Arbeit | 22.08.2017

Das volle Potential ausschöpfen

Jetzt hat es auch die OECD gemerkt: Das verlangsamte Produktivitätswachstum und die steigende Ungleichheit hängen zusammen. Warum? Die OECD hat eine Idee. Adair Turner hat eine bessere.

Vor wenigen Wochen haben ich hier die These vertreten, dass die trotz der „vierten industrielle Revolution“ stagnierende Produktivität daher kommt, dass die freigesetzten Arbeitskräfte überwiegend Produkte und Dienstleistungen herstellen, für die niemand einen vernünftigen Preis bezahlt, womit die entsprechende Arbeit – per Definition – unproduktiv ist. Denn Produktivität wird letztlich daran gemessen, wie viel der Markt für eine Arbeitsstunden-Leistung bezahlt.

Die Erklärung der OECD

Inzwischen hat sich auch die OECD in einer neuen Studie unter dem Titel „The Productivity-Inclusivness Nexus“ (fast) mit dem gleiche Thema auseinandergesetzt:

«In vielen OECD-Ländern hat das Produktivitätswachstum in den letzten Jahren nachgelassen, zudem ist die Ungleichheit gestiegen und die Beschäftigungsqualität gesunken.“ Und weiter:  Der „Productivity-Inclusiveness Nexus“ untersucht den Zusammenhang zwischen dem verlangsamten Produktivitätswachstum und dem Anstieg von Ungleichheit in Bezug auf Einkommen, Wohlstand, Wohlbefinden und Chancengerechtigkeit.»

Der Bericht dokumentiert, dass die Einkommensungleichheit in praktisch allen OECD-Ländern (mit Ausnahme von Frankreich, Holland und Belgien) von ca. 1990 bis 2013 stark zugenommen hat, während das Wachstums der Produktivität nach 1996 leicht und seit 2004 stark gesunken oder gar vollkommen ausgeblieben ist. Woran mag das liegen?

Die Studie erzählt dazu eine mit vielen Graphiken und Tabellen illustrierte Geschichte. Sie geht in etwa so:  Zwischen den einzelnen Unternehmen und Branchen bestehen punkto Produktivitätswachstum große Unterschiede. Die einen wachsen schnell, die anderen langsam. Auch die Arbeitskräfte sind unterschiedlich produktiv und sie sind nicht in allen Ländern gleichermaßen flexibel und mobil. Das Produktivitätswachstum eines Landes hänge davon ab, wie schnell die Arbeitskräfte von unproduktiven zu produktiven Firmen und Branchen wechseln. Das sei eine Frage der Flexibilität der Arbeitsmärkte und der Weiterbildung – wozu vielen Arbeitskräften das Geld fehle. Deshalb gehe es darum, durch die Förderung der Bildung und durch die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte das produktive Potential der Individuen auszuschöpfen. Im Original:

«Empowering individuals to fullfill their productive potential.»

Soweit die Geschichte der OECD.

Die Erklärung von Adair Turner

Etwa zur gleichen Zeit hat sich Adair Turner in „Social Europe“ zum gleichen Thema geäußert. Auch der frühere Chef der britischen Finanzaufsichtsbehörde FSA erzählt eine Geschichte von Arbeitskräften, die von unproduktiven in produktive Sektoren wandern.

Kurzfassung: 100 Bauern produzieren 100 Einheiten. Dann bewirkt der technologische Fortschritt, dass 50 Bauern reichen, um 100 Einheiten herzustellen. Die anderen 50 wandern in die Industrie und stellen dort ebenfalls 100 Einheiten her. Die Produktivität verdoppelt sich, und wird haben doppelt so viele Güter. Das macht Sinn.

Beim Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft, werde es aber schwieriger. Was geschieht, fragt Turner, wenn die 50 ehemaligen Industriearbeiter als schlecht bezahlte Dienstboten oder als freischaffende Künstler angestellt werden, wenn sie also Tätigkeiten ausführen, die man nicht mehr gut automatisieren kann? Dann greife das Baumol’sche Gesetz, wonach das mit steigendem Anteil der Dienstleistungen am BIP das Wachstum der  Produktivität gegen Null tendiert.

Doch Turner bohrt weiter: „Was geschieht, wenn aus dem 50 Überschuss-Bauern 25 Kriminelle und 25 Polizisten werden?“ Antwort: Die Produktivität (der noch Beschäftigten 75) steigt, doch der soziale Nutzen ist Null. Turner nennt das „Nullsummen-Beschäftigung“. Damit steuert Turner auf seine überraschende Schlusspointe zu.

Doch wir betreiben erst noch ein wenig Denksport. Was unterscheidet die beiden Geschichten? Welche Menschenbilder liegen ihnen zugrunde? Nun, bei der OECD haben die Menschen eine nur von unflexiblen Arbeitsmärkten gebremste Tendenz, zu den aktuell gerade produktivsten Firmen zu wandern, um dort ihr produktives Potential zu erfüllen. Turners Menschenbild hingegen ist mehr von Bertold Brecht inspiriert: Erst kommt das Fressen … dann kommt das Auto und wenn wir uns überfressen und überfahren haben, kommt die Gesundheit. Anders formuliert: Agrarwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen. Turner orientiert sich an der Bedürfnispyramide – und an der Realität.

Die OECD-Ökonomen hingegen denken gar nicht daran, ihre Modellwelt an der Realität zu messen. Sonst fänden sie es vielleicht merkwürdig, dass ausgerechnet die produktiven Firmen und Branchen, die pro produzierte Einheit Jahr für Jahr 3,5 bis 5% weniger Arbeitskräfte brauchen, sehr viel mehr Leute einstellen sollten. Wozu? Brauchen wir wirklich all das Zeug, das immer effizienter hergestellt werden kann? Ganz oben auf dieser Liste stehen übrigens die Finanzdienstleistungen. Wir würden also unser produktivstes Potential dann erfüllen, wenn wir uns alle gegenseitig Finanzprodukte verkaufen.

Nullsummen- Beschäftigung …

Da ist empirisch sogar etwas dran, und damit sind wir zurück bei Turner.

«In den USA sind inzwischen 18% der Beschäftigten im Finanzsektor tätig“, 1992 waren es erst 13,2%.»

Dieser hohe Anteil sei zwar ein Grund für die hohe gemessene Produktivität der USA, zugleich aber auch ein Beleg mehr dafür, wie irrelevant (für unser Wohlergehen) Begriffe wie BIP oder Produktivität geworden seien. Für Turner ist nämlich die Finanzindustrie (in der er groß geworden ist) bloß ein weiteres und besonders eklatantes Beispiel für Nullsummenbeschäftigung.

«Schaut Euch um in der Wirtschaft, ist es nicht deprimierend, wie viele hoch-talentierte Arbeitskraft für Tätigkeiten verschleudert wird, die absolut nicht geeignet sind, unseren Wohlstand zu mehren, sondern im Kampf um die verfügbaren ökonomischen Kuchenstücke verschleudert werden?»

Dann folgt eine schier endlose Liste: Rechtsdienste, Immobilienmakler Polizei, Gefängnisse, Cybercrime und die Armee von Leuten, die sich dagegen wehrt etc.

Kann man das noch toppen? Leider ja: Die Junge Generation der Italiener (und vermutlich auch der Griechen, Spanier, etc.) wird im Verlaufe ihres Lebens weniger Zeit mit bezahlter Arbeit verbracht haben, als mit dem Kampf um die Arbeit (siehe hier). Als John Meynard Keynes 1930 prophezeite, dass sein Enkel dereinst (heute) nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten würden, hatte er diese Nullsummen-Aktivitäten offensichtlich nicht einkalkuliert (siehe auch hier).

… und wie sie sich erklären lässt

Doch woher kommt es, dass wir unsere Zeit immer öfter mit letztlich unproduktiver Beschäftigungstherapie totschlagen? Turner geht auf dieser Frage nur mit einem Satz ein, doch der ist interessant:

«Solche Nullsumme-Jobs gab es schon immer, aber ihre Bedeutung hat zugenommen seit wir uns bei viele Gütern und Dienstleistungen der Sättigung nähern.»

Sättigung heißt in diesem Zusammenhang nicht, dass alle genug haben, dass gleichsam das Schlaraffenland ausgebrochen sei. Der Begriff meint vielmehr, dass wir mit einem normalen Arbeitspensum volkswirtschaftlich gesehen mehr produzieren können, als wir nötig brauchen.

An dieser so definierten „Sättigungsgrenze“ müssen die Unternehmen oft schon mehr für die Werbung ausgegeben als für die eigentliche Produktion. Wichtig ist aber vor allem, dass an dieser Grenze die (bezahlte) Arbeit gleichsam ihr Vorzeichen ändert. Sie wird vom knappen Produktionsfaktor zum Konsumgut. Eine neue Fabrik behebt nicht mehr Versorgungsengpässe (etwa mit Schuhen oder Autos), sondern sie schafft Arbeit. Der US-Staat Wisconsin z.B. bietet Foxconn für den Bau einer neuen Fabrik pro Jahr und Arbeitsplatz umgerechnet 14’000 bis 19’000 Dollar. Wer Leute beschäftigt, erhält neben der Arbeitsleistung also auch noch Geld vom Staat.

Sättigungsgrenze heißt nicht, dass es nichts mehr zu tun gäbe, dass alle Bedürfnisse befriedigt sind. Es heißt bloß, dass der angebotenen Arbeit keine hinreichende monetäre Nachfrage gegenübersteht. Damit aber tendiert der Preis der zusätzlichen Arbeit gegen Null. Der Konsument fragt zwar noch Arbeit nach, aber nur, wenn diese fast nichts mehr kostet. „Ich brauch das zwar nicht dringend, aber wenn Du die Pakete für 8.50 pro Stunde transportierst, lasse ich mir das Zeug schicken, statt selber einkaufen zu gehen.“

Ökonomie an der in diesem Sinn definierten Sättigungsgrenze ist wie Festkörperphysik ohne Schwerkraft. Die Knappheit der Arbeit (als Produktionsfaktor, nicht als Konsumgut) ist das, was die Marktwirtschaft zusammenhält. Fehlt sie, spielt der Markt verrückt. Das BIP ist zwar immer noch da, aber die Regeln der Verteilung ändern sich komplett. Die Schalthebel der Marktmacht sind nicht mehr dieselben. Der Preis der Arbeit verliert jeden Bezug zum Wert der Produkte, die damit geschaffen werden.

Das hat die perverse Folge, dass nun mitten in einer hoch-produktive Gesellschaft elementare Bedürfnisse wie Nahrung, Bildung, Gesundheit mangels Kaufkraft nicht mehr angemeldet werden können – womit die Menge der nachgefragten bezahlten Arbeit weiter sinkt. Ein Teufelskreis. Je mehr wir uns der marktwirtschaftlichen Sättigungsgrenze nähern, desto weiter entfernen sich immer größere Bevölkerungskreise davon.

Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man erkennt, dass die Marktwirtschaft Amok läuft – und schafft sie ab. Oder, bzw. besser: Man sorgt dafür, dass sie ihre Schwerkraft zurückgewinnt. Dass Arbeit eben wieder zum knappen Produktionsfaktor wird. Konkret: Die (angebotene) Normalarbeitszeit muss wieder in einem vernünftigen Verhältnis zum „normalen“ Konsum (und der damit verbundenen) Nachfrage nach (bezahlter) Arbeit stehen. Die Leute sollen so viel arbeiten, dass sie ein Auskommen haben und ihre Rente finanzieren können, aber sie sollen keinen Anreiz haben, unnötige Arbeitsvorräte anzulegen.

Doch auf diese Idee kommt Turner offensichtlich nicht. In seinen Beispielen werden 100 Mannjahre Arbeit in der einen bezahlten Beschäftigung immer mit 100 Mannjahren in der nächsten ersetzt, wo sie noch mehr „Einheiten“ produzieren, egal ob es für diese Einheiten ein Bedürfnis gibt, und ohne die Einsicht, dass das Überangebot an Arbeit letztlich auch das Einkommensgefüge durcheinander bringt und so monetäre Nachfrage zerstört – samt den dazu gehörigen Jobs.

Was in Turners Analyse fehlt, ist die Freizeit, bzw. die Bedürfnisse, die man in der Freizeit mit unbezahlten Tätigkeiten befriedigen kann. Für eine Wirtschaft an oder jenseits der Sättigungsgrenze brauchen wir eine erweiterte, realistische Theorie, in der die Wirtschaftssubjekte ihren Nutzen nicht nur mit einer bezahlten, sondern auch mit einer unbezahlten Beschäftigung optimieren. Die (eigenen) Kinder hüten, den Schrebergarten pflegen, einem Kegelklub beitreten, Meditieren etc.

Bei der Abwägung zwischen indirekter und direkter Bedürfnisbefriedung – Markt oder Selbstversorgung – müsste man dann auch die von Turner erwähnten hohen Kosten des Marktes berücksichtigen. Je globaler der Markt, desto höher die Kosten der Bewältigung seiner Komplexität – Finanzsektor, Rechtswesen, Steuerhinterziehung, Werbung, Transport, lange Arbeitswege, Arbeitsvermittlung, Personalwesen usw. Das, was Turner Nullsummenbeschäftigung nennt, verschlingt vermutlich schon etwa die Hälfte der bezahlten Arbeitszeit. Ist das wirklich sinnvoll?

Jein. Aus individueller Sicht mag es besser sein, mit einem Nullsummenjob Geld zu verdienen und in die Gesellschaft integriert zu sein, statt Arbeitslosengeld zu beziehen und einsam vor dem Fernseher sein Bier zu trinken. Auch die unbezahlte Tätigkeit will organisiert sein, sie braucht ein Umfeld, Nachbarschaft, sie braucht Zeit und Planbarkeit. Wenn der Mensch sein produktives Potential nicht nur als Arbeitnehmer, sondern eben als Mensch erfüllen will, erfordert das einen intelligenten Mix von bezahlter und nicht bezahlter Tätigkeit. Und es braucht eine Ökonomik, die damit umgehen und die richtigen Fragen stellen kann. Die Frage nach der Produktivität gehört nicht dazu.

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