Soziales | 04.07.2017 (editiert am 08.07.2017)

Warum die Lohnquote sinkt

Im Krimi um die zunehmende Ungleichheit und Arbeitslosigkeit ist ein neuer Verdächtiger aufgetaucht – das Internet und seine Superstar-Firmen. Dagegen spricht, dass die Lohnquote schon viel früher gesunken ist. Versuch einer Klärung.

Mit ihrem Working Paper „The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms“ haben David Dorn, Lawrence Katz, Christina Patterson, und John Van Reenen in der Ökonomenszene ziemlich viel Wirbel ausgelöst. Kurz zusammengefasst sagen sie, dass die digitale Wirtschaft und das Internet nur den größten Firmen eine Chance lässt und damit die Marktkonzentration gerade erzwingt.

Dies wiederum führt zu einer Akkumulation des Mehrwerts in den Händen weniger Aktionäre und Topmanager. Das leuchtet ein und entspricht dem, was wir etwa bei Google, Microsoft, Amazon oder Facebook sehen können. Google hat 2016 einen Gewinn von 20 Milliarden Dollar oder 335.000 Dollar pro Mitarbeiter ausgewiesen, woraus sich eine Lohnquote von weniger als 20% errechnet.

Dieser Effekt, so die Autoren, erklärt, warum der Anteil der Löhne am BIP von 1980 bis 2010 in den USA von 66 Prozent auf 60 Prozent und in Deutschland von 72 Prozent auf 66 Prozent gesunken ist, während sie zuvor über Jahrzehnte einen konstanten Anteil aufwiesen.

Gegen diese These spricht unter anderem die Graphik auf Seite 31 des Papers. Darauf ist nämlich zu erkennen, dass die Lohnquote vor allem in den Jahren 1980 bis 2000 stark gesunken ist, während sie sich danach nur noch leicht nach unten bewegt hat. Es muss also noch andere und vielleicht noch wichtigere Gründe für den Fall der Lohnquote geben.

Für Thomas Piketty, der die Diskussion mit seinem Beststeller „Das Kapital“ neu angestoßen hatte, liegt der wichtigste Treiber der Ungleichheit in der Tatsache, dass der Kapitalertrag schneller gestiegen sei als die Löhne. Doch damit hat Piketty das Problem bloß anders formuliert, aber nicht erklärt. Sein Lösungsansatz, die Steuern auf Kapitaleinkommen massiv zu erhöhen, steht zudem im Widerspruch zu Pikettys früheren Erkenntnissen, wonach nachhaltige (Um-)Verteilungswirkungen bisher immer vom Arbeitsmarkt und nicht von der Fiskalpolitik ausgegangen sind.

Zudem ist offenbar gar nicht so klar, dass die Gewinne der Unternehmen so stark gestiegen sind, wie Piketty meint. Matthew Rognlie hat in seiner Kritik an Piketty ausgerechnet, dass der Rückgang der Lohnquote nach Berücksichtigung der Teuerung vollständig durch die gestiegene Bodenrente erklärt werden kann.

Die (ehemaligen) Einwohner von Großstädten, insbesondere London, können das nur bestätigen. Sie zahlen nicht selten mehr als 50% ihres Lohneinkommens für die Miete, wovon maximal 10 Prozentpunkte auf effektive Kosten entfallen. Der Rest ist Bodenrente. In der Schweiz dürfte sich die Bodenrente auf mindestens 40 Milliarden Franken pro Jahr belaufen. Haushalt mit Kindern zahlen in städtischen Verhältnissen mehr Bodenrente als Steuern.

Die Diagnose entscheidet über die Therapie. Wenn Dorn, Katz und Co. Recht haben, müsste man vor allem beim Wettbewerbsrecht ansetzen. Professor Dalia Marin von der Universität München meint, dass die Wettbewerbspolitik für das digitale Zeitalter neu erfunden werden müsse. Sie macht dazu diesen Vorschlag:

«Die G20 soll ein globales Wettbewerbsnetzwerk schaffen, die die Marktmacht dieser global operierenden Superstar-Firmen beaufsichtigt.»

Begründung:

«Nationale Wettbewerbsbehörden in den G20-Ländern sind nicht ausreichend in der Lage, die Marktmacht dieser Firmen zu begrenzen, weil diese Marktgiganten oft multinationale global operierende Konzerne sind, die die Marktkonzentration in mehreren der G20-Länder gleichzeitig bestimmen.»

Doch dazu braucht es nicht einmal unbedingt die G-20. Die EU reicht. Deren Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hat dieser Tage Google mit einer Buße von 2,42 Milliarden Euro bestraft. Damit soll Google gezwungen werden, anderen Vergleichsportalen gleiche Chancen einzuräumen.

Auch nationale Lösungen sind denkbar. Warum etwa sollte die Schweiz den Hotelplattformen wie booking.com nicht eine den effektiven Kosten angemessene Höchstmarge von 5% des Zimmerpreises auferlegen? Es ist nicht einzusehen, warum dieser Vermittlerdienst 13% des Erlöses und weit mehr als einen Viertel der Wertschöpfung für sich beanspruchen soll. Das steht in keinem Verhältnis zur geleisteten Arbeit – und senkt damit die Lohnquote weiter.

Auch gegen die Bodenrente sind nationale Maßnahmen gefragt. So kann man beispielsweise den Mehrwert von Immobilien spätestens beim Wiederverkauf abschöpfen. Mit dem Erlös könnte der Staat preisgünstig Wohnimmobilien erwerben. Preisgünstig deshalb, weil der Verkäufer den Mehrwert an den Staat abtreten muss.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Immobilienbesitzer zu verpflichten, bei einem Teil ihrer Objekte staatlich verordnete Höchstmieten einzuhalten. Auch solche Maßnahmen sind nicht leicht durchzusetzen, aber der Leidensdruck steigt und wenn die Immobilienspekulanten mit Abwanderung drohen, erschreckt das niemanden. Dieser Teil des Problems kann (könnte) auf nationaler Ebene gelöst werden.

Doch was, wenn das Problem in erster Linie darin liegt, dass der technologische Fortschritt Arbeitsplätze vernichtet? Wenn ein entsprechendes Überangebot an Arbeit die Preise drückt und Arbeitsplätze global verschoben werden können?

In der Regel fällt in diesem  Zusammenhang das Stichwort „vierte Industrielle Revolution“, verbunden mit dem Hinweis auf Studien, wonach diese innerhalb der nächsten 20 Jahre die Hälfte aller Jobs vernichten werde, angefangen bei den Taxifahrern und Berufschauffeuren. Dagegen wiederum wird eingewendet, dass sich der Produktivitätsfortschritt in jüngster Zeit deutlich verlangsamt habe. In Deutschland etwa waren es in den vergangenen zehn Jahren noch 0,75%, im Jahrzehnt zuvor aber 1,8% pro Jahr. In den USA ist die Produktivität im selben Zeitraum sogar von rund 3 auf 1% zurückgegangen.

Das Rätsel löst sich auf, wenn man sich daran erinnert, was die Produktivität misst, nämlich letztlich bloß die Zahlungsbereitschaft der Kunden. Anlageberater von Milliardären haben eine hohe Produktivität. Doch die Zahlungsbereitschaft nimmt mit zunehmender Sättigung (sprich gesamtwirtschaftlicher Produktivität) ab. Man braucht einfach nicht mehr so viel Zeug – außer es ist wirklich sehr billig.

Wenn nun – aus Gründen die mit der Güternachfrage nichts zu tun haben – dennoch das Arbeitsvolumen möglichst konstant gehalten werden soll, führt das dazu, dass immer mehr Leute Arbeiten nachgehen (müssen), die eigentlich niemand braucht und die entsprechend schlecht bezahlt werden (bzw. eine tiefe Produktivität aufweisen). So arbeiten etwa 30% der Beschäftigten zu Löhnen von 14.46 Euro Brutto und weniger.

Die nur langsam steigende gesamtwirtschaftliche Produktivität ist somit kein Beleg dafür, dass der technologische Fortschritt nicht wirkt. Im Gegenteil. Dass traditionelle Ökonomen dies nicht verstehen, hängt mit ihrem viel zu engen Begriff von Arbeit zusammen.

Hier ist ein erweiterter Begriff: Der Mensch hat Bedürfnisse. Für diese muss er arbeiten. Entweder direkt für die eigenen Bedürfnisse (bzw. die der Familie oder Sippe) oder indirekt für andere, bzw. gegen Geld, womit man dann Arbeit von anderen zur Deckung der eigenen Bedürfnisse einfordern kann. Beide Arbeiten, die direkte und die indirekte beanspruchen Zeit. Mehr als 24 Stunden stehen davon pro Tag nicht zur Verfügung. Die Ökonomie betrachtet nur die indirekte Arbeit. Das ist ihr erster großer Fehler.

Die zweite Unterlassung ist vielleicht noch fataler: Der Mensch arbeitet nicht nur, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, sondern auch aus Spaß an der Freude und am gemeinsamen Tun. Und vor allem auch, um seine Stellung in der Gesellschaft zu festigen. Heute aber ist ein Fulltime-Job, oder zumindest irgendein Job, das Eintrittsbillet in die Gesellschaft.

Das erklärt, warum inzwischen gut ein Drittel der Menschen (Deutschen) für Löhne arbeitet, mit denen man den Lebensunterhalt nicht bestreiten kann. Ohne staatliche Zuschüsse, würde dieses Drittel aussterben. Aber ohne die finanzielle Nachfrage dieses Drittels gäbe es noch viel weniger bezahlte (indirekte) Arbeit.

Man kann diesen Sachverhalt auch anders formulieren: Immer mehr Leute tragen heute zum gemeinsamen BIP bei, ohne auch nur einen angemessenen Teil der Beute einfordern zu können. Gelernte Ökonomen können dies auch mit zwei Wörtern sagen: Die Lohnquote sinkt. Aber so kurz wie ihre Formulierung greift auch ihr Verständnis der Zusammenhänge.

Was heißt dies nun in Hinblick auf mögliche Lösungsansätze? Es bedeutet erstens, dass der Hauptgrund für die sinkende Lohnquote vermutlich eben doch auf dem Arbeitsmarkt liegt.

Zweitens legen diese Überlegungen die Vermutung nahe, dass der Knackpunkt irgendwo bei der Aufteilung von direkter und indirekter, bezahlter und unbezahlter Arbeit liegt. Um das vertieft diskutieren zu können, müssten die Ökonomen überhaupt erst ihren Instrumentenkasten in Richtung Sozialwissenschaften erweitern.

Drittens: Die bisher diskutierten und praktizierten Lösungen wie Geldmenge erweitern, fördern und fordern, Niedriglohnsektoren einrichten etc. gehen von einer zu engen Analyse aus. Es kann deshalb auch nicht verwundern, dass sie das Problem bisher nicht gelöst, sondern weiter verschärft haben.

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