Theorie | 23.05.2017

Modern Money Theory – ein wirtschaftspolitisches Experiment?

In seiner Kritik an unserer Position, dass ein Euro-Ausstieg nicht tabuisiert werden darf, bezweifelt Michael Wendl, dass mögliche Euro-Austrittsländer sich auf ein Experiment mit der von uns vertretenen „Modern Money Theory“ einlassen würden. Diese Einschätzung basiert auf einem gravierenden Missverständnis.

Der Gewerkschaftssekretär und SPD-Politiker Michael Wendl weist zu Recht darauf hin (Zeitschrift „Sozialismus“, Heft 4-2017), dass wir die Vorstellung, dass die Finanzmärkte über eine fast unbegrenzte Macht verfügen, mit der sie hilflose Regierungen nach Belieben abstrafen können, für unzutreffend halten – jedenfalls in Bezug auf Länder, die ihre eigenen, souveränen Währungen emittieren. Wir bezweifeln deshalb in der Tat, dass in Ländern, die aus der Europäischen Währungsunion austreten, zwangsläufig die Zinsen für zukünftige Staatsanleihen dramatisch steigen müssen.

Wendl stellt auch richtig fest, dass unsere Argumentation sich an der sogenannten „Modern Money Theory“ (MMT) orientiert. Diese – so Wendl – stehe im Widerspruch zur marxistischen Auffassung, dass allen Geldformen eine Geldware (nämlich Gold) zugrunde liege:

«Aus marxistischer Sicht wird am Geld als Geldware, die in letzter Instanz einen Wert repräsentieren muss, festgehalten […]. Eine staatliche Geldschöpfung aus dem Nichts wird deshalb ausgesprochen kritisch gesehen» (S. 62).

Das mag sein, aber wir betrachten die Diskussion über die Frage, ob das heutige Geld „in letzter Instanz“ auf einer Geldware basiert, als wenig zielführend: Im August 1971 beendete US-Präsident Richard Nixon faktisch das Bretton-Woods-System fester Wechselkurse, indem er die Goldkonvertibilität des US-Dollar aufhob. Die Maßnahme bedeutete, dass die nationalen Währungen keine Golddeckung mehr besaßen. Formal wurde das Bretton-Woods-System im Februar 1973 aufgegeben. Dieser Schritt legte den Grundstein für die neue Zeit der sogenannten „Fiat-Währungen“, die in keine Ware wie etwa Gold konvertierbar sind.

Natürlich stellt sich hier die Frage, wodurch eine Fiat-Währung ihre Akzeptanz erhält, wenn sie doch nicht zu einem festen Kurs in Gold oder ein anderes Edelmetall umgetauscht werden kann.

Die plausible Antwort, die die MMT gibt, lässt sich in der Kurzformel „Taxes drive money“ zusammenfassen: Alle souveränen Staaten beanspruchen für sich das Recht, Steuern (und andere Zahlungen an den Staat wie z.B. Gebühren, Abgaben, Bußgelder etc.) zu erheben und einzuziehen. Diese Steuerpflichten werden in nationalen Rechnungseinheiten (z.B. Dollar in den USA, Yen in Japan, Yuan in China) auferlegt; gleichzeitig fragt der Staat auch Waren und Dienstleistungen im privaten Sektor nach und bezahlt sie in eben diesen Rechnungseinheiten.

Fast alle Länder mit einer eigenen Währung akzeptieren bei der Zahlung von Steuern und anderen Geldschulden gegenüber dem Staat nur ihre eigene Währung (also keine Fremdwährungen).[1] Auf diesem Wege erzeugt der Staat eine Nachfrage nach seiner nationalen Währung, indem er für alle steuerzahlenden Bürger des Landes die Notwendigkeit schafft, durch Produktion und Teilnahme am Wirtschaftsprozess, d.h. im Austausch gegen angebotene Waren und Dienstleistungen (inklusive des Angebots von Arbeit), die benötigten staatlichen Rechnungseinheiten zu erlangen.

Wenn aber allgemeine Nachfrage nach der Währung des Staates besteht, findet sie auch bei privaten Zahlungen, also etwa bei Güterkäufen oder der Begleichung von Schulden gegenüber privaten Haushalten oder Unternehmen, Akzeptanz und wird entsprechend genutzt (ebenso wie z.B. zur Hortung im Sparstrumpf).

Es sind also keine Goldreserven erforderlich, um die Akzeptanz einer staatlichen Währung sicherzustellen. Er genügt die Auferlegung einer Steuerpflicht, der in der Währung des Staates nachzukommen ist (dazu ausführlicher Wray 2015).

Nur am Rande sei hier erwähnt, dass die neuere marxistische Debatte (im Gefolge der sogenannten Rekonstruktionsversuche der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie seit Ende der 1960er Jahre) unserer Meinung nach gerade daran krankt, dass sich die meisten Diskutanten kategorisch weigern, die auf ein metallistisches Geld- und Währungssystem bezogene Geldtheorie von Marx zugunsten einer modernen Geldtheorie („modern money theory“), die ein Fiat-Geldsystem zugrunde legt, aufzugeben. Dies aber verstellt den Blick auf die reale Welt und führt zu fruchtlosen Diskussionen.

Wendl sieht noch ein anderes Problem:

«Eine weitere Frage der staatlichen Geldschöpfung besteht darin, ob es gelingen kann, das dadurch geschaffene Geldvolumen so zu begrenzen, dass es nicht in eine massive Inflation führt.“ (S. 63)

Denn es könne „ein Volumen an Geldschöpfung geben, das den gesamten materiellen Reichtum der Gesellschaft übersteigt“. Letzteres wird von keinem Vertreter der MMT bestritten: Nach dieser Theorie kommt es dann zu einer nachfragebedingten Inflation, wenn das Wachstum der nominalen Gesamtnachfrage die Möglichkeiten der Volkswirtschaft übersteigt, der zunehmenden Nachfrage mit einer realen Produktionsausweitung zu entsprechen. Dies gilt im Übrigen für alle Ausgaben (private ebenso wie öffentliche), die eine nominale Gesamtnachfrage erzeugen, die größer ist als die reale Kapazität der Volkswirtschaft zur Befriedigung dieser Nachfrage.

Anders als manchmal dargestellt, behauptet MMT auch nicht, dass der Staat eines Landes, das seine eigene, souveräne Währung emittiert, keinerlei Beschränkungen unterliegt. Jedoch sind seine Beschränkungen realer und nicht finanzieller Art. Ein Staat kann immer alles kaufen, was in seiner souveränen Währung zum Verkauf angeboten wird, steht also nie vor dem Problem, dass er sich einen Kauf finanziell nicht leisten kann. Solange reale Ressourcen zum Kauf in der von ihm emittierten eigenen Währung verfügbar sind, kann der Staat sie erwerben (und einer produktiven Verwendung zuführen).

Jedoch wäre eine Regierung schlecht beraten, ihre nominalen Ausgaben so stark zu erhöhen, dass deren Wachstum das Wachstum der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität übersteigt, weil in diesem Fall Inflation droht. Mit anderen Worten: Obwohl also ein Staat mit einer souveränen Währung über unbegrenzte finanzielle Ressourcen verfügt, kann er diese nur nutzen, wenn entsprechende reale Ressourcen zum Verkauf in dieser Währung vorhanden sind.

Insgesamt gibt Wendl die zentralen Aussagen der MMT leider sehr verzerrt wieder. Wir können im Rahmen dieses Beitrags darauf nicht im Einzelnen eingehen, deshalb hier nur der vielleicht wichtigste Punkt: Wie bereits die Überschrift seines Artikels („Mit der ‚Modern Money Theory‘ aus der Krise?“) andeutet, betrachtet Wendl MMT offenbar als ein – neu einzuführendes – wirtschaftspolitisches Regime. So schreibt er im Hinblick auf potenzielle Euro-Austrittsländer:

«Es ist außerdem nicht realistisch, davon auszugehen, dass die politische Führung dieser Länder und die sie beratenden Ökonomen das Experiment mit dieser Modern Money Theory wagen werden. Ob eine der Notenbanken der ausgetretenen Länder diese Form der Staatsfinanzierung wagt oder dazu politisch gezwungen werden kann, ist mehr als zweifelhaft» (S.62f).

Hierbei handelt es sich um ein fundamentales Missverständnis: MMT stellt einen Paradigmenwechsel im ökonomischen Denken dar, nicht aber einen Regimewechsel in der Funktionsweise des Geldsystems (vgl. auch Mitchell 2017a). Um es vereinfacht zu formulieren: Wir leben bereits in der MMT-Welt. MMT bietet eine konsistente Alternative zu den herrschenden Theorien des ökonomischen Mainstreams, die erklärt, wie das gegenwärtige Fiat-Geldsystem funktioniert und welche zentrale Rolle dem Staat in einer modernen Geldwirtschaft zukommt.

Natürlich lassen sich daraus auch Handlungsoptionen für einen souveränen Staat mit einer eigenen Währung zur Erhöhung des Wohlstands der Gesellschaft ableiten. Aber MMT ist kein Regime, zu dem man wechseln kann. MMT lässt sich also nicht (von einer progressiven Regierung) „einführen“, um dadurch neue Politikoptionen zu schaffen. Auch ist MMT weder eine „linke“ noch eine „rechte“ Theorie, wenngleich die meisten MMT-Anhänger eher dem linken politischen Spektrum zuzuordnen sind.

Bezogen auf die von Wendl angesprochene Frage zur Dominanz der Finanzmärkte bedeutet dies: Aus der „Modern Money Theory“ geht schlüssig hervor, dass die Bondmärkte im Fall eines Landes mit einer eigenen, souveränen Währung nicht über die Macht verfügen, dessen staatliche Haushaltsdefizite zu „deckeln“ oder generell höhere Staatsausgaben zu verhindern. Sie besitzen noch nicht einmal die Macht, die Zinssätze (Renditen) der Staatsanleihen eines solchen Landes zu bestimmen, wenn die Zentralbank des Landes das nicht möchte. Für diese Zentralbank ist es kein Problem, die Renditen staatlicher Anleihen auf das Niveau zu senken, das sie für richtig hält. Sie muss dazu z.B. nur den Banken „ihres“ Landes solange Staatsanleihen abkaufen, bis die Verzinsung auf die angestrebte Höhe gefallen ist.

Technisch läuft dies so ab, dass die Zentralbank den Geschäftsbanken die entsprechenden Beträge als Sichteinlagen auf ihren Zentralbankkonten gutschreibt. Sie kann diese in ihrer eigenen Währung denominierten Bankreserven (Zentralbankguthaben) schaffen, wann immer sie es will und in welcher Höhe sie es will – ohne Einschränkung. Alles, was sie dazu benötigt, ist ein Computer und eine Tastatur. Wir haben in unserem Beitrag (hier) am Beispiel der japanischen Zentralbank verdeutlicht, dass dies keineswegs nur eine theoretische Möglichkeit ist.

Überschätzte Risiken, unterschätzte Chancen

Auch der Artikel von Michael Wendl hat uns nicht davon überzeugen können, dass eine Lösung der weiter schwelenden Eurokrise nur innerhalb des Eurosystems möglich ist. Damit soll keineswegs kleingeredet werden, dass die Alternative, nämlich ein Ausstieg aus dem Euro, ein äußerst schwieriges Unterfangen wäre. Dennoch glauben wir, dass der Beitrag Wendls (wie schon zuvor die Streitschrift von Busch et al. 2016) die Risiken überschätzt und umgekehrt die Chancen, die ein solcher Schritt den aus dem Euro ausscheidenden Ländern bieten würde, unterschätzt.

Darüber hinaus basiert die Kritik Wendls auf einer offenkundigen Fehlinterpretation der „Modern Money Theory“, auf die sich unsere Überlegungen stützen. Gerade angesichts der minimalen Aussichten auf „Einsicht“ bei den Verantwortlichen und damit auf einen grundlegenden Richtungswechsel in der Wirtschaftspolitik im Euroraum sollte die Linke in Deutschland (und in Europa) die Option eines Euro-Ausstiegs nicht kategorisch ausschließen, sondern die Diskussion in diese Richtung vertiefen.

 


Anmerkungen

[1] Steuern werden letztendlich via Reserven – das sind Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank –  gezahlt, die der private Sektor nicht selbst erzeugen kann (Zentralbankguthaben können nur von der Zentralbank geschaffen werden). Die Geschäftsbanken agieren hier gewissermaßen als Vermittler zwischen Steuerzahlern und Staat. Etwas vereinfacht dargestellt: Zahlt ein Bankkunde Steuern an den Staat, verringern sich in der Bilanz seiner Bank auf der Passivseite die Kundeneinlagen um die gezahlte Geldsumme und auf der Aktivseite sinken in gleicher Höhe die Reserven der Bank, da ein entsprechender Betrag an Reserven auf das Konto des Staates (Finanzministeriums) bei der Zentralbank überwiesen wird.

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