Theorie | 25.07.2017 (editiert am 27.07.2017)

Was überhaupt ist „Wettbewerbsfähigkeit“?

Deutschland lobt sich landauf, landab für seine Wettbewerbsfähigkeit. Ein Mythos. Denn durch Lohnsenkungen und Flexibilisierungen wurden wichtige Funktionen des Wettbewerbs außer Kraft gesetzt.

Die positiven Auswirkungen von Arbeitsmarktflexibilisierungen wurden schon im ersten Teil dieses Artikels in Frage gestellt. Doch flexible Arbeitsmärkte haben nicht nur negative Auswirkungen auf das langfristige Wachstum, sondern führen in der Eurozone auch zu hochproblematischen Wettbewerbsverzerrungen.

Wettbewerb um Innovationen

Häufig wird übersehen, dass ein rigider Arbeitsmarkt auch ein wettbewerbsförderndes Instrument sein kann. Dieser Punkt wurde zum Beispiel im Vorfeld der Mindestlohneinführung diskutiert. Als Beispiel für die Erfolge des Mindestlohnes wurde England angeführt. Einige Arbeitgeber haben sich dort durchaus über die Einführung des Mindestlohnes gefreut, da er die Phase des Dumpingwettbewerbs in einigen Branchen beendete.

Wenn die Löhne völlig flexibel sind, kann ein Unternehmen, welches den Marktpreis nicht mithalten kann, Wettbewerbsfähigkeit erreichen, indem es einfach niedrigere Löhne als seine Konkurrenten zahlt. Anstatt die Produktionsprozesse zu optimieren oder in Modernisierung zu investieren, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, geht man den einfacheren Weg der Lohnsenkung. Dies hat zur Folge, dass die Konkurrenten das nachahmen und eine Abwärtsspirale aus immer weiter sinkenden Löhnen und Preisen entsteht. Eine wichtige Funktion des Wettbewerbs ist somit außer Kraft gesetzt. Investitionen und Produktivitätsentwicklung verlangsamen sich.

Dieser Trend wird in Abbildung 3 dargestellt (die dünner gezeichneten Linien repräsentieren den Trend). Die immer schwächere Lohnstückkostenentwicklung seit den 1970er Jahren wurde von geringeren Investitionen und sinkenden Produktivitätssteigerungen begleitet. Dies ist in meinen Augen auch das wichtigste Argument für branchenweite Tarifverträge. Bei gleichem Lohnniveau konkurrieren die Unternehmen einer Branche um die besten Ideen und Techniken – und nicht um den niedrigsten Lohn. [3]



Gleiches gilt für die Vorschläge zum Abbau der Arbeitshöchstzeit und der Ruhepausen. Arbeitnehmer müssen in den schlecht geführten Unternehmen flexibler zur Verfügung stehen, um den Nachteil der schlechteren Organisation zu kompensieren. Langfristig sinnvoller wäre es, diese Unternehmen würden sich besser organisieren oder Pleite gehen. Dies ist ein ganz normaler Vorgang in einer dynamischen Marktwirtschaft. Solange es noch genügend Nachfrage nach Produkten der Branche gibt, sollten die Arbeitnehmer dann eine Anstellung bei einem der Konkurrenten finden.

Risiko und Profit gehören zusammen. Arbeitgeber werden belohnt, wenn ihre Unternehmung gut läuft, tragen aber auch die Verluste, wenn dies nicht der Fall ist. Andernfalls zahlen die Arbeitnehmer den Preis für die mangelnden Fähigkeiten ihres Arbeitgebers. So gesehen wird das Risiko seit Jahrzehnten immer stärker auf die Schultern der Arbeitnehmer verlagert, die gleichzeitig immer schwächer an dem volkswirtschaftlichen Wachstum beteiligt werden.

Wer gegen Wen?

Die obigen Beispiele lassen erkennen, dass der Begriff Wettbewerbsfähigkeit nicht immer dem entspricht, was man landläufig damit verbindet. Eine erhöhte Wettbewerbsfähigkeit würde man immer auf bessere Organisation oder neuere Techniken zurückführen. Eine Lohnsenkungsfähigkeit oder eine Verschlechterung der Arbeitnehmerrechte hingegen würde man unter normalen Umständen wohl kaum damit in Verbindung bringen.

Noch absurder wird der Begriff der Wettbewerbsfähigkeit aber, wenn man ihn auf Länder überträgt, wie es heutzutage offensichtlich üblich ist. Paul Krugman bringt den Unsinn dieser Übertragung häufig mit folgendem Beispiel auf den Punkt: Betrachten wir zunächst zwei Unternehmen wie Pepsi und Fritz Cola. Sollte eines der beiden Pleite gehen, weil es nicht mehr wettbewerbsfähig ist, so ist dies für das andere Unternehmen eine gute Nachricht. Viele Kunden werden nun einen neuen Anbieter suchen. Dies wird die Nachfrage nach den Getränken des Konkurrenten erhöhen.

Wenn man aber zwei Länder wie Deutschland und die USA betrachtet, dann wäre eine Staatspleite eines der beiden Länder eine Katastrophe für das andere Land, weil ein riesiger Absatzmarkt von heute auf morgen verschwinden würde. Die Nachfrage nach Gütern aus dem anderen Land wird dann rapide sinken.

Wettbewerb zwischen Ländern macht keinen Sinn. Der Wettbewerbsbegriff sollte bestenfalls bei der Betrachtung von Unternehmen herangezogen werden. Und um den Wettbewerb zwischen Unternehmen in die beste Richtung zu lenken, sollte das Lohnniveau möglichst rigide sein. Ein Land, dass wie Deutschland Überschüsse produziert, die ins Ausland geliefert werden, ist auch nicht per se wettbewerbsfähig. Dies steht sogar in den Standardlehrbüchern der Makroökonomie. Da bei Überschüssen die Inlandsnachfrage zu gering ist, kann ein Überschuss auch Ausdruck einer Investitionsschwäche sein.

Zudem hat Wettbewerbsfähigkeit in diesem Kontext noch weniger mit der üblichen Bedeutung des Wortes zu tun. Betrachten wir ein Land mit einem Defizit, das von heute auf morgen seinen Wechselkurs auf die Hälfte abwertet. Dieses Land hätte über Nacht seine Wettbewerbsfähigkeit verdoppelt, weil die Produkte aus ausländischer Sicht nun nur noch die Hälfte kosten. Spätestens wenn das Land anfängt, Überschüsse zu erwirtschaften, müsste man ihm eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit zugestehen.

Dabei hat sich weder an den Strukturen noch an den verwendeten Produktionsweisen der Volkswirtschaft über Nacht irgendwas verändert. Wenn man schon die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes messen will, dann sollte man dies also nicht über die Überschüsse, sondern über die Stundenproduktivität oder einem vergleichbarem Maßstab für die Leistungsfähigkeit des Landes tun.

Überschüsse sind Ausdruck von Wettbewerbsverzerrungen

Doch das ist leider noch nicht alles. Die Auswirkungen der Unterbewertung deutscher Löhne sind noch tiefgreifender. Und der Wettbewerb zwischen Ländern in Verbindung mit dem freien Handel verzerrt den Wettbewerb zwischen Unternehmen.

Betrachten wir beispielsweise zwei Unternehmen der selben Branche, die in Deutschland und in Frankreich produzieren. Die französische Firma produziert mit der neuesten Technik und ist effizient organisiert. Indes produziert das deutsche Unternehmen noch mit veralteten Technologien, weil es in der Vergangenheit nicht genügend investiert hat. Im Normalfall sollte der Wettbewerb dem deutschen Unternehmen jetzt Beine machen, endlich in Modernisierung zu investieren. Da in Deutschland der branchenübliche Lohn inzwischen aber unterhalb des französischen liegt, wird stattdessen das modernere und produktivere französische Unternehmen vom Markt verdrängt.

Die niedrigen Lohnstückkosten in Deutschland sind dann aber nicht das Ergebnis von besonders hoher Qualität, sondern von besonders niedrigen Löhnen im Verhältnis zur eigenen Produktivität. So wird durch die Niedriglohnstrategie Deutschlands seit Jahren das Potenzial der europäischen Handelspartner zerstört. Mit der abermals paradoxen Folge, dass diese Länder langfristig weniger importieren werden, weil ihre Einkommen sinken.

Abbildung 4 zeigt dies anschaulich anhand der relativen Lohnstückkosten im Vergleich zum EURO-Durchschnitt und der Handelsbilanz innerhalb der EU. Die Null-Linie repräsentiert die durchschnittliche Entwicklung der Lohnstückkosten im EURO-Raum. Obwohl in Frankreich die Lohnstückkosten fast genau im Durchschnitt lagen, hat Frankreich ein großes Handelsbilanzdefizit aufgebaut. Der Grund ist die miserable Lohnstückkostenentwicklung in Deutschland, die relativ zum Durchschnitt zeitweise um über 20 % gesunken ist.

Dies hat Deutschland einen ebenso rasanten Anstieg des Handelsbilanzüberschusses zu Lasten der französischen Wirtschaft und anderen europäischen Ländern beschert. Wenn ein irischer Kunde sich nun überlegt, ob er Wein aus Deutschland oder Frankreich importiert, wird er sich aufgrund der niedrigeren Preise häufiger für den deutschen und gegen den französischen Wein entscheiden. Wodurch die deutschen Exporte zu Lasten der französischen steigen.



Zusätzlich wird der Wettbewerb Deutschlands mit den außereuropäischen Ländern verzerrt. Die eigene Währung sollte auf Leistungsbilanzüberschüsse eigentlich mit einer Aufwertung reagieren. Die höhere Nachfrage aus dem Ausland sollte zu einer Stärkung der Währung führen, welche die Exportpreise erhöht und die Überschüsse reduziert.

Da die innereuropäischen Leistungsbilanzsalden sich aber ausgleichen müssen, reagiert der Euro auf diese erhöhte Nachfrage nicht und ist für das deutsche Preisniveau zu niedrig. Der um Preisniveaus bereinigte Wechselkurs (der reale Wechselkurs) ist auch gegenüber den außereuropäischen Handelspartnern unterbewertet.

Das ist auch der Grund, warum die USA Strafzölle einführen wollen, um diese Verzerrung zu beheben. Da für die anderen Länder im EURO-Raum der reale Wechselkurs zwangsläufig überbewertet ist, haben diese es auch im außereuropäischen Handel dank der deutschen Lohnpolitik entsprechend schwerer. Die derzeitige Unterbewertung des Euro in Folge der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung trägt zwar zu einer Entlastung der anderen Länder bei und hat inzwischen die ganze EURO-Zone zu einem Überschussgebiet gemacht, vergrößert aber den deutschen Vorteil und belastet die transatlantischen Beziehung zusätzlich.

Ein ebenso absurdes Beispiel für die Sinnlosigkeit flächendeckender Lohnsenkungen und die Verzerrungen des Wettbewerbs innerhalb des Euro ist der Zeitraum Anfang der 2000er. In der Rezession nach dem Platzen der New-Economy-Blase sind in Deutschland die Löhne nominal gesunken, währen die Preise leicht zugelegt haben. Die exportorientierten Unternehmen konnten in einer Situation, in der im Rest Europas die Löhne und Preise gestiegen sind, die Lohnsenkungen nutzen, um ihre Profitmarge zu erhöhen, ohne in nennenswerter Weise an „Wettbewerbsfähigkeit“ zu verlieren.

Theoretisch sollte der Freihandel durch Intensivierung des Wettbewerbs genau so etwas unterbinden. Die unsichtbare Hand des Marktes sollte die Preise niedrig halten und die Gewinnmargen verkleinern. Abbildung 2 (aus dem ersten Teil dieses Artikels) deutet aber an, dass sich bereits seit Mitte der 1990er Jahre der Wettbewerbsdruck abgeschwächt hat. So konnten sich die Inflationsraten zeitweise von der Lohnstückkostenentwicklung abkoppeln.



Im Euroraum führt der Handel derzeit zu Wettbewerbsverzerrungen, die der schädlichen Exportstrategie Deutschlands zuzuschreiben sind. Da Deutschland den realen Wechselkurs durch relative Lohnsenkungen künstlich niedrig hält, wird der internationale Wettbewerb zwischen Unternehmen erheblich gestört. Das zieht die oben beschriebenen negativen Folgen auch für die deutsche Wirtschaft nach sich.

Erforderlich wären daher Maßnahmen zur Stärkung der Arbeitnehmer (quasi eine Deflexibilisierung des Arbeitsmarktes), damit diese wieder gesamtwirtschaftlich stabilisierende Lohnzuwächse durchsetzen können. Die Vorschläge aus NRW und Schleswig-Holstein gehen insofern in die falsche Richtung.


Fußnote

[3] Exportunternehmen geben diesen Punkt zu, wenn sie von der Zeit vor dem Euro sprechen, in der regelmäßige Aufwertungen der D-Mark den selben Effekt hatten. Weil die Produkte im Ausland teurer wurden, musste man entsprechend noch besser werden (sogenannte Produktivitätspeitsche).

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