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Soziales | 19.05.2017

Die Ursachen von Radikalisierung und was man dagegen tun kann – 2

Eine gute Grundversorgung mit öffentlichen Gütern ist Voraussetzung für die Integration abgleitender Gruppen. Wer aber verstehen will, was junge Menschen zum Terrorismus treibt, muss sich mit den Zielen der Organisationen beschäftigen, die für sie attraktiv sind.

Es wurde schon oft dokumentiert, dass private Institutionen, die sich um sozial benachteiligte Gebiete kümmern, „gegenüber den Institutionen, die den restlichen Teil der Stadt mit Gütern und Dienstleistungen versorgen, viel geringwertiger sind“ und unabhängig davon agieren (um es mit den Worten von Loic Wacquant zu sagen, siehe hier). Öffentliches Gut und soziales Kapital sind in einigen amerikanischen Gettos zu einem solchen Ausmaß verfallen, dass man behaupten kann, dass „öffentliche Institutionen als negatives soziales Kapital agieren und daher dafür sorgen, dass die Getto-Bewohner ihrer abhängigen und grenzwertigen Situation nicht entfliehen können“ (hier).

Diese Umstände sind trauriger Weise auch in Europa Realität geworden. So ist die Polizei oftmals nur unzureichend in solchen sozial benachteiligten Stadtgebieten unterwegs. Oder, sofern doch anwesend, repräsentiert sie eine kulturell fremde und willkürlich agierende Autorität, die die Gewaltbereitschaft eher befeuert, anstatt diese zu senken – speziell bei jugendlichen Banden. Sozialhilfen werden in einen Apparat der Überwachung umgewandelt, einschließlich „der Schaffung von gebührenfreien Nummern zur anonymen Anprangerung von ‚Sozialhilfetricks‘, die das Misstrauen in staatliche Bürokratie verfestigen und das Stigma der Sozialhilfe intensivieren“ (siehe hier).

Drei Vorgänge sind dabei im Besonderen relevant:

  1. organisatorische Verelendung: Sowohl öffentliche als auch private Organisationen verringern ihre Aktivitäten in benachteiligten Stadtgebieten oder gehen dazu über, dort schlechtere Güter und Dienstleistungen, wie Schulen, Einkaufszentren, Gesundheitszentren, Polizei, öffentliche Instandhaltung von Parks und Straßen, Freiwilligendienst etc. anzubieten;
  2. Anti-Befriedung : Die Kriminalitätsrate steigt, da offizielle Arbeitsplätze verschwinden und Clubs, Communities und andere Organisationen ihre Aktivitäten vor Ort zurückfahren oder sich komplett zurückziehen;
  3. Ökonomische Informalisierung: Es entsteht eine irreguläre Straßenökonomie, die reguläre Lohnarbeiterwirtschaft ersetzt (siehe dazu hier).

All das verbindet sich mit einer breiten Skala kultureller Faktoren. So ist es möglich, dass extreme Ideologien attraktiv auf junge, enttäuschte und sozial isolierte Menschen auf der Suche nach positiver Identität wirken. Männer versuchen öffentlich ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen, um Diskriminierung, Arbeitslosigkeit und Ausschluss entgegenzutreten. Es ist einfach, auf Technologie bzw. das Internet zurückzugreifen, um soziale Vernetzung und Kommunikation zu haben und die eigene Identität zu gestalten.

Dies befördert im Gegenzug womöglich eine fundamentalistischere Form des Islam, da es kaum Möglichkeiten gibt, radikale Positionen durch Debatte oder Diskussion zu entkräften. Extreme Glaubensansichten, durch Isolation genährt, negiert die Entwicklung von sozialen Fähigkeiten, die notwendig sind, um soziale und wirtschaftliche Herausforderungen zu überwinden.

Die Suche nach sozialer Solidarität

Terroristen sind keine rational agierenden Täter, die Anschläge für politische Zwecke nutzen. Das strategische Modell unserer Demokratien postuliert, dass Terroristen rationale Täter sind, die Zivilisten opfern, um eine politische Nachricht in die Welt zu senden. In diesem Modell werden Terroristen als politische Nutzenmaximierer gesehen. Menschen „nutzen“ Terrorismus, wenn der erwartete politische Nutzen minus die erwarteten Kosten Netto-Vorteile verspricht. Dieses Modell hat eine weitverbreitete Währung: Strategien zur Bekämpfung von Terrorismus sind darauf ausgelegt, den Terrorismus durch Reduzierung der politischen Nützlichkeit zu besiegen. Das Problem dabei ist, dass die Charakteristika von terroristischen Organisationen dem widersprechen.

Es gibt starke empirische Beweise, dass Menschen nicht etwa Terroristen werden, um die von ihren Organisationen erklärte politische Agenda umzusetzen, sondern um gefühlsbezogene Bindungen zu entwickeln (siehe hier). Die Beweislast bestätigt, dass Menschen terroristischen Organisationen aufgrund sozialer Solidarität beitreten und nicht aufgrund politischer Versprechungen.

Jeff Victoroff, ein Experte für die Psychologie von Terroristen, schließt in einer Zusammenfassung der Literatur darauf, dass „die Behauptung, dass keine individuellen Faktoren diejenigen identifizieren können, die Gefahr laufen, zu einem Terroristen zu werden, auf vollständig inadäquaten Forschungen basieren“. Vielmehr sprechen terroristische Organisationen unverhältnismäßig Leute mit bestimmten psychologischen Merkmalen an – und zwar speziell sozial entfremdete. Sein Kollege Melvin Seeman definiert Entfremdung als das Gefühl der Einsamkeit, Abweisung oder des Ausschlusses von werthaltigen sozialen Beziehungen, Gruppen oder Gemeinschaften.

Demografische Daten zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der terroristischen Organisationen aus unverheirateten jungen Männern oder verwitweten Frauen besteht, die vor ihrem Beitritt nicht gewinnbringend angestellt waren (siehe hier). Die Studien zeigen weiterhin, dass terroristische Organisationen Rückzugsorte für Leute sind, die von ihrem Geburtsland, ihren Familien und Freunden, aber auch von der Gesellschaft des Gastlandes abgeschnitten sind. Diese Risikofaktoren sind speziell bei Al-Qaida-Anhängern weit verbreitet, von denen viele „kulturell Ausgestoßene“ sind und am Rande der Gesellschaft als nicht integrierte Immigranten der ersten oder zweiten Generation in nicht muslimischen Ländern leben.

Kurz: Terroristische Organisationen sind besonders attraktiv für diejenigen, die Solidarität suchen: solche Gruppierungen sind aufgrund der extremen Gefahren und Kosten, die aus einem Beitritt resultieren und deren Neigungen, gesellschaftliche Erwartungen zu verletzen, viel enger verbunden als freiwillige Verbindungen.

Diese Beobachtung erklärt sich aus dem Fakt, dass selbst wenn terroristische Organisationen beim Erreichen ihrer politischen Ziele versagen, terroristische Aktivitäten häufig dafür sorgen, dass neue Rekruten beitreten, dass die Moral unter den Anhängern gestärkt und/oder dass die „soziale Einheit“ in irgendeiner anderen Weise gestärkt wird.

Basierend auf Interviews mit Terroristen, verglichen die Forscher die Abenteuer der ausländischen Kämpfer mit einer Erfahrung der Bewährung für junge Männer, die Herausforderung, Aufregung und vor allem „Freundschaft“ mit anderen kameradschaftlichen Terroristen suchen. Sobald Mitglieder den sozialen Vorteilen einer Organisation die höchste Wichtigkeit zuordnen, wird die Organisation versuchen, deren Bestand zu verlängern, selbst wenn man dabei die eigenen, offiziellen Ziele behindert. Das ist exakt die Art und Weise, wie sich terroristische Organisationen im Normalfall verhalten (siehe hier).

Diese Erkenntnisse sind für Verfechter des strategischen Modells natürlich verwirrend, um es vorsichtig auszudrücken. Das natürliche Systemmodell sagt aus, dass terroristische Organisationen routinemäßig Handlungen ausführen, die deren Existenz rechtfertigen und aufrechterhalten, selbst wenn diese deren offizielle politische Agenda untergraben. Wie Max Abraham, der Urheber des natürlichen Systemmodells, schreibt, werden terroristische Organisationen getreu des Modells:

  • ihre Existenzmöglichkeiten verlängern, indem sie auf Strategien vertrauen, die von den Zielregierungen mit einer noch härteren Haltung beantwortet werden;
  • ihr kontinuierliches Überleben sichern, indem sie Möglichkeiten zur friedlichen Teilhabe an demokratischen Vorgängen untergraben;
  • vermeiden, ihre Daseinsberechtigung aufzugeben, indem sie ausgehandelte Einigungen, die signifikante politische Zugeständnisse bieten, ablehnen;
  • ihren Fortbestand garantieren, indem sie für eine Litanei an wechselnden politischen Zielen, die niemals erfüllt werden können, eintreten;
  • organisationsgefährdende Repressalien abwenden, indem sie anonyme Angriffe ausführen, selbst wenn das die Wahrscheinlichkeit von erzwungenen politischen Zugeständnissen verhindert;
  • ideologisch identische terroristische Organisationen, die im Wettbewerb um neue Mitglieder stehen, auslöschen, trotz des nachteiligen Effekts, den dieser auf ihre proklamierten, politischen Ziele hat;
  • sich weigern, sich aufzulösen, wenn nach der bewaffneten Auseinandersetzung eminent wird, dass diese keinen politischen Erfolg hatte oder die politischen Gründe dahinter irrelevant geworden sind (siehe hier).

Keine dieser Handlungen bringt der offiziellen politischen Agenda dieser Organisationen etwas, doch alle helfen bei dem Erreichen des primären Zieles, dem Überleben der sozialen Einheit. Zusammengesehen legen sie die operativen Entscheidungsgrundlagen der Terroristen offen. Die Relevanz dieser Erkenntnisse kann man nur schwer überbewerten. Wenn Terroristen soziale Vorteile generell höherstellen als die eigenen politischen Ziele, dann müssen die Strategien zur Terrorismusbekämpfung fundamental geändert werden.

Ein Strategievorschlag

Die Handhabung benachteiligter Stadtgebiete und das affektbetonte Modell erklären in klarer Weise die Hauptgründe der Radikalisierung. Diese Umstände können gänzlich geändert werden. Die statistische Auswirkung pädagogischer Maßnahmen weist auf ein direktes Mittel hin, mit dessen Hilfe Regierungen und die Zivilgesellschaft den Einfluss radikaler Diskurse, die eine Gefahr für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft oder für die nationale Sicherheit darstellen, bekämpfen kann.

Während der Ruf nach mehr Bildung heutzutage fast wie ein „Allheilmittel“ für soziale Phänomene ist, zeigen viele Studien, dass höhere Bildungsniveaus unter Muslimen dabei helfen, deren politische und soziale Haltung mit pluralistischen, liberalen und demokratischen Normen in Einklang zu bringen – aber nur unter der Voraussetzung, dass Bildung zu einer wirklichen Integration und zu einer anständigen Arbeit führt.

Pädagogische Standards zu verbessern ohne dabei die Aussichten auf Beschäftigung zu erhöhen bzw. Arbeitsplätze schaffen ohne politische und gesellschaftliche Teilhabe zu garantieren, wird nur zu weiterer Verbitterung führen.

Man kann immer mehr Polizei auf die Straße stellen. Aber das ist ein sinnloses Unterfangen, das auf Scheitern programmiert ist. Es besteht dann eher die Gefahr, dass wir in einem Polizeistaat leben werden, ohne dass dem Terrorismus dadurch in irgendeiner Weise effektiv Einhalt geboten würde. Eine Form der permanenten Notstandsregierung wird sich vielmehr durch zivile, politische und soziale Rechte fressen.

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