at stake.“

Die Hoffnung, dass irrationale Meinungen eher früher als später an der Realität scheitern, teile ich mit Wolf. Allerdings bin ich nicht so zuversichtlich wie er, da man konstatieren muss, dass die Politik über die letzten 30 Jahre ganz überwiegend auf ökonomischen „nonsense“ beruhte und vermutlich weiterhin beruhen wird. Es ist allerdings nicht die Schelte der Trumpisten an der deutschen Wirtschaftspolitik, die mich erschaudern lässt, sondern die Aussicht, dass das, was Sachs und Wolf coram publico zum Besten gegeben haben, weiterhin die Grundlage der Wirtschaftspolitik in nahezu allen entwickelten Industrieländern bleiben wird. Was Sachs und Wolf schreiben, ist tatsächlich ein solcher „rubbish“, dass man es kaum fassen kann. Es wäre nur zum Lachen, wenn solche ökonomischen Weisheiten nicht Grundlage der Wirtschaftspolitik vieler Industrieländer wären. So aber ist es ein „recipe for desaster“.

Wird aber nicht gerade auf diesen Seiten ein unglaublicher Kult um die Saldenmechanik betrieben? Und muss man, wenn man die von Sachs dargelegten saldenmechanischen Zusammenhänge als korrekt anerkennt, nicht auch seine Schlussfolgerungen als richtig anerkennen?

Nun ist offensichtlich, dass uns Sachs, die von der Troika in Griechenland erzwungene Austeritätspolitik als erfolgversprechende Wirtschaftspolitik verkaufen will: Staatsausgaben runter, Steuern hoch. Und kein Zweifel kann daran bestehen, dass man mit einer solchen Politik das Leistungsbilanzdefizit eines Landes reduzieren kann.



Die Leistungsbilanz Griechenlands ist also nahezu ausgeglichen und damit die Austeritätspolitik in dieser Hinsicht als ein voller Erfolg zu werten.

Sachs behauptet aber nun auch, dass mit einer solchen Politik, das Wirtschaftswachstum und damit auch wohl das Beschäftigungsniveau gesteigert werden kann. Am Beispielsfall Griechenland sieht die Evidenz für dieses Argument so aus:




Und geradezu paradox erscheint auf den ersten Blick, dass das Bemühen die staatliche Sparquote zu erhöhen, die Staatschulden massiv erhöht haben:



Ist also die Zeit gekommen, bei der auch Makroskopen zusammen mit der wirtschaftspolitischen Beraterin von Jeremy Corbyn gemeinsam wie folgt twittern?

Ganz im Gegenteil. Um zu erkennen, welchen Unsinn Sachs und Wolf verbreiten, ist es unabdingbar, saldenmechanische Zusammenhänge zu verstehen. Dann versteht man auch unmittelbar, warum Sachs Schlussfolgerungen zieht, die tatsächlich schon einem Erstsemester nicht zu verzeihen sind. Denn, wenn es auch richtig ist, dass sich die Finanzierungssalden aller drei Sektoren immer zu 0 addieren, ist natürlich falsch zu schließen, dass das BIP daher immer gleich hoch bleibt, egal ob man nun mehr oder weniger spart. Wenn in einer Periode im Vergleich zu einer anderen Periode mehr gespart wird, dann wird dem BIP nichts anderes übrigbleiben, als zu sinken. Denn jeder Einnahme entspricht eine genau gleich hohe Ausgabe. Wird mehr gespart, also weniger ausgegeben, dann wird auch weniger eingenommen und daher sinkt das BIP.

Sachs hat aber eindrucksvoll demonstriert, wie richtig Heiner Flassbecks Aussage ist, dass Saldenmechanik nicht genug ist, um z.B. die Ursachen von Leistungsbilanzdisparitäten zwischen zwei Ländern richtig zu analysieren und darauf basierend realistische wirtschaftspolitische Vorschläge zu unterbreiten. Dazu benötigt man auch eine empirisch adäquate Theorie der Marktwirtschaft. Und an dieser Stelle ist es nicht mehr egal, ob man nun Keynesianer ist oder nicht. Als Keynesianer mit einem soliden geldtheoretischen Fundament, konnte man nie auf die Idee kommen, dass Austeritätspolitik, in welchem Land auch immer, erfolgreich sein könnte, und man weiß auch, dass deutsche Geschäftsmodell nicht verallgemeinerbar ist.

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