Finanzsystem | 11.07.2017

Banken: Geldvermittler und Geldschöpfer?

Die These, dass Banken die Fähigkeit zur „Geldschöpfung aus dem Nichts“ besitzen, findet inzwischen zunehmend Akzeptanz. Dennoch meinen viele, die diese These teilen, dass Banken zusätzlich auch Geld von Sparern an Kreditnehmer weitergeben.

Wir werden immer wieder gefragt, ob die von uns vertretene Geldschöpfungstheorie, nach der die Banken bei der Kreditvergabe in actu Geld schaffen und folglich weder über vorherige Bankeinlagen, noch über vorherige Guthaben bei der Zentralbank, noch über Bargeld im Tresor verfügen müssen, nicht zu kurz greift. Es mag ja sein – so lautet ein häufig vorgetragenes Argument –, dass die Banken die Macht besitzen, neues Geld „aus dem Nichts“ zu erzeugen. Aber könnte es nicht sein, dass sie zusätzlich auch altes, bereits existierendes Geld (also beispielsweise Spareinlagen) an Kreditnehmer weiterreichen?

Schließlich lese man doch überall, dass die Funktion der Banken darin bestehe, die Ersparnisse privater Haushalte und Unternehmen einzusammeln und als Kredite an andere Unternehmen oder Haushalte zu vergeben. Und warum sollten die Banken, wenn eine Kreditvergabe ohne vorherige Zuflüsse von Kundeneinlagen jederzeit möglich sei, überhaupt Interesse daran haben, solche Einlagen einzuwerben?

Die Kreditvergabe der Banken

Wir haben in der Vergangenheit immer wieder zu zeigen versucht (zuletzt hier, hier, hier oder hier), dass Banken keine Finanzintermediäre zwischen Sparern und Investoren sind, die bestehende Bankeinlagen an Darlehensnehmer ausleihen. Vielmehr schafft eine Bank bei der Kreditvergabe Geld „aus dem Nichts“, indem sie auf der Aktivseite ihrer Bilanz ein Darlehen einbucht und auf der Passivseite auf dem Girokonto des Darlehensnehmers eine betragsmäßig gleich hohe Gutschrift. Mit anderen Worten: Es kommt durch die Kreditvergabe der Bank zu Geldschöpfung (verbunden mit einer sogenannten Bilanzverlängerung, einem neuen Eintrag sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite).

Abbildung 1 verdeutlicht noch einmal an einem Beispiel – einem von Bank A gewährten Darlehen in Höhe von €1000 an den Kunden X –, wie die Darlehensvergabe durch eine Bank bilanziert wird (zu einer ausführlicheren Erklärung vgl. hier und hier). Um die Darstellung übersichtlicher zu halten, werden nur die Veränderungen auf der Aktiv- und Passivseite gezeigt.


Abbildung 1


Damit ist allerdings noch nichts darüber gesagt, ob Bank A aus unserem Beispiel nicht auch anders verfahren könnte. Kann sie nicht ebenso gut zuvor entgegengenommene Kundeneinlagen an Kreditnehmer ausleihen?

Nehmen wir dazu an, einem weiteren Kunden Y der Bank A seien zuvor von einem anderen Wirtschaftsteilnehmer (etwa seinem Arbeitgeber), der sein Konto bei der Bank B unterhält, €1000 überwiesen worden. Wenn wir aus Vereinfachungsgründen den Zahlungsvorgang isoliert betrachten und ferner annehmen, dass er unmittelbar über die Zentralbankkonten der beiden Banken verrechnet wurde (die Banken zahlen untereinander mit Zentralbankgeld, d.h. Guthaben bei der Zentralbank), so wirkt sich dies wie folgt auf die Bilanz der Bank A aus:


Abbildung 2


Bei Bank A haben sich also ihre Zentralbankguthaben, auch Reserven genannt[1], und die Sichteinlagen des Kunden Y um den gleichen Betrag erhöht.

Kann jetzt Bank A die Einlage des Kunden Y als Kredit an den Kunden X weiterreichen? Dies ist nicht möglich, selbst wenn Kunde Y zuvor seine neue Sichteinlage bei Bank A in eine Spareinlage umgewandelt hat. Denn Bankeinlagen sind – wie auch die „Bank of England“, die britische Zentralbank, richtig feststellt (hier, S. 16) – nur eine Aufzeichnung (also letztlich Zahleneinträge), wie viel eine Bank ihren Kunden schuldet. Sie stellen damit für die Bank eine Verbindlichkeit dar (in der Bankbilanz auf der Passivseite verbucht) und nicht etwa eine Vermögensposition, die ausgeliehen werden kann. Wenn eine Bank tatsächlich Geld verleihen würde, das sie zuvor von Sparern erhalten hat, müsste dieses Geld auf der Aktivseite ihrer Bilanz stehen (vgl. auch Tymoigne 2016).

Bank A aus unserem Beispiel könnte dementsprechend nicht wie folgt verfahren:


Abbildung 3


Bank A kann also nicht die Bankkonten anderer Kunden zur Kreditgewährung nutzen, d.h. in unserem Beispiel nicht durch entsprechende Umbuchungen auf den Bankkonten von Kunde Y und Kunde X quasi das Geld von Kunde Y nehmen und an Kunde X weitergeben (Kunde Y wäre davon vermutlich auch wenig begeistert). Was in der Bilanz in Abbildung 3 dargestellt wird, ist eine Zahlung von Kunde Y an Kunde X, nicht aber ein Kredit der Bank A.

Aber – so ließe sich einwenden – ist es Bank A nicht möglich, ihr Zentralbankguthaben von €1000 (auf der Aktivseite ihrer Bilanz) in einem sog. Aktivtausch weiterzuverleihen, indem sie diese €1000 auf das Konto eines Kreditnehmers überweist und im Gegenzug einen gültigen Kreditvertrag (d.h. eine Forderung gegenüber dem Kreditnehmer) erhält?

Tatsächlich ist Bank A ein solches Vorgehen, das auch in der Geldschöpfungsmultiplikator-Theorie fälschlicherweise unterstellt wird, verwehrt: Wie wir auf Makroskop (z.B. hier) schon oft erläutert haben (vgl. auch Ehnts 2016), können Banken ihre Einlagen bei der Zentralbank nicht an Produktionsunternehmen oder private Haushalte weiterverleihen, da weder Nichtbank-Unternehmen noch Privathaushalte (also auch nicht Kunde X aus unserem Beispiel) über Konten bei der Zentralbank verfügen. Reserven aber können nur auf Konten bei der Zentralbank gehalten und daher allein zwischen Banken verliehen werden. Einlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank und Einlagen von Kunden bei den Geschäftsbanken zirkulieren in getrennten Systemen, d.h. es existiert keine Schnittstelle zwischen den Konten bei der Zentralbank und den Konten bei den Geschäftsbanken (folglich besteht für die Banken keine Möglichkeit, ihre Zentralbankeinlagen an private Haushalte oder Nichtbank-Unternehmen zu transferieren).

Freilich lassen sich nun verschiedene Szenarien konstruieren, wie die Banken doch ihnen zuvor zugeflossene Kundengelder weitergeben könnten. In unserem Beispiel etwa wäre eine Idee, dass Bank A das erhaltene Zentralbankguthaben bei einer Zweigstelle „ihrer“ Zentralbank gegen Bargeld tauscht und damit dann einen Kredit an einen Kunden bar auszahlt. Oder es ließe sich allgemein die Vorstellung entwickeln, dass die Bankkunden Tag für Tag Massen an Bargeld in ihre Banken bringen, es dort deponieren und die Banken dieses Bargeld dann an gleichzeitig eintreffende Kreditnehmer ausleihen. Nur haben solche Überlegungen mit der realen Welt des Bankgeschehens nichts zu tun, allein schon deshalb, weil Banken in der Regel keine Kredite in bar vergeben.

Warum sind die Banken an Kundeneinlagen interessiert?

Natürlich stellt sich hier die Frage, warum die Banken überhaupt Interesse an Kundeneinlagen haben, wenn sie doch bei der Kreditvergabe nicht auf Geld angewiesen sind, das vorab jemand bei ihnen deponiert hat, sondern Geld „aus dem Nichts“ schaffen können. Wir haben uns an anderer Stelle (hier) ausführlich mit diesem Thema beschäftigt und möchten uns deshalb hier auf eine kurze Zusammenfassung beschränken.

Banken sind deshalb an möglichst vielen Kundenkonten interessiert, auf die möglichst viel Giralgeld von den Kunden anderer Banken überwiesen wird[2], weil ihnen erstens zusammen mit den Überweisungen (genauer: mit einem Netto-Zustrom an Giralgeld) von diesen Banken sozusagen „gratis“ zusätzliche Reserven zufließen (siehe Abbildung 2). Reserven, für die sie ansonsten – wenn sie sich diese von anderen Geschäftsbanken oder von der Zentralbank leihen würden – einen Zins zahlen müssten (vgl. auch Binswanger 2015, S. 38f).

Und weil zweitens mit der Zahl ihrer Kundenkonten ihr Bedarf an Reserven tendenziell sinkt: Denn die Differenz im Zahlungsverkehr zweier Banken, d.h. die Differenz zwischen den Überweisungen von einer Bank A zu einer Bank B und umgekehrt von Bank B zu Bank A, wird am Ende des Tages in Reserven beglichen, die der defizitären Bank abgezogen und der anderen Bank gutgeschrieben werden. Je mehr Kundenkonten nun eine Bank hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Überweisungen bankintern (d.h. vom Konto des Kunden X bei der Bank A auf das Konto des Kunden Z bei der gleichen Bank A) vorgenommen werden können, also keine Reserven zum Zweck des Zahlungsausgleichs erforderlich sind. Im (theoretischen) Extremfall, in dem es einer Bank gelänge, sämtliche Bankkonten eines Landes auf sich zu vereinen, brauchte diese Bank gar keine Reserven mehr für den Zahlungsausgleich.

Drittens nutzen Banken häufig das Girokonto der Kunden – gewissermaßen als „Einstiegsprodukt“ – dazu, diese Bankkunden für andere Dienstleistungsprodukte zu gewinnen („Cross-Selling“) und an das Kreditinstitut zu binden.

Erwähnt werden muss noch, dass Banken Reserven, die sie gleichzeitig mit dem netto zufließenden Giralgeld von anderen Banken „gratis“ erhalten, zum einen – wie erwähnt – für den Zahlungsausgleich untereinander benötigen (sofern die Zahlungsvorgänge zwischen den Banken nicht über privat geführte Korrespondenzkonten verrechnet werden[3]). Darüber hinaus werden sie aber auch zur Erfüllung ihrer Mindestreservepflicht, zur Befriedigung des Bedarfs ihrer Kunden an Bargeld (die Zentralbankguthaben der Banken lassen sich jederzeit in Form von Bargeld abfordern), zum Kauf von Staatsanleihen vom Staat, zur Ermöglichung von Steuerzahlungen ihrer Kunden[4], zum Tausch gegen benötigte Devisen sowie zur Bedienung und Rückzahlung von Krediten anderer Banken oder der Zentralbank gebraucht.

Es bleibt abschließend die Frage, warum die Banken versuchen, Spar- und Termineinlagen einzuwerben, also z.B. ihre Kunden davon zu überzeugen, Sichteinlagen in Spareinlagen zu transformieren. Schließlich muss eine Bank ihren Kunden ja üblicherweise einen Zins auf deren Spareinlagen zahlen.

Jedoch haben Sichteinlagen den Nachteil, dass sie jederzeit an andere Banken abfließen oder von ihren Inhabern in Bargeld umgewandelt werden können, was beides für sich genommen einen Verlust an Zentralbankgeld bedeutet. Zudem sind Sichtguthaben in den verschiedenen Ländern in der Regel mindestreservepflichtig, wohingegen Spar- oder Terminguthaben nur geringen oder gar keinen Mindestreservevorschriften unterliegen. Aus diesen Gründen bieten die Geschäftsbanken ihren Kunden verzinste Spar- und Termineinlagen an, die gleichsam „eingefrorene“ Sichteinlagen darstellen, auf die die Bankkunden nicht mehr uneingeschränkt (sondern erst wieder nach einer bestimmten Zeit) zugreifen können.

Die Wende der Deutschen Bundesbank

Erfreulicherweise ist nach der „Bank of England“, der britischen Zentralbank (hier und hier), jetzt auch die Deutsche Bundesbank in einer „aufsehenerregende(n) Bundesbank-Publikation“ (Norbert Häring), nämlich in ihrem Monatsbericht vom April 2017, ganz offiziell auf die von uns vertretene Argumentationslinie umgeschwenkt. Die Bundesbank schreibt dort vollkommen zu Recht:

«Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, verbucht sie die damit verbundene Gutschrift für den Kunden als dessen Sichteinlage und somit als eine Verbindlichkeit auf der Passivseite ihrer Bilanz. Dies widerlegt einen weitverbreiteten Irrtum, wonach die Bank im Augenblick der Kreditvergabe nur als Intermediär auftritt, also Kredite lediglich mit Mitteln vergeben kann, die sie zuvor als Einlage von anderen Kunden erhalten hat.» (S. 19f)

Noch deutlicher wird die Deutsche Bundesbank in ihrem Begleitmaterial zum Schülerbuch „Geld und Geldpolitik“:

«Tatsächlich wird bei der Kreditvergabe durch eine Bank stets zusätzliches Buchgeld geschaffen. Die weitverbreitete Vorstellung, dass eine Bank ‚auch altes, schon früher geschöpftes Buchgeld, z.B. Spareinlagen, weiterreichen‘ (könne), […] trifft nicht zu.»

In dem genannten Schülerbuch selbst war die Deutsche Bundesbank bereits vorher von ihrer früheren Darstellung der Banken als reine Finanzintermediäre abgerückt.

Konfusion von rechts bis links

Dennoch erfreut sich die von uns vertretene Kreditschöpfungstheorie hierzulande immer noch keiner besonderen Beliebtheit – und zwar weder auf der rechten noch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Dies wurde erst jüngst wieder in der Auseinandersetzung mit dem erwähnten Monatsbericht vom April 2017 deutlich, in dem sich die Bundesbank endgültig von der Theorie der Banken als Finanzintermediäre verabschiedet hat.

Wie Norbert Häring in einem ausgezeichneten Beitrag zeigt, schreckte die „Welt“ nicht davor zurück, die Bundesbank nunmehr in die Nähe von „Verschwörungstheoretikern“ zu rücken. Deutlich wurde dabei, dass die „Welt“ die Tragweite der neuen Ausführungen der Deutschen Bundesbank offenkundig gar nicht verstanden hat. Denn die Zeitung gibt den Inhalt des Bundesbank-Beitrags in verzerrter Weise wieder und bleibt weiterhin ihren alten, liebgewonnenen Missverständnissen und Irrtümern verhaftet – etwa der Vorstellung, dass eine Bank „aus den Einlagen wieder einen neuen Kredit machen“ kann (was die Bundesbank gerade zu Recht bestreitet).

Erstaunlicherweise tut sich aber auch die Linke in Deutschland mit einem adäquaten Verständnis der Funktionsweise von Banken schwer. Wir können an dieser Stelle keine umfassende Ursachenanalyse betreiben. Aber ein wichtiger Grund scheint zumindest bei der marxistischen Linken darin zu liegen, dass sie sich in weiten Teilen immer noch strikt weigert, in ihren geldtheoretischen Überlegungen die Theorie einer Geldware aufzugeben.

In dieser Sichtweise basieren auch die gegenwärtig existierenden Geldformen „in letzter Instanz“ auf einer Geldware, nämlich Gold. Nach Marx können sich die Waren erst dann als Werte aufeinander beziehen, wenn aus der „ungeheure(n) Warensammlung“ (MEW Bd. 13, S. 15) eine Ware – Gold – als allgemeines Äquivalent ausgeschlossen wird (vgl. MEW Bd. 23, S. 83f). Demnach ist – so die Argumentation – eine Marxsche „Geldtheorie nicht denkbar […] ohne Geldware“ (Backhaus/Reichelt 1995, S. 91).

Dieses dogmatische Festhalten an der auf ein metallistisches Geld- und Währungssystem bezogenen Marxschen Geldtheorie hat zu skurrilen Untersuchungen geführt, etwa zu Vergleichen der Produktivitätsentwicklung im Produzierenden Gewerbe mit der in der Goldproduktion und den Folgen für die Goldpreise der Waren.[5] Wer aber annimmt, dass eine marxistische respektive linke Geldtheorie allein mit einer Geldware vorstellbar ist und folglich stets die Goldproduktion einbeziehen muss, dem wird eine Theorie der Banken als bloße Finanzintermediäre, die bei der Kreditvergabe bereits vorhandenes Geld (das Gold repräsentiert) weiterreichen, sicherlich plausibler erscheinen als eine Theorie, nach der Banken neues Geld „aus dem Nichts“ schaffen.

Nun muss man fairerweise ergänzen, dass es auch marxistisch orientierte Autoren – wie etwa Ingo Stützle – gibt, die bestreiten, dass das heutige Geld „in letzter Instanz“ auf einer Geldware basiert bzw. dass die Annahme einer Geldware für die Rekonstruktionsversuche der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie unverzichtbar ist. In einer Analyse der verschiedenen Positionen zur Marxschen Geldtheorie stellt Stützle jedoch als (vorläufiges) Fazit ernüchtert fest:

«An einer Geldware allerdings, so wurde gezeigt, kann nicht festgehalten werden. Sie ist weder theoretisch haltbar, noch ist ein Zusammenhang zwischen Geld und Gold festzustellen, der über eine übliche Waren-Geld-Beziehung hinausgeht. Eine konsistente Rekonstruktion der Kritik der politischen Ökonomie ohne Geldware liegt demgegenüber aber noch nicht vor.» (hier)

Dieser unzureichende Stand der Forschung spiegelt sich selbst in Analysen solcher Autoren wider, die sicherlich nicht zu den Vertretern einer dogmatischen Marxschen Geldtheorie gehören. So gesteht etwa Etienne Schneider von der Zeitschrift PROKLA – in einem ansonsten durchaus lesenswerten Buch zu den Möglichkeiten einer alternativen Wirtschaftspolitik außerhalb des Euro – zu, dass Banken neues Geld „aus dem Nichts“ schaffen. Aber auch Schneider will die alte Intermediations-Vorstellung nicht aufgeben. Damit landet er genau bei der „Mischmasch“-Theorie (Banken als Geldschöpfer und Finanzintermediäre zugleich), die wir im vorliegenden Beitrag kritisieren. Schneider schreibt:

«Die klassische Grundlage des Kreditsystems besteht im sogenannten Depositengeschäft, d.h. dem Einsammeln des Geldes von KundInnen und dessen Weitergabe als Kredit an Unternehmen und Privatpersonen. Heute weitaus bedeutender ist aber die Kreditvergabe in Form der Neuschöpfung von Buch- bzw. Giralgeld. Bei diesen beiden Formen von Kreditgeschäften handelt es sich um Bankkapital, das in den Begriffen von Marx als ‚zinstragendes Kapital‘ fungiert.» (Schneider 2017. S. 50f)

Diese Darstellung wirft eine ganze Reihe von Fragen auf: Wenn Banken offenbar über zwei Möglichkeiten der Kreditvergabe verfügen, wann wenden dann welche Banken welche Variante an? Welche Vor- und Nachteile habe die „beiden Formen von Kreditgeschäften“ jeweils? Warum hat die Bedeutung des „Depositengeschäfts“ gegenüber der „Neuschöpfung von Buch- bzw. Giralgeld“ im Zeitablauf so stark abgenommen, dass heutzutage auf das erstere nur noch ein sehr geringer Anteil des gesamten Kreditvolumens der Geschäftsbanken entfällt (S. 52)? Hätten die Banken früher nicht auch schon in relativ größerem Umfang neues Geld schaffen können (statt darauf zu warten, dass ihnen private Haushalte oder Unternehmen Geld zur Verfügung stellen) und, wenn ja, warum haben sie es nicht getan?

Auf alle diese Fragen findet sich bei Schneider keine Antwort. Es kann auch keine entsprechenden Antworten geben, weil die zwei unterschiedlichen Varianten der Kreditvergabe, die der Autor unterstellt, schlicht nicht existieren.

 


Anmerkungen

[1] Genaugenommen umfassen die „Reserven“ zusätzlich zu den Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank auch noch den Bargeldbestand der Banken.

[2] Unter einer „Überweisung von Giralgeld“ von einer Bank A zu einer Bank B ist hier – isoliert und etwas vereinfacht betrachtet – zu verstehen, dass Bank A Zentralbankgeld verwendet, um Bank B zu beauftragen und dafür zu bezahlen (bzw. zu „entschädigen“), dass B gegenüber dem Überweisungsempfänger eine Verbindlichkeit in Form einer Sichteinlage eingeht. Bank A verliert bei dieser Transaktion die Sichteinlage des überweisenden Kunden und gleichzeitig verringert sich ihr Zentralbankguthaben; bei Bank B erhöhen sich umgekehrt ihre Zentralbankguthaben und ebenso die Sichteinlagen des Überweisungsempfängers.

[3] Dies geschieht zwar häufig, aber ein großer Teil der Verrechnungen zwischen den Banken wird immer noch über Zentralbankkonten (insbesondere bei der Abwicklung der Zahlungen hoher Beträge) vorgenommen, nicht zuletzt, weil bei den Zentralbanken keinerlei Kredit- und Liquiditätsrisiken existieren. Darüber hinaus kann eine Bank, die Zentralbankgeld benötigt, natürlich auf sofortigem Zahlungsausgleich bestehen.

[4] Zahlt ein Bankkunde Steuern an den Staat, so verringern sich in der Bilanz seiner Bank auf der Passivseite die Kundeneinlagen um die gezahlte Geldsumme und auf der Aktivseite sinken in gleicher Höhe die Reserven der Bank, da ein entsprechender Betrag an Reserven an den Staat (genauer: auf ein Konto des Staates bei der Zentralbank) transferiert wird.

[5] Ingo Stützle (hier) weist mit Recht darauf hin, dass die Konzeption einer Geldware zudem zu einer quantitätstheoretischen Argumentation führt. Steht nämlich die Papiergeldzirkulation mit dem „richtigen“ allgemeinen Äquivalent nur in einem Repräsentationsverhältnis, hat in der Konsequenz eine Veränderung bei der Papiergeldzirkulation keine Effekte auf die durch die Geldware Gold bestimmte Produktion (was sich verändert, ist allein das Repräsentationsverhältnis). Es wird mithin klar die Sphäre der Preise und Geldmengen von derjenigen der physischen Produktionseinheiten getrennt. Damit aber ist man ganz bei der „Zwei-Welten-Lehre“ der Neoklassik, die die „monetäre“ und die „reale“ Sphäre „auseinanderreißt“.

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