Theorie | 16.05.2017

Vom Nutzen und Nachteil der Unsterblichkeit – 2

Die Aussicht auf eine biologische Unsterblichkeit rückt mithilfe von Genetik und Zellbiologie in den Bereich des Denkbaren. Doch welche Gründe gäbe es für das Weiterlebenwollen?

Fangen wir vorsichtig an. Was wollen wir denn, wenn das stimmt, was ich im ersten Teil behauptet habe – nämlich, dass die meisten von uns gegen ihren Willen sterben? Was wollen wir positiv, wenn wir nicht sterben wollen?

Das kann sehr Verschiedenes sein:

  • die eine möchte ihre Enkelkinder noch groß werden sehen
  • ein anderer möchte seine geliebte Frau nicht allein zurücklassen
  • jemand mag eine Oper zu Ende komponieren
  • oder auch einfach den nächsten Frühling erleben wollen.

Wenn wir im Angesicht des Todes noch weiterleben wollen, dann denken wir nicht an die Unsterblichkeit. Wir wollen zumeist einfach das, an das wir bislang durch Interesse oder Liebe gebunden waren, noch weiterhin erleben, es ein Stück weiter verfolgen oder umsorgen.

Freuden scheinen unbegrenzt wiederholbar

Der Widerwille gegen das baldige Sterben kann aber auch eine tiefere Angst ausdrücken: Jemand kann im Angesicht seines Todes auch das Gefühl haben, bislang noch gar nicht das getan zu haben, was seinem Wesen wirklich entspricht, was er hätte tun sollen, was sein Leben zu einem sinnvollen machen würde. Auch wenn wir über die Unendlichkeit keine vernünftigen Aussagen machen können, so ist doch klar, dass wir uns gut vorstellen können, Aktivitäten wie die eben erwähnten noch eine ganze Zeit fortzusetzen.

Diese Bereitschaft das Leben fortzuführen, ist am ehesten dort gegeben, wo dieses Leben sich irgendwie erfreulich anfühlt. Ich sage bewusst irgendwie, weil die Quellen oder Gründe dieser Erfreulichkeit sehr verschieden sein können.

Da sind einerseits die rezeptiven Freuden – solche an gutem Essen, an der Schönheit der Natur etc. Diese Freuden scheinen unbegrenzt wiederholbar. Die Freude am Wiedererwachen der Natur kann mit 70 geradeso groß sein wie mit 30. An manchen wiederkehrenden Ereignissen können wir uns mit zunehmendem Alter sogar mehr erfreuen – etwa dann, wenn wir ein Geschehen präziser und facettenreicher erfassen als in früheren Phasen unseres Lebens. Das kann mit Bezug auf alle komplexen Geschehnisse eintreten – auf das Erleben des Frühlings ebenso wie auf die Begegnung mit Menschen oder mit Werken der Kunst.

Auch die Freuden, die wir aus der Betätigung unserer Fähigkeiten gewinnen, scheinen weit ausdehnbar zu sein. Nehmen wir nur die Freuden, die aus unseren beruflichen Aktivitäten entstehen können. Ich habe jetzt etwa 40 Jahre gebraucht, um in der Philosophie einigermaßen Durchblick zu bekommen. Selbst damit bin ich bei weitem nicht fertig und zufrieden. Es ist gut möglich, dass die Beseitigung meiner philosophischen Unvollkommenheiten mehr Lebenszeit benötigt als mir vergönnt ist.

Aber selbst wenn ich das Philosophie-Projekt abschließen könnte, ich könnte ein zweites Leben mit etwas beginnen, das mir interessant erscheint, was ich aber bisher nicht realisiert habe – ein Leben als Musiker oder Astronom oder als Vater von Kindern. Kurzum: Es gibt einen Ozean von möglichen Erfahrungen und es ist ziemlich offenkundig, dass wir all die Erfahrungen, von denen wir uns heute etwas Positives versprechen, in unserer jetzigen Lebensdauer nicht werden machen können, für deren Realisierung uns eine längere Lebenspanne höchst willkommen wäre.

In einem solchen Leben würde nicht mehr das gelten, was der Prediger im dritten Buch sagt: Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Es wäre nicht mehr so klar, dass man erst dies und dann das tun muss, dass vieles gar nicht mehr geht, wenn man es nicht zu einer bestimmten Zeit tut. Doch das vom Prediger im selben Buch angesichts der Vergänglichkeit alles Irdischen gezogene Fazit würde auch in einem weniger kurzen Leben nichts von seiner Gültigkeit verlieren: Da merkte ich, dass es nichts Besseres bei allem Tun gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

Die Angst, nicht das richtige Leben geführt zu haben

Eine längere Lebensdauer wäre vor allem willkommen, um jene oben erwähnte Angst vermindern zu können – die Angst in seinem Leben noch nicht das eigentlich Wichtige getan zu haben. Es geht uns in unserem Leben ja gar nicht darum, alle möglichen positiven Erfahrungen zu machen. Wir denken vielmehr, dass es da irgendwo zentrale, grundlegende Erfahrungen gibt, solche die einem Leben Sinn verleihen. Und der vielleicht größte Schrecken im Angesicht des eigenen Todes besteht darin, diese Erfahrungen und Aktivitäten noch nicht gemacht oder unternommen zu haben, sein Leben gewissermaßen vergeudet zu haben.

Es ist schwierig zu sagen, worin diese grundlegenden Erfahrungen bestehen sollen. Handelt es sich dabei um Erfahrungen oder Aktivitäten, die für alle Menschen wichtig sind oder um solche, die nur für ein spezifisches Individuum zentral sind? Oder geht es um eine Mischung aus beidem?

Wie immer man das beantworten mag, wir müssen zugeben, dass wir selbst dort, wo wir mit unserem Leben zufrieden sind, auf unsicherem Grund stehen. Woher wollen wir wissen, dass das von uns geführte Leben das für uns richtigste war? Wir haben nur sehr weniges ausprobiert. Zu welchen Zufriedenheiten und Frustrationen uns ein anderer Lebensweg geführt hätte, können wir nicht wissen.

Die Angst, nicht das richtige Leben geführt zu haben, bleibt uns Heutigen nicht erspart. Sie würde aber erheblich kleiner werden, wenn unsere Lebenspanne nicht unabhängig von unserem Wollen biologisch begrenzt wäre, wenn wir uns etwa nach einem Leben in der Philosophie noch dazu entschließen könnten, ein weiteres Leben als Musiker, als Vater von fünf Kindern oder Farmer in Namibia zu führen.

Wir können dergleichen in der uns heute vergönnten Lebensspanne nur selten realisieren – vor allem, weil es etliche Jahre braucht, um in einer Tätigkeitsform jene Kompetenz und Praxis zu gewinnen, auf deren Grundlage wir mit recht sagen könnten, wir hätten die wichtigen Fragen und Antworten dieser Praxis oder Disziplin nun verstanden.

So weit, so gut. Aber wie lange können wir all das wollen? An wie vielen Frühlingen und Herbsten, Enkeln und Ur-Enkeln können wir uns noch erfreuen? Wenn die Oper fertig ist, geht es an die Sinfonie und dann an das Streichquartett. Und nach der Philosophie kommt die Farm in Namibias Bergen. Kann das ewig so weitergehen?

Ich denke es gibt eine Reihe von Phänomenen, die den Willen zum Weiterleben schwächen können und die bei der Beurteilung des Wunsches nach Unsterblichkeit zu berücksichtigen sind. Dazu mehr in Teil 3 dieser Reihe.

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