Wissenschaft | 20.07.2017

Lob der Kritik, Tadel dem Dogma

Von John Stuart Mill und Karl Popper sollten wir lernen, dass Erkenntnis ohne Kritik nicht zu haben ist. Eine kritische Diskussion aber wird an vielen Universitäten und in der Öffentlichkeit schon im Keim erstickt.

Erst kürzlich verglich John Rapley die Dogmen in der Ökonomie mit denen einer autoritären Religion. Wir möchten diese Kritik um zwei wesentliche Punkte erweitern. Zum einen werden wir kurz auf der philosophischen Grundlage von John Stuart Mill und Karl Popper darlegen, wie eine fortschrittliche wissenschaftliche Diskussion aussehen könnte. Zum anderen wollen wir aber auch und vor allem zeigen, wie sehr sich die ‘moderne’ Ökonomie eines orwellschen Doublespeaks bedient, der eine solche Diskussion momentan erschwert.

Lob der Kritik

Die Argumentation ist keineswegs neu, doch scheint sie insbesondere liberalen Ökonomen schwere Kopfschmerzen zu bereiten. In seinen Ausführungen über die „Freiheit von Meinungen und der Diskussion“, legte John Stuart Mill 1859 dar, wie wichtig Kritik und Meinungsverschiedenheiten für das Wohlergehen einer Gesellschaft sind. Ihm zufolge sollten weder die Regierung, noch die Menschen an sich die Macht haben, in irgendeiner Weise andere Meinungen zum Schweigen zu bringen:

 „Wenn alle Menschen weniger Einem, von derselben, und ein Einziger der entgegengesetzten Meinung wäre, so wäre die Menschheit nicht mehr berechtigt, diesem Einen den Mund zu stopfen, als er, wenn er die Macht hätte, berechtigt wäre, der Gesellschaft Stillschweigen aufzuerlegen“, S. 23).

Ein Totschweigen und gewaltsames Verdrängen heterodoxer Ideen, seien sie richtig oder falsch, sind Mills Ansicht nach langfristig ohnehin nicht möglich. Als Beweis dient ihm die Ermordung Sokrates, die dafür sorgte, dass seine Philosophie sich wie die Sonne in den Himmel erhob und das „ganze geistige Himmelszelt“ erstrahlte (S. 44/45).

In einem System, in dem kritisches bzw. heterodoxes Denken de facto, allerdings nicht de jure aufgehoben ist, kann die Orthodoxie für einige Zeit ihren intellektuellen Frieden bewahren – frei von jeglicher Kritik und der „Unannehmlichkeit“, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen.

Allerdings, so Mill, geht diese Bequemlichkeit mit einem hohen Preis einher. Denn der Frieden kann nur durch das Opfern der „gesamten Moral des menschlichen Geistes“ erhalten werden. Ein solches System führt letztendlich dazu, dass das offene, furchtlose und logische Denken verbannt wird und die Menschen zu „Sklaven des alltäglichen Herkommens oder Heuchler[n] der Wahrheit“ (S. 45) verkommen. Fortschritt wird in einer Umgebung des intellektuellen Totalitarismus zur Unmöglichkeit.

Der Philosoph Karl Popper nahm ca. 75 Jahre später viele der Grundgedanken von John Stuart Mill wieder auf und wandte sie auf die Wissenschaft an. In seinem 1935 veröffentlichten Werk „Logik der Forschung“ legte er dar, wie Wissenschaft arbeiten sollte. Über allem steht dabei das Prinzip der Falsifizierbarkeit. Wissenschaftliche Theorien sollen durch Erfahrungen, Beobachtungen oder empirische Belege widerlegt werden können.

Falls in der Wissenschaft mit Theorien gearbeitet wird, die nicht falsifizierbar sind, oder im Nachhinein so gestaltet werden, handelt es sich für Popper um eine Pseudo-Wissenschaft. Konkret bezog sich Popper auf den Marxismus, der eine unvermeidbare Revolution durch das Proletariat vorhersagte und das Fehlschlagen der Theorie nicht als Widerlegung akzeptierte, sondern mit einem falschen Bewusstsein der Arbeiterklasse (false consciousness) erklärte. Die Theorie wurde auf diese Weise unwiderlegbar.

Es gilt somit insgesamt die Fehlbarkeit des menschlichen Intellekts zu akzeptieren und das wissenschaftliche Arbeiten daran anzupassen. Der Schlüssel intellektueller Exzellenz besteht in diesem Sinne aus dem „Geist der Kritik“, der intellektuelle Unabhängigkeit bedeutet.

Kritik und Austausch, die Suche nach dem besseren Argument und das Streben nach Wahrheit sind, wie wir bisher festhalten können, zentrale Bausteine für eine positive intellektuelle und gesellschaftliche Entwicklung. Diskussionen, Kritik und (möglichst ideologiefreie) Wissenschaftlichkeit sind unabdingbare Werkzeuge, um unsere eigenen Schwächen und Wissenslücken zu schließen.

Im 21. Jahrhundert sollten wir mittlerweile so weit sein, solche Grundsätze auf zivilisierter und rationaler Basis zu gestalten. Doch wie sieht die Diskussionskultur in den Wirtschaftswissenschaften tatsächlich aus?

Diskussionskultur à la VWL

Wie viel Freiheit und Offenheit – Werte, die von liberalen Ökonomen endlos propagiert werden – finden sich in ihrer eigenen Wissenschaft wieder? Wie viel Pseudo-Wissenschaft steckt überhaupt in dieser Wissenschaft?

Einen guten ersten Eindruck über den armseligen Zustand der Ökonomie (vor allem in Deutschland) bietet der kürzlich auf Makroskop veröffentlichte Kommentar von Jörg Bibow. Bibow beschreibt, wie der Mainstream (in diesem Fall vertreten von Rüdiger Bachmann) behauptet, die buchhalterischen Identitäten zu kennen. Man wisse, so Bachmann, dass der Geldmultiplikator nur ein Einführungsmodell zu Beginn des Studiums ist.

Das mag an der Universität von Bachmann vielleicht der Fall sein, ebenso wie an mancher anderen Universität (die Autoren freuen sich über Hinweise, da sie selbst nur sehr wenige solcher Universitäten kennen). Zahlreiche Artikel auf Makroskop weisen aber auf den Missstand hin (etwa hier), dass buchhalterische Zusammenhänge – oder der fundamentale Unterschied zwischen einem Arbeits- und einem Kartoffelmarkt – meist nicht verstanden werden.

Ferner sorgte jüngst das Buch Econocracy für Aufsehen. Darin unternahmen die Gründer der Post-Crash Economics Society der University of Manchester eine ausführliche Untersuchung der akademischen Kurrikula an britischen „Topuniversitäten“. Joe Earle, Cahal Moran und Zach Ward-Perkins legten vernichtende Ergebnisse in Bezug auf die intellektuelle Pluralität in der Ausbildung dar. So vermitteln lediglich 17 von insgesamt 172 Kursen „nicht-neoklassische“ Inhalte. Die Evaluation der verwendeten Modelle macht in Klausuren nur 8 % der Noten aus und bei 97 % aller Inhalte in den Pflichtmodulen fanden die Autoren, dass keinerlei kritisches Denken gefragt wurde

„[97% of all compulsory modules] entailed no form of critical or independent thinking whatsoever“.

Der russisch-amerikanische Ökonom Wassily Leontief zeigte sich bereits 1982 über den Zustand der Wirtschaftswissenschaften besorgt, als er die „Unterrichtsmethoden“ an amerikanischen Topuniversitäten mit denen in der Militärakademie verglich:

„the methods used to maintain intellectual discipline in this country’s most influential economics departments can occasionally remind one of those employed by the Marines to maintain discipline on Parris Island“, S. 107[1].

Bachmann promovierte in Yale, und auch einer der Autoren dieses Artikels verbrachte dort ein Jahr und besuchte Vorlesungen aus dem zweiten Jahr des Doktorstudiums – keine Einführungsvorlesungen also. Dennoch hatten Professoren und Studenten typischerweise den Geldmultiplikator im Kopf oder waren schlicht der Meinung, dass Geld ohnehin keine Rolle spiele. Investieren zu können, ohne vorher etwas angespart zu haben, wurde als logische Unmöglichkeit abgetan.

Bei aller Kritik wollen wir betonen, dass Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen: Ein Kommilitone interessierte sich beispielsweise sehr für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge, empfand die Vorlesungen in Yale als größtenteils unsinnig, brach seinen PhD ab (bei tollen Karrierechancen ein Schritt, den schlussendlich nur wenige wagen), arbeitete anschließend zwei Jahre bei einer Bank, und begann kürzlich eine neue Promotion. Allerdings bei einem Professor, der Geld nicht ignoriert oder einfach in die Nutzenfunktion eines rationalen Agenten steckt.

Darüber hinaus unterrichtet in Yale auch der Nobelpreisträger Robert Shiller. Shiller ist bekannt für seine Kritik der Markteffizienzhypothese, und hat außerdem in den frühen 2000ern vor überhöhten Hauspreisen in Amerika gewarnt. Eine Pflichtvorlesung in Makroökonomie für Doktoranten wollte er irgendwann nicht mehr in dem gewohnten Format unterrichten – zu kritisch sah er den Nutzen der dort zu lehrenden Modelle.

Die Fakultät wiederum kann einen Nobelpreisträger natürlich nicht einfach so aufgeben. Gleichzeitig will sie aber auch keine Veränderung in der Lehre zulassen. Folglich erhielt Shiller seine eigene Vorlesung, in der er unterrichten darf, was er will, und die jeder Student besuchen kann, aber nicht muss. Die Pflichtvorlesung Makroökonomie für Doktoranten wird seitdem in gewohnter Art und Weise unterrichtet, etwa von einem aufstrebenden Nachwuchsstar mit einem Doktorabschluss von den Universitäten Chicago, Princeton oder Harvard.

Ein typisches Vorlesungsskript für solch eine Vorlesung findet man zum Beispiel hier: Ausschließlich Kokosnuss-Modelle kommen vor, und das ricardianische Äquivalenztheorem fehlt natürlich auch nicht (siehe mehr dazu hier). Geld hingegen fehlt, da letzteres nur benötigt würde, um „Reibungen“ in der realen Wirtschaft zu verkleinern, also sekundär ist, um volkswirtschaftliche Geschehnisse zu analysieren.

Natürlich darf man Yale insgesamt nicht über einen Kamm scheren. An der Business School etwa gibt es Professoren, die sich intensiv mit Schattenbanken auseinandersetzen. Darüber hinaus ist Wirtschaftsgeschichte eine Pflichtvorlesung im Doktorat (siehe später mehr).

Die grundsätzlichen Probleme in Yale aber sind keine Seltenheit. So gibt es auch hierzulande Professoren, die die Bundesbank beraten, aber keine Bankbilanz bei der Kreditvergabe aufzeichnen können. Auch in Mannheim oder Zürich dominieren „loanable funds“ Theorien, und der Geldmultiplikator findet sich in Mastervorlesungen.

Erst einmal die „tiefhängenden Früchte“ ernten

Wieso gibt es Diskussionen über rein buchhalterische Dinge, die im ersten Schritt eigentlich frei von jeder Theorie und jeglichen Annahmen sein könnten?

Die Folgende Anekdote veranschaulicht das Problem vielleicht: Ein Professor erachtet die ganze Diskussion rund um Geldschöpfung als nicht wichtig, und fordert den Studenten auf, seinen Standpunkt doch mit einem allgemeinen Gleichgewichtsmodell zu beweisen. Wieso sollte man aber einen rein technischen Buchungsvorgang mit einem Modell beweisen? Verhaltenstheoretische Fragen über Kreditnachfrage, Qualität der Kreditsicherheiten, etc. wurden ja noch nicht einmal gestellt.

Vor lauter Bäumen sieht man hier den Wald nicht mehr. Woher kommt das? Ein Student oder (angehender) Professor bedient sich aus dem Werkzeugkasten, den er im Laufe seiner Ausbildung mitbekommen hat. Wie oben erwähnt, findet sich aber kaum (Dogmen-) Geschichte oder Buchhaltung im Lehrplan. Falls der Student im Bachelor ein wenig nationale Buchhaltung gelernt hat, wird er diese spätestens nach den Doktoratsvorlesungen, in denen große Mengen neoklassischer Modelle hoch und runter gerechnet werden, wieder vergessen.

In der Tat promovieren immer häufiger Studenten in der VWL, die zuvor eigentlich etwas Anderes studiert haben, typischerweise Mathematik. In der Einführungsvorlesung VWL im Bachelor in Harvard wird den Studenten gesagt:

„Wenn ihr in die Forschung gehen wollt, wechselt jetzt zu Mathe und brecht VWL ab.“

Mit haufenweise Mathe ausgestattet, machen sich nun also die jungen Ökonomen über unsere Welt her. Fast egal für welche Fragestellung versucht man sie mit bestehenden Modellen, neuen „Reibungen“, einer abgeänderten Nutzenfunktion oder etwas komplizierteren stochastischen Prozessen zu beantworten.

Doch wenn fundamentale volkswirtschaftliche Logik von der Politik ignoriert oder mit Füßen getreten wird (mit drastischen realwirtschaftlichen Folgen), dann darf die Volkswirtschaftslehre nicht stillschweigend zuschauen. Letzteres wäre in etwa so, als würde die Politik Aderlass predigen, die gesamte Ärzteschaft aber stillschweigend am neusten Hustentee forschen.

Anders ausgedrückt: die Volkswirtschaftslehre tut sich insbesondere so schwer, weil bereits die relativ einfach zu erntenden Früchte nicht geerntet werden. Makroskop-Leser kennen die Graphen der sektoralen Salden sehr gut (siehe beispielsweise hier). Es handelt sich hierbei tatsächlich um eine rein mechanische oder buchhalterische Sache, frei von jeglicher Theorie oder Ideologie.

Auf solch ein Gerüst sollte man bauen. Stattdessen startet man in der Makroökonomie mit Axiomen über die Mikroökonomie, also Verhaltensannahmen, die in manchen Situationen zutreffen, in anderen aber nicht. Vor allem aber muss man bei der Aggregation vom mikroökonomischen ins makroökonomische höllisch aufpassen. Die wichtigen Annahmen wie Nutzenmaximierung, Neutralität des Geldes etc., werden aber sehr selten in Frage gestellt. Ganz im Gegenteil: Man ist stolz auf diese „bewährte“ Herangehensweise und freut sich darüber, endlich auch eine „harte“ Wissenschaft zu sein, logisch, mathematisch und rigoros beweisbar.

Die Volkswirtschaftslehre hat also relativ leicht zu erntende Früchte übersehen, ist weit über das Ziel hinausgeschossen und verstrickt sich in mathematischen Exzessen. Wozu soll das Geldmultiplikator-Modell dienen, wenn es nicht komplizierter ist, den Studenten direkt die Realität der Geldschöpfung zu erklären? Wieso werden die Annahmen der Nutzenmaximierung oder des Arbeitsmarktes, sowie die sich ergebenden Aggregationsprobleme nach wie vor kaum diskutiert?

Anders ausgedrückt: falls Robinson Crusoe auf einer Insel landet, auf der jegliche Nahrung nur in Dosen vorhanden ist, wird einfach angenommen, er habe einen Dosenöffner dabei. Wie einfach die Welt doch sein kann.

Doublespeak der liberalen Ökonomik

Diese einseitige und repressive Diskussionskultur, die den intellektuellen Frieden bewahren soll, ähnelt in der Öffentlichkeit allerdings dem Ideal des orwellschen Doublespeaks. Der Vorwurf geht dabei besonders in Richtung der liberalen und neoklassischen Ökonomen, denen nichts wichtiger ist als Freiheit und Flexibilität, während sie ihr eigenes Fach „wie ein Politbüro“ (Robert Johnson) leiten.

Die erz-neoliberale Mont Pèlerin Society (MPS) bildet für diese Art der Heuchelei ein ideales Beispiel. 1947 durch Friedrich von Hayek gegründet, sollte sie der Welt die wunderbare Freiheit bringen, die nur ein radikaler Wirtschaftsliberalismus bieten kann.

Auf die Frage, wie frei denn ein Mensch tatsächlich sein kann, wenn der Markt ihn zu einer bestimmten Handlung zwingt, gibt es auch heute noch keine überzeugende Antwort. Exemplarisch ist allerdings die Art, wie die MPS ihre eignen Werte in ihrer Organisation durchgesetzt hat (hier eine ausführlichere Beschreibung von Mirowski). Nach der Gründung der MPS wurde aus dem zunächst engen Zirkel von 39 Mitgliedern eine Gesellschaft von 500 Mitgliedern. Bis in die 1960er hinein wurden dabei alle Mitglieder von Hayek selbst bestimmt, um keine Querdenker zuzulassen.

Als der Kreis der Auserwählten sich erweiterte, mussten neue Mitglieder, die der Society beitreten wollten, von zwei bereits bestehenden Mitgliedern dafür angeworben werden und sich einer strengen Untersuchung unterziehen. So wurde sichergestellt, dass die neoliberale Ideologie keiner Kritik ausgesetzt wurde – das Mittel brutaler Autorität schien für diesen Zweck gerechtfertigt zu sein.

Karl Popper war ebenfalls ein Mitglied in diesem Club, allerdings stritt er sich mit Hayek über dessen totalitäre Organisationsweise. Um politischen Fortschritt zu ermöglichen, so Popper, müsse dafür gesorgt werden, dass auch Sozialisten oder dem Sozialismus nahestehende Mitglieder in den Diskurs eingebunden werden. Leider blieben seine Aufrufe für einen rationalen Austausch ungehört und die Unterdrückung einer solchen Auseinandersetzung charakterisiert die „Wissenschaft“ auch heute noch.

Als Rechtfertigung kommen von Mainstreamökonomen für gewöhnlich immer die gleichen Gegenargumente, ohne dabei überzeugend zu sein. Erstens wird gerne mit Verweis auf prominente Einzelfälle (z.B. Joseph Stiglitz, Herbert Simon oder Amartya Sen) behauptet, es gäbe einen ausführlichen Diskurs in den Wirtschaftswissenschaften und auch heterodoxe Ökonomen hätten bewiesen, dass sie in prestigeträchtigen Journals publizieren können. Wenn ein Artikel unter hunderten sich kritisch mit vorherrschenden Mainstreamtheorien befasst, wird dies derart aufgeblasen, dass es den Anschein erweckt, es gäbe einen ernsthaften Diskurs.

De jure mag das richtig sein. Aber wenn die überwältigende Mehrheit der Publikationen sich mit Kritik nicht wirklich auseinandersetzen kann und anderen Ökonomen der Zugang zu führenden Positionen in den Universitäten und Forschungsinstituten versagt bleibt, ist das eine Scheindebatte, die lediglich der Rechtfertigung und angeblichen Offenheit der Mainstreamökonomie dient.

Zudem zählen die genannten Personen zu den bekanntesten Ökonomen. Stiglitz und Co. haben sich unter anderem durch wichtige Etiketten, wie den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis, eine enorme Reputation aufgebaut, die ihnen die Tore zu den Top-Journalen öffnet. Leider nur schließt eine solche Selektion eine ganze Menge anderer guter heterodoxer Ökonomen aus.

Ein zweites beliebtes Gegenargument auf heterodoxe Kritik – welches auch Bachmann bedient hat – ist, dass diese Kritik nichts Neues hervorbringe und der Mainstream all die genannten Punkte schon seit Jahrzehnten berücksichtige. Die Ergebnisse der oben vorgestellten Studie aber, sowie ein Blick in die weit verbreiteten Lehrbücher und bekanntesten Publikationen, sprechen eine andere Sprache.

Die Frage, weshalb die Forschung in vielerlei Hinsicht so weitermacht, als hätte es nie eine Krise gegeben (und als gäbe es sie auch heute nicht), bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Mit der Realität scheint sich der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften immer noch nicht befassen zu wollen (Heiner Flassbeck schrieb dazu kürzlich eine lesenswerte Serie).

Wenn deren Modelle und Vorhersagen komplett versagen, wie zum Beispiel im Falle Griechenlands, wird behauptet, dass die Reformen nicht vollständig umgesetzt wurden (hier) oder noch nicht genug gespart wurde. Alternativ kann auch auf die lange Frist verwiesen werden. Wenn es Griechenland in 100 Jahren wieder gut gehen sollte, waren entsprechend die erfolgreichen Reformen dafür verantwortlich. Erinnern wir uns daran, dass Karl Popper genau eine solche Art des „wissenschaftlichen Arbeitens“ als „Pseudo-Wissenschaft“ beschrieb.

All dies wäre an sich nicht weiter schlimm, wenn es nicht so gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft hätte. Wenn mit Modellen gearbeitet wird, in denen es z. B. keine (oder nur freiwillige) Arbeitslosigkeit gibt, alle Produktionsfaktoren perfekt beweglich sind, Menschen immer rational und nutzenmaximierend handeln, über perfekte Informationen verfügen und überall perfekter Wettbewerb herrscht, tendiert deren Realitätsgehalt gegen Null.

Natürlich müssen alle Modelle einer endlos komplexen Welt gewisse Vereinfachungen vornehmen, doch stellt sich die Frage, welchen Mehrwert die Aussagen solcher Modelle haben, die absolut nichts mit der Welt zu tun haben?

Quo Vadis?

Das wichtigste aus unserer Sicht ist, dass die Wirtschaftswissenschaften eine gewisse Bescheidenheit und Selbstkritik entwickeln müssen. Wir haben es mit einer hochkomplexen Gesellschaft zu tun und müssen zudem mit einer schwierigen Komponente verhaltenstheoretischer Annahmen zurechtkommen: Es gibt keine kontrollierten Experimente. Theorien und Vorhersagen bleiben letztendlich nicht falsifizierbar und Abweichungen können durch pseudowissenschaftliche Rechtfertigungen erklärt werden. Wirtschaftswissenschaften sind eben keine Naturwissenschaften. Und dennoch könnten wir uns an den Ideen von John Stuart Mill (Debattenkultur) und Karl Popper (Wissenschaftlichkeit) soweit wie möglich orientieren.

Wenn unsere Vorhersagen und Theorien immer wieder danebenliegen, muss man die Courage haben, dies auch einzugestehen. Letztendlich ist nichts Verwerfliches daran, wenn die eigene falsche Meinung durch reale Beobachtungen oder logische Zusammenhänge korrigiert wird.

Die Kritik geht aber natürlich in beide Richtungen: Wenn heterodoxe Ökonomen den IWF oder die OECD nach wie vor als Übel der Welt sehen, wenn sie offene Arme innerhalb dieser Institutionen – die es gibt – nicht wahrnehmen, dann grenzt dies ebenso an intellektuellen Totalitarismus, wie die Orthodoxie ihn prägt. Wenn der IWF im Falle Japans den Zusammenhang zwischen Profiten, Nachfrage, Inflation und Löhnen erkennt und höhere Löhne fordert, dann ist dies zu begrüßen, zu zitieren und zu verbreiten (siehe hier).

Eine solche Kultur kann sich nur entwickeln, wenn das Falsifizieren belohnt und begrüßt wird.  Es sollte nichts Respektableres geben, als wenn ein Professor auch nach langer Karriere sich eingesteht, etwas falsch gemacht zu haben. Das müsste bereits in der Erziehung beginnen, wo Fehler allzu oft nur bestraft werden, ohne den möglichen Erkenntnisgewinn hierin hervorzuheben.

Weitere wünschenswerte Punkte wären eine stärkere Einbindung der Wirtschaftsgeschichte sowie Geschichte des wirtschaftswissenschaftlichen Denkens (Dogmengeschichte) in den Lehrplänen, begleitet von mehr interdisziplinärer Forschung (Politikwissenschaften, Anthropologie, Soziologie etc.). Mathematik, die zweifellos wichtig ist und bleiben wird, muss in einen sozialwissenschaftlichen Rahmen eingebettet werden.

All dies würde dementsprechend eine Abkehr vom einfachen Denken und simplen Narrativen bedeuten. Eine hochkomplexe Wirtschaft könnte nicht mehr mit der schwäbischen Hausfrau erklärt werden. Die Auswirkungen, die eine sich mit der Wirklichkeit befassende Volkswirtschafslehre hätte, würden eher zu einem tatsächlichen wissenschaftlichen Fortschritt führen, als es der heutige intellektuelle Totalitarismus tut.

Besteht Hoffnung? Wir finden schon. Immer mehr – und vor allem junge – Ökonomen fangen (wieder?) an zu denken. Einige der neuesten Publikationen des IWF, der OECD, oder der EZB, wären noch vor einigen Jahren gemeinhin als „linke Scharlatanerie“ abgetan worden.

Sicher, viele deutsche Ökonomen haben noch einen weiten Weg vor sich. Hierzulande wehrt man sich stärker wie in keinem anderen „nicht-nordkoreanische Land“ gegen die Ablegung alter Dogmen. Doch die letzten Monate haben gezeigt, dass das Geschrei des Mainstreams, etwa bezüglich deutscher Außenhandelsüberschüsse oder Spardiktate, immer lauter wird. Folgen wir einem alten tibetischen Aphorismus, so ist dies ein gutes Zeichen, denn „ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm als ein ganzer Wald, der wächst“.


Fußnoten

[1] Leontief, W. (1982) ‘Academic economics’, Science, 9 July, 217, pp.104–107.

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