Digitalisierung | 13.06.2017 (editiert am 25.04.2018)

Dimensionen der Digitalisierung

Die öffentliche Debatte über den technischen Fortschritt dreht sich vor allem um Eines: Wie viele Arbeitsplätze werden eliminiert? Doch diese Blickrichtung ist irreführend.

Vorab, eine Steigerung der Arbeitsproduktivität muss nicht zu Arbeitslosigkeit führen, wenn sie in Form steigender Löhne oder reduzierter Arbeitszeit breit verteilt wird. Zumal sich darin die Debatte um den technischen Fortschritt längst nicht erschöpft.

Informationelle Integration und Kontrolle

Eine Steigerung der Arbeitsproduktivität ist meist auch mit einer Veränderung der Qualität der Arbeit verbunden. Nicht selten gründet sie mehr in einer technologisch erzeugten Verdichtung der Arbeit, die meist auch mit ihrer vertieften Kontrolle einhergeht, als in der unmittelbaren Ersetzung menschlicher durch maschinelle Arbeit [Becker 2017].

Ersteres kann schon allein eine wegesparende Anordnung der Arbeitsmittel erreichen. Zweiteres, wenn zudem die – mit einer entsprechenden Vorrichtung zur Erfassung der Betriebsdaten versehene – Maschine den Arbeitsablauf vorgibt.

Die Antwort auf die Frage, ob mit neuer Technik eine Verdichtung und vertiefte Kontrolle der Arbeit einhergeht, ob sie zu deren Dequalifizierung oder Aufwertung führt, liegt nie in der Technik allein, sondern in ihrer organisatorischen Gestaltung – und die wiederum ist abhängig von sozialen Kämpfen und Aushandlungsprozessen.

Jenseits dieser grundsätzlich zu beachtenden Gesichtspunkte zeichnet sich das, was sich gegenwärtig unter Etiketten wie Industrie 4.0 (I4.0), Internet der Dinge (IoT) etc. vollzieht, durch eine Reihe von Besonderheiten aus. Ein Verständnis von Rationalisierung, das allein die Ersetzung von menschlicher Arbeit im Blick hat, vermag das nicht zu erfassen.

Diese Besonderheiten wurzeln darin, dass hier die digitale Informationstechnik nicht allein die Produktionsanlagen, sondern auch die Produkte durchdringt. Dadurch erlaubt sie im Prinzip eine informationelle Integration des Produktlebenszyklus von der Idee bis hin zur Müllverwertung herzustellen, die durch alle beteiligten Organisation bzw. Haushalte verläuft und auch die Grenze zwischen Entwicklung, Produktion und Konsum durchbricht.

Dies soll nicht nur die Flexibilisierung der Produktionsanlagen und Prozesse, die bereits ein – immer wieder dem Zugriff entgleitendes – Ziel der Digitalisierungsansätze früherer Jahrzehnte war, wie etwa des Computer Integrated Manufacturing (CIM) in den 1980ern und 90ern, weiter vorantreiben. Neben der die Arbeit einschließenden Vertiefung der Kontrolle über den Entstehungs- und Fertigungsprozess der Produkte soll es auch deren gesamten Lebenszyklus und – mit den Prozessen ihrer Nutzung – selbst noch die Formung der Bedürfnisse zu beeinflussen erlauben können.

Die ‚Losgröße eins‘, die in diesem Zusammenhang immer wieder durch die Medien geistert, dürfte, abgesehen vom Spezialmaschinen- und Anlagenbau, bei aller Bemühung um Flexibilität eher eine Randerscheinung bleiben. Das ergibt technologisch oft keinen Sinn und einen Bedarf dafür gibt es meist auch nicht.

Auch der heutige Kult der Produktvarianz ist sowohl unter Gesichtspunkten der Arbeits- und Kapitalproduktivität als auch des schonenden Umgangs mit Naturressourcen zu hinterfragen. Die Aufblähung des Logistiksektors durch eine Vielzahl schlecht ausgelasteter, meist auf der Straße abgewickelter Verkehre ist nicht zuletzt diesem Phänomen im Verein mit einer reduzierten Fertigungstiefe geschuldet. Wenn zum Beispiel Automobile in Zukunft vorzugsweise als Taxis, Kleinbusse oder Leihwagen Einsatz finden sollen, verliert der Fetisch der individuellen Konfiguration, dem sich die Hersteller ausnahmslos unterwerfen, ohnehin seine Bedeutung.

Mit der informationellen Integration des Produktlebenszyklus verbinden sich durchaus auch wertvolle Möglichkeiten wie die einer umfassenden Transparenz des Universums der Artefakte. Sie stellt eine der Voraussetzungen für eine Abkehr von der Wegwerfkultur, d. h. für eine Kultur der Reparatur und der Wiederverwendung sowie einer zuverlässigen Verarbeitung vor allem riskanter Abfälle dar. Insbesondere wenn es um Investitionsgüter (Maschinen und Produktionsanlagen, Verkehrssysteme etc.) geht, wird eine vorausschauende Instandhaltung unterstützt, die bei einem reduzierten Aufwand für Routineinspektionen eine erhöhte Verfügbarkeit erzielen kann.

Damit verbunden ist jedoch die Frage nach einer Systemgestaltung, die sowohl die invasive Digitalisierung des Alltags vermeidet, die zu einer fortschreitenden Exposition der Privatsphäre führt, als auch wesentliche Sicherheitsanforderungen erfüllt. Das heißt, Eingriffe durch Nichtautorisierte müssen ebenso ausgeschlossen werden können wie ihre Nutzung als Plattformen für sogenannte Distributed Denial of Service (DDoS) Attacks.

Dass mit Milliarden von, in der Mehrzahl schlecht geschützten, Geräten des IoT eine qualitativ neue Bedrohungssituation entsteht [Greene 2016], ist an der politischen Diskussion in Deutschland bisher vorbeigegangen. Ebenso die Einsicht, dass die Weiterverbreitung solcher Geräte keinesfalls alternativlos ist.

Die Transparenz der Artefaktwelt hängt – anders als es eine interessierte Lobby suggeriert – nicht davon ab, dass man allem einen Chip zu implantiert und diesen mit dem Netz verbindet. Dafür reicht auch ein System von maschinenlesbaren, eingeprägten Nummern aus. Bei den Anlagen der Produktion und der Infrastruktur, bei denen eine dauernde Konnektivität tatsächlich einen Sinn hat, sind dagegen besondere Sicherheitsvorkehrungen – bis hin zu einer physischen Trennung vom öffentlichen Internet – angezeigt.

In der derzeitigen Entwicklung einer massenhaften Verbreitung von technisch recht schlichten und zudem größtenteils durch fachlich Unkundige installierten und betriebenen IoT-Geräten liegt nicht nur für die Privatsphäre eine Gefahr. Sondern auch für die öffentliche Sicherheit. Sie ist politisch bis heute so wenig adressiert wie die Frage, wer die Standards setzt und die Vernetzungsplattformen beherrscht, die zu der informationellen Integration des Produktlebenszyklus gehören.

Diese Frage gewinnt dadurch an Schärfe, dass ein großer Teil der zahlreichen mittelständischen Unternehmen, auf die Politiker und Verbandsvertreter in Deutschland gerne mit Stolz verweisen, nicht erst durch die derzeitige Digitalisierungswelle, sondern schon durch den Nachvollzug dessen, was in den großen Unternehmen schon lange praktiziert wird, schlicht überfordert sind. Ihnen fehlt es meist an qualifiziertem Personal. Oft können oder wollen sie sich solches auch nicht leisten.

Dazu kommt, dass die Masse der Software, die heute in Unternehmen jeder Größenordnung eingesetzt wird, von dem Qualitätsstand, den eine Infrastruktur requiriert, von der perspektivisch das Leben ganzer Gesellschaften abhängt, weit entfernt ist. Auch die Aussichten auf eine durchgreifende Besserung dieser Situation sind nicht besonders gut.

Die Geheimdienste entwickeln sich dadurch zu einem Sicherheitsrisiko erster Ordnung. Dass sie, wie kürzlich wieder sichtbar geworden, ihre Kenntnisse von Verwundbarkeiten verbreiteter Softwareprodukte nicht zum Anlass nehmen, die Gesellschaften zu warnen und die Hersteller zu Abhilfe aufzufordern, sondern zur eigenen Verwendung horten, macht die Situation nicht besser [Bradshaw 2017].

Die nachlässige und weitgehend unprofessionelle Weise, in der Politik und Medien Sicherheitsfragen behandeln, die aus der Perspektive der gegenwärtig von allen Seiten verkündeten Digitalisierungspläne höchste Priorität erhalten sollten, steht in merkwürdigem Kontrast zu der tendenziell paranoiden Aufmerksamkeit die alles genießt, was als islamistischer Terror firmiert.

Dass zudem weitgehend der Evidenz entbehrende Vermutungen über eine russische Beeinflussung von Wahlen via Internet ähnliche Erregung hervorrufen, verstärkt den Eindruck, dass die westlichen Länder von einer rationalen Auseinandersetzung mit dem Thema Digitalisierung noch weit entfernt sind.

Trend zur Kapitalersparnis

Doch nicht nur die organisatorische, sondern auch die finanzökonomische Seite der vertieften informationstechnischen Durchdringung von Produktion und Produkten entgeht bisher weitgehend der Aufmerksamkeit. Die vertiefte Kontrolle über und die gesteigerte Flexibilität von Anlagen und Prozessen soll den Kapitalaufwand reduzieren. Dieser sinkt, wenn eine Anlage mit einem Prozess ein breiteres Spektrum von Produkten hervorzubringen vermag, wenn sich durch bessere Steuerung und vorausschauende Instandhaltung Maschinen und Werkzeuge besser nutzen lassen oder wenn Funktionen mit billigeren Gerätekonfigurationen zu realisieren sind.

Sichtbar wird diese Entwicklung, wenn Automobilfirmen auf reduzierter Fabrikfläche mehr Fahrzeuge eines erweiterten Typenspektrums fertigen. Das heißt, wenn eine geringere Anzahl gut ausgelasteter, flexibler Fertigungslinien eine größere Anzahl schlecht ausgelasteter, starrer Fertigungslinien ersetzt. Wenn Werkzeugmaschinen durch Einsatz von Software und Messtechnik bei erhöhter Standzeit der Werkzeuge in gleicher Zeit mehr Werkstücke bearbeiten. Wenn in die Anlagen integrierte, vernetzte Sensoren aufwendige Laboruntersuchungen einsparen, die ebenso schnelle wie genaue Steuerung von Prozessen mit integrierter Qualitätskontrolle der Produkte ermöglichen etc.

Dieser technologische Trend zur Kapitalersparnis wirkt jedoch bis in die Finanzsphäre hinein. Wenn die Unternehmen ihre Produktionsziele auf Basis neuer Technik mit schrumpfendem Kapitalaufwand zu realisieren vermögen, schwächt dies die Funktion von Investitionen als Konjunkturverstärker.

In einer Situation, in der aufgrund defizitärer Nachfrage Impulse zur Produktionsausweitung ausbleiben, schrumpft auf diese Weise auch noch das Volumen der unvermeidlichen Ersatzinvestitionen. Zwischen technologischer Kapitalersparnis und makroökonomischen Stagnationstendenzen bildet sich eine negative Feedback-Schleife, innerhalb derselben sich der technologische Entwicklungspfad noch weiter in Richtung Kapitalersparnis bewegt.

Die Investitionen bleiben auf diese Weise, die Stagnationstendenzen verstärkend, immer weiter hinter den angestrebten Ersparnissen zurück.


Literatur

Becker, Matthias 2017: Digitalisierung und Ausbeutung: Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus?  Wien: Promedia.

Bradshaw, Tim 2017: Microsoft hits out at US government ‚stockpiling‘ of cyber weapons. Financial Times, 15. Mai. https://www.ft.com/content/5540194a-38fe-11e7-821a-6027b8a20f23

 

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