Arbeit | 19.07.2017 (editiert am 20.07.2017)

Hören wir auf, der Arbeit hinterher zu rennen

Arbeit für alle zu schaffen, ist ein wichtiges Ziel. Das schaffen wir aber nur, wenn wir die Rahmenbedingungen für die unbezahlte Arbeit  verbessern, statt immer bloß der bezahlten hinterher zu rennen.

Die Arbeit geht uns nicht aus, aber zumindest die bezahlte Arbeit macht sich rar. Mit der Folge, dass der Sesseltanz um die Arbeit schon bald mehr Ressourcen verschlingt als die (produktive) Arbeit selbst. Ein Beispiel: Wie die Neue Züricher Zeitung berichtet, haben sich neulich in Italien 85.000 Bewerber um 30 Stellen bei der Banca d’Italia beworben. Davon wurden die 8.140 mit den besten Curricula (mindestens Uni-Abschluss) zu einer schriftlichen Prüfung (Concorso) eingeladen, auf die sie sich im Schnitt 5 Monate lange vorbereitet haben. Nach derselben Quelle sollen sich 8.063 Interessenten für 10 Pflegerstellen in einer Mailländer Poliklinik beworben haben.

In Italien sind 36% der Jugendlichen ohne bezahlte Arbeit, aber fast rund um die Uhr damit beschäftigt, Bewerbungen zu schreiben, sich für alle möglichen Eventualitäten weiter zu bilden und immer wieder mal zu einem Concorso zu reisen. Der Corriere della Sera hat neulich ein paar typische Fälle geschildert. Etwa diesen: der Sizilianer Salvatore Alù hat zur Zeit noch eine befristete Stelle in Olbia und sucht eine Feststelle irgendwo. Vor ein paar Tagen ist er nach Genua gereist, wo der die Zulassung zu seinem mittlerweilen siebten Concorso geschafft hat. Die Hin- und Rückreise mit der Fähre kosteten ihn anderthalb Tage und 200 Euro. Jetzt hat er eine Chance von 1 zu Hundert, zur nächsten Runde zugelassen zu werden. Noch ein paar Reisen, noch ein paar Hundert Euro.

Um am Beispiel der Banca d’Italia einmal kurz die Proportionen aufzuzeigen: Wenn die 30 ausgewählten im Schnitt 15 Jahre in ihrem Job bleiben, läppert  sich das zu rund 0,85 Millionen Arbeitsstunden zusammen. Wenn die 84.700 Bewerber im Schnitt 2 und die 8.140 Teilnehmer am Concorso auf nur 50 Arbeitsstunden für die Bewerbung, Vorbereitung, Reise etc. aufwenden, sind das schon mal rund 0,6 Millionen Arbeitsstunden. Dabei sind die weiteren Stufen des Ausscheidungsrennens und die bezahlte Arbeit, die beim Arbeitgeber anfällt, noch nicht eingerechnet. Es kommt dazu, dass die 30 Glücklichen den Job – bei dem es laut NZZ unter anderem darum geht, Automaten mit gebrauchten Noten zu füttern – nur dank einer exzellenten und zeitraubenden Ausbildung erhalten haben. Unter dem Strich kommt man schnell mal pro bezahlte Arbeitsstunde auf eine Stunde unbezahlter Vorbereitung.

Das ist grotesk, aber das ist noch nicht alles. Denn dazu kommen noch die psychologischen Kosten. Ein Dossier auf einem Stapel von zehntausenden zu sein, ist hart. Auf engstem Raum neben tausenden Mitbewerbern zu sitzen und knifflige Frage zu lösen, braucht Nerven. Zum zweiten, dritten oder siebten Mal abgelehnt zu werden, kann auch bei robusten Naturen zum Stoff von Albträumen werden. Wenn das so weiter geht, geht eine ganze Generation vor die Hunde. Es muss dringend etwas geschehen.

Und dieses „etwas“ kann – wie Paul Steinhardt (hier) richtig schreibt – nicht darin bestehen, dass

„Bezieher von ALG II nahezu zur Annahme jeder Arbeit gezwungen werden können, solange sie nicht geradewegs illegal ist, oder dass sie sich als Leiharbeiter verdingen müssen, oder sogar unter dem irreführenden Label der ‚Ein-Euro-Jobs‘ zum Arbeitsdienst herangezogen werden.“

So sehen es auch die Befürworter eines „bedingungslosen“ Grundeinkommens. Das Anliegen ist verständlich, denn das Grundeinkommen, das wir heute faktisch schon haben – Hartz-4 –, ist an viel zu harte Bedingungen geknüpft.

Doch die Idee, das Einkommen völlig von der Arbeit zu trennen, ist auch gefährlich. Die Gefahr besteht darin, dass eben auch die Empfänger des Grundeinkommens nicht nur von der Arbeit sondern auch von der Gesellschaft abgekoppelt werden. Damit aber wäre das Problem der Arbeitslosigkeit noch nicht einmal zur Hälfte gelöst, denn mehr noch als unter dem Verdienstausfall leiden die Arbeitslosen unter dem sozialen Ausschluss. Dieser Teil des Problems löst sich allerdings nicht so einfach, wie es sich viele „Schröder-Sozialdemokraten“ mit ihrem einfältigen Sozial-ist-was-Arbeit-schafft-Slogan vorstellen. Im Gegenteil: Schlecht bezahlte, unregelmäßige Arbeit mit langen Arbeitswegen kann die Menschen erst recht in die Isolation treiben und die letzten familiären und nachbarschaftlichen Verbindungen kappen.

In der Tat ist dieser Prozess schon weit fortgeschritten. Unser gesellschaftliches Leben ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr vom Arbeitsmarkt organisiert oder vielmehr desorganisiert worden. Arbeitskräfte werden ohne Rücksicht auf das gesellschaftliche Leben dort und dann eingesetzt, wo sie am meisten Geld generieren. Darunter hat das gelitten, was Steinhardt als „gesellschaftlich sinnvolle“ Arbeit bezeichnet, wie etwa „Kinder groß zu ziehen oder Jugendlichen in Vereinen eine sinnvolle Freizeitbetätigung anzubieten.“

Steinhardt schlägt deshalb vor, dass diese Arbeit „auch monetär als eines Lohnes wert anerkannt wird.“ Der Staat soll diese Arbeit nicht nur bezahlen, sondern auch so organisieren, dass sie den Wünschen der überwiegend großen Anzahl von Menschen nach einer sinnvollen, sicheren und fair bezahlten Arbeit Rechnung trägt. Dies sei „die Pflicht eines jeden Staates, der für sich beanspruchen kann, demokratisch legitimiert zu sein“.

Einverstanden. Doch Kinder zu zeugen, zu stillen und groß zu ziehen, mag zwar gesellschaftlich notwendig sein, es ist auch im Eigeninteresse der Eltern und Verwandten. Sie machen deshalb seit Millionen von Generation diese Arbeit auch ohne Geld. Auch unterhaltende Tätigkeiten in Vereinen werden normalerweise nicht als Arbeit empfunden. Es ist nicht unfair, wenn diese Arbeiten nicht finanziell entlohnt werden. Sie tragen ihren Lohn in sich selbst. Ihr Nutzen wird in der Familie, der Gemeinschaft, der Nachbarschaft „internalisiert“. Die Akteure sind zugleich auch die Profiteure. Diese Arbeit kann man als direkte Arbeit bezeichnen, im Gegensatz zur indirekten Arbeit für Fremde gegen Geld.

Doch bevor der Staat die direkte Arbeit monetarisiert, sollte er erst die Rahmenbedingungen wiederherstellen, unter denen direkte Arbeit gedeiht – in intakten Familien, Nachbarschaften und Vereinen. Genau diese Strukturen sind in den letzten Jahrzehnten durch die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte systematisch zerstört und geschwächt worden. Im Kampf um die Arbeit sind die Menschen zunehmend auf ihre Funktion als Arbeitskräfte reduziert und zeitlich und örtlich flexibel eingesetzt worden. Die Organisation der Arbeit hat zur Desorganisation der Gesellschaft geführt. Noch nie haben so viele Menschen in Einzelhaushalten gelebt, noch nie war die Scheidungsrate so hoch.

Um diesen Trend zu brechen, müssten wir uns erst einmal darauf einigen, dass eine bezahlte Arbeit nur zumutbar ist, wenn sie soziale Teilhabe ermöglicht. Arbeit auf Abruf, oder ein Mindestlohn von 8,86 Euro erfüllen diese Bedingung ebenso wenig wie ein Arbeitsweg von mehr als 2 Stunden täglich. Wir haben uns daran gewöhnt, dass man der Arbeit hinterherrennen muss. Jobs müsse man dort suchen, wo es sie gibt. Da könne man nicht einfach nur rumsitzen. Klingt logisch. Aber ebenso logisch ist, dass Arbeit immer dort ist, wo die Menschen sind, wo sie Bedürfnisse haben, die befriedigt werden müssen. Schließlich arbeiten wir nicht für den Mond, sondern für uns.

Das gilt zumindest für die direkte (unbezahlte) Arbeit. Und diese ist mengenmäßig immer noch viel wichtiger als die indirekte, und zwar etwa im Verhältnis von 60 zu 40.  Gemäß der neuesten Statistik für die Schweiz leisten die 15 bis 64-jährigen im  Schnitt 25 Stunden unbezahlte und 22 Stunden bezahlte Arbeit. Bei den über 65-jährigen sind es im Schnitt noch 20 Stunden unbezahlte und 2 Stunden bezahlte Arbeit. Doch auch die bezahlte, indirekte Arbeit fällt überwiegend vor Ort, bei den Menschen an. Man denke etwa an Gesundheit, Pflege, Bildung, Einzelhandel, öffentliche Verwaltung etc.

Einverstanden. Es gibt auch Arbeit, die man auslagern kann und der man nachrennen muss. Das betrifft vor allem Industriegüter. Und nicht selten geht es dabei um mehrere hunderte Jobs. Doch insgesamt ist die industrielle, global verschiebbare Arbeit nicht sehr bedeutsam. Und sie wird weniger. In der Schweiz etwa entfielen 2016 nur noch 8,7 Prozent aller bezahlten (rund 4% aller) Arbeitsstunden auf die traditionellen Exportbranchen wie Uhren, Maschinen, Pharma und Finanzdienstleistungen. 1991 waren es noch 10,4%. Gemessen an der Bevölkerung ist es gar ein Rückgang um 25%. Angesichts der hohen Exportüberschüsse handelt es sich dabei per Saldo nicht um Auslagerungen. Diese Jobs wurden schlicht wegrationalisiert. Und dieser Trend ist nicht zu stoppen.

Die Menschen hinter der Arbeit herrennen zu lassen, ist also keine kluge Strategie. Damit kann man im besten Fall den Nachbarn ein wenig bezahlte Arbeit abluchsen, doch insgesamt nimmt damit sowohl die bezahlte als auch vor allem die unbezahlte Arbeit ab. Stattdessen muss man die Arbeit wieder zu den Menschen bringen. Ein wichtiges Mittel dazu ist die Siedlungspolitik. Jung und Alt, Wohnen und Arbeiten (zumindest gewerbliche Arbeit) müssen wieder näher zusammenrücken. Es braucht mehr Spielplätze, Schrebergärten und Gemeinschaftsräume, nicht nur für kulturelle und kulinarische Anlässe, sondern etwa auch für Werkstätten. Dann organisiert sich die Arbeit schon fast von alleine.

Durch eine solche Reorganisation wird die bezahlte Arbeit vermutlich noch in stärkerem Maß durch direkte Arbeit ersetzt werden. Das bringt aber auch Probleme mit sich, weil die produktiven Tätigkeiten weniger Geldeinkommen generieren. Auf diese sind aber der Staat, die Sozialwerke und jeder Privathaushalt angewiesen. Zudem ist ein Leben ohne berufliche Karriere für die allermeisten unbefriedigend (Außer vermutlich für die heranwachsende Generation von McDonald- oder Zalando-Jobbern).

Zwar wird auch der Drang und Zwang zur bezahlten Tätigkeit abnehmen, wenn man sich vermehrt durch direkte Arbeit sinnvoll in die Gesellschaft einbringen kann. Das allein dürfte aber nicht ausreichen, um den Arbeitsmarkt ins Gleichgewicht zu bringen und um ausreichend Geldeinkommen für alle zu schaffen.

Diese Probleme sind nicht trivial. Finanzielle Entschädigungen für sozial notwendige (bisher unbezahlte) Arbeit kann Teil der Lösung sein. Doch zunächst einmal geht es darum, die bezahlte Arbeit nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern die ganze Arbeit und nicht nur die Arbeitskraft, also den ganzen Menschen zu sehen. Die Ökonomen und Wirtschaftspolitiker müssen da noch ein bisschen dazu lernen.

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