Theorie | 05.05.2017 (editiert am 23.05.2017)

Vom Nutzen und Nachteil der Unsterblichkeit – 1

Die Aussicht auf eine biologische Unsterblichkeit rückt mithilfe von Genetik und Zellbiologie in den Bereich des Denkbaren. Doch damit stellt sich auch die Frage, ob sie überhaupt wünschenswert wäre?

In seinem Song ‚Not dark yet‘ – also in etwa ‚Noch nicht ganz dunkel‘ besingt Bob Dylan die Stimmung eines Menschen, der seine Teilnahme an der Welt schwinden fühlt. Gleichwohl eine der Zeilen lautet:

«I was born here and I’ll die here against my will»

«Ich bin hier geboren und werde hier gegen meinen Willen sterben.» (Übersetzung des Autors)

Das ist, glaube ich, die Ausgangslage, von der wir in unserem Nachdenken über die Unsterblichkeit ausgehen müssen: Die meisten von uns würden, wenn der Tod auf sie zukommt, gerne noch weiterleben. Die meisten würden, wenn man ihnen eine Pille auf den Nachtschrank legte, die sie wieder gesund machen würde, diese Pille schlucken.

Die biologische Aussicht auf Unsterblichkeit

Die Pille, durch deren Einnahme alles biologisch wieder ins Lot kommt, wird es wohl auch in Zukunft nicht geben. Aber dass die Menschen über Mittel verfügen werden, ihre Lebensdauer dramatisch zu verlängern, ist heute keine gegenstandslose Phantasterei mehr.

Schon bis heute haben wir die durchschnittliche Lebensdauer der Angehörigen unserer Spezies erstaunlich verlängern können. In Mitteleuropa ist sie seit 1840 etwa um 40 Jahre gestiegen. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung spricht von drei Monaten, um die das Leben Jahr für Jahr länger geworden ist. Allein seit 1990 ist die weltweite durchschnittliche Lebenserwartung um sechs Jahre gestiegen.[1]

Dieser bemerkenswerte Fortschritt wurde mit vergleichsweise simplen Maßnahmen erreicht – durch eine Verbesserung von Ernährung und Hygiene, durch Senkung der Kindersterblichkeit. Gleichwohl drücken diese Zahlen, wie gesagt, nur statistische Durchschnittswerte aus. Die absolute Lebensdauer derer, die von tödlichen Krankheiten verschont wurden, ist demgegenüber nicht so stark gestiegen. Schon Sokrates war 70 Jahre alt und noch bei guter Gesundheit als die Athener ihn zum Tode verurteilten. Und sein Nachfolger Platon starb eines friedlichen Todes im Alter von knapp 80 Jahren.

Doch auch die Lebenszeit derer, die von Krankheiten verschont bleiben, halten die meisten Forscher für begrenzt. Die bisher ältesten Menschen erreichten ein Lebensalter von knapp über 120 Jahren. Die Statistiken legen nahe, dass Menschen selbst bei optimalen Bedingungen nicht älter als durchschnittlich 115 bis maximal 125 Jahre alt werden können.

Als Grund nennen die Forscher in erster Linie die kontinuierliche Anhäufung von DNA-Schäden im Laufe des Lebens eines Menschen – mit der Folge von schädlichen Mutationen und zunehmend defekten Proteinen und Enzymen. Durch eine gesunde Lebensweise, bestimmte Medikamente und mit Hilfe der körpereigenen Reparatursysteme kann dieser Prozess zwar verlangsamt, aber letztendlich nicht aufgehalten werden: Überschreiten die akkumulierten Zellschäden einen bestimmten Schwellenwert, ist der Tod des Individuums unausweichlich.

Aber gerade mit Blick auf diese basalen zellulären Reproduktions- und Reparaturmechanismen scheint die Menschheit in ein neues Zeitalter einzutreten. Wir beginnen in Genetik und Zellbiologie mehr und mehr zu verstehen, wie die basalen Mechanismen unseres Organismus beschaffen sind. Und wir entwickeln immer bessere Möglichkeiten, zielgerichtet in unser genetisches Erbe einzugreifen. Wir sind dabei zu lernen, wie man defekte Abschnitte der DNA identifizieren und modifizieren kann. Mit zunehmendem Wissen und Können werden wir so aus der Naturgeschichte heraustreten und in eine Phase der Autoevolution eintreten.

  • Das wird harmlos beginnen – mit der Beseitigung einzelner Erbkrankheiten durch die Entfernung sehr speziell wirkender defekter Genabschnitte aus der DNA eines Individuums – sei es aus dessen Körperzellen oder sogar aus dessen Keimzellen. Dabei wird es nicht bleiben.
  • Wir werden verstehen lernen, wie der genetische Code eines guten Immunsystems aussieht und wir werden versuchen, unsere Nachkommen mit einem guten Immunsystem auszustatten. Wir werden auch das Gedächtnis und die Gehirnleistung insgesamt zu steigern versuchen.
  • Und irgendwann werden wir die Mechanismen verstehen und modifizieren können, die die Fähigkeit des Organismus zur Selbsterneuerung betreffen. Die Forscher haben Erbgutabschnitte – die sog. Telomere – identifiziert, die steuern, wie oft eine Körperzelle sich selbst reproduzieren kann.

Es braucht keine überbordende Phantasie um zu antizipieren, dass die Menschheit in absehbarer Zukunft an einem Punkt stehen wird, an dem sie die Möglichkeit hat, unbegrenzt oder mindestens sehr viel länger selbstreparaturfähige Organismen zu schaffen. Spätestens dann, werden die Menschen sich fragen, ob sie sich selbst oder ihre Nachkommen zu solchen potentiell unsterblichen Wesen machen wollen, ob sie das dürfen oder gar sollen.

Ich rede bewusst von potentiell unsterblichen Wesen,  weil natürlich auch solche unbegrenzt reparaturfähigen Organismen nur in dem Sinn unsterblich wären, dass sie sich nicht mehr infolge innerer, degenerativer Prozessen selbst zerstören würden. Sie wären natürlich immer noch in dem Sinn sterblich, dass sie durch Gewalteinwirkung oder den Entzug der für den Stoffwechsel notwendigen Elemente zerstört werden könnten.

Soweit die biologischen Aussichten. Wenn die nicht ganz abwegig sind, dann wird es erforderlich, sich mit der nächsten Frage zu beschäftigen:

Ist Unsterblichkeit wünschenswert?

Überall da, wo wir eine Handlungskompetenz erlangen, stellt sich eine ethische Frage: Dürfen oder müssen wir diese Kompetenz nutzen? Auch wo wir auf eine mögliche Nutzung verzichten, tun wir dies dann infolge einer Entscheidung, die wir vor uns und anderen ggf. rechtfertigen müssen.

Was also sagt die Ethik denen, die sich fragen, ob sie es in ihrer Gesellschaft erlauben sollen, dass Personen sich selbst oder ihren Nachkommen durch genetische Veränderungen eine unbegrenzte organische Reparaturfähigkeit verschaffen?

Zunächst einmal müssen wir konstatieren, dass wir gar nicht über die Ethik verfügen. Wir sehen uns vielmehr mit einer Mehrzahl von Ethiken oder Moralen konfrontiert. Und es ist den Anhängern keiner dieser Moralen bislang gelungen, alle anderen davon zu überzeugen, dass die von ihnen vertretene Moral die einzig wahre ist.

Auf dem Boden welcher Moral, könnten Sie mich fragen, wollen sie denn eine Antwort auf die Frage suchen, ob wir uns auf das Projekt Unsterblichkeit einlassen dürfen? – Ich würde dieser Frage gern ausweichen und versuchen, einen Zugang zu unserem Problem zu finden, der auf einem Element aufbaut, das von vielen der widerstreitenden Moralen geteilt wird.

Für moralisches Denken und Begründen scheint es essentiell zu sein, dass man das Wohl der anderen mit berücksichtigt. „Wie würdest Du es finden, wenn man Dir so mitspielte?“ ist denn auch ein oft gebrauchtes Argument in moralischen Auseinandersetzungen. Es fordert uns auf, uns in die Position des anderen hineinzuversetzen.

Diese Aufforderung, die Sache einmal aus der Position des anderen zu betrachten, ist in der Tat die wohl weitest verbreitete Grundregel für moralisches Denken in der Geschichte der Menschheit. Wir finden sie als Goldene Regel ebenso in den Reden des Buddha wie in der Bergpredigt Christi.[2] Moralisches Denken verlangt einen Rollentausch und insofern Unparteilichkeit. Moralisch zu denken, so kann man es allgemeiner fassen, erfordert, nach Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben zu suchen, die aus einer unparteiischen Perspektive akzeptabel sind.

Das ist natürlich nur eine vage Formel, aber sie scheint mir für einen Zugang zu unserem heutigen Problem ausreichend. Man könnte auf dieser Basis etwa so argumentieren:

(i) Die Moral fordert uns auf, nach Regeln zu handeln, durch deren Befolgung das Wohl eines jeden gleich berücksichtigt wird.

(ii) Wenn wir das Wohl einer Person gleich berücksichtigen wollen, müssen wir deren aufgeklärte Wünsche gleich wichtig nehmen.

(iii) Wenn die meisten Personen den Wunsch haben, sich oder ihren Nachkommen zu biologischer Unsterblichkeit zu verhelfen und wenn

(iv) dieser Wunsch nicht als unaufgeklärt von der moralischen Berücksichtigung ausgeschlossen werden kann, und

(v) wenn die Erfüllung dieses Wunsches nicht die Erfüllung wichtigerer Wünsche vereitelt (oder bereits anerkannte moralische Prinzipien verletzt), dann

(vi) ist es moralisch gefordert, eine Praxis zu etablieren, durch die der Wunsch nach biologischer Unsterblichkeit für alle Interessierten gleich gut befriedigt werden kann.

Die Schlussforlgerung unter (vi) ist also nur gültig, wenn die Bedingungen unter (iv) und (v) erfüllt sind. Das werde ich jetzt prüfen:

Ad v:

Beginnen wir mit der Bedingung unter (v): Welche wichtigen Wünsche könnten durch die Erfüllung des Wunsches nach potentieller Unsterblichkeit frustriert werden? Dabei wären vor allem drei Veränderungen zu berücksichtigen:

  • Wenn die Menschen so lange leben können wie sie es wollen, dann dürfen wir uns nicht mehr so reproduzieren wie wir es heute gewohnt sind. Die Ressourcen dieses Planeten sind begrenzt. Um ökologische Desaster und Kriege um nicht vermehrbare Ressourcen zu vermeiden, wäre eine strenge Geburtenkontrolle erforderlich: Wenn die mit den Ressourcen dieses Planeten kompatible Bevölkerungszahl erreicht ist, dürften nur so viele neue Menschenwesen in die Welt kommen, wie zuvor verstorben sind oder absehbar sterben werden.
  • So etwas wie eine Verrentung könnte es nicht mehr geben. Bei einer Alimentierung unsterblicher Rentner würden die Interessen derer, die dafür arbeiten müssten, sicher nicht mehr gleich berücksichtigt. An die Stelle der heutigen Rentenphase könnte vielleicht ein Anspruch auf die Finanzierung einer bestimmten Anzahl arbeitsfreier Jahre durch die Gesellschaft treten. So etwas wie ein ausgedehnter Urlaubsanspruch.
  • Die Erlangung der potentiellen Unsterblichkeit wäre für die Menschen vermutlich ein so grundlegendes Gut, dass sie den Zugang zu diesem Gut durch ein entsprechendes Recht würden absichern wollen – ähnlich wie wir heute den Zugang zu medizinischer Versorgung als ein Recht begreifen. Es müssten dann jene Formen der Ungleichheit und Ungerechtigkeit beseitigt werden, die Menschen von der Teilhabe an diesem biologischen Fortschritt ausschließen.

Das sind gewaltige Herausforderungen, aber sie sind bewältigbar. Und in dem Maß, wie es uns gelingt, diese Bedingungen zu erfüllen, wird es prima facie moralisch unvertretbar, den Menschen die Erfüllung des Wunsches nach biologischer Unsterblichkeit zu verweigern.

Ich sagte prima facie, auf den ersten Blick, denn um zu dieser Folgerung zu gelangen, müssen wir uns vergewissern, dass diese mit der potentiellen Unsterblichkeit verbundenen Umstellungen und Einschränkungen nicht so gravierend sind, dass sie die Vorteile überwiegen und wir insgesamt besser beraten wären, von dem Projekt Unsterblichkeit Abschied zu nehmen.

Ich glaube, dass diese Frage relativ leicht und sicher zu beantworten ist: Kaum jemand würde auf sein eigenes Weiterleben verzichten wollen, um die Möglichkeit zu erhalten, weiterhin Kinder nach eigenem Gutdünken zeugen zu dürfen und irgendwann in Rente gehen zu können. Hinzu kommt, dass das Kinderzeugen nach Gutdünken ohnehin eine Praxis ist, die sich die Menschheit nicht mehr lange wird leisten können. Unsere Spezies kann sich auch in ihrer jetzigen Form nicht unbegrenzt vermehren, ohne desaströse Folgen heraufzubeschwören.

Die fünfte Bedingung ist also erfüllt oder jedenfalls erfüllbar. Die in einer Welt potentiell unsterblicher Lebewesen notwendigen Veränderungen hätten keine so negativen Auswirkungen auf unser Leben, dass wir von dem Vorhaben gleich wieder Abstand nehmen würden.

Aber das ist vielleicht ein voreiliges Urteil. Es wird dabei ja unterstellt, dass wir mit der potentiellen Unsterblichkeit etwas Wichtiges gewinnen und dass deswegen der entsprechende Wunsch nicht unsinnig ist. Aber ist das wirklich so?

Ad iv:

Damit komme ich zur vierten Bedingung: Könnte es sich bei dem Wunsch nach Unsterblichkeit nicht um einen unsinnigen Wunsch handeln?

Dieser Wunsch könnte Menschen, die im christlichen Glauben verwurzelt sind, die also an eine Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben in größerer Gottesnähe glauben, als unsinnig erscheinen. Das Sterben ist aus dieser Perspektive eine Heimkehr. Und warum sollte man länger als es Gott gefällt in der Fremde bleiben? Aus dieser Perspektive scheint es eher befremdlich, dass wir mit so großem Aufwand, mit Helikoptern und Intensivstationen um jeden Zentimeter Leben kämpfen.

Aber jenseits solcher Heilserwartung, wie sieht es da aus? Mal angenommen, es gäbe keine Auferstehung der Toten in irgendeinem Sinn. Mal angenommen, dieses eine Leben hier wäre alles, was wir haben. Ist es dann sinnvoll und erstrebenswert, nach biologischer Unsterblichkeit zu streben, das Leben in die Unendlichkeit zu dehnen?

Die Frage ist kaum zu beantworten, weil wir uns von der Unendlichkeit keine Vorstellung machen können. Gleichgültig wie lange man schon lebte, es käme immer noch unendlich viel Zeit nach. Die Unendlichkeit ist zu groß, als dass wir sie als ein Objekt des Denkens vor uns bringen könnten.

Im Zweiten Teil dieses Beitrags wird es um die Gründe für das Weiterlebenwollens gehen.


Literatur

[1] http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/lebenserwartung-steigt-weltweit-um-sechs-jahre-a-1009041.html

[2] Lukas-Evangelium, VI, 31; Reden des Buddha, Reclam 1993, S.40ff

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