Theorie | 12.05.2017

Sind Keynesianismus und Neoklassik Antipoden? – 1

Oft werden Keynesianismus und die neoklassische Theorie als zwei extreme Varianten der Wirtschaftstheorie angesehen, zwischen denen eine große Lücke klafft, die man mit pragmatischen Ansätzen füllen kann. Diese Auffassung ist falsch.

Bei Begegnungen mit Studenten, die sich kritisch mit der heute gelehrten Ökonomik auseinandersetzen (sprich Plurale Ökonomik oder Real World Economics und andere Versuche in dieser Richtung), trifft man oft auf den Typus des Zweiflers. Er (oder sie) versteht, dass die herrschende neoklassische Lehre nicht wirklich erklären kann, was in der Wirtschaft geschieht, und sucht nach besseren Erklärungen. Der Keynesianismus, der als alternative Theorie naheliegend wäre, wird aber ebenfalls kritisch beäugt, denn man vermutet, dass auch hier zu viele ideologische Elemente vorhanden sind, als dass man sich dieser Theorie einfach anvertrauen könnte.

Es überwiegt ein antipodisches Bild: Hier die Neoklassik, bei der die Funktionen des Marktes dominant für die gesellschaftlichen Zusammenhänge sind und die sich in ihrer politischen Ausprägung weitgehend dem Markt anvertraut, dort der Keynesianismus, der Marktversagen in den Mittelpunkt seiner Analyse stellt und wirtschaftspolitisch auf den Staat baut. Was liegt da näher für einen jungen kritischen Menschen als zu sagen: Ich bin kritisch gegenüber allen überkommenen Positionen und halte folglich die gleiche Distanz zu beiden Positionen; vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

Positionen, die zu diesem Weltbild der Antipoden scheinbar perfekt passen, gibt es zuhauf. Für die Neoklassiker müssen alle Preise flexibel auf Angebots- und Nachfrageveränderungen reagieren, soll die Marktwirtschaft funktionieren. Keynesianer neigen dazu, Modelle mit rigiden Löhnen und Preisen zu bauen und gerade bei den Löhnen die Rigidität als normal zu verteidigen.

Sparen und Investieren

Neoklassiker sehen beim wichtigsten aller Anpassungsmechanismen in einer Marktwirtschaft, der Umwandlung von Sparen in Investieren, das Sparen in der Führungsrolle, weil freie und entscheidungswillige Konsumenten darüber entscheiden können müssen, ob sie ihr Einkommen lieber heute ausgeben oder zurücklegen, also sparen, um es später auszugeben. Keynesianer behaupten, nicht die Entscheidung der privaten Haushalte über das individuelle Sparen sei entscheidend für das Investieren, sondern das Sparen sei das Resultat des hauptsächlich von der Wirtschaftspolitik zu verantwortenden Investierens. Ausgedrückt als Antipoden: Sparen entscheidet über das Investieren oder Investieren entscheidet über Sparen.

Auch bei dem außenwirtschaftlichen Pendant zum binnenwirtschaftlichen Sparen, dem Überschuss eines Landes in seiner Leistungsbilanz, gehen die Positionen scheinbar in exakt die entgegengesetzte Richtung. Die Neoklassiker betonen die Bedeutung der Kapitalströme für das Entstehen solcher Salden. Auch hier steht die autonome Entscheidung der Konsumenten, mehr oder weniger zu sparen, im Vordergrund. Diese mikroökonomische Fundierung aller ökonomischen Aussagen ist auch von den Keynesianern immer wieder eingefordert worden, ja, sie wurde von den Neoklassikern zum Kriterium schlechthin für wissenschaftliches Arbeiten im Bereich Wirtschaft erhoben. Konsequente Keynesianer sehen es auch hier wieder gerade andersherum: Die Kapitalströme passen sich den Güterströmen an, die unter anderem von der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes (im Kern der Unter- oder Überbewertung seiner Währung) determiniert sind.

Es gibt keine Mitte

Weil die Antipoden so offensichtlich sind, suchen kritische Studenten die Mitte oder noch ganz andere Lösungen. Doch da liegen sie falsch. Es gibt weder eine Mitte noch etwas außerhalb dieser beiden „Extreme“, was man anstreben könnte, um mit einer kritischen Position unser Verständnis eines marktwirtschaftlichen Systems weiterzubringen. Natürlich kann man sich an den äußeren Rändern dieser großen Schulen bewegen und sich mit Feldern beschäftigen, die von beiden Theoriesystemen nicht beackert werden. Wer aber mitreden will bei den entscheidenden Themen der globalen und nationalen Ökonomik, der muss sich für eine Theorie von beiden entscheiden, weil er (oder sie) sonst gar nichts Vernünftiges sagen kann.

Das liegt daran, dass die oben genannten Aussagen zwar wie theoretische Antipoden klingen, in Wirklichkeit aber Ergebnis ganz unterschiedlicher Aussagensysteme sind. Dabei sind aus meiner Sicht die Bereitschaft, makroökonomisch unbestreitbare Zusammenhänge, erkenntnislogische Notwendigkeiten und empirisch gesicherte Informationen in das Theoriesystem einzubauen, die entscheidenden Punkte, welche die beiden „Theorien“ schon methodisch vollkommen unvergleichlich machen.

Betrachten wir ganz in Ruhe das derzeit politisch wichtigste Beispiel, die Leistungsbilanzsalden einiger großer Volkswirtschaften und ihre Ursachen. Paul Steinhardt hat vor einigen Tagen (hier) schon darauf hingewiesen, dass man ein klares Verständnis der relevanten Zusammenhänge braucht, um zu vernünftigen Schlussfolgerungen zu kommen. Die sogenannte Saldenmechanik (also ein logisch unbestreitbarer gesamtwirtschaftlicher Zusammenhang) ist dabei unumgänglich, aber sie reicht niemals aus, die wirklich entscheidende Frage zu beantworten, nämlich die nach Ursache und Wirkung.

Kapitalströme und Handelsbilanzsalden

Jeffrey Sachs und Martin Wolf unterstützen, wie von Steinhardt zitiert, die These von Hans-Werner Sinn, wonach es für die Entstehung von Leistungsbilanzsalden auf die „Sparneigung“ einer Volkswirtschaft ankommt, also hohe Sparneigung gleich Leistungsbilanzüberschuss und umgekehrt. Das heißt offensichtlich, dass Volkswirtschaften mit einer hohen Sparneigung unter ihren Verhältnissen leben, also mehr einnehmen als sie ausgeben, während Volkswirtschaften mit Leistungsbilanzdefiziten über ihren Verhältnissen leben, weil sie mehr ausgeben als sie einnehmen.

Hier muss man mit kritischem Verstand gerade wegen der unbestreitbaren Saldenmechanik eine erste Frage aufwerfen: Wenn es schon definitionsgemäß richtig ist, dass Volkswirtschaften, die Überschüsse aufweisen, mehr einnehmen als sie ausgeben und wenn man dieses Verhalten „Sparen“ nennt, dann bedeutet die Aussage, Volkswirtschaften, die sparen, haben Überschüsse und diejenigen, die nicht sparen, haben Defizite, genau gleich nichts! Denn diese Aussage ist ja nicht mehr als die Wiederholung der saldenmechanischen Logik unter der Verwendung des Wortes Sparen. Folglich ist die Aussage (und jede Empirie, die sich darauf stützt) inhaltlich vollkommen leer. Dagegen kann man „als Keynesianer“ auf der gleichen Ebene nur sagen, Volkwirtschaften, die mehr exportieren als sie importieren, haben Überschüsse und umgekehrt.

Diese Aussage würde aber als Trivialität abgetan, während die erste neoklassische Aussage immer wieder als eine inhaltliche Aussage verwendet und anerkannt wird, obwohl sie exakt genau den gleichen Inhalt hat wie die zweite, nämlich keinen Inhalt außer der Wiedergabe einer Definition. Offensichtlich wird mit dem Wort „Sparen“ die Fiktion eines Verhaltens der privaten und öffentlichen Haushalte geschaffen, das man glaubt, aus der Saldenmechanik ablesen zu können. Das oben genannte Sparen hat aber nichts mit dem konkreten Verhalten von irgendwelchen Akteuren zu tun.

Alle können nicht Sparer sein

Das könnte man leicht daran überprüfen, dass man sich fragt, wie denn mikroökonomisch fundiert das Sparverhalten der verschiedenen Länder auf der globalen Ebene in Übereinstimmung gebracht werden kann. Schließlich wissen wir wieder ganz genau aus der Saldenmechanik (und dem gesunden Menschenverstand, nicht  zu vergessen), dass es für die Welt insgesamt keine Möglichkeit gibt, in dem oben genannten Sinne zu sparen, also weniger auszugeben als einzunehmen. Das Sparen der Welt ist immer genau gleich Null. Das hat eine furchtbare Konsequenz für die Mikrofundierung der Neoklassik.

Denn hätten alle Länder der Welt den Wunsch, Sparer zu sein, um auf diese Weise für die Zukunft vorzusorgen (so wie das in Deutschland ja mit vollem Ernst als Grund für die Überschüsse vorgetragen wird), müssen wir ihnen aufgrund unserer Fähigkeit, logisch zu denken, mitteilen, dass das leider unmöglich ist. Alle Eichhörnchen dieser Welt können Nüsse zurücklegen, alle Länder können auf diese Weise nicht vorsorgen. Damit ist die Mikrofundierung an einer entscheidenden Stelle ad absurdum geführt. Wir brauchen für eine korrekte ökonomische Analyse eine Makrofundierung, keine Mikrofundierung. Aber auch die Antipoden fallen in sich zusammen, denn die Neoklassik erweist sich hier als schlicht inkonsistent und dazu kann es, wiederum aus logischen Gründen, von vorneherein keine Antipoden geben.

Lesen sie im zweiten Teil, wie inkonsistente Sparpläne zur Konsistenz gebracht werden, welche Mechanismen dabei zum Zuge kommen und wie man damit zeigen kann, dass das Aussagensystem der Neoklassik grundsätzlich nicht für positive Analysen geeignet ist.

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