Theorie | 19.05.2017

Sind Keynesianismus und Neoklassik Antipoden? – 2

Die These von den Antipoden muss man zurückweisen. Doch was bleibt dann? Eine konsequente Auseinandersetzung mit Preisen und Preisverhältnissen im internationalen Zusammenhang. Die Neoklassik braucht man dazu nicht mehr.

Bevor ich den Faden aus dem ersten Teil wieder aufnehme, muss ich noch (Martin Wolf und Jeffrey Sachs hatten wir schon im ersten Teil) einen weiteren sehr bekannten Ökonomen zitieren, der offensichtlich den Unterschied zwischen einer Identität- und einer Ursache-Wirkungs-Behauptung nicht kennt. Barry Eichengreen sagt in einem Beitrag zur Erklärung der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse (hier zu finden) folgendes:

«Back in the real world, the explanation for Germany’s external surplus is not that it manipulates its currency or discriminates against imports, but that it saves more than it invests. The correspondence of savings minus investment with exports minus imports is not an economic theory; it’s an accounting identity. Germans collectively spend less than they produce, and the difference necessarily shows up as net exports.» (Originaltext)

«In der realen Welt liegt die Erklärung für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss nicht darin, dass es seine Währung manipuliert oder Importe benachteiligt, sondern darin, dass es mehr spart als es investiert. Der Zusammenhang zwischen Sparen minus Investitionen auf der einen Seite und Exporten minus Importen auf der anderen Seite ist keine ökonomische Theorie, es ist eine buchhalterische Identität. Deutschland gibt kollektiv weniger aus als es produziert, und die Differenz zeigt sich notwendigerweise als Nettoexport.» (Übersetzung des Autors)

Das, um es klar zu sagen, ist erschreckend. Ein weltweit hoch gehandelter Wirtschaftshistoriker, der explizit eine Identität als inhaltliche Aussage betrachtet und offensichtlich überhaupt nicht versteht, dass es ein flexibles Einkommen gibt, dessen alles entscheidende Bewegung hinter den Identitäten steht. Der gesamte Kern der keynesianischen Revolution in der ökonomischen Theorie ist an dem Mann spurlos vorbeigegangen!

Doch zurück zum dem Gedanken, der an den ersten Teil anschließt.

Haben alle Länder der Welt gleichartige Sparpläne – also zum Beispiel den Wunsch, mehr zu sparen, um für die Zukunft vorzusorgen –, muss es einen oder mehrere Mechanismen geben, die dafür sorgen, dass diese inkonsistenten Sparpläne in Übereinstimmung mit der logischen Notwendigkeit gebracht werden, für die Welt eine absolut ausgeglichene Leistungsbilanz herzustellen. Hier ist eine entscheidende logische Kategorie zur Kenntnis zu nehmen. Der Kampf um Leistungsbilanzüberschüsse ist (anders als der gesamte Handel) ein Nullsummenspiel für alle Länder der Welt. Einige Länder müssen sich also zwingend von der Vorstellung verabschieden, Leistungsbilanzüberschüsse seien wünschenswert. Doch wie bringt man sie – gegen ihren erklärten Willen – dazu?

Nullsummenlogik

Die Neoklassik hat darauf keine Antwort. Sie ignoriert das offensichtliche Problem und scheidet damit schon in diesem frühen Stadium aus dem Rennen der ernst zu nehmenden Wirtschaftstheorien aus, weil die von den Sparplänen gelenkten Kapitalströme keinen Nullsummencharakter haben. Aber auch viele Keynesianer haben an dieser Stelle statt einer logisch zwingenden Erklärung eine große oder mehrere kleine Lücken. Man erörtert viele verschieden Faktoren, die zu Leistungsbilanzsalden führen können wie etwa Änderungen der Terms of Trade, Unterschiede in den Wachstumsraten der Länder und unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit von Ländern, die sich in einer Unter- oder Überbewertung von Währungen niederschlägt.

Doch auch wenn etwa die Wachstumsraten aller Länder gleich wären, müsste es immer noch einen Mechanismus geben, der den Leistungsbilanzsaldo für die Welt auf Null bringt. Das kann, und das ist wiederum logisch zwingend, nur ein Mechanismus sein, der selbst Nullsummencharakter besitzt, also immer dem einen nimmt, was er dem anderen gibt. Die beiden wichtigsten Mechanismen dieser Art sind die Veränderungen der Terms of Trade, also Veränderungen der Einfuhr- zu den Ausfuhrpreisen und, nah verwandt, aber nicht gleich, Veränderungen der Ausfuhrpreise (ausgedrückt in internationaler Währung) zueinander, also das, was man reale Wechselkursänderungen (also Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit von Ländern) nennt.

Preisverhältnisse sind entscheidend

Das heißt nichts anderes, als dass bei einer konsequenten Analyse immer nur Preisverhältnisse im weitesten Sinne für Leistungsbilanzsalden verantwortlich sein können. Die Veränderungen dieser Preisverhältnisse können bei Veränderungen der Terms of Trade reale Veränderungen der Knappheit (von Rohstoffen vor allem) widerspiegeln, die alle Länder bereit sind hinzunehmen. Bei realen Wechselkursänderungen gibt es solche realen Hintergründe jedoch nicht. Hier spiegeln die Preisänderungen nicht Präferenzen oder Vorlieben von Ländern wider, sondern beschreiben einen Prozess, der den Konflikt zwischen gleichartigen Wünschen der Länder in irgendeiner Weise regelt. Wie das geschieht und ob das rational oder chaotisch geschieht, ist eine vollkommen offene Frage.

Die einzige Antwort, die von der Wirtschaftstheorie für die Festlegung realer Wechselkursänderungen gegeben werden kann, ist denkbar einfach: Da es bei den internationalen Beziehungen keine „Wünsche“ geben kann, die ein Land gegenüber anderen einfach durchsetzt bzw. keine Forderungen, die ein Land gegenüber anderen mit irgendeiner Legitimation stellt, ist die einzige Regel, auf die sich voneinander unabhängige und gleichberechtigte Staaten einigen können die, wonach sich die realen Wechselkurse und die Wettbewerbsverhältnisse zwischen den Ländern überhaupt nicht ändern sollen. Das beinhaltet zugleich eine wunderbare Mikrofundierung, weil sich nur unter diesen Bedingungen der Wettbewerb zwischen den Unternehmen auf der globalen Ebene so abspielt wie innerhalb der Nationalstaaten (dazu in aller Ausführlichkeit Belege in meinem Buch: Preise, Zins und Wechselkurs, Tübingen 1987).

Konstante reale Wechselkurse

Folglich müssen bei einer solchen Regel die (nominalen) Wechselkursänderungen die Inflationsdifferenzen zwischen den Ländern genau ausgleichen. Geschieht das, ist von Seiten der internationalen Ordnung all das getan, was man von ihr erwarten kann, um den Prozess des Ausgleichs der Leistungsbilanzsalden so konfliktarm wie möglich zu machen. Das war und ist der vollkommen richtige und unbestreitbare Kern der Idee, die hinter dem globalen Währungssystem von Bretton Woods stand. Und es war dieser Kern, der jenseits der konkreten Ausgestaltung des damaligen Systems eindeutig von Herrn Keynes stammte.

Die Akzeptanz dieser Regel hat enorme Konsequenzen für das Zusammenleben der Nationen. Sie unterbindet nämlich von vorneherein jeden Versuch, einen Wettbewerb der Nationen in Gang zu setzen. Jedes Land wird sozusagen auf seine eigenen Verhältnisse zurückgeworfen. Man kann sich anstrengen, um seine Produktivität zu erhöhen, man muss das aber nutzen, um die Einkommen im Inland zu erhöhen, weil eine Unterbewertungsstrategie ausgeschlossen ist. Preissenkungen, die bei höherer Produktivität und konstanten Nominallöhnen ermöglicht würden, könnten infolge einer Aufwertung der Währung nicht auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit durchschlagen.

Auf die Verhältnisse einer Währungsunion oder fester Wechselkurse übertragen heißt das, dass kein Land mithilfe geringerer Lohnsteigerungen eine Unterbewertungsstrategie versuchen darf. Folglich müssen die Löhne jederzeit mit der nationalen Produktivität und dem gemeinsamen Inflationsziel steigen (was für die Neoklassik schreckliche Konsequenzen hat, die ich aber hier nicht ausmalen kann, vgl. dazu das Papier hier). Ohne diese Mindestnorm rationalen Verhaltens der einzelnen Mitgliedsstaaten kann eine Währungsunion oder ein System fester Wechselkurse niemals funktionieren. Dass Deutschland von Anfang an dagegen im Rahmen der EWU verstoßen hat, muss man nicht mehr erwähnen. Diese Überlegungen zeigen aber, wie fragwürdig, ja unsinnig es ist, mit allen möglichen Argumenten ein Verhalten zu rechtfertigen, das jede friedliche Zusammenarbeit souveräner Nationen ausschließt.

Aus diesen Überlegungen folgt auch, dass monetäre Kooperation zwischen Nationen, die miteinander Handel treiben wollen, unumgänglich ist. Die einfachste Form der Kooperation wäre es, wenn man den Kurs von Währungen einem Devisenmarkt überlassen könnte, der jederzeit den richtigen Wechselkurs findet, also für Konstanz der realen Wechselkurse sorgt. Doch diesen Devisenmarkt gibt es nicht (was zum Beispiel hier erklärt wird). Daher geht an einer institutionellen Regelung für die Bestimmung der Wechselkurse, also an zwischenstaatlicher Kooperation, kein Weg vorbei, wenn man diese Minimalvoraussetzung für sinnvollen internationalen Handel erfüllen will. Die Neoklassik, die von der Notwendigkeit einer solchen Kooperation nichts wissen will, zeigt hier deutlicher noch als in anderen Feldern, wie groß der ideologische Bias ist, der ihre „theoretischen Aussagen“ bestimmt.

Wie fest die Wechselkurs in einem System prinzipiell fester Wechselkurse sind, entscheidet sich rational danach, wie sehr die Mitgliedsländer bereit sind, das Prinzip des konstanten realen Wechselkurses auch ohne nominale Wechselkuränderungen anzuerkennen, wie weit sie also bereit und in der Lage sind, eine Koordination der nationalen Lohnpolitiken zu betreiben. Ist die Neigung dazu wenig ausgeprägt, muss man dafür sorgen, dass sich die Währungsrelationen möglichst frühzeitig und reibungslos an die entstehenden Inflationsdifferenzen anpassen (vgl. dazu einen Vorschlag von Peter Bofinger und mir hier – in ChapterIV).

Lesen Sie im dritten Teil, wie sich die keynesianische Logik bei den binnenwirtschaftlichen Verhältnissen niederschlägt und warum die Neoklassik grundsätzlich nicht als positive Wissenschaft anzusehen ist.

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