Eurozone | 05.07.2017

Geldpolitik, Löhne und die Deflation

Von der EZB einen baldigen Ausstieg aus der Nullzinspolitik zu fordern, ist in Deutschland extrem populär. Es ist aber unverantwortlich, weil es Deutschland war und ist, das für die Ursachen der Nullzinspolitik verantwortlich zeichnet.

Bei der Frage, wie die Deflation nach Europa gekommen ist, passen die meisten professionellen Ökonomen. Man hat manchmal den Eindruck, die deflationären Tendenzen, die in der Europäischen Währungsunion (EWU) seit Jahren unbestreitbar sind, seien quasi vom Himmel gefallen.

Insbesondere bei den regelmäßigen deutschen Attacken auf die Geldpolitik der EZB geht es fast immer nur um die niedrigen Zinsen, nicht aber um die eigentlich relevante Frage, nämlich woher das deflationäre Umfeld gekommen ist, das heute extrem niedrige Zinsen notwendig macht (wie etwa hier).

Gerade jetzt, wo der Ausstieg aus der sehr expansiven Geldpolitik in Deutschland ernsthaft diskutiert wird (wir haben in unserem jüngsten Konjunkturbericht schon darauf hingewiesen, hier), muss man ganz kritisch fragen, ob die Bedingungen dafür wirklich gegeben sind.

Woher kommt die Deflation?

Die damit zusammenhängenden Fragen kann man aber nicht sinnvoll beantworten, ohne sich noch einmal die Ursachen der europäischen Deflation vor Augen zu führen. Das genau tun aber die eifrigsten Befürworter des Ausstiegs, wie etwa der Präsident der Deutschen Bundesbank, gerade nicht (hier).

Jens Weidmann schafft es sogar, lange Reden über den Euro und die europäische Krise zu halten (hier zum Beispiel), ohne auch nur ein einziges Mal auf die deutsche Sonderrolle und die daraus entstehenden Konsequenzen zu verweisen. Das ist übrigens der Mann, den CDU-Politiker gerne schon heute als Nachfolger von Mario Draghi installieren würden und folglich dazu schon jetzt erste Meldungen in der Presse lancieren (hier).

Wer jetzt den Ausstieg aus der derzeitigen Politik fordert, handelt unverantwortlich. Er verschließt bewusst die Augen vor der Notlage, in die viele Nachbarländer gerade in diesem Augenblick geraten. Noch schlimmer, ein Ausstieg in dieser Situation benachteiligt die Partnerländer in der Währungsunion ein zweites Mal massiv gegenüber Deutschland.

Arbeitskosten entscheidend

Betrachten wir zunächst die Reihe der Entwicklung der Arbeitskosten, die zeitnah, nämlich aus dem ersten Quartal 2017, vorliegt (hier die Pressemitteilung von Eurostat). Die Lohnstückkosten kann man quartalsweise weniger gut interpretieren, weil es häufig kurzfristig erhebliche Schwankungen des Produktions- und damit des Produktivitätszuwachses gibt. Im ersten Quartal sind in der Währungsunion die nominellen Arbeitskosten (also Löhne und Lohnnebenkosten) um 1,5 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2016 gestiegen.

Das passt genau zu dem Bild, das wir schon vor einiger Zeit gezeichnet haben (hier und Abbildung 1, die bis zum vierten Quartal 2016 reichte). Da Deutschland inzwischen in der Nähe von drei Prozent Zuwachs liegt, bedeuten 1, 5 Prozent, dass viele andere Länder weit unter jeder normalen Erhöhung der Arbeitskosten zu finden sind. Frankreich verzeichnet auch im ersten Quartal dieses Jahres lediglich 1,2 Prozent, Italien 0,8.


Abbildung 1


Das sind lächerlich geringe Zahlen, da die Arbeitskostenzuwächse in einer Währungsunion mit einem Inflationsziel von leicht unter zwei Prozent jederzeit deutlich über zwei Prozent liegen sollten – im Ideal ohne vorhandene Lücken in der Wettbewerbsfähigkeit genau um die zu erwartenden Produktivitätszuwächse über dem Inflationsziel.

Handelspartner passen sich deflationär an

Was sich derzeit in der EWU vollzieht, ist leicht zu verstehen. Die Handelspartner versuchen, auf dem Weg der sogenannten internen Abwertung, also über eine Lohnsenkung, die Lücke zu Deutschland zu schließen. Bei den Arbeitskosten in der EWU insgesamt ohne Deutschland (Abbildung 2) kann man klar erkennen, dass spätestens seit 2012 ein solcher Anpassungsprozess im Gang ist. Das Tempo der Zunahme der Arbeitskosten hat sich verlangsamt, während es in Deutschland leicht gestiegen ist.


Abbildung 2


Betrachtet man die Entwicklung der Lohnstückkosten (in jährlicher Abgrenzung bis zum neuesten Ergebnis für 2016, Abbildung 3), ist die Anpassung weniger weit fortgeschritten, obwohl auch sie vorankommt. In der EWU ohne Deutschland sind die Lohnstückkosten seit 2009 schon deutlich weniger stark als das Inflationsziel gestiegen. Deutschland hat sich dagegen seit 2012 auf einem Pfad bewegt, der nur noch ganz leicht unterhalb des Inflationsziels lag.


Abbildung 3


Legt man die Entwicklung der Inflationsrate (in unterschiedlichen Definitionen, Konsumentenpreisindex in Abbildung 3 und BIP-Deflator in Abbildung 4) auf die Entwicklung der Lohnstückkosten, sieht man, dass sich in beiden Abgrenzungen der deflationäre Prozess nicht verlangsamt hat. Der BIP-Deflator ist schon seit 2008 auf einer Linie, die klar unterhalb des Inflationsziels liegt, während sich der Konsumentenpreisindex erst seit 2012 auf einen Pfad begeben hat, der nahe der Stagnation liegt.


Abbildung 4


Lange deflationäre Phase zu erwarten

In dieser Situation, wo der von Deutschland (unsinnigerweise) erzwungene Anpassungsprozess der anderen Länder gerade begonnen hat, von einem Ausstieg aus der Nullzinspolitik zu reden und das gerade von deutscher Seite zu fordern, ist mehr als absurd, es ist perfide.

Da Deutschland nicht bereit ist, sich seinerseits dem Inflationsziel von unten zu nähern, also mit politischem Druck für höhere Lohnsteigerungen zu sorgen, kann der Anpassungsprozess der anderen, zu dem sich inzwischen auch Italien und Frankreich offenbar entschlossen haben (Abbildung 5), nur deflationär erfolgen. Folglich muss man mindestens für die nächsten fünf bis zehn Jahre mit einer deflationären Tendenz für die gesamte EWU rechnen.


Abbildung 5


Die deutsche Deflation geht weiter

Man sieht an diesen Kurven sonnenklar, dass es Deutschland war, das seit Beginn der EWU wegen seines Lohndumpings die deflationäre Entwicklung zu verantworten hat. In den ersten Jahren wurde die deutsche Deflationspolitik noch durch ein Überschießen der meisten anderen Länder ausgeglichen, so dass die EZB ihr Inflationsziel insgesamt sehr gut erreicht hat. Im Jahr 2010, also zehn Jahre nach Beginn der Währungsunion war das Inflationsziel, gemessen am BIP-Deflator exakt erreicht und gemessen am Konsumentenpreisindex nahezu erreicht.

Erst durch den absurden Druck selbst auf Handelspartner wie Frankreich (das als einziges Land das Ziel der EZB wirklich respektiert hat), ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, hat sich seit dem Beginn der Eurokrise die deflationäre Tendenz in der Eurozone festgesetzt. Da Deutschland keine Anstalten macht, seine Position zu ändern, ja nicht einmal bereit ist, darüber ernsthaft zu reden, verbietet sich jede deutsche Kritik an der EZB.

Die von der deutschen Lohnentwicklung verursachte Unterschreitung ihres Zieles zwingt die EZB entsprechend ihres Mandates dazu, mit allen Mitteln gegenzusteuern. Dass Nullzinsen und Quantitative Easing (also das Drücken auch der langfristigen Zinsen) dazugehören, kann man nicht bestreiten. Wer jedoch, wie Jens Weidmann, nicht bereit ist, die fatale deutsche Rolle klar anzusprechen und die Bedeutung der jetzigen Lohnanpassung in den Partnerländern für die deflationäre Tendenz anzuerkennen, zeigt damit, dass für ihn aus die Verteidigung einer ideologischen Position wichtiger ist als eine faktengestützte Analyse. Das sind sicher nicht die Eigenschaften, die für die Position des Präsidenten der EZB qualifizieren.

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