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Genial daneben | 24.07.2017

Böse, böse Neider des Exportweltmeisters

Uwe Jean Heuser liefert Enthüllungsjournalismus vom Feinsten. Wie fies linke deutsche Ökonomen und angelsächsische Schuldenmacher den Exportweltmeister madig machen, erfahren sie nur in der DIE ZEIT.

Uwe Jean Heuser ging es offensichtlich wie mir. Er wollte eigentlich zum Thema der deutschen Exportüberschüsse nichts mehr sagen. Allerdings sind die Gründe für unser selbst gewähltes Schweigen dann doch sehr unterschiedlich. Er kann beim besten Willen nicht erkennen, dass es hier ein Problem gibt, während ich meine, dass bevor man die Fakten endlich zur Kenntnis nimmt, eine Diskussion über das Thema nicht mehr lohnt.

Heuser nun hat einen Artikel des Economist gelesen und versteht die Welt nicht mehr. Selbst das Flaggschiff der ökonomischen Vernunft, dem man bisher zweifellos bescheinigen konnte, sich immer mutig für den von allen Fesseln befreiten Freihandel einzusetzen, beklagt nun ebenfalls den „bösen, bösen deutschen Export“. Wie ist sowas nur möglich?

Die gleiche Frage stellte sich mir. Allerdings erst nach der Lektüre des bitter-bösen Artikels von Heuser. Was also lässt ihn und mich am Verstand der Menschheit so zweifeln, dass uns nichts Anderes mehr möglich schien, als mit einem Artikel zu reagieren, den wir eigentlich gar nicht schreiben wollten?

Linke deutsche Ideologen als Hauptzeugen

Der Economist fällte sein negatives Urteil über die deutschen Exportüberschüsse, so beruhigt er sich, weil er die Aussagen der beiden „deutschen Hauptzeugen“ der Anklage nicht ausreichend auf ihre Glaubwürdigkeit hin geprüft hat. Das hohe Gericht hätte erkennen müssen, dass es sich bei den Zeugen um „zwei Ökonomen links der Mitte“ handelt, bei denen eine „bestimmte Weltsicht am Werk ist, wenn der Exportweltmeister attackiert wird“. Damit man erst gar nicht auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob denn vielleicht deren „Weltsicht“ richtig und die seine falsch ist, führt er die folgenden Evidenzen für deren Unglaubwürdigkeit an:

Der eine, Marcel Fratscher, beklagt „eine riesige deutsche Investitionslücke“ und zwar ganz, „egal wie viele Autobahnen repariert und Kabel verlegt werden“.

Der andere, Peter Bofinger, „ist der Mann mit den Minderheiten-Voten bei den fünf Wirtschaftsweisen“.

Dass man solchen Menschen nicht trauen kann, leuchtet sofort ein: Wer, wie ich zum Beispiel, in Wiesbaden wohnt und die Schiersteiner-Brücke benutzt und das eine zeitlang nicht konnte, weil den Behörden die Einsturzgefahr zu groß erschien, der weiß, dass die Infrastruktur des Exportweltmeisters in einem absoluten Top-Zustand ist. Und wer guter Demokrat ist, der weiß, dass die Mehrheit immer Recht hat.

Und für die Mehrheit von Ökonomen gilt das natürlich ganz besonders. Denn die Berufung von Professoren und die Personalpolitik bei Organisationen, die für Ökonomen Stellen anbieten, erfolgt schließlich allein auf Basis streng wissenschaftlicher Beurteilungsmaßstäbe. Wenn eine Mehrheit von solchen Autoritäten dann ihre Meinung kundtut, dann kann diese natürlich nur richtig sein und muss die der Minderheit falsch sein.

Fratscher also ist ein Lügner und Bofinger ein Fall für den Psychiater. Noch Fragen?

Der ökonomische Kern der Kritik

Dass es um die Glaubwürdigkeit der Zeugen der Anklage nicht zum Besten bestellt ist, ist damit schon einmal unzweifelhaft bewiesen. Allerdings, wenn der Honorarprofessor der Leuphana Universität Lüneburg und „Ressortleiter im Ressort Wirtschaft“ der ZEIT sich schon einmal mit den Ideen von zwei linken Wirrköpfen beschäftigt, legt er auch noch kurz und prägnant den falschen „ökonomischen Kern der Kritik“der beiden frei:

«Die Forderungen (er meint die der deutschen linken Wirrköpfe) sind auf die Nachfrageseite der Volkswirtschaft konzentriert. Hohe Löhne bedeuten in dieser Logik mehr Konsum, der die Unternehmen zu neuen Glanztaten treibe.»

Ja, typisch Keynesianer, die Nachfrage treibt in ihrer seltsamen Welt die Unternehmen zu Glanztaten: Nur weil mehr der von ihnen produzierten Güter nachgefragt werden, werden sie ihre Produktion ausweiten und neue Arbeitsplätze schaffen. In der wirklichen Welt aber sind es sinkende Kosten und damit die Aussicht der Unternehmen auf steigende Gewinne, die Unternehmen motivieren, ihr Angebot an Gütern zu erhöhen:

«Aus dieser Sicht ist es Lohnzurückhaltung, die uns produktiver macht. Sie verbilligt und vergrößert das Angebot und schafft dadurch Beschäftigung. Genau das ist ja auch die deutsche Erfahrung in diesem Jahrhundert.»

Die Angebotstheorie, die Heuser vorträgt, ist durchaus originell zu nennen. Wer weniger verdient, kann nicht nur weniger konsumieren, sondern, wer weniger konsumiert, ist auch produktiver. Und wer produktiver ist, also mehr Güter in einer bestimmten Zeit zu produzieren in der Lage ist, der schafft auch Arbeitsplätze. Klar, wer sich als Arbeiter auf die faule Haut legt und konsumiert, kann ja in dieser Zeit nicht arbeiten. Wer weniger konsumiert und stattdessen arbeitet, kann natürlich auch das Angebot so weit vergrößern, dass vom Ergebnis des deutschen Fleißes auch noch etwas für den Rest der Welt übrig bleibt.

Der Erfolg gibt uns Recht

Das hört sich für Sie etwas zu originell an? Nun, die die unzweifelhaften Erfolge des deutschen Wirtschaftsmodells belegen doch, dass die deutsche Strategie – also einerseits den Gürtel enger zu schnallen und andererseits fleißig das Angebot an guten deutschen Wirtschaftsgütern zu vergrößern – von Erfolg gekrönt ist, um den uns die ganz Welt beneidet.

Völlig korrekt stellt Heuser fest, dass Deutschland „dank moderater Löhne und innovativer Exportprodukte einen Weg gefunden (hat), um ihre Industriearbeitsplätze zu bewahren“. Wie die folgende Graphik belegt, konnte tatsächlich nur Deutschland seit 1997 den Beitrag der Industrieproduktion zum BIP konstant halten, wogegen in Frankreich, Italien und die USA die Industrieproduktion an Bedeutung verlor.


Abbildung 1


Wenn man einen hohen Anteil der Industrieproduktion am BIP für positiv erachtet, dann haben die Amerikaner, Italiener und Franzosen also durchaus berechtigenden Grund zur Klage. Anstatt aber über Deutschlands Politik zu jammern, so Heuser, sollten sie sich lieber am erfolgreichen deutschen Wirtschaftsmodell orientieren, das auf einem eisernen Willen zum Konsumverzicht, oder positiv gewendet, der Tugend des Sparens beruht.

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not

Stattdessen aber, empört sich Heuser, fordern die Angelsachen uns auf, so zu werden wie sie:

«Spart nicht, und zwingt die anderen Europäer nicht zum Sparen.»

An dieser Stelle erweist sich Heuser als vehementer Kritiker des Finanzmarktkapitalismus: Warum bitte schön sollten die Deutschen „mitmachen im großen Schuldenspiel“, das „die globalen Kapitalmärkte und damit auch die Finanzindustrie in New York und London nährt“? Was ist schlecht daran, wenn „wir gering verschuldet sind und eine sichere Arbeit haben, auch wenn ihre Löhne dann nur langsam, aber zuletzt doch stetig steigen“? So ist sie halt die „deutsche Wirtschaftsseele“, vielleicht etwas langweilig, aber einfach grundsolide.

„Gemach also! Die Löhne steigen in der Bundesrepublik, und die öffentlichen Investitionen nehmen zu, nur eben langsam. Die Welt sollte etwas Geduld haben, zum Besten aller.“

Zudem ist es doch gerade die „Geldflut“ der EZB, die unsere Waren billiger gemacht hat. Daher ist die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen sowieso schon mal an den falschen Adressaten gerichtet.

„Den derzeit größten Anteil an der Entwicklung hat eine Größe, die Deutschland kaum beeinflussen kann: der Wechselkurs des Euro.“

Wie uns schon die Etymologie des Wortes „Schulden“ lehrt, sind es die Schulden, die an allem Unheil der Welt schuldig sind. Schuld an den Exportüberschüssen ist daher allein die EZB „mit ihrer Geldschwemme“.

An dieser Stelle gilt es „dialektisch“ zu denken. Der Erfolg des Exportweltmeisters ist sein Verdienst und gleichzeitig kann er gar nichts dafür. So kann man in bestimmten Situationen die Exportüberschüsse als einen Erfolg der deutschen Lohnmoderation verkaufen und in anderen Situationen wiederum uns als arme Opfer der EZB darstellen.

Auch wir leiden. Nämlich an der „lockeren Geldpolitik“, die es so schwer macht, „wieder zu einem normalen Zins zu kommen“. Und gerade weil die Welt dringend wieder eines normalen Zinses bedarf, kann Deutschland sich nun nicht auch noch verschulden:

«Wenn Deutschland noch aufspränge auf den Schuldenzug, dann würde es noch schwerer, wieder zu einem normalen Zins zu kommen.»

Aber würde nicht gerade eine zusätzliche Verschuldung den Zins nach oben treiben? Nein, eine zusätzliche Verschuldung führt ja dann, wenn der Zins wieder steigt, zu einer größeren Belastung. Wenn nun aber die Schulden steigen, dann wird die Belastung immer größer und „das ist ein Grund, warum die Zentralbanker trotz guter Konjunktur so verzagt dabei sind, die Zinswende einzuleiten“.

Die schwarze Null Deutschlands leistet also auch einen Beitrag dazu, dass wir uns die Chance nicht vollkommen verbauen, wieder einen normalen Zins zu bekommen. Wie unverantwortlich ist es da, wo wir in Deutschland ja eh gar keinen staatlichen Investitionsbedarf haben, von uns zu fordern, Schulden zu machen. Sollen wir  keynesianische Löcher graben und dann wieder zuzuschütten, nur damit der Rest der Welt bis „zum nächsten Crash“sein „auf die kurze Frist angelegtes“ „finanzgetriebene Denken“ nicht kritisch hinterfragen muss ?

Säkulare Transsubstantiation

Heuser ist sich jedoch darüber im Klaren, dass es die Überschüsse Deutschlands im Handel mit den USA sind, an denen sich die Aufforderung weniger zu sparen festmacht. Die Forderung an die deutsche Regierung ist einfach die, eine Politik zu betreiben, die dazu führt, dass Deutschland mehr Waren aus dem Ausland importiert. Allerdings kann er auch diese oberflächliche Kritik so nicht stehen lassen. Denn, so doziert er, wenn Deutschland vom Rest der Welt mehr Geld erhält als es an den Rest der Welt bezahlt, dann bedeutet das auch, dass wir diese Differenz „unter dem Strich dem Ausland (als) Kapital leihen – beziehungsweise es dort anlegen“.

Ach so, je höher die Exportüberschüsse sind, desto mehr Geld fließt also von uns ins Ausland! Die These, dass wir Deutsche unser Erspartes genau in den Ländern wieder anlegen gegenüber denen wir Exportüberschüsse erzielen, ist weit verbreitet. An diese „Wahrheit“ anschließend, werden dann gerne Diskussion darüber geführt, wie klug diese Anlagestrategie ist und ob es z.B. nicht mehr Sinn macht, stattdessen im eigenen Land zu investieren (warum diese Diskussion sinnlos ist, erkläre ich hier).

Heuser hat auch zu diesem spannenden Thema eine Meinung: Dass man seine „Investments über die Welt verteilt ist prinzipiell vernünftig“. Und „im Schnitt haben sich die Auslandsinvestitionen in den vergangenen Jahren sehr wohl gelohnt“. Aus deutscher Sicht also gibt es am deutschen Auslandsvermögen nichts zu kritisieren.

«Dagegen wenden die Kritiker ein, dass wir deutschen Exportkönige durch unsere Sparsamkeit den Rest der Welt zwingen, sich bei uns zu verschulden. Doch abgesehen davon, dass zum Schuldentango immer zwei gehören: Was daran schlimm sein soll, sagen sie nicht so genau. Wenn überhaupt, treibt die Entwicklung die Konjunktur im Ausland an und lähmt sie nicht.»

Exportdefizite sind also nach Meinung des Honorarprofessors und Ressortleiters im Ressort Wirtschaft der ZEIT auch eine prima Sache. Man bekommt mehr an Waren und mehr an Geld, mit dem man sogar die Konjunktur im eigenen Land ankurbeln kann. Was bitte soll daran schlimm sein?

Und Exportüberschüsse sind ebenfalls eine gute Sache, weil man dann erstens prima sparen kann, was bei „einer alternden Gesellschaft wie der deutschen“ unabdingbar ist und man zweitens gleichzeitig Arbeitsplätze bei uns im Industriesektor sichert. Also eine Win-Win Situation für alle Beteiligten! So ist sie halt die freie Marktwirtschaft: Sie ermöglicht die optimale Befriedigung der Präferenzen von allen!

Fake-News

Ich muss zugeben, dass Heuser mir mit seinen unkonventionellen Überlegungen einen völlig neuen Blick auf die Welt eröffnet hat. Sobald man sich seine Weltsicht zu eigen macht, erkennt man erst, wie schlimm es um die „Freiheit und Democracy“ in unserer Welt bestellt ist. Schlimm ist es doch wirklich, wenn selbst der Economist den Tüchtigen nicht mehr freie Bahn schafft, sondern zulässt, dass zwei linke deutsche Ökonomen gegen den heiligen freien Wettbewerb zu Felde ziehen dürfen.

Weiß man aber aufgrund der Aufklärungsarbeit Heusers, dass, wer eine „deutsche Investitionslücke“ beklagt, Fake-News verbreitet, dann beginnt man sich wirklich sehr große Sorgen zu machen. Denn diese Fake News lassen sich – nein, nicht zu Putin – sondern zur KfW zurückverfolgen. Die KfW!? Die Kreditanstalt für Wiederaufbau, deren Kapital zu vier Fünfteln von der Bundesrepublik Deutschland und zu einem Fünftel von den Bundesländern gehalten wird und in dessen Verwaltungsrat sieben Bundesminister sitzen!?

Ja, diese KfW  hatte in einer Studie 2016 tatsächlich den staatlichen „Investitionsrückstand“ auf 136 Milliarden beziffert und in der folgenden Graphik aufgeschlüsselt, wo genau staatliche Investitionen nottun.


Abbildung 2


Zuzugeben allerdings ist, dass sich seitdem der Investitionsrückstand auf ca. 126 Milliarden reduziert hat. Ist aber ein Betrag in dieser Größenordnung als so gering zu erachten, dass damit die Aussage Fratschers zu Fake-News wird? Oder ist ein Investitionsrückstand, den man schon darum nicht beheben kann, weil – wie Merkel kürzlich freimütig zugestand – es schon mal an den Planungskapazitäten fehlt, um mögliche Investitionsvorhaben durchführen zu können, deshalb plötzlich kein Problem mehr?

Ein solches Argument hat für sich, dass es zu Konsistenz unserer Weltsicht einen wichtigen Beitrag leistet. Schließlich gelten ja auch Arbeitssuchende im Alter von über 58 Jahren, die über ein Jahr keinen Job finden konnten, nicht mehr als arbeitslos.

Neue Ökonomik

Wirklich spannend ist Heusers Artikel allerdings, weil er uns eine ganz neue Ökonomik in Aussicht stellt. Während linke Ökonomen meinen, dass, da jede Einnahme des einen, eine Ausgabe des anderen ist, zumindest für eine geschlossene Volkswirtschaft gilt, dass eine Reduktion des Konsums prima facie zu einer Reduktion der Produktion führt, ist das in Heusers Weltsicht alles ganz anders. Weniger Konsum, nicht etwa der technische Fortschritt, führt in seinem Modell zu einer Erhöhung der Produktivität. Nicht nur ein schlanker Staat, sondern auch ein schlanker Mitarbeiter erhöht also die Produktivität einer Volkswirtschaft.

Oder interpretiere ich da zuviel in die Aussagen Heusers hinein? Will er uns einfach nur sagen, dass, wenn man die Löhne unterhalb des Produktivitätsfortschritts steigen lässt, sich der damit bewirkte Nachfrageausfall durch Exporte kompensieren lässt? Wenn er uns das sagen will, dann ist ihm ausdrücklich recht zu geben. Wie die folgende Graphik belegt, sind in Deutschland die Löhne in Deutschland im Zuge der Agendapolitik der Schröder-Regierungen unterhalb der Produktivitätsentwicklung geblieben.


Abbildung 3


Und wie erfolgreich es Deutschland gelungen ist, diesen Nachfrageausfall durch den Export zu kompensieren, zeigt die folgende Graphik.


Abbildung 4


Und dass bei diesem Erfolg die Lohnmoderation eine große Rolle gespielt hat, gibt ja selbst Heuser manchmal zu. Allerdings scheint er nicht zu verstehen, wie die politischen Maßnahmen, die als die „Agendapolitik“ bezeichnet werden, die preisliche Wettbewerbsfähigkeit erhöhten und damit deutsche exportorientierte Unternehmen Marktanteile auf Kosten von Unternehmen in anderen Ländern gewinnen konnten. Deutlich wird das Zusammenwirken von nominalen Wechselkurs (den es in EWU gerade nicht mehr gibt) und dem Preisniveau, das ganz wesentlich durch die Lohnstückkosten determiniert wird, wenn man sich die Entwicklung des sogenannten effektiven realen Wechselkurses betrachtet:


Abbildung 5


Und für wen diese Entwicklung eine gute Sache war, aber für wen auch nicht, das zeigt die folgende Graphik.


Abbildung 6


Neue Saldenmechanik

Uwe Jean Heuser verdanken wir aber nicht nur neue Erkenntnisse über die gefährlichen Umtriebe linker Ökonomen und angelsächsischer Schuldenmacher sowie bahnbrechende Ansätze zu einer neuen Angebots-Ökonomik, sondern auch die Saldenmechanik wird von ihm auf eine ganz neue Basis gestellt.

Wie neu und radikal – und daher wohl auch nur Menschen zugänglich, die bereit sind, sich von allen allen Konventionen der alten Logik zu befreien – zeigen folgende primitiven Überlegungen.

Nehmen wir an, 1. zwei Länder F und D trieben miteinander Handel und 2. sie trieben auch nur untereinander Handel. Zudem hätten sie sich 3. in einer Währungsunion zusammengeschlossen, um die lästige Umrechnerei von einer in die andere Währung zu vermeiden.Darüber hinaus würden 4. alle Handelsgeschäfte sofort bar bezahlt. Nehmen wir nun an, dass Land F von Land D mehr Waren im Wert von 100 Geldeinheiten bezieht, als das Land D von Land F. Dann ist klar, dass Land F nun im Vergleich zu Land D Güter im Wert von 100 Geldeinheiten mehr, dagegen in seiner Kasse 100 Geldeinheiten Zahlungsmittel weniger hat. Für Land D gilt genau das umgekehrte. Mehr Zahlungsmittel und weniger Güter.

Da die Warenausfuhren auf der Sollseite und die Wareneinfuhren auf der Habenseite der Handelsbilanz verbucht werden, hat damit Land F ein Handelsbilanzdefizit und Land D einen Handlungsbilanzüberschuss. In unserem einfachen Beispiel folgt daraus, dass dem negativen Handelsbilanzsaldo von Land F ein positiver Kapitalbilanzsaldo von D in gleicher Höhe korrespondiert. Wer mehr an Waren eingeführt hat, der muss eben in unserem Beispielsfall auch mehr an Zahlungsmitteln ausführen. Der Kapitalbilanzsaldo ist also in gleicher Höhe positiv wie der Handelsbilanzsaldo negativ ist und umgekehrt.Was daraus nicht folgt, ist, dass sie die Zahlungsmittel, die sie benötigten, um mehr Waren aus Land D kaufen zu können, wie sie an Land D verkauft haben, von den Wirtschaftssubjekten von Land D erhalten haben.

Ist der Kapitalbilanzsaldo negativ, dann spricht man von einem Kapitalexport und ist er positiv, von einem Kapitalimport. Freilich lädt der Begriff des Kapitalexports geradewegs zu der Vermutung ein, dass Geld von Land D nach Land F transferiert wurde. Deshalb für alle, die Schwierigkeiten mit der neuen Saldenmechanik Heusers haben, noch einmal der folgende Merksatz, der in der alten Welt gilt:

«Nettokapitalexporte, die wegen des Prinzips der doppelten Buchführung gleich den Leistungsbilanzüberschüssen sind, zeigen keine Geldabflüsse, sondern in Wahrheit eine erhöhte Ersparnis. Nettokapitalexporte erhöhen aber das Geldvermögen einer Volkswirtschaft, sie führen also zu mehr und nicht zu weniger Mitteln. Und diese Mittel können selbstverständlich für alle möglichen Ausgaben verwendet werden.» – Gustav A. Horn/Fabian Lindner (hier, S. 2)

Auf unser einfaches Beispiel angewandt, heißt das, dass in Land D sich der Zahlungsmittelbestand genau um den gleichen Betrag erhöht hat, um den sich der Zahlungsmittelbestand in Land F verringert hat. Die Frage, woher denn die Wirtschaftssubjekte in Land F die Zahlungsmittel hatten, die es ihnen erlaubte, mehr Waren zu kaufen, als sie verkauften, steht dabei auf einem anderen Blatt. Es ist möglich, dass a) die Wirtschaftssubjekte in Land F bereits ausreichend Bares in der Kasse hatten oder sie können sich b) das Geld auch von einer inländischen Geschäftsbank (also einer Bank in F) geliehen haben. Freilich können Sie es sich auch c) das Geld von einer Bank aus Land D geliehen haben. In den Fällen b) und c) hat sich der Bestand an Bargeld in Land F und D in der Summe genau um die Summe der vergebenen Kredite erhöht.

Heuser und alle anderen, die wie er argumentieren – prominent etwa Hans-Werner Sinn – sehen diese drei Möglichkeiten nicht, sondern fokussieren nur auf eine weitere Möglichkeit. Nämlich den Fall – wiederum auf unser einfaches Beispiel bezogen, dass d) alle Wirtschaftssubjekte in Land D, deren Kassenbestand sich aufgrund der Handelsbilanzüberschüsse um 100 erhöht hat, diese 100 nun in Form von Barkrediten an Wirtschaftssubjekte in Land F zur Verfügung stellen.

Fazit

Wenn in der größten deutschen Wochenzeitung Deutschlands solch ein Unsinn verbreitet werden kann, dann weiß man um das intellektuelle Niveau, auf dem sich die deutschen „Eliten“ bewegen. Und da solcher Unsinn Grundlage der Politik in diesem Land ist, geht es mir wie einstmals Heinrich Heine:

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, ich kann nicht mehr die Augen schließen, und meine heißen Tränen fließen.“

Oder hat sich Uwe Jean Heuser lediglich einen großen Spaß gemacht? Handelt es sich bei seinem Artikel vielleicht um ein ganz besonders raffiniertes Stück Satire und wird DIE ZEIT bald schon den mit 50.000 € dotierten „Uwe-Jean-Heuser-Preis für-Wirtschaftssatire“ ausschreiben?

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