Digitalisierung | 09.06.2017 (editiert am 25.04.2018)

Von der digitalen Utopie in die Realität

Seit sich das Internet über die engeren Zirkel der IT-nahen Wissenschaft und Technik ausdehnt, gehen damit weitreichende Versprechen einher. Doch davon ist wenig übrig geblieben.

Die Digitalisierung und das Netz befreiten die Menschen von allen Beschränkungen – denen von Raum und Zeit ebenso wie den politischen, sozialen und ökonomischen, so wird versprochen. Sie ermächtigten zu autonomem Handeln und zur Bildung freier Assoziationen, indem sie neue, persönliche Werkzeuge an die Hand gäben. Unabhängig vom Lohnarbeitsverhältnis würden die Menschen für ihren Bedarf bzw. den der Gesellschaft produzieren können.

Das Netz sei, da unkontrollierbar, auch nicht zensierbar und deshalb, völlig unabhängig davon, wo sie sich körperlich befänden, der ideale ‚Ort‘, an dem Menschen sich selbstbestimmt zu alternativ produzierenden Gemeinschaften zusammenfinden könnten.

Netz, Raum und Verkehr

Dass die weltweite digitale Vernetzung zur Auflösung der räumlichen Strukturen führen würde, die sich zum Beispiel in Europa seit dem Mittelalter herausgebildet haben, gehört seit den 1990ern zu den Glaubenssätzen des digitalen Utopismus. Wenn die Präsenz im virtuellen Raum die im physischen zunehmend ersetze, würden Verdichtungsräume sich auflösen und Verkehr überflüssig werden.

Die letzten Jahrzehnte belegten eindrucksvoll, dass das Gegenteil der Fall ist. Nicht nur nehmen Verkehr und Verstädterung weltweit zu, sondern auch das Ungleichgewicht zwischen einigen stark wachsenden metropolitanen Räumen, in Europa besonders den Städten der sogenannten blauen Banane, und den zurückbleibenden Landstrichen [Pauli 2016; Pauli 2017].

Die IT-Industrie gehört, was sich am Verdichtungsraum des Silicon Valley ebenso zeigt wie an entsprechenden Räumen um Städte wie München oder Bangalore, zu den Treibern, nicht zu den Bremsern dieser Entwicklung. Diese gründet zunächst darin, dass das Netz einen Körper hat, ihm also eine materielle Struktur zugrunde liegt, die selbst eine ausgeprägte Ökonomie der Dichte aufweist.

Ein Netzzugang mit hoher Bandbreite ist in Verdichtungsräumen wesentlich kostengünstiger zu realisieren als auf dem flachen Land. Und weil das Netz heute nahezu überall hinreicht, ermöglicht es gerade die Zentralisierung von Funktionen, insbesondere die der Kontrolle über global verteilte Operationen. Mit der Faszination durch das Bild des ‚verteilten‘ Netzes, das in Wirklichkeit so verteilt nicht ist, hat sich eine ganze Generation von politischen bzw. sozialen Theoretikern und Aktivisten selbst in die Irre geführt.

Gerade weil die Vernetzung die Notwendigkeit zur physischen Präsenz teilweise aufhebt oder zumindest reduziert, bringt sie andere Anziehungskräfte umso stärker zur Geltung. Insbesondere die Tendenz von Funktionen der Führung und Steuerung sich dort zu konzentrieren, wo die Ressourcen, deren sie bedürfen, sich ansammeln: Infrastruktur des Verkehrs und der Telekommunikation, Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen, spezialisierte Dienstleistungen und, nicht zuletzt, qualifizierte Arbeitskräfte. Zwischen diesen Faktoren bilden sich positive Rückkopplungsschleifen aus: nichts wirkt so agglomerierend wie eine Agglomeration. Verkehrswachstum stellt sich dabei zwangsläufig ein [Fischbach 2005, 189-251].

Nicht viel realistischer als die Annahme einer Auflösung der urbanen Konzentrationen und eines Verschwindens des physischen Verkehrs durch die digitalen Netze war der Glaube an deren Unkontrollierbarkeit. Aus dem Phantasiebild des ‚verteilten‘ Netzes auf eine damit gegebene Verteilung von Macht zu schließen, bedeutete nicht weniger der Selbsttäuschung zu unterliegen als die Erwartung einer damit verbundenen Aufhebung räumlicher Ungleichgewichte.

Nachdem Edward Snowden mit seinen Enthüllungen über die Praktiken der NSA viele aus ihren Träumen gerissen hatte, griff immerhin das Eingeständnis um sich, dass es mit der Unkontrollierbarkeit des Netzes doch nicht so weit her wäre, wie man einst geglaubt hatte. Meine bereits vor 10 und mehr Jahren geäußerten Warnungen, dass die Linke sich mit dem Glauben an die Unkontrollierbarkeit des Netzes auf einem Pfad der Selbsttäuschung befinde [Fischbach 2009], stießen damals noch weithin auf die Ablehnung derer, die glaubten, es besser zu wissen.

Dass das Netz nicht jenseits der physischen Welt existiert, sondern einen Körper hat, über den vor allem die verfügen, die auch in der physischen Welt Macht und – als ganz wesentliches Medium derselben – Geld haben, wurde allzu lange verdrängt. Dass sich hier mit den Internet-Plattformen neben den altbekannten wie den Geheimdiensten auch neue Spieler unter Ausnutzung netzspezifischer Mechanismen in Position gebracht haben, ändert nichts an diesem grundlegenden Sachverhalt.

Zeitsouveränität und Peer Production

Die Situation der Menschen, die bei miserablen Löhnen davon abhängig sind, ob ihnen eine Crowdworking- oder Sharing-Plattform einen Auftrag zuweist, als Gewinn von Zeitsouveränität zu feiern, ist zumindest naiv, wenn nicht zynisch. Jede nähere Beschäftigung mit jenen Phänomenen, entlarvt dieses Wort als Euphemismus [z. B. Becker 2017, 127-167; Sorge 2017].

Wer seine Arbeitsmittel selbst bereitstellen muss und dabei ohne Versicherungsschutz, ohne Recht auf Pausen, Urlaub und Mitsprache darauf wartet, irgendwelche Arbeitspartikel zugewiesen zu bekommen, die es dann unter permanenter Überwachung möglichst schnell zu erledigen gilt, um auch nur eine ungewisse Bezahlung weit unter dem offiziellen Mindestlohn zu erhalten, ist alles andere als souverän.

Die extreme Zersplitterung von Arbeit in Teile, die mit jeweils geringster Qualifikation und Bezahlung zu erledigen sind, vermindert zwar – oberflächlich betrachtet – die Kosten. Sie steigert jedoch nicht die Produktivität. Sie enthält sogar das Risiko, sie zu vermindern.

Nicht allein, indem sie den bürokratischen Aufwand für die Aufteilung und Beschreibung der Teilarbeiten sowie anschließend für ihre Kontrolle und Reintegration steigert. Sondern auch, indem sie die Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft blockiert. Denn diese wird nicht zuletzt dadurch gefördert, dass sie mit zusammenhängenden, sinnhaften und sich mit steigender Expertise ausweitenden Aufgaben zu tun hat.

Möglicherweise ist die Produktivitätsentwicklung der Industrieländer heute noch schlechter als die weithin Stagnation anzeigenden offiziellen Zahlen zu erkennen geben, weil einen großen Teil der Arbeit, die in den Graubereichen der digitalen Ökonomie geleistet wird, keine Statistik erfasst.

Nicht viel realistischer als die Hoffnung auf Zeitsouveränität durch Crowdworking und Sharing ist die auf eine solidarische Ökonomie durch Peer Production. Als Beispiele, die deren Machbarkeit demonstrieren sollen, figurieren immer wieder dieselben Projekte: die Wikipedia, Linux und was es sonst noch an freier bzw. offener Software gibt.

Dabei unterstellen die Propagandisten der Peer Production nicht nur, dass diese Projekte ihrem idealistischen Modell entsprächen, sondern auch, dass sie fraglos als Erfolge zu verzeichnen wären. Doch dies ist nicht der Fall.

Die heute verfügbare offene Software besteht zu einem beachtlichen Teil aus Code, der durch – zum größten Teil aus öffentlichen Haushalten oder von Stiftungen finanzierte – Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen, oft noch im letzten Jahrhundert, erstellt wurde. Dies trifft etwa auf die Implementation der grundlegenden Internet-Protokolle zu.

Aktuell setzen auch profitorientierte Unternehmen bezahlte Mitarbeiter ein, um an offenen Softwareprodukten zu arbeiten – dies deshalb, weil die Verfügbarkeit und Funktionalität dieser Produkte von wesentlicher Bedeutung für ihr Geschäftsmodel ist, auch wenn der Verkauf von Softwarelizenzen darin keine Rolle spielt.

Googles Android, das auf dem Linux-Kernel basiert, ist dafür ein Musterbeispiel. Sicher gibt es auch eine Anzahl von Idealisten, doch vor allem jüngere Entwickler beteiligen sich unbezahlt an offenen Projekten, weil sie darin eine Chance sehen, sich für bezahlte bzw. besser bezahlte Arbeit zu qualifizieren. Das tendenziell sozialdarwinistische Klima in vielen Projekten spricht hierzu Bände.

Neben den – nicht zuletzt durch die Unterstützung von daran interessierten Unternehmen und öffentlichen Institutionen – erfolgreichen Projekten gibt es auch viele siechende oder nahezu tote. Wer auf die entsprechende Software baut und auf Fehlerkorrekturen und Updates zur Anpassung an sich wandelnde Anforderungen angewiesen ist, hat dann vielleicht ein Problem und muss den Aufwand, den er in deren Integration gesteckt hat, abschreiben.

Eine verlässliche Basis an offener Software, die in der Tat ein öffentliches Gut darstellen würde, kann so nicht entstehen. Der Aufbau einer solchen hinge davon ab, dass er als öffentliche Aufgabe der Daseinsvorsorge wahrgenommen und auch entsprechend finanziert werden würde.

Nicht viel besser als der Zustand der offenen Softwarelandschaft ist der von Wikipedia. So verdienstvoll die ihr zugrunde liegende Idee auch ist, so weit ist sie auch von der Qualität entfernt, die eine verlässliche und brauchbare Informationsquelle ausmacht. Die Artikel folgen im Aufbau keiner einheitlichen Form und sind auch von höchst uneinheitlicher Qualität. Oft lassen sie wesentliche Fragen unbeantwortet. Manche warten zwar mit einer Fülle fachlicher Detailinformation auf, lassen jedoch die Bedürfnisse der nicht vorgebildeten Nutzer, die zu adressieren doch die Aufgabe einer universellen, nicht fachlichen Enzyklopädie ist, völlig unbefriedigt.

Einem Grundproblem kostenloser Dienste widmet sie keine Aufmerksamkeit: Transparenz und Rechenschaftspflichten gegenüber der Öffentlichkeit. Das führt dazu, dass man das bekommt, was den Interessen derjenigen entspricht, die dafür bezahlen. Im Falle einer Medienwelt, die sich überwiegend durch Werbung finanziert, die Information, die den Werbenden zumindest genehm ist.

Die Wikipedia vermeidet zwar die unmittelbare Abhängigkeit von Werbung. Doch hat sie gegen die Penetranz derjenigen, die genügend Zeit und vermutlich ausreichend Geld im Hintergrund haben, um sich dem wiederholten Umschreiben von Artikeln zu widmen, keine Mittel, zumal die Identität der Autoren verborgen bleibt.

 


Literatur

Becker, Matthias 2017: Digitalisierung und Ausbeutung: Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus?  Wien: Promedia.

Fischbach, Rainer 2005: Mythos Netz: Kommunikation jenseits von Raum und Zeit? Zürich: Rotpunktverlag.

Fischbach, Rainer 2009a: Internet: Zensur, technische Kontrolle und Verwertungsinteressen. In: Lothar Bisky, Jürgen Scheele, Konstanze Kriese (Hrsg.) 2009: Medien MachtDemokratie: Neue Perspektiven. Berlin: Dietz, 2009 (rls Texte; 54), 109-133.

Sorge, Petra 2017: Für ein paar Cent. Freitag, Nr. 15, 13. April, 6-7.

 

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