Eurozone | 16.05.2017

Euro-Ausstieg: Nutzlos und gefährlich?

Die Linke in Deutschland bleibt in der Frage, ob es eine Lösung der Eurokrise innerhalb des Eurosystems geben kann oder nicht, gespalten. Derweil erteilt ein neuer Beitrag im „Sozialismus“ allen Euro-Ausstiegs-Überlegungen eine Absage.

Die Debatte innerhalb der Linken über die Zukunft des Euro geht weiter. Dabei stehen sich zwei Positionen gegenüber: Die eine lehnt alle linken Ausstiegsszenarien aus dem Euro entschieden ab, die andere fordert genau einen solchen Austritt einzelner Länder, eine geordnete Auflösung der Eurozone oder zumindest eine Aufrechterhaltung und intensivierte Diskussion dieser Exit-Optionen.

Wir haben zu begründen versucht, warum wir zur zweiten Position tendieren – nicht aus einer wie auch immer gearteten Europafeindlichkeit, sondern weil es uns zunehmend schwerer fällt, an eine Krisenlösung im Rahmen der Europäischen Währungsunion zu glauben. Vielmehr befürchten wir, dass es gerade die Ausgestaltung dieser Währungsunion ist, die Europa spaltet und zugleich die überall zu beobachtenden Nationalismen fördert.

In die Diskussion eingeschaltet hat sich jetzt auch Michael Wendl, Mitherausgeber der Zeitschrift „Sozialismus“, der sich in einem Artikel (hier) direkt auf unseren Beitrag für Makroskop zu der Thematik (hier und hier zu finden) bezieht. Er steht einem Ausstieg aus der Währungsunion sehr kritisch gegenüber, vor allem, weil er eine positive Wirkung nominaler Abwertungen, die den Exit-Ländern ja wieder als Anpassungsinstrument zur Verfügung stünden, generell bezweifelt. Zum zweiten sieht er unsere Kritik an der These von der allumfassenden Macht der Finanzmärkte skeptisch, weil sie auf der „Modern Money Theory“ (MMT) basiere, die „(i)n den deutschen ökonomietheoretischen Debatten […] weitgehend unbekannt“ (S. 62) sei. In jedem Fall würden die verantwortlichen Politiker und Ökonomen in den potenziellen Euro-Ausstiegsländern vor einer Anwendung der MMT sehr wahrscheinlich zurückschrecken.

Wir werden uns mit dem erstgenannten Punkt in diesem und dem anderen Aspekt in einem weiteren Beitrag auseinandersetzen.

Die Effekte von Wechselkursänderungen

Wendl glaubt nicht, dass Wechselkursanpassungen tatsächlich einen Nutzen bringen. Zwar würden für ein Land bei einer Abwertung seiner Währung die Exporte preiswerter und die Importe teurer, aber es drohe über die Importe die Gefahr einer Preis-Lohn-Spirale und damit einer Erhöhung und Verselbständigung der Inflation:

«Ist das Volumen der Importe weiterhin groß, so kann über die hohen Preise der Importgüter das Preisniveau in dem betreffenden Land steigen, anders gesagt, es kommt zu einer Inflation. In dieser Situation erwarten Busch u.a. Lohnerhöhungen, um das Reallohnniveau mindestens zu verteidigen. Es kommt dann zu einer Preis-Lohn-Spirale, die zu weiter steigender Inflation führt» (S. 61).

Damit aber werde der Effekt der nominalen Abwertung zunichte gemacht. Es sei falsch, dass ein wesentlicher Teil der Importe ersetzt werden könnte, wie wir behaupteten:

«Die Annahme, dass sich viele Importgüter substituieren lassen, ist heroisch» (S. 61).

Ganz im Gegenteil importieren nach Wendl die potenziellen Austrittsländer in großem Umfang Waren und Dienstleistungen, die sie kurz- oder mittelfristig und in vielen Fällen (hochwertige Investitionsgüter) sogar langfristig nicht selbst produzieren könnten. Das Volumen der Importe nehme bei einer Währungsabwertung also kaum ab. Je stärker aber abgewertet werden müsse, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen, desto höher seien die importierte Inflation und folglich die Reallohnverluste in den Exit-Ländern, die dann die Gewerkschaften wieder auszugleichen versuchen würden.

Der Fall Island

Verschiedene Autoren (uns eingeschlossen) haben sich in der Vergangenheit bereits auf Makroskop mit der unserer Meinung nach falschen Ansicht, dass mit Wechselkursanpassungen nach einem Euro-Ausstieg wenig auszurichten sei – einer These, die z.B. auch von Busch et al. (2016) in sehr ähnlicher Weise vertreten wird –, theoretisch auseinandergesetzt (hier, hier oder hier). Wir möchten die dort vorgetragene Argumentation hier nicht wiederholen. Stattdessen wollen wir diese Behauptung empirisch überprüfen, und zwar am Beispiel Islands, eines Landes, dessen Währung sich zwischen 2008 und 2009 drastisch abwertete.

Island bietet sich auch aus anderen Gründen für einen Test an: Zum einen handelt es sich um einen Fall aus der jüngsten Vergangenheit, zum anderen weist gerade Island alle Kriterien auf, die nach Auffassung Wendls einer erfolgreichen Abwertungsstrategie im Wege stehen: Es handelt sich um ein sehr kleines Land mit einer wenig diversifizierten Wirtschaftsstruktur, das in hohem Maße von Importen abhängig ist (seine Importquote beträgt im Jahr 2016 knapp 45 Prozent und liegt damit deutlich über derjenigen der Euro-Südländer Spanien, Italien, Portugal und Griechenland).

Sollte sich also feststellen lassen, dass sogar in diesem Land eine wirkungsvolle Abwertung möglich war, so kann wohl kaum noch behauptet werden, dass eine Abwertungsstrategie (nach einem Euro-Austritt) in großen Ländern mit einer vergleichsweise geringen Importabhängigkeit wie etwa Frankreich, Spanien oder Italien, aber auch in kleineren Ländern wie Griechenland oder Portugal von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre.

Island geriet im Oktober 2008 in eine schwere Finanzkrise. Die Bilanzsumme der drei größten Banken des Landes, die in dubiose Immobilienkredite, Finanzwetten und Währungsgeschäfte verwickelt waren, war in den vorangegangenen Jahren auf mehr als das Zehnfache des BIP von Island angewachsen. Da die Operationen der privaten Banken in ihrer großen Mehrheit in Fremdwährungen stattfanden, die Banken damit in ausländischen Währung verschuldet waren, konnte die isländische Zentralbank ihnen nicht zur Seite springen. Rund 90 Prozent des isländischen Bankensystems brachen im Oktober 2008 innerhalb nur einer Woche zusammen und die Regierung musste mit einer Notstandsgesetzgebung eingreifen, um die Volkswirtschaft vor dem kompletten Kollaps zu bewahren.

Wichtig ist nun, dass – obwohl der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einem Bereitschaftskreditabkommen („Standby Arrangement“) involviert war – die isländische Regierung nicht mit einer umfassenden Austeritätspolitik auf die Krise reagierte. Stattdessen wurden solange (zuerst sehr hohe) öffentliche Defizite zur Unterstützung des Wachstums hingenommen, bis die inländischen privaten Ausgaben sich ausreichend erholt hatten. Dazu kamen weitere Maßnahmen wie die Abwicklung der Banken bei gleichzeitiger Sicherung der Einlagen und Kapitalverkehrskontrollen (vgl. dazu den ausgezeichneten Beitrag von Dirk Ehnts hier). Einer der wichtigsten Faktoren, die zur raschen Überwindung der Krise führten, war zweifellos die sehr starke Abwertung der Isländischen Krone, die in Abbildung 1 gezeigt wird.


Abbildung 1

Devisenkurs der Isländischen Krone gegenüber dem Euro

Quelle: Mitchell 2017


Die Krone wertete sich von 88,53 Kronen je Euro im September 2007 auf 184,64 Kronen je Euro im November 2009 ab (die steigende Kurve in der Abbildung zeigt eine Abwertung der Krone an). Danach stabilisierte sie sich mit der Erholung der Wirtschaft bis Anfang 2014, um anschließend sogar wieder etwas gegenüber dem Euro aufzuwerten. Diese Abwertung der Krone um rund 50 Prozent hatte genau den positiven Effekt, den Wendl in seinem Beitrag bezweifelt.

Der US-amerikanische Ökonom Dean Baker vom „Center for Economic and Policy Research“ stellte bereits 2012 zur Entwicklung Islands fest (hier):

„Da das Land eine eigene Währung hat, konnte es viel von der notwendigen Anpassung an die Krise dadurch vornehmen, dass es den Wert seiner Währung relativ zu den Währungen seiner Handelspartner sinken ließ. Dies verteuerte die Importe und reduzierte damit das Volumen der Importe drastisch. Die niedriger bewertete Isländische Krone machte auch seine Exporte billiger, was zu einem starken Anstieg der Exporte führte“ (Übersetzung durch die Verf.).

Das schlägt sich deutlich in der Entwicklung der Leistungsbilanz nieder: Verzeichnete Island im Jahr 2008 noch ein immenses Leistungsbilanzdefizit in Höhe von 23,1 Prozent des BIP, so schrumpfte dieses danach Jahr für Jahr auf schließlich nur noch 4,1 Prozent im Jahr 2012. Im Jahr 2013 verbuchte Island dann sogar einen Leistungsbilanzüberschuss von 6 Prozent des BIP. Der positive Leistungsbilanzsaldo blieb auch in den Folgejahren bestehen (vgl. hier).

Aber wie sieht es mit der Inflation in Island aus? Hat die Abwertung der nationalen Währung des Landes einen anhaltenden Inflationsschub ausgelöst, wie nach Wendl zu vermuten wäre?

Abbildung 2 zeigt, dass davon keine Rede sein kann. Zwar stieg die Inflation in Island (gemessen anhand des Verbraucherpreisindex) in den Jahren 2008 und 2009 als Folge der abwertenden Isländischen Krone (erwartungsgemäß) deutlich an, aber es handelte sich keineswegs um eine dauerhafte Entwicklung, denn bereits 2010 sank die annualisierte Rate wieder stark und lag 2015 und 2016 mit 1,6 bzw. 1,7 Prozent auf dem tiefsten Stand seit Jahren.


Abbildung 2

Quelle: Statistics Iceland


War vielleicht die Abwertung der Isländischen Krone deshalb so erfolgreich, d.h. hat sie deshalb zu einer so deutlichen Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Islands geführt (wie an der Entwicklung der isländischen Leistungsbilanz ablesbar), weil sie mit einer entsprechenden Senkung der Reallöhne einherging?

Zur Erinnerung: Busch et al. (2016a), denen Wendl weitgehend folgt, hatten behauptet, dass eine nominale Abwertung nur bei einer gleich hohen Reallohnsenkung zu einer Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit führen könne (hier):

„Eine nominale Abwertung erhöht die Importpreise und diese importierte Inflation löst eine Preis-Lohn-Spirale aus, die nach und nach den Effekt der nominalen Abwertung auffrisst. Deshalb argumentieren Autoren wie Dornbusch und Fischer, dass eine nominale Abwertung nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie von einer gleichhohen Senkung der Reallöhne begleitet wird.“

Abbildung 3 zeigt die Veränderung des Reallohnindex in Island – getrennt nach privatem und öffentlichem Sektor – vom ersten Quartal 2005 bis zum vierten Quartal 2016. Zwar kam es mit der Abwertung der Krone tatsächlich zu einer beträchtlichen Reduktion des Reallohnniveaus in beiden Sektoren – verursacht vor allem durch die steigende Inflationsrate in Island –, aber die Senkung der Reallöhne fiel deutlich geringer aus als die nominale Abwertung der Krone.


Abbildung 3

Entwicklung des Reallohnindex in Island

Quelle: Mitchell 2017


Dies zeigt bereits ein Vergleich mit Abbildung 1, wenngleich diese nur das Krone/Euro-Verhältnis angibt. Aber auch wenn man verschiedene Wechselkursindizes – etwa des isländischen Statistikamtes Statistics Iceland (hier) – heranzieht, die die Wertentwicklung der Krone gegenüber einem handelsgewichteten Korb anderer Währungen messen, ergibt sich ein sehr ähnliches Ergebnis: Die Abwertung der Isländischen Krone fiel keineswegs mit einer gleich hohen Reallohnreduktion zusammen. Zwar sanken die Reallöhne in Island, aber bei weitem nicht um die vollständige Rate der Abwertung. Trotzdem verbesserte sich – entgegen den Vorstellungen von Busch et al. und ihrer Referenzen Dornbusch/Fischer – die Wettbewerbsfähigkeit Islands ganz erheblich.

Aber nicht nur das: Wie aus Abbildung 3 ersichtlich, legten die Reallöhne bereits wenige Jahre nach ihrem Rückgang wieder spürbar zu und liegen heute merklich über ihrem Vorkrisenniveau.

Ein Blick auf die Wachstumsraten des BIP soll abschließend noch einmal zeigen, wie gut sich Island von der schweren Krise 2008-2010 erholt hat (Abbildung 4).


Abbildung 4


Nach vorläufigen Berechnungen stieg das reale BIP in Island im letzten Jahr um 7,2 Prozent, nach 4,1 Prozent im Jahr 2015. Die „Süddeutsche Zeitung“ bezeichnete bereits vor knapp einem Jahr die wirtschaftliche Entwicklung in Island als „Wunder“ (hier). Ein „Wunder“ muss man aber gar nicht bemühen, um den Erfolg Islands zu beschreiben. Als Erklärung genügen eine kluge Wirtschaftspolitik und die Verfügbarkeit einer eigenen, souveränen Währung.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Sicherlich lässt sich die Situation Islands nicht eins zu eins auf die der Euro-Krisenländer übertragen. Dennoch stellt sich bei einem Vergleich der ökonomischen Lage  in weiten Teilen des Euroraumes mit derjenigen in Island die Frage, ob nicht Länder wie z.B. Italien oder auch Griechenland gut beraten wären, einen Ausstieg aus dem Euro als ernsthafte Option in Erwägung zu ziehen.

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