Finanzsystem | 04.04.2017 (editiert am 06.04.2017)

Warum funktioniert die amerikanische Währungsunion? – 1

Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte der europäischen Währungsunion haben eine absehbare ökonomische und soziale Krise ausgelöst. Deren improvisierte Bekämpfung unter deutscher Führung führte ins Desaster. Es fehlen die zentralstaatlichen Elemente, die den US-Währungsraum auszeichnen.

Europas Währungsunion funktioniert nicht. Soviel steht zweifelsohne fest. Die Binnennachfrage ist heute in etwa auf demselben Niveau von vor zehn Jahren, die Arbeitslosigkeit ist deutlich höher, und die öffentlichen Schulden sind rasant angestiegen. Dabei gibt es gravierende Divergenzen und Ungleichgewichte innerhalb der Währungsunion. Das Gegenteil hatte man sich zum Ziel gesetzt.

Entsprechend ist das Vertrauen unter den Euro-Partnern tief gestört. Man hätte bei den Feierlichkeiten zum 60. Jubiläum der EU sicher lieber etwas mehr Grund zum Feiern gehabt. Aber der Schaden am Projekt der Europäischen Integration und die damit verbundenen volkswirtschaftlichen und sozialen Folgen lässt sich auch mit keiner Überdosis von Heuchelei noch irgendwie schönreden. Die Krise bleibt bis heute unüberwunden. Der sogenannte Aufschwung kann darüber nicht hinwegtäuschen. Der Euro ist und bleibt eine tickende Zeitbombe.

Wolfgang Münchau hat dies angemessen unverblümt mit Nennung der Hauptverantwortlichen formuliert:

„Beim Überwinden der Krise der Eurozone zu versagen, war einer der großen historischen Fehler des Nachkriegs-Europas – das Erbe von Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, François Hollande und all jenen, die in dieser Politikkatastrophe eine Rolle spielten. Es ist eine der Hauptursachen für den Aufstieg des Populismus. Es hat uns alle anfällig für zusätzliche Schocks gemacht. Der Austritt eines einzelnen Landes würde eine Finanzkrise von unvorstellbaren Proportionen entfalten“ (Financial Times, 27. März 2017)

Warum funktioniert Europas Währungsunion nicht? Was unterscheidet Europas Währungsunion von der funktionierenden Währungsunion Amerikas?

Der Vergleich mit Amerika bietet sich in der Tat an. Beide Volkswirtschaften bzw. Wirtschaftsräume sind vergleichbar groß, hochentwickelt und wohlhabend. Beide weisen dabei aber auch eine beträchtliche Heterogenität der Regionen auf. Natürlich ist Amerikas Währungsunion älter, sie ist auch eine politische Union und sie beinhaltet nur eine Nation – statt der vielen Nationen, die sich „in Vielfalt geeint“ in Europa währungspolitisch unter dem Euro vereint haben. Doch ungeachtet dieser sicher sehr wichtigen gegensätzlichen politischen und kulturellen Hintergründe lassen vielleicht auch noch andere eher wirtschaftliche Faktoren identifizieren, die den entscheidenden Unterschied in der Performance ausmachen.


Abbildung 1

Quelle: Federal Reserve Bank of Philadelphia State Coincident Indexes


Dabei ist zunächst einmal festzuhalten, dass auch Amerikas wirtschaftliche Entwicklung nicht überall innerhalb der Währungsunion gleichförmig und ausgeglichen verläuft. Da gibt es auch in Amerika von Jahr zu Jahr gewaltige regionale Unterschiede. In den letzten Jahren war die Entwicklung im Energiesektor – im Einklang mit der Ölpreisentwicklung, aber auch im Zusammenhang mit dem Schiefergas-Boom – ein maßgeblicher Faktor. In einigen Bundestaaten ist die Erdöl- und Erdgasgewinnung eine wichtige Industrie. In vielen anderen Staaten spielt sie überhaupt keine Rolle.

Während des Booms boomten also insbesondere die erste Gruppe von Bundesstaaten. Dann wendete sich das Blatt allerdings. In den letzten zwei Jahren bildeten die „Öl-Bundesstaaten“ das Schlusslicht. Abbildung 1 zeigt hierzu einen gleichlaufenden Konjunkturindex der Federal Reserve Bank von Philadelphia, der als eine Art Momentaufnahme sehr große Unterschiede in der Wirtschaftsaktivität im letzten Herbst anzeigt. Für Bundesstaaten im Westen und Südosten zeigt der Index Werte um 4 Prozent Wachstum an, andere dagegen waren in der Rezession; allen „voran“ Wyoming mit 5,7 Prozent Minuswachstum.


Abbildung 2

Quelle: U.S. Labor Department


Entsprechend differenziert war auch die Beschäftigungsentwicklung, wie Abbildung 2 zeigt: im Westen und Südosten stieg sie um 2 Prozent oder schneller, in den rezessiven Bundesstaaten dagegen schrumpfte sie. Auch hier war Wyoming im letzten Jahr das Schlusslicht.

Dass es derart signifikante konjunkturelle Divergenzen innerhalb der amerikanischen Währungsunion gibt, erahnt man vielleicht zunächst nicht, und insbesondere international betrifft die Berichterstattung ja auch immer Amerika insgesamt. Amerikas Volkswirtschaft ist im letzten Jahr mit einer nicht gerade üppigen Rate von 1,6 Prozent gewachsen. In der ersten Jahreshälfte herrschte Stagnation, im dritten Quartal kam es dann zu einer spürbaren Belebung, die sich im letzten Quartal allerdings schon wieder deutlich abgekühlt hat (siehe hier). Ein näherer Blick zeigt aber eine starke regionale Differenzierung der Entwicklung.

Theorie der optimalen Währungsräume

Man kann also sagen, dass Amerika in den letzten Jahren einen „asymmetrischen Schock“ erlebt hat. Die Theorie der optimalen Währungsräume (TOW) stellt solche Schocks in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung, Schocks, die verschiedene Länder oder Regionen eines Währungsraums unterschiedlich treffen. Eine gemeinsame einheitliche Geldpolitik ist dann nicht optimal. Sie muss sich am Durschnitt der Entwicklung orientieren. Für einige Regionen wird sie zu locker, für andere zu straff sein. Es wäre wohl eigentlich besser, wenn jedes Land oder jede Region seinen eigenen spezifischen geldpolitischen Kurs bestimmen könnte. Oder gibt es irgendwelche Marktanpassungsmechanismen oder alternative Politikinstrumente, die für die fehlende geldpolitische Autonomie einen Ausgleich schaffen könnten?

Die Literatur zur TOW hat hierzu insbesondere Faktormobilität als Ausgleichsmechanismus betont, speziell Arbeitsmobilität. Die Arbeitnehmer, die in den schrumpfenden Regionen arbeitslos werden, können ja einfach in die wachsenden Regionen abwandern – sofern sie dazu bereit sind und nicht gehindert werden. In Bezug auf Amerika wurde dann immer betont, wie wunderbar mobil die Amerikaner sind. Für Europa hat man dagegen beständig eine zu niedrige Mobilität bemängelt.

Dann ist man sehr schnell bei dem Argument, man müsse Arbeitsmärkte „liberalisieren“ und auch die Löhne unbedingt „flexibler“ machen. Mit anderen Worten man muss den Arbeitnehmern mittels Strukturreformen mal gehörig Beine machen, dann würde die Währungsunion auch besser funktionieren. Wenn die Arbeit nicht zu einem kommt, dann muss man sich halt zu ihr auf den Weg machen, und zwar auch über Landesgrenzen hinaus, europaweit.


Abbildung 3: Nettomigration auf Kreisebene, 2015-2016

Quelle: U.S. Census Bureau


Historisch betrachtet ist es richtig, dass Amerikaner im Durchschnitt häufiger umziehen als Europäer, sowohl innerhalb ihrer jeweiligen Bundesstaaten, als auch über Staatengrenzen hinaus. In den letzten Jahrzehnten ist diese vielgelobte Mobilität allerdings deutlich gesunken. Was die Abwanderung in die jeweiligen Wachstumsregionen der USA angeht, so liegt der entscheidende Faktor ohnehin in der Entscheidung der jungen Leute, der Schul- und Hochschulabgänger. Die sind in Amerika recht flexibel, dorthin zu ziehen, wohin der Strukturwandel sie treibt. Erleben bestimmte Regionen nachhaltig eine sehr schlechte Entwicklung, dann zwingt sie allerdings auch stärker ältere Arbeitnehmer und Familien zur Abwanderung. (Siehe hier).

Abbildung 3 zeigt hierzu die Ergebnisse der jüngsten Erhebung des U.S. Census Bureaus. Man kann hier grob erkennen, dass die Nettomigrationsströme mit der Konjunktur- und Beschäftigungsentwicklung im Einklang stehen. Starke Abwanderung gibt es zum Beispiel aus Puerto Rico, dem „Griechenland Amerikas“ (s. hier), und von dort insbesondere nach Florida. Eine starke Abwanderung wurde aber auch für viele Kreise der Mitte und des Nordens der USA ermittelt. Für Bundesstaaten wie Illinois zum Beispiel, die vom Niedergang der amerikanischen Industrie besonders betroffen waren, der im Präsidentschaftswahlkampf eine so große Rolle spielte.

Anhaltende Nettomigrationsströme sind keine Lösung

In Europa kann man große und anhaltende Nettomigrationsströme eigentlich nicht wollen. Nicht etwa wegen Fremdenfeindlichkeit. Sondern weil es das Leitbild von der Vielfalt der Kulturen gibt, welche die EU auch verpflichtet ist zu schützen. Wie aber will man die griechischen und baltischen Kulturen schützen und pflegen, wenn die jungen Griechen und Balten massenhaft in die Emigration getrieben werden? Die Idee der Freizügigkeit in Europa steht für Freiheit, für ungehinderte (Brutto-)Migrationsströme in beide Richtungen, nicht für notbedingte Nettomigrationsströme.

So war auch die ursprüngliche Idee der EU Struktur- und Kohäsionsfonds darauf konzentriert, eine ausgeglichene Entwicklung innerhalb der EU zu unterstützen, um so das permanente Zurückfallen bestimmter Regionen und Abwanderung zu verhindern. In Deutschland ist diese Idee sogar in der Verfassung verankert: der Staat ist dazu verpflichtet, gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland herzustellen.

Das Problem ist, dass Entwicklungsprozesse kumulativ sind: setzt in einer Region Massenabwanderung ein, so schrumpft mit der Wirtschafts- auch die Steuerbasis und der Staat wird dann – sofern das Steuersystem keinen Ausgleich schafft – der Schrumpfung zum Beispiel durch Kappung der öffentlichen Infrastrukturinvestitionen hinterhersparen. Das verstärkt solche Divergenzen dann nur noch weiter.

In Amerika hat man wohl grundsätzlich mit solchen Entwicklungen weniger ein Problem, obwohl das so ganz dann heute auch nicht mehr gilt; die Zeiten des Wilden Westens liegen jetzt doch schon etwas länger zurück, man ist sesshafter geworden. Wie dem auch sei, was Amerika vielleicht hinnimmt, muss Europa noch lange nicht nachahmen – auch wenn manche dies politisch motiviert gern als Rechtfertigung ihres verkorksten neoliberalen Arbeitsmarktliberalisierungshumbuks anführen mögen.

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