Eurozone | 21.07.2017 (editiert am 31.07.2017)

Ist der Süden Europas „strukturell“ rückständig?

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„Strukturelle Faktoren“ können die Ungleichgewichte in der EWU nicht erklären. Es war und ist vielmehr die deutsche Lohnpolitik, die für die Krise in der Eurozone verantwortlich ist.

Fritz Scharpf hatte in einem Beitrag für Makroskop zwischen exportorientierten Ländern (oder „Hartwährungsländern“) auf der einen und „binnenwirtschaftlich orientierten“ Ländern (oder „Weichwährungsländern“) auf der anderen Seite innerhalb der Europäischen Währungsunion (EWU) unterschieden. Mit dieser Unterscheidung versucht er, sich die wirtschaftlichen Spannungen und die Krise des Euro zu erklären.

Ich habe bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen,  dass diese und ähnliche Einschätzung sich zunehmender Beliebtheit erfreuen, um die Probleme in der EWU zu erklären, aber leider sind sie falsch. Ich möchte aufgrund vielfältiger Reaktionen auf meine Kritik an dieser These, die Kritik etwas ausführlicher begründen.

Nominale Konvergenz ist gefordert

Zunächst ist zu betonen, dass „strukturelle“ Faktoren, die immer wieder als charakteristisch für einzelne Volkswirtschaften genannt werden, recht wenig mit den Voraussetzungen zu tun haben, die Mitglieder einer funktionierenden Währungsunion zu erfüllen haben. Ob eine Währungsunion funktioniert, hängt in erster Linie vom Inflationsziel und den Mitteln ab, die jedem Land zur Verfügung stehen, um dieses eine Ziel zu erreichen. Hier geht es fast ausschließlich um Mittel, die Konvergenz von Lohnstückkosten herzustellen. Es lässt sich, wie wir oft gezeigt haben, empirisch sehr gut belegen, dass die Lohnstückkosten auf lange Fristen die Inflationsraten determinieren.

Nominale Konvergenz (also Konvergenz der Inflationsraten und der Lohnstückkosten) ist absolut zentral für das Funktionieren der Währungsunion und kann durch nichts anderes ersetzt werden. Nominale Konvergenz in diesem Sinne ist nicht abhängig von „strukturellen“ Faktoren, seien es die Exportquote, die Investitionsquote oder sonstige Eigenheiten eines Landes wie große oder kleine Zuwachsraten der Produktivität (um die wichtigste zu nennen).

Nicht geeignet für die Beschreibung „struktureller“ Faktoren, sind allerdings Begriffe wie „Hart- oder Weichwährungsländer“, weil es ja gerade das Hintenanstellen der eigenen Inflationsphilosophie war, die von allen Mitgliedern der Währungsunion verlangt wurde. Alle Mitglieder der Währungsunion waren vom Augenblick ihres Beitritts an „Hartwährungsländer“, weil sie sich verpflichtet hatten, ein Inflationsziel von nahe zwei Prozent zu erreichen. Dass innerhalb kürzester Zeit das größte Land vom Hartwährungsland zum Deflationsland mutieren würde, hatte niemand vorhersehen können.

Dass im Zuge des Prozesses der Vorbereitung der EWU ganz andere Kriterien zum Tragen kamen (und in den Maastricht-Vertrag hineingeschrieben wurden), widerspricht diesen Einsichten nicht, sondern beruht auf der damals herrschenden monetaristischen Konfusion über die Determinanten der nationalen Inflationsraten.

Exportquotendivergenz ja – aber erst nach der Einführung des Euro

Betrachtet man beispielsweise die Exportquoten der wichtigsten Mitgliedsländer der EWU (Abbildung 1), zeigt sich zwar ein starkes Auseinanderlaufen, aber das passierte vor allem während der ersten Phase des Euro zwischen 1999 und 2008. Es ist also keineswegs so, dass Frankreich und Italien zu Beginn der Währungsunion in dieser Hinsicht „strukturell“ im Nachteil gewesen wären. Im Gegenteil, sie waren praktisch auf einer Höhe mit Deutschland. Das aber lässt nur die Schlussfolgerung zu, dass es das deutsche Lohndumping war, also die explizite Verfehlung der Zielinflationsrate nach unten, die Deutschlands Wirtschaftsmodell so fundamental verändert hat.


Abbildung 1


Man erkennt an dieser Graphik, dass z.B. Frankreich in den gesamten 90er Jahren mit Deutschland gleichauf blieb und erst nach dem Beginn der Währungsunion abgehängt wurde. Das große Deutschland bewegte sich dann (also innerhalb der Währungsunion) auf einer Linie mit kleinen offenen Volkswirtschaften (Abbildung 2) wie der Schweiz und Österreich. Das ist, auch in dieser Betrachtung, eine formidable Fehlentwicklung und ein deutliches Indiz für wirtschaftspolitisches Versagen.


Abbildung 2


An diesen beiden Graphiken kann man auch sehr schön erkennen, wie weit an den Haaren herbeigezogen die Argumentation mit der höheren Sparneigung in Deutschland ist, die immer wieder vom deutschen ökonomischen Mainstream (und insbesondere Hans-Werner Sinn) zur Erklärung des deutschen Leistungsbilanzüberschusses bemüht wird. Auf welche Weise (auf welchem Weg) hat wohl die „zunehmende deutsche Sparneigung“ dazu geführt, dass der deutsche Export und damit der deutsche Exportanteil am BIP so exorbitant gestiegen ist?

Auch die industrielle Stärke wird von der Wettbewerbsfähigkeit bestimmt

Das gilt auch für die Erklärung des relativ großen Beitrags der deutschen Industrie zum gesamten BIP (Abbildung 3). Im Gegensatz zu Frankreich und Italien hat Deutschland den Beitrag der Industrie zur gesamten Wertschöpfung in etwa auf dem Niveau von Mitte der 90er Jahre halten können.


Abbildung 3


Effektive reale Abwertung Deutschlands

All das lässt sich nicht mit irgendwelchen strukturellen Faktoren erklären, die für das „Wirtschaftsmodell“ Deutschlands, Italiens oder Frankreichs schon seit vielen Jahrzehnten charakteristisch sind. Es sind ganz offensichtlich Faktoren, die sich erst in jüngerer Zeit, also vor allem seit Beginn der Währungsunion, verändert haben. Der entscheidende Faktor, der all diese unterschiedlichen Phänomene, einschließlich der Leistungsbilanzüberschüsse, erklären kann, ist die Verbesserung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit, wie sie sich im sogenannten realen effektiven Wechselkurs (also dem umfassendsten Maß für Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Rest der Welt) niederschlägt (Abbildung 4).


Abbildung 4


Man kann verstehen, dass manch einer sich wünscht, Faktoren identifizieren zu können, die nicht nur das politische Versagen in Berlin und Brüssel als Ursache der Eurokrise ausmachen. Doch das Verdrängen hilft nicht. Jede ernsthafte Analyse bringt immer das gleiche Ergebnis hervor: Der Kern der Eurokrise ist und bleibt die Verletzung des gemeinsamen europäischen Inflationsziels durch Deutschland und daher die von Deutschland betriebene Politik der Lohnmoderation.

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