Theorie | 25.05.2017 (editiert am 26.05.2017)

Sind Keynesianismus und Neoklassik Antipoden? – 3

Der von der Neoklassik geschaffenen Kunstlehre hätte der Keynesianismus von vorneherein als Versuch in wirklicher Sozialwissenschaft begegnen müssen, nicht aber als Konkurrent um die ökonomische Deutungshoheit. Religion darf man nicht nur mit besserem Wissen bekämpfen.

Es ist nicht so, dass neoklassisch argumentierende Ökonomen generell keine Saldenmechanik verwenden. Erstaunlicherweise wird sie sogar so häufig verwendet, dass man sagen könnte, das sei eigentlich zu häufig und vor allem zu leichtfertig. Man verwendet Saldenmechanik aber nur bei solchen Zusammenhängen, die scheinbar ohne weiteres in das neoklassische Aussagensystem passen. Das beste Beispiel dafür ist die immer wieder hervorgehobene Gleichheit von Sparen und Investieren. I = S ist fast zu einem Schlachtruf dafür geworden, dass die Marktkräfte immer das richtige tun und man sich darauf verlassen kann.

Was aber bedeutet diese „Gleichung“ wirklich? Sparen gleich Investieren ist immer richtig in dem Sinne, dass man im Nachhinein immer feststellen wird, dass die Teile des Einkommens, die nicht konsumiert wurden, investiert wurden. Das ist so, weil es einfach nur diese beiden Kategorien von Ausgaben für die Welt als Ganzes gibt. Das entscheidende aber bleibt dabei ungesagt. Wie nämlich sind die Sparpläne im Ablauf der Zeit mit den Investitionsplänen in Übereinstimmung gelangt und, das Wichtigste, wie hat sich in diesem Prozess das Einkommen insgesamt verändert. Darüber sagt der definitorische Zusammenhang absolut nichts aus.

Wie funktioniert eine Sozialwissenschaft?

Bei der Suche nach der Lösung für dieses Problem wird sich jedoch ein neoklassischer Autor ganz anders verhalten, als das ein normaler Sozialwissenschaftler tun würde. Ein Sozialwissenschaftler, der nicht a priori an Marktprozessen interessiert ist, wird sich fragen, auf welche Weise, durch welche Abfolgen von Ereignissen also, das Einkommen einer Volkswirtschaft entsteht und welche Rolle Sparen und Investieren dabei spielen. Er weiß zwar, dass beide ex post gleich sein müssen, aber das darf ihn nicht daran hindern, sich konkret darüber Gedanken zu machen, welche Prozesse für die Entstehung des Einkommens verantwortlich sind und welche Rolle das Sparen und das Investieren der privaten und der öffentlichen Haushalte sowie der Unternehmen dabei spielen.

Ein neoklassischer Ökonom geht ganz anders vor. Er sucht von vorneherein einen Marktprozess, der das Bedürfnis der privaten Haushalte nach Vorsorge durch Sparen in Übereinstimmung bringt mit den Investitionen der Unternehmen. Folglich sucht er nach einem Preis, der auch bei sich ändernden Wünschen der privaten Haushalte nach individueller Vorsorge die entsprechende Anpassung der Investitionspläne der Unternehmen garantieren kann. Hat er einen solchen Marktprozess und den Preis gefunden, ist für ihn das Problem erledigt, weil der Markt ja für alle Zeiten dafür sorgen wird, dass S und I gleich sind. Als der entscheidende Preis in diesem Markt für Kapital wurde der Zins identifiziert, der dann sinkt, wenn die Haushalte mehr sparen und auf diese Weise die Unternehmen zu mehr Investitionen anregt.

Wie sich das Einkommen der Volkswirtschaft, das ist immerhin die Größe, auf die sich alles wirtschaftliche Handeln richtet, dabei entwickelt, ist für die Neoklassik kaum von Belang. Denn die Einkommensentwicklung als solche (der Wachstumspfad) ist vorgegeben (vom technischen Fortschritt und anderen Gegebenheiten). Für alle anderen Anpassungen ist der Kapitalmarkt zuständig.

Was ist die „natürliche“ Ordnung?

Dass man für eine sinnvolle wirtschaftliche Entwicklung den Staat brauchen könnte, ist für einen neoklassischen Ökonomen ein vollkommen abwegiger Gedanke. Ein Biologe, der im tiefsten Dschungel nach symbiotischen Beziehungen von Ameisen und Laubfröschen sucht, käme ja auch nicht auf die Idee, die Rolle des Menschen dabei zu problematisieren. Die „natürliche Ordnung“ ist nun einmal eine, die ganz ohne den Staat auskommt und deswegen kann es einfach keine Lösung eines Problems geben, die ein Eingreifen des Staates verlangt.

Ist die natürliche Ordnung gefunden, in unserem Fall der alles regelnde Kapitalmarkt, gibt es keine Notwendigkeit, die Bewegungsgesetze des Systems weiter zu erforschen. Was noch schief laufen kann, ist einzig die Beschränkung der Freiheit des Kapitalmarktes durch staatliche Eingriffe, wodurch die Preisflexibilität eingeschränkt und damit der Markt daran gehindert wird, jederzeit eine effiziente Umsetzung der Sparwünsche in Investitionen zu gewährleisten. Ob es diesen Kapitalmarkt-Zins Mechanismus unter realistischen Bedingungen überhaupt geben kann oder ob es ihn in einer Papiergeldwirtschaft ohne den Staat geben kann, das sind Fragen, die sich die Neoklassik niemals stellt. Aber sie stellt solche Fragen deswegen nicht, weil sie darauf keine gar keine Antworten finden will. Alles ist ja nur darauf ausgerichtet, die Möglichkeit einer Lösung über ein Markt -System zu finden (oder zu erfinden).

Ein Fach, das eine positive Analyse der real vorhandenen Zusammenhänge aber ablehnt oder durch irreale Annahmen schlicht für irrelevant erklärt, ist keine Wissenschaft in dem Sinne, wie wir sie üblicherweise, angelehnt an die klassischen Naturwissenschaften, definieren würden. Mit dem krampfhaften Versuch, durch mathematische Formalisierung ökonomischer Zusammenhänge Wissenschaftlichkeit zu erlangen, ist die Ökonomik des allgemeinen Gleichgewichts, in dem die Neoklassik ihren klarsten Ausdruck findet, unwissenschaftlich geworden. Es ist ein reines Glasperlenspiel (hier ein Beitrag von mir aus dem Jahr 2004 zu dem Thema), weil fast nichts von dem, was mit diesem Versuch als Marktwirtschaft postuliert wurde, eine positive empirische Bestätigung in unseren Gesellschaften findet.

Noch schlimmer: Sobald sich Abweichungen vom Modell mit der Wirklichkeit zeigen, tendiert die Neoklassik dazu, das normativ zu wenden, also die Gesellschaft aufzufordern, sich dem Marktmodell anzunähern, statt die eigenen Erkenntnisse anzupassen.

Man kann es heute nur als großen strategischer Fehler des Keynesianismus ansehen, sich der Neoklassik als wissenschaftlicher Counterpart entgegenzustellen, statt sie von Anfang an als normatives Gebilde zu charakterisieren, das keinem gesellschaftlichen Zweck dient. Eine Wissenschaft kann die Auseinandersetzung mit einer Kunstlehre mit starkem ideologischem Überbau nie gewinnen, weil es der Kunstlehre nicht darauf ankommt, wissenschaftliche Fortschritte zu machen, sondern ihre Position um jeden Preis, auch um den Preis der Inkonsistenz, zu verteidigen. Die „allgemeine Theorie“, die Keynes versucht hat aufzustellen, war deswegen nicht allgemein, weil die Neoklassik ein Sonderfall einer ökonomischen Theorie war, sondern ein normatives Gebilde.

Fließt Kapital vom Überschuss- zum Defizitland?

Man kann den Unterschied der Aussagensysteme am besten am Problem der Leistungsbilanzsalden verdeutlichen. Hier gibt es nämlich nicht einmal einen Marktmechanismus, den – dem Zinsmechanismus vergleichbar – die Neoklassik anziehen könnte, um zu erklären, was passiert. Das verwirrt offenbar auch einige von denen, die sonst über Sparsalden reden, wenn es um die Erklärung der Leistungsbilanzsalden geht.

So beschreibt Martin Wolf, nur wenige Wochen, nachdem er sich zu einer Sparerklärung der deutschen Überschüsse verirrt hat (wie im ersten Teil zitiert), nun vollkommen richtig die Preis- und Lohnlogik, die hinter den deutschen Überschüssen steht (hier). Auch der deutsche Sachverständigenrat hat in seiner Mehrheit, wie wir hier gezeigt haben, die pure „Saldenerklärung“ mit Preiserklärungen durcheinandergebracht, was zeigt, dass er die Erkenntnislogik des Saldenproblems nicht verstanden hat.

Welch eindeutiges Ergebnis man erzielt, wenn man ruhig und ohne neoklassische Vorurteile über die Entstehung der Salden in der Eurozone nachdenkt, kann man an Deutschland im Verhältnis zu seinen Nachbarn verdeutlichen. Hier beobachtet man eine starke Veränderung bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Lohnmoderation in Deutschland (politisch gewollt und auch angestoßen) hat zu einer realen Abwertung geführt.

Und das, so schon die allereinfachste Markttheorie, könnte dazu geführt haben, dass die Wirtschaftssubjekte in den anderen Ländern der EWU vermehrt deutsche Produkte gekauft haben, deren Preise relativ günstiger geworden sind. In Deutschland wurden wiederum weniger Produkte der anderen gekauft, weil die relativ teurer geworden sind. Man beobachtet also einerseits die Veränderung der Preisrelationen nach einem exogenen Anstoß (hier der Lohnabschlüsse) und die Veränderung von Warensalden, die in diesem Fall dazu passt.

Bleibt nur noch die Frage, wie das finanziert wurde, wie also die Kapitalströme zu den Güterströmen passend „gemacht“ wurden. In einer Währungsunion ist das aber keine Schwierigkeit, weil alle grenzüberschreitenden Transaktionen genauso leicht finanziert werden können wie rein nationale Transaktionen. Wenn ein französischer Bürger ein deutsches Auto kaufen will, geht er zu seiner Bank, nimmt einen Eurokredit auf und kauft das Auto bei einem Händler der deutschen Marke in Frankreich. Der bezahlt den Wagen der deutschen Firma mit den Euros, die er von seinem Kunden bekommen hat. Machen das sehr viele Franzosen, müssen die französischen Banken, die die Kredite vergeben, vielleicht irgendwann einen Kredit bei der deutschen Bank aufnehmen, zu denen die Mittel geflossen sind. Aber auch das ist in einem einheitlichen Währungsraum unproblematisch – jedenfalls so lange die Größenordnungen nicht exorbitant sind.

Nun versuchen wir den Fall im neoklassischen Sinne umzudrehen. Wir unterstellen also, deutsche Anleger wollten ihre Ersparnisse aus irgendeinem Grund nach Frankreich exportieren, ohne dass sich die Preisverhältnisse zuvor geändert hätten. Zunächst ist die Frage, warum sie das mit dem Beginn der Währungsunion vermehrt hätten tun wollen. Denn an den Zinsverhältnissen, die für Spar- bzw. Anlageentscheidungen relevant sein könnten, hat sich mit dem Beginn der Währungsunion nichts an der relativen Attraktivität Frankreichs geändert. Im Gegenteil, der französische Zins ist noch näher an den deutschen herangerückt, so dass die beiden für einige Jahre fast vollständig gleich waren. Hier fehlt also schon der Ausgangsimpuls, der dafür hätte sorgen können, dass sich die Kapitalströme umdrehen und Frankreich in eine Verschuldungsposition gerät.

Aber auch die realwirtschaftliche Seite passt in diesem Fall überhaupt nicht. Denn selbst wenn die Kapitalströme der Ausgangspunkt gewesen sein sollten und die Güterströme ihnen gefolgt wären, wie hätte das gehen sollen? Der französische Bürger kauft ja nicht deswegen mehr deutsche Autos, weil seine Bank ihm anbietet, sie mit deutschen Ersparnissen zu finanzieren. Und der deutsche Bürger verzichtet – ohne Relativpreisänderung – schon gar nicht auf den Kauf von französischem Rotwein zugunsten deutschen Weins oder, weil er nicht mehr genügend Einkommen für den französischen Wein hat; denn warum sollte er sich aus heiterem Himmel (also ohne exogenen Anlass bei Warenpreisen oder Zinsen) dazu entschließen, die gleiche Menge an Ersparnissen wie zuvor zu bilden, sie aber nicht mehr zu Hause anzulegen, statt dessen aber in Frankreich, wenn das – zumindest für alle Konsumenten zusammen genommen – technisch gesehen nur dann klappt, wenn sie gleichzeitig ihren Konsum an französischen Waren reduzieren?

Die Güterströme mit den Kapitalströmen erklären zu wollen, funktioniert einfach nicht: Die Geschichte wird nie plausibel. Es ist erstaunlich, dass der Großteil der deutschen Ökonomen diese von Hans-Werner Sinn aufgestellte These teilt. Freilich hat er sie auf den Fall Spanien bezogen. Dort gab es einen Hauspreisboom, der scheinbar eine gute Erklärung dafür bot, warum Deutsche ihre Ersparnisse ins Ausland transferieren wollten. Aber eine gute Erklärung ist auch das nicht, weil die Frage unbeantwortet bleibt, wie die güterwirtschaftliche Seite dazu passt: Warum kauften Spanier von dem Geld, das deutsche Anleger in den spanischen Wohnungsbau (also etwa in die Löhne spanischer Maurer) steckten, zunehmend mehr ausländische als spanische Güter? Denn ausweislich des Handelsdefizits war es so. Außerdem sollte eine stichhaltige Erklärung nicht nur Einzelfälle (wie Spanien) erfassen, sondern möglichst viele Fälle (wie Frankreich, Portugal, Griechenland etc.) abdecken, wo es eine solche gravierende Verschiebung der Salden eben auch gegeben hat.

Es ist in der Tat für eine Sozial- und Gesellschaftswissenschaft absolut unbegreiflich, dass tausende von Ökonomen vollkommen unkritisch eine solch krude These stützen, aber fast niemand in Deutschland sich die Mühe macht, sie mit so einfachen Überlegungen wie den obigen kritisch zu hinterfragen. Genau das zeigt, dass es hier nicht um Wissenschaft geht, sondern um die Verteidigung eines normativen Konstrukts, um Religion, nicht um Wissenschaft.

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