Digitalisierung | 07.06.2017 (editiert am 25.04.2018)

Digitale Denkfallen

Zwischen Utopie und Dystopie liegt keine große Distanz: beide folgen dem gleichen, extrem verkürzten Technikverständnis. Sie unterscheiden sich nur in den Bewertungen und Hoffnungen, die sie mit Entwicklungen verbinden.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich Gelegenheit, vor der Bundestagsfraktion der Partei DIE LINKE eine kurze Stellungnahme zu den Folgen dessen abzugeben, was gegenwärtig unter Titeln wie Digitalisierung, Industrie 4.0, Arbeiten 4.0. etc. diskutiert wird. Vorausgegangen war dem eine zunehmende Uneinigkeit über die angemessene Reaktion auf das Grünbuch des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) mit dem Titel Arbeiten 4.0 [BMAS 2015].

Dabei hatte sich eine Gruppe herausgehoben, die mit der Digitalisierung einen Produktivitätsschub kommen sieht. Ein Schub, der – indem er massenhaft Arbeitsplätze vernichten würde – nicht nur das Normalarbeitsverhältnis zur Ausnahme machen und damit völlig entwerten würde. Zugleich würde er einerseits die bisherigen sozialen Sicherungssysteme austrocknen, doch andererseits neue Chancen freier Lebensgestaltung eröffnen.

Dem stand die Position gegenüber, dass dies nicht nur keine zwangsläufigen Folgen der Digitalisierung wären, sondern dass es dafür bisher auch keine starken Anzeichen gäbe. Diese Auseinandersetzung zeigt, wie weit die Denkfiguren des digitalen Utopismus, wie er prominent durch Autoren wie Paul Mason, Nick Srnicek und Alex Williams vertreten wird [Srnicek, Williams 2016; Mason 2015], bereits in der Linken – der Strömung wie der Partei, die sich so in kapitalen Lettern nennt – Fuß gefasst hat.

Nicht selten liegt zwischen Utopie und Dystopie keine große Distanz: beide folgen meist dem gleichen, extrem verkürzten Technikverständnis und unterscheiden sich nur in den Bewertungen und Hoffnungen, die sie mit einzelnen Entwicklungen verbinden. Eine ausführlichere Kritik des digitalen Utopismus habe ich an anderer Stelle ausgeführt [Fischbach 2017].

Technikdeterminismus

In der Logik des Technikdeterminismus verursachen technische Entwicklungen unmittelbar gesellschaftliche. Während seine starke Variante die Verfassung der Gesellschaft in ihrer Totalität durch den Stand der Technik bestimmt sieht, nimmt die schwächere immerhin an, dass einzelne Phänomene sich unmittelbar darauf zurückführen ließen.

Die hier vorgebrachte Kritik des Technikdeterminismus verleugnet keinesfalls die Bedeutung von Technik für die Gesellschaft. Doch sie stellt eine unidirektionale und exklusive Verursachung in Frage: nicht nur beeinflussen die gesellschaftlichen Verhältnisse die Weise, in der Technik Anwendung findet, Arbeit und Leben verändert, sondern darüber hinaus den Verlauf des technischen Innovationsprozesses selbst.

Denn Innovation geht nicht nur aus Erfindungen hervor, sondern sie impliziert immer auch eine Selektion. Was heißt, eine Gesellschaft kennt neben der Wahrnehmung auch ein Verwerfen oder Ignorieren von Möglichkeiten.

Die Falle des Technikdeterminismus kann man heute in nahezu jedem Medienbeitrag oder Statement von Politikern zuschnappen hören. Wenn davon die Rede ist, dass ‚die Digitalisierung‘ Arbeitslosigkeit und Prekarisierung hervorbringe oder gar, dass ‚Big Data‘ ein Prinzip des Datenschutzes wie die Datensparsamkeit hinfällig mache, ist es schon geschehen. Die solchen Äußerungen zugrunde liegenden Fehlschlüsse bleiben dabei unerkannt.

Big Data und invasive Digitalisierung

Das Etikett ‚Big Data‘ klebt heute auf einem Sammelsurium von Techniken, die versuchen, Daten zusammenzuführen, die heute vermehrt nicht allein bei der unmittelbaren Nutzung von IT-Systemen, sondern bei durch solche vermittelten alltäglichen Verrichtungen wie dem Einkaufen, der Benutzung von Verkehrsmitteln, dem Verbrauch von Strom oder Heizwärme bzw. entsprechenden Bezahlvorgängen erhoben werden. Ziel ist es, Aussagen nicht allein über kollektives, sondern auch über individuelles Verhalten abzuleiten.

Die Zielsetzung dabei ist überwiegend kommerziell und implizit auch herrschaftstechnisch: wir werden dabei transparent als Verbraucher, als Beschäftigte, als potentielle Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung, als Versicherungs- und Kreditrisiko.

Individuelle Haltungen, die dem in solchen Möglichkeiten liegenden Druck vorwegnehmend in neuen Formen von Anpassungsleistungen durch Selbstoptimierung nachgeben, erleben derzeit wachsenden Zuspruch. Dies umso mehr, als die digitale Technik zu diesem Zweck eine wachsende Zahl von ‚Appliances‘ zur Verfügung stellt.

Grundlage dieser Entwicklung ist eine Systemgestaltung, die sich am Ziel der maximalen informationellen Durchdringung der Privatsphäre orientiert. Dies kann auch kaum angefochten werden, weil ihr ein fundamentales Macht- und Informationsungleichgewicht zwischen den diversen digitalen Plattformen und der Masse ihrer Nutzer zugrunde liegt. Sie ist jedoch weder ein Naturgesetz noch ein technischer Sachzwang.

Diese Situation gibt einer Handvoll von monopolistischen Akteuren die Möglichkeit, sei es mittels kaum zu umgehender Vermittlungsleistungen, sei es durch scheinbar kostenlose Dienste nach Gutdünken unser Informations-, Kommunikations- und Konsumverhalten zu überwachen und zu steuern und zudem auf die Werbebudgets zuzugreifen, die wir über die Preise der beworbenen Waren bereits finanziert haben.

Entstanden ist so ein sich ausweitendes System der invasiven Digitalisierung. Was sich hierbei vollzieht, ist eine massive Enteignung. Sie reicht vom Raub der individuellen Souveränität über das Leben bis hin zur Verdrängung des Gemeinwesens aus seinen genuinen Aufgaben.

Gehörte z. B. die Vermessung und Kartierung des Territoriums als Grundlage planerischen Handelns im neuzeitlichen Verständnis staatlicher Souveränität zu deren wesentlichen Vorrechten und Funktionen, so sind diese inzwischen zur Beute privater Monopole geworden. Googles Sidewalk Labs versucht inzwischen etwa, den öffentlichen Institutionen die Planungsleistungen zu verkaufen, die einmal ihre Domäne wären. Scheinbare Plausibilität gewinnen solche Angebote in der Folge einer seit Jahrzehnten andauernden Ausdünnung der öffentlichen Institutionen, deren Geschäft dies wäre.

Den Schlüssel zu einer alternativen Technikgestaltung, die am gesellschaftlichen Nutzen orientiert ist und die invasive Digitalisierung des Alltags vermeidet, liegt darin, „das Netz in unsere Hand“ zu nehmen, wie es Thomas Wagner in einem neuen Buchtitel formuliert [Wagner 2017]. Die diversen Formen der invasiven Digitalisierung, die heute als Sachzwang hingenommen werden, wären nachdrücklich zu hinterfragen.

‚Smarte‘ Stromzähler, Thermostate etc. stellen nicht nur Einfallstore für Überwachung und Missbrauch sowie Plattformen für Cyber-Angriffe in Form von sogenannten DDoS (Distributed Denial of Service Attacks) dar, sondern sind auch weitgehend sinnlos. Techniken wie das Handy-Ticket könnten z. B. durch anonyme elektronische Karten ersetzt werden und wären bei einem freien öffentlichen Nahverkehr funktional überflüssig. Die Daten, die den Verkehrsbetrieben bei der Planung und Steuerung helfen, können diese ohne Verletzung der Privatsphäre und zudem viel effektiver und genauer unmittelbar durch die Transportsysteme erfassen.

Arbeit und ihre Produktivität

Dass bestimmte Arbeitsplätze durch Rationalisierung verschwinden, ist nicht neu und geschieht schon seit Jahrhunderten immer wieder. Doch Arbeitslosigkeit muss daraus nicht entstehen, wenn die damit verbundenen Produktivitätsgewinne in Form zunehmender Masseneinkommen bzw. Freizeit verteilt und Anstrengungen unternommen werden, die Qualifikation der Beschäftigten an die veränderten Bedingungen anzupassen.

Letzteres bedeutet überwiegend nicht, wie oft in Medienbeiträgen nahegelegt, dass aus Industriearbeitern Programmierer werden müssten, was in der Tat weder sinnvoll noch notwendig ist. Wenn die industrielle Produktivität steigt, entsteht dagegen Raum für humane Dienstleistungen und auch für solche, die zu einem sorgfältigeren Umgang mit der Natur gehören.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Arbeitsproduktivität in den Industrieländern weitaus stärker wuchs als in den letzten vier Jahrzehnten, gelang es ungleich besser als heute, Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Es gab damals wachsende Beschäftigung bei wachsender Produktivität.

Eine durch Digitalisierung verursachte Arbeitslosigkeit ist nirgendwo zu beobachten – sehr wohl jedoch eine, die sich auf eine Politik zurückführen lässt, die sich weigert, gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen.

Dies gilt ganz besonders für den Euroraum, wo einzig Deutschland eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenrate hat. Während die Bundesrepublik Arbeitslosigkeit mittels Lohn- und Sozialdumping exportiert, leidet der gesamte Kontinent unter fiskalischer Austerität und dem Druck auf die Löhne, die für eine unzureichende Gesamtnachfrage verantwortlich sind und damit Arbeitslosigkeit hervorbringen [Flassbeck 2016].

Ein Szenario wie das oft beschworene, dem zufolge in naher Zukunft mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze durch Digitalisierung entfallen würden, ist wenig plausibel. Bei einer jährlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität um 2% würden bis zu deren Verdopplung 35 Jahre vergehen. Eine solche Rate des Produktivitätswachstums haben jedoch die Industrienationen, abgesehen von kurzen Phasen Ende der 1990er, in denen die USA das schafften und Anfangs des Jahrtausends, als Deutschland ähnliche Zahlen aufwies, schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt.

Letztere Zahlen spiegelten jedoch, anders als die US-amerikanischen, keinen technologischen, sondern einen konjunkturellen Effekt: nämlich weitgehend die Rückkehr zum Niveau vor dem Einbruch, den das Platzen der kombinierten Vereinigungs- und Dot.Com-Blase nach sich gezogen hatte.

Die US-amerikanischen lassen sich dagegen weniger auf breite Fortschritte in der Industrie oder gar der Wirtschaft überhaupt zurückführen, sondern nahezu ausschließlich auf die Verbilligung und Leistungssteigerung der informationstechnischen Ausrüstungen selbst. Deren wachsende Verbreitung ermöglichte zusätzlich eine Kostendegression, die auf die Gesamtwirtschaft ausstrahlte. Doch das waren Einmaleffekte, die inzwischen ausgelaufen sind [Gordon 2016, 585-589].

Weil der Anteil der Industrie, wo bisher die größten Fortschritte der Arbeitsproduktivität erzielt wurden, am BIP sinkt, geht auch der entsprechende Betrag des dortigen Fortschritts zum gesamtwirtschaftlichen zurück; wobei bei bereits hohem Automatisierungsgrad weitere Fortschritte immer schwieriger werden.

Generell gilt jedoch, dass der Weg vom Labor bis zum wirksamen und wirtschaftlich erfolgreichen industriellen Einsatz weit und mit Überraschungen gesät ist – in der Regel viel weiter als die diversen Studien und darauf gestützten Berichte in den Medien vermuten lassen. Noch unübersichtlicher ist die Situation im Dienstleistungsbereich, wo oft nicht nur die Machbarkeit, sondern auch die Wünschbarkeit von Automatisierung in Frage steht.

Insbesondere der neoklassische Kurzschluss, dem zufolge Arbeit billiger werden müsse, um mit den Maschinen mithalten zu können, ist hier zu vermeiden. Wenn es günstiger erscheint, eine Tätigkeit durch eine Maschine zu erledigen, ist es durchaus sinnvoll, das auch zu tun, wenn es sonst keine schwerwiegenden Einwände, etwa sozialethischer oder ökologischer Natur, dagegen gibt.

Allerdings weiß man bei komplexen Innovationsprozessen vorher nicht immer genau, ob sie im Ergebnis tatsächlich zu einer Kostensenkung führen.

Ob man den Ausschluss sozial oder ökologisch bedenklicher Produkte und Verfahren am besten über den Preis erzielt, ist, eine Frage, zu der ich mich an anderer Stelle geäußert habe. Doch die meisten Gesellschaften versuchen heute nicht, Kinderarbeit, Betrug, Raub, Mord und Erpressung als Mittel wirtschaftlicher Tätigkeit auszuschließen, indem sie diese ausschließlich mit einem hohen Geldpreis versehen würden.

Ein gegebener Stand der Technologie – letztere verstanden nicht nur als Ensemble von Maschinen bzw. deren Funktionen, sondern auch als Gestalt der Verfahren, in denen diese zur Anwendung kommen – impliziert auch eine bestimmte Komposition von Arbeit und Kapital. Diese ist durch technologische Entwicklung in die eine oder andere Richtung veränderbar, wobei die erwartete Veränderung der Kosten die Richtung weitgehend beeinflusst.

Auf keinen Fall realistisch ist jedoch die neoklassische Fiktion, die von einer beliebigen Kombinierbarkeit der Produktionsfaktoren ausgeht. Auch wenn die Maschinen billiger werden, wie seit Jahrzehnten die digitale Informationstechnik, ergibt es keinen Sinn, einfach mehr Maschinen zu kaufen, um weniger Arbeit einzusetzen. Wenn eine Konstruktionsabteilung heute mit 100 Ingenieuren und 105 Computern (auf den 5 überzähligen laufen die zentralen Systeme) auskommt, kann man keine 50 Ingenieure einsparen, indem man 50 zusätzliche Computer beschafft.

Umgekehrt kann man bei heutigen hochautomatisierten Fertigungsverfahren nicht Maschinen durch Arbeit ersetzen, nur weil letztere billiger geworden ist – sei es, weil die Produktion jetzt in China stattfindet, sei es, weil die Regierung es mit Maßnahmen wie der Agenda 2010 geschafft hat, den Preis der Arbeit zu drücken. So sehen die neuen Automobilwerke in China auch nicht anders aus als die in den entwickelten Industrieländern.

Auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse entstehen nicht durch Digitalisierung, sondern weil die Regulierung der Arbeitsverhältnisse aufgeweicht und der Druck auf Arbeitsuchende, jede noch so schlechte Arbeit anzunehmen, verstärkt wurde. Eine gesamtwirtschaftlich verfehlte Politik schwächte ihre Position weiter.

Die Kombination aus makroökonomisch induzierter Unterbeschäftigung, aufgeweichter Regulierung, Lohnverfall und Digitalisierung begünstigt zudem die Entstehung von Formen der Arbeitsorganisation und entsprechenden Arbeitsverhältnissen, die Produktivität und Qualifikationen vernichten und insbesondere das Wachstumspotential der Volkswirtschaft beschädigen.

Die Crowdworking und Sharing-Plattformen verbreiten Arbeitsformen, die vor allem auf eine absurde Zersplitterung von Tätigkeiten hinauslaufen. Diese sind ebenso unwürdig wie ineffizient und wären bei hinreichender sozialer Absicherung, angemessenen Löhnen und Regulationen nicht haltbar. Lohndeflation und stagnierende Produktivität gehen hier ein inniges Verhältnis ein.

Es folgen noch weitere Beiträge des Autors zu diesem Thema.

 


Literatur

BMAS 2015: Grünbuch Arbeiten 4.0. Berlin: Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

Fischbach, Rainer 2017a: Die schöne Utopie: Paul Mason, der Postkapitalismus und der Traum vom grenzenlosen Überfluss. Köln: PapyRossa (Neue kleine Bibliothek; 238).

Gordon, Robert J. 2016: The Rise and Fall of American Growth. Princeton NJ: Princeton University Press.

Mason, Paul 2015: Postcapitalism: A Guide to Our Future. London: Penguin.

Srnicek, Nick; Williams, Alex 2016: Inventing the Future: Postcapitalism and a World without Work. Überarb. u. aktual. Aufl., Verso, London

Wagner, Thomas 2017: Das Netz in unsere Hand! Vom digitalen Kapitalismus zur Datendemokratie. Köln: PapyRossa (Neue kleine Bibliothek; 243).

 

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