Kommentar | 28.07.2017 (editiert am 31.07.2017)

Japan und der zerbrochene dritte Pfeil

In Japan steigen die Löhne immer noch nicht, obwohl die Politik schon vor langer Zeit erkannt hat, dass eine Normalisierung der Lohnentwicklung entscheidend ist für die Bekämpfung der Deflation.

Im Jahr 2006 gab es in der internationalen Wirtschaftspolitik einmal einen kurzen Lichtblick. Der damals neu gewählte japanische Premierminister Shinzo Abe hatte endlich erkannt, was die wahre Ursache der japanischen Deflation war und erklärte seine Bereitschaft, dagegen vorzugehen (wir haben u.a. hier darüber berichtet). Abe erläuterte der staunenden Öffentlichkeit, was Heerscharen von Ökonomen bis dahin nicht verstanden hatten und bis heute immer noch nicht verstehen: Die langanhaltende japanische Deflation war nicht die Folge falscher und zu wenig expansiver Geldpolitik, sondern resultierte aus der deflationären Lohnentwicklung, die sich in Japan schon in der Mitte der 90er Jahre festgesetzt hatte.

Abe hatte dann 2012 in Japan erneut die Macht übernommen und strebte an, mit seiner Politik „der drei Pfeile“ das Land aus der Dauerstagnation zu führen. Der erste Pfeil stand für eine noch expansivere Geldpolitik, der zweite für eine erneute Anregung von Seiten der Finanzpolitik und der dritte stand für Strukturmaßnahmen, von denen  man sich nach der bahnbrechenden Erkenntnis über die Lohnschwäche vor allem eine politische Intervention bei der Lohnpolitik erhofft hatte.

Nun berichten einige Zeitungen, dass Shinzo Abe zunehmend in politische Schwierigkeiten gerät (z.B. hier), unter anderen deswegen, weil die Lohnentwicklung immer noch sehr schwach ist. Und in der Tat, schaut man sich die (nominalen) Lohnzuwachsraten in Japan an (Abbildung), staunt man, dass auch 2015 und 2016 die Zuwachsrate nicht mehr als ein Prozent beträgt.


Abbildung


Nimmt man zur Kenntnis, dass (zumindest nach den offiziellen Zahlen) die japanische Arbeitslosigkeit im Vergleich zu Europa sehr niedrig und nach der Krise von 2008/2009 sehr stark gesunken ist, muss die Persistenz der deflationären Lohnentwicklung überraschen. Es muss politische und wirtschaftliche Machtstrukturen geben, die verhindern, dass eine deutliche Verbesserung der Situation am Arbeitsmarkt auf die Lohnentwicklung durchschlägt.

Das erinnert fatal an Deutschland, wo, wie ich gerade in dieser Woche gezeigt habe, einige große Gewerkschaften offensichtlich keine Lohnerhöhungen mehr erreichen wollen, wie sie bei einem Inflationsziel von 2 Prozent angemessen und normal wären. Aber auch in den USA ist es nicht gelungen, den langen Aufschwung und die Verminderung der Arbeitslosigkeit für Lohnerhöhungen in einer Größenordnung zu nutzen, wie sie früher in einer solchen Situation absolut normal waren.

Daraus kann man nur schließen, dass sich die Machtverhältnisse an den Arbeitsmärkten der wichtigsten westlichen Länder inzwischen so sehr verschoben haben, dass die Arbeitgeber sich fast beliebig und selbst gegen den Willen der Politik einer vernünftigen Lohnpolitik entgegenstellen können. Ob dabei die Gewerkschaften wie in Deutschland (und vermutlich in Japan) im vorauseilenden Gehorsam mitmachen oder die geschwächten Gewerkschaften wie in den USA überhaupt nicht mehr handlungsfähig sind, macht keinen großen Unterschied. Die Angst vor der Roboterisierung und Globalisierung, mit der man die Arbeitnehmer fast täglich das Fürchten lehrt, und die trotz offiziell niedriger Arbeitslosigkeit immer noch großen Reservearmeen reichen bei weitem aus, auch Unterstützung durch aufgeklärte Politik zu neutralisieren.

Das zeigt, dass halbherzige Versuche, die Dinge wieder ins Lot zu bringen, auf jeden Fall scheitern werden. Nur konsequente Vollbeschäftigungspolitik, die sich auch vor wirklicher Überhitzung am Arbeitsmarkt nicht scheut (und folglich die Notenbanken mit ihrer Inflationsphobie in die Schranken weist), kann eine Wende bringen. Einfordern müssen das aber die Gewerkschaften – so lange es sie noch gibt. Wer jetzt schläft, sich mit Exporterfolgen zufrieden gibt, die Roboterisierung nicht konsequent mit passenden Lohnforderungen beantwortet (hierhier und hier), von Post-wachstum träumt oder Arbeitszeitverkürzungen als einzige Antwort ansieht, der wird früher oder später hinweggefegt werden.

Die immer mächtiger werdenden Arbeitgeber werden sich nämlich auf lange Sicht nicht damit begnügen, handzahme Gewerkschaften zu haben, wenn sie auch „keine Gewerkschaften“ haben können. Dazu muss man nicht viel tun, außer abwarten, weil sich auch die Arbeitnehmer immer dringlicher fragen werden, wozu sie Gewerkschaftsfunktionäre bezahlen, die nichts anderes zu tun haben, als die Linie der Arbeitgeber zu bestätigen. Das beste Beispiel dafür sind die USA, wo konservative Politiker im Verein mit Unternehmerinteressen nicht ruhen, bis auch die letzten kümmerlichen Reste der Gewerkschaftsbewegung, die es noch gibt, von der Bildfläche verschwunden sind.

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