Kommentar | 18.05.2017

Äpfel vom Markt oder von den Bäumen?

Schon wieder eine erregte ordnungspolitische Debatte: Darf man den Obstbauern, die schwere Ernteschäden wegen der ungewöhnlichen Nachtfröste erwarten, von Seiten des Staates helfen?

Anders gefragt: Was spricht dagegen, Obstbauern, die in diesem Jahr wegen Nachtfrösten fast nichts ernten, mit staatlichen Mitteln über das Jahr zu helfen? Die Antwort: Nichts, außer Ideologie.

In bestimmten Gegenden wird es dieses Jahr kein Obst geben. Nicht schlimm, sagen die meisten Konsumenten, wir kaufen unser Obst ja im Supermarkt, da gibt es immer welches. Wenn es kein deutsches Obst gibt, kaufen wir eben neuseeländisches. Der Apfelsaft und der Orangensaft kommen sowieso hauptsächlich aus China, da haben sie keine Nachtfröste.

Gut so! In der globalisierten Wirtschaft gibt es immer alles und wenn es auf der Nordhalbkugel nichts gibt, kaufen wir das gleiche eben auf der Südhalbkugel. Was aber ist mit den Obstbauern, die ein ganzes Jahr fast nichts verkaufen können? Die haben eben Pech gehabt, der Markt fegt sie hinweg. Im nächsten Jahr verkaufen nur noch die, die Glück oder einen reichen Schwager hatten und dieses Jahr überlebt haben.

Wie zynisch. Eigentlich dachten wir, die Marktwirtschaft belohnt den, der tüchtig ist und bestraft den, der nichts zustande bringt. Was aber hat ein Obstbauer falsch gemacht, der ein tüchtiger Bauer und Betriebswirt ist, aber zufällig in einer Gegend seinen Betrieb hat, wo es in diesem Frühjahr starke Nachtfröste gab?

Der hat halt Pech gehabt. Pech und Glück gehören auch zur Marktwirtschaft. Ist es aber gerechtfertigt, für das Pech einer Nacht am falschen Ort ein Leben lang bestraft zu werden? Warum sollten nicht wir alle, der Staat also stellvertretend für uns, demjenigen, der so viel Pech hatte (das man zudem nicht versichern kann) eine Chance geben? Es kostet den Staat absolut nichts (wie beispielsweise hier gezeigt), einen Kredit aufzunehmen und ihn an den betroffenen Bauern weiterzureichen. Warum sollten wir das nicht tun? Geld für nichts, aber ein Mensch, der sein Leben weiter leben kann und uns mit regional erzeugtem Obst versorgt.

Da aber heben die hohen Priester die Marktwirtschaft warnend die Augenbrauen: Vorsicht, hier wird ein Präzedenzfall geschaffen, demnächst kommen alle, die wirtschaftliche Probleme haben und wollen Hilfe vom Staat. Klar, alle, die nachweisen können, dass sie vollkommen ohne ihr Verschulden in Not geraten sind, bekommen Hilfe vom Staat. Das ist selbstverständlich und muss für Arbeitnehmer wie für Unternehmer gleichermaßen gelten.

Das sind aber Unternehmer, die haben vorher viel verdient und keine guten Löhne bezahlt, warum sollten wir denen helfen, tönt es da aus der linken Ecke. Wir hätten sie eben vernünftig besteuern sollen und verlangen sollen, dass sie vernünftige Löhne bezahlen, was kann der Obstbauer dafür, dass wir eine unfähige Regierung hatten, die das nicht durchgesetzt hat?

Die haben vielleicht Vermögen, auf das sie zurückgreifen können, das müssen wir prüfen, insistiert man von links. Das stimmt, genau wie bei den Hartz IV-Beziehern sollte der Staat streng prüfen, ob es Vermögen gibt, das die Bauern aufbrauchen können, bevor der Staat ihnen hilft.

Ein vernünftiger Staat würde bei der Gelegenheit aber vielleicht merken, dass diese Prüfung der Vermögensverhältnisse gar nicht sinnvoll ist und einfach darauf verzichten. Er würde auch den Arbeitnehmern, die ohne ihre eigene Schuld in eine fatale Lage geraten sind, ihr Vermögen vollständig belassen.

Das wäre ein schöne Geste, die zeigen würde, dass wir eine Gesellschaft sind, die versteht, dass es nicht gerechtfertigt ist, eine Menschen fallen zu lassen, nur weil er Pech hatte. Vielleicht könnten wir allgemein lernen, dass viel wichtiger als die Prüfung der Vermögensverhältnisse die Frage ist, ob ein Mensch für die Zukunft bereit ist, sich weiter in die Gesellschaft einzubringen mit all den Fähigkeiten, die er nun einmal hat.

Noch besser wäre es, wenn wir lernen würden, dass es nicht die konkrete schwierige Situation ist, die bei der Prüfung der Hilfe durch den Staat den Ausschlag gibt, sondern die Frage, wie viel eigene Schuld der Bürger an seiner Notlage hat. Was rechtfertigt die Prüfung der Vermögensverhältnisse eines Menschen, der nur deswegen arbeitslos ist, weil ein unfähiger Unternehmer eine Firma gegen die Wand gefahren hat?

Will jemand sich wieder in die Gesellschaft einbringen, hat aber keine Gelegenheit, weil die Nachtfröste zu stark waren oder der Arbeitsmarkt zu schwach ist, sollten wir ihm über das Jahr helfen, ganz gleich, ob er Unternehmer oder Arbeitnehmer ist.

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