Kommentar | 13.07.2017 (editiert am 17.07.2017)

Der Mainstream weiß schon lange alles!

Rüdiger Bachmann betitelt im Wirtschaftsblog der FAZ Dirk Ehnts als Scharlatan, der den Mainstream in Scheindebatten verwickle. Und es stimmt, inszeniert wird dort eine Scheindebatte, die verhindern soll, dass die Scharlatanerie des Mainstreams entlarvt wird.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), das Medium mit dem Ruf Deutschlands geistige Elite mit Nachrichten, Wissen und Meinung(en?) zu versorgen, hat einen Blog, der „meist mit wissenschaftlicher Hilfe tiefer in Börsen und andere Märkte“ blickt. So zumindest die Selbstbeschreibung. „Fazit – der Wirtschaftsblog“ wird von dem Volkswirt und langjährigen Mitglied der Wirtschaftsredaktion der FAZ, Gerald Braunberger, betreut.

Im jüngsten Blog-Beitrag „Es werden Scheindebatten geführt“ vom 9. Juli suchte Gerald Braunberger wissenschaftliche Hilfe bei Rüdiger Bachmann. Bachmann studierte Volkswirtschaftslehre in Mainz und promovierte dann an der Yale University. Heute ist Bachmann der „Stepan Family Associate Professor“ an der (katholischen) University of Notre Dame du Lac, einer Universität in Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana.

In dem besagten Interview betitelt Bachmann Dirk Ehnts als Scharlatan, der einen Buchungssatz entdeckt, aber kein Modell habe. Heterodoxe Ökonomen seien gut darin, den Mainstream in Scheindebatten zu verwickeln, leisteten laut Bachmann aber keinen eigenen Beitrag zur Fortentwicklung der Wirtschaftsforschung. Den Erkenntnisstand der Wirtschaftswissenschaften vorantreiben würden demnach allein Mainstream Ökonomen – Ökonomen wie Rüdiger Bachmann, deren Sachverstand ein Mainstream Medium wie die FAZ daher zur Hilfe zieht.

Na ja, Herr Bachmann, träumen ist erlaubt. Mainstream Ökonomen sind nunmal allesamt mächtig aufgeweckte Typen, die ohnehin alles wissen und verstehen und von Natur aus auch nie irgend etwas von Bedeutung verschlafen.

Genau deshalb darf man sie wohl auch nicht von ihrer wichtigen Arbeit abhalten – etwa indem man wie Dirk Ehnts auf dem Blog „Ökonomenstimme“ sinnlose Scheindebatten zum Thema Geld anzettelt. Scheindebatten führen ist Zeitverschwendung, ökonomisch ineffizient. Der Blog der FAZ versucht daher den Eindruck von Substanz statt Schein zu erwecken. Doch der Versuch misslingt und es bedarf wenig Scharfsinn zu erkennen, um was es wirklich geht.

In der Einleitung zum besagten Interview liest man Folgendes:

„In manchen deutschen Blogs toben sich seit Jahren vermeintliche Revolutionäre monetären Denkens aus, die traditionellen Ökonomen unterstellen, diese hätten keine Ahnung von Geld, Banken und Geldpolitik. Der Makroökonom Rüdiger Bachmann ist der Auffassung, dass sich der ökonomische Mainstream  gegen diese „Neigung zu Obskurem und zur Scharlatanerie“ stellen sollte, anstatt sie zu ignorieren oder zu verlachen.“

Und zum Ende des Interviews scheint Herr Bachmann sein Anliegen auch entsprechend auf den Punkt zu bringen:

„Bisher werden die Gurus vom Mainstream entweder ignoriert oder ausgelacht. Ich finde: Das reicht nicht. Wir müssen dagegenhalten.“

Ein wichtiges Eingeständnis. Zumindest eine wichtige Wahrheit ist hierin jedenfalls enthalten: es war mit der Herausbildung des von Amerika dominierten internationalen Mainstreams, der aus der „Keynesianisch-Neoklassischen Synthese“ hervorgegangen war, bis zur Krise von 2008-9 immer mehr Tradition geworden, Kritik und Meinungen heterodoxer Ökonomen komplett zu ignorieren.

Nichts als aufgeblasene Mikroökonomie

Seit den achtziger Jahren hatte sich der Mainstream der Volkswirtschaftslehre zunehmend von der Ideologie des Neoliberalismus einnehmen lassen. Mögliche Imperfektionen des Kapitalismus wurden, wenn überhaupt, als sogenannte Friktionen in vermeintlich „keynesianisch“ angehauchte Modellversionen eingebaut. Aber das modelltheoretische Grundgerüst der Mainstream Makroökonomie – das gemeinhin international zur Beratung der Wirtschaftspolitik, Zentralbanken und internationalen Finanzinstitutionen diente – war und ist rein (neo-)klassisch und im Wesen nichts als aufgeblasene Mikroökonomie.

Heterodoxe Ökonomen zu ignorieren bedeutet zum einen, sie in der Öffentlichkeit und Akademie tot zu schweigen. Das ist bequem, sofern man grundsätzliche Kritik an der eigenen Arbeit als unbequem empfindet; etwa, weil man von der Ethik eines Wissenschaftlers und der Freiheit des Geistes nicht wirklich durchdrungen ist, sondern eher gewisse Vorzüge des akademischen Jobs und gegenseitige Beweihräucherung genießt.

Zum anderen und in erster Linie basiert die Verteidigung des Mainstreams aber auf strikter Personalpolitik: Über die Kontrolle der „führenden“ akademischen Fachzeitschriften wird mittelbar, da Publikation in diesen Organen zur Berufung an „führende“ Universitäten Voraussetzung ist, die Nachfrageseite des Arbeitsmarktes kontrolliert. Wer das Spiel nicht mitspielt, die geltenden Konventionen des Mainstreams nicht einhalten will, der bekommt, abgesehen von Marktnischen, keinen akademischen Job. Auch diese Art von Macht(-missbrauch) ist bequem, sofern man lieber Bewunderer statt zu grundsätzlicher und konstruktiver Kritik fähige Geister heranzüchten möchte.

Zum ersten Mal bewusst wurden mir diese Dinge während meines Masterstudiengangs an der University of Cambridge. Ich hatte dort natürlich ernsthafte Ökonomie erwartet. Schließlich hat Cambridge ernsthafte Ökonomen wie John Maynard Keynes, Pierro Sraffa, Richard Kahn, Joan Robinson und Nicolas Kaldor hervorgebracht, um nur einige Namen zu nennen. Tatsächlich kam ich dort auch in die Gunst von akademischen Lehrern zu lernen, die selbst Schüler von Kahn, Robinson oder Kaldor waren.

In den Kern-Makrokursen des Masterstudiengangs wurde ich allerdings mit „state-of-the-art“ Mainstream-Makroökonomie konfrontiert, etwa der Theorie realer Konjunkturzyklen, die den Kern moderner Makro-Modelltheorie (sogenannter Dynamic Stochastic General Equilibrium- Modelle) bildet. Ich habe den Masterstudiengang übrigens mit Auszeichnung bestanden. Gefragt habe ich mich allerdings damals schon, warum ein intelligenter Mensch, der sich ernsthaft für die ökonomischen Geschehnisse auf diesem Planeten interessiert, mehr als zehn Minuten seiner Zeit mit so hohlem Schwachsinn, wie der Theorie realer Konjunkturzyklen verschwenden sollte.

Auch für meine hochintelligenten akademischen Mainstreamlehrer in Cambridge galt natürlich die oben beschriebene Kontrolle des akademischen Arbeitsmarktes. Für mich persönlich stellte sich die Frage, wonach ich selbst akademisch streben sollte: ein vielleicht „führender“ Mainstream Ökonom zu werden – oder ein ernsthafter Ökonom?

„Nenn mich Goethe, dann nenn ich Dich Schiller.“

Meine Promotionsforschung in Cambridge konzentrierte sich auf die Geldtheorie von John Maynard Keynes. Nach Hamburg zurückgekehrt, lernte ich die Besonderheiten der deutschen Ökonomenzunft näher kennen: die auf krasser Ignoranz Keynes’scher Geldtheorie basierende, ideologisch inspirierte Abneigung gegen Keynes und den Keynesianismus. Einerseits wollte man natürlich dem amerikanischen Mainstream nacheifern, kein Außenseiter sein. Andererseits gab es speziell für die Geldforschung in Deutschland den ideologischen Ballast von Eucken und Friedman, wie er besonders von der allmächtigen Bundesbank gepflegt (und beständig von Medien wie der FAZ öffentlich propagiert) wurde.

Mein Hamburger akademischer Lehrer Harald Scherf belächelte den gängigen akademischen Diskurs gern als „mutual admiration society“: „Nenn mich Goethe, dann nenn ich Dich Schiller.“ Für ihn selbst zählte nur, wer das bessere Argument hatte. Er ging keinem Streit aus dem Weg, der der Suche nach dem besseren Argument galt.

Zumindest das in der Öffentlichkeit Totschweigen ist heute durch die Informationstechnologie und gewisse Ereignisse zunehmend schwieriger geworden. Denn es gibt das Internet und eine für Wirtschaftsthemen florierende Blogosphäre. Und es gab tiefe Wirtschaftskrisen, die Spuren am öffentlichen Ansehen der Wirtschaftswissenschaften hinterlassen haben.

Beide Faktoren vereint üben heute auf den Mainstream einen gewissen Erklärungsdruck in der Öffentlichkeit aus. Das spürt auch Herr Bachmann, dem grundsätzlich Lob dafür gebührt, dem Mainstream anzuraten, heterodoxe Ökonomen nicht länger zu ignorieren oder auszulachen. Aber genau das scheint er dann letztlich selbst zu tun, indem er sie als „Gurus“ und „Scharlatane“ diffamiert und vielerlei inhaltlich unhaltbare Behauptungen in den Raum stellt.

Und dabei hatte Dirk Ehnts einen sehr sachlichen und sprachlich zurückhaltenden Beitrag zum sogenannten Geldmultiplikator auf dem Blog „Ökonomenstimme“ veröffentlicht. Er bezieht sich darin insbesondere auf eine jüngere Publikation der Deutschen Bundesbank zu diesem Thema (und auch auf den Zentralbankökonomen Ulrich Bindseil sowie Joseph Schumpeter). Dirk Ehnts Kritik gilt einem anderen Beitrag auf Ökonomenstimme von Georg Quaas, der so manche Kritik an der Mainstream Geldtheorie, unter anderem am Geldmultiplikator, als ungerechtfertigt zurückgewiesen hatte.

Bachmanns Ansatz ist ein ganz anderer. Er versucht die Substanz heterodoxer Kritik u.a. am Geldmultiplikator – wie sie von Dirk Ehnts korrekt vorgetragen wurde – nicht etwa mit Argumenten zurückzuweisen. Er geht auf Ehnts Argumente gar nicht näher ein. Vielmehr behauptet er, dass heterodox Kritik am Mainstream keine Substanz hätte, weil der Mainstream sowieso schon immer alles wusste und verstanden hat.

Starker Tobak

Das ist in mehrfacher Hinsicht starker Tobak. Zum einen erkennt der ernsthafte Ökonom in vielen (um nicht zu sagen, den meisten) Arbeiten „führender“ Mainstream-Ökonomen, dass diese zum Thema Geld, Banken und Zentralbankpolitik häufig absolut nichts von der Substanz verstehen. Schon das Grundgerüst der Mainstream-Modellwelt macht dies sehr deutlich. Wer in diesen Kategorien denkt, kann über eine moderne Geldwirtschaft gar nichts Substanzielles sagen und ist vermutlich an den wirtschaftlichen Geschehnissen auf diesem Planeten auch nicht wirklich interessiert. Äußerungen zur Wirtschaftsentwicklung und zur Wirtschaftspolitik von „führenden“ Vertretern der Zunft unterstreichen diese zu vermutende Ignoranz auch regelmäßig.

Zum anderen ist aber auch folgende Behauptung Bachmanns bemerkenswert: dass der Mainstream schon immer wusste, dass der Geldmultiplikator und die Idee der Kontrolle der Geldmenge durch die Zentralbank – also dem zentralen Glaubenssatz des Monetarismus – Unfug wären und nichts mit der Realität zu tun hätten. Demnach wissen Mainstream Ökonomen also sehr gut, dass es nicht die Einlagen der Kunden sind, die von den Banken an ihre Kreditnehmer weitergereicht werden, um so in einen multiplikativen Prozess eine bestimmte Geldmenge zu ergeben.

Sie wissen demnach auch, dass es nicht die volkswirtschaftliche Ersparnis ist, die als klassische Quelle der ausleihbaren Fonds mittels des Banken- und Finanzsystems irgendwie in volkswirtschaftliche Investition umgewandelt werden.

Wenn dies denn wirklich so wäre, müsste man sich schon sehr darüber wundern, warum der Mainstream anscheinend seine Energien darauf konzentriert, sein überlegenes Wissen und Verständnis mutwillig vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Warum werden Studenten der Volkswirtschaftslehre in Lehrbüchern der gezielten Verblödung mittels Instrumenten wie dem Geldmultiplikator dann ausgesetzt? Und warum wird, wer wie Ehnts dieses Bild zu korrigieren versucht, das nach Bachman noch nie vom Mainstream vertreten wurde, nun zum Scharlatan erklärt?

Und so haben Herrn Bachmanns Verkündigungen im „Fazit – der Wirtschaftsblog“ letztlich wohl wieder nur eines im Sinn: die Öffentlichkeit erneut für dumm zu verkaufen. Denn die darf schließlich nicht am Mainstream zweifeln, geschweige denn ihre Meinungsdominanz hinterfragen.

Dass die Öffentlichkeit dies – sehr zum Ärger von Rüdiger Bachmann und Gerald Braunberger – aber zunehmend tut, ist mehr als berechtigt und zu begrüßen. Denn die Scharlatanerie des Mainstreams muss entlarvt werden.

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