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Konjunktur | 23.08.2017

Die europäische Konjunktur im Sommer 2017 – 3

Dass es eine leichte Belebung in der Industrie in den meisten Ländern Europas gibt, haben wir gezeigt. In den Binnenmarktbereichen ist das weniger klar. Deswegen sollte sich die Politik nicht auf den schwachen Euro verlassen, sondern selbst handeln.

Die Bauproduktion in der EWU war im Juni dieses Jahres leicht rückläufig (Abbildung 1). Nimmt man auch hier wieder den statistisch bedingten Anstieg im Februar in Deutschland heraus, dann muss man konstatieren, dass die Bauproduktion weiterhin extrem schwach ist; sie verharrt mit geringen Schwankungen auf dem tiefen Niveau von 2014. Besonders eklatant ist die Schwäche in Frankreich, wo das Niveau von 2014 sogar unterboten wird.


Abbildung 1

Auch in Südeuropa passiert in der Bauwirtschaft wenig (Abbildung 2). Italien und Portugal stagnieren auf absolutem Rezessionsniveau und in Spanien kommt die Entwicklung nach einem kurzen Zwischenhoch im Jahr 2014 kaum noch voran.


Abbildung 2

Etwas besser läuft es in Osteuropa, wo doch wenigstens der Tiefpunkt des Bauzyklus überwunden zu sein scheint (Abbildung 3). Aber insgesamt ist der Verlauf seit 2009 für diese Volkswirtschaften mit Sicherheit eine große Enttäuschung.


Abbildung 3

Die einzige Region, wo es konsequent weiter nach oben geht, ist Skandinavien (Abbildung 4). In Schweden gibt es einen nun schon drei Jahre anhaltenden Bauboom und auch Dänemark hat neue Niveaus erreicht. In den Niederlanden geht es zwar auch aufwärts, aber erst jetzt ist das Niveau von 2009 wieder erreicht. Österreich verzeichnet erste Besserungssignale, aber Belgien bleibt am Boden.


Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz in der gesamten EWU steigt weiter kontinuierlich an (Abbildung 5). Daran ist neben Frankreich nun auch Deutschland beteiligt, wo doch seit 2014 immerhin über zehn Prozent gutgemacht wurden. Angesichts der immer noch verhaltenen Realeinkommensentwicklung spricht einiges dafür, dass bei relativ hohem Beschäftigungsstand und relativer Arbeitsplatzsicherheit doch viele Familien dazu übergehen, ihre Sparquoten zu reduzieren. Ob in Frankreich das Tempo der letzten Jahre beibehalten wird, ist dagegen angesichts der Arbeitsmarktreformen der neuen Regierung doch sehr fraglich. Italien ist und bleibt schwach.


Abbildung 5

Auch in Südeuropa bleibt die Entwicklung verhalten, wenngleich es in Spanien und in Portugal mit den Umsätzen weiter langsam aber stetig aufwärts geht. Griechenland ist weiter hoffnungslos.


Abbildung 6

Entsprechend der sehr langsamen Erholung in ganz Europa sinkt auch die Arbeitslosigkeit nur sehr langsam und beträgt immer noch neun Prozent (Abbildungen 7 und 8). Das ist im internationalen Vergleich ein Armutszeugnis. Hinzu kommt, dass die beiden wichtigen Länder Italien und Frankreich beim Abbau der Arbeitslosigkeit kaum vorankommen und in Südeuropa überwiegend Resignation der Arbeitssuchenden das Bild bestimmt.


Abbildung 7

Abbildung 8

Die Preisentwicklung in der EWU normalisiert sich wieder, was heißt, dass die Zuwächse bei den Verbraucherpreisen wieder sinken und wieder unter dem Inflationsziel der EZB liegen (Abbildungen 9 und 10).


Abbildung 9

Insbesondere bei den Erzeugerpreisen sieht man, dass der einmalige Einfluss steigender Importpreise vorüber ist und die Grundtendenz, die wegen der flachen Einkommensentwicklung immer noch verhalten deflationär ist, sich wieder durchsetzt. Die sogenannte Kerninflationsrate war mit 1,2 Prozent zuletzt zwar etwas höher als vorher, aber das dürfte sich wieder abschwächen.


Abbildung 10

Wirtschaftspolitische Überlegungen

Man sieht in Europa derzeit sehr gut, wie eine Wirtschaftspolitik „funktioniert“, die ihre Aufgabe vollkommen missversteht. Die Politiker jubeln durch die Bank über ständig positive Wachstumsraten, wobei es völlig gleich ist, ob die den BIP-Berechnungen zugrundeliegenden Zahlen plausibel sind oder nicht. Hauptsache es geht aufwärts. Und sogar die leichte Aufwärtsbewegung nach der längsten und tiefsten Rezession der Geschichte in Europa wird auf eine Art und Weise unters Volk gebracht, dass das langjährige Versagen der Wirtschaftspolitik aus dem Blick gerät. Leider gibt es in den meisten Ländern auch keine Opposition, die in der Lage wäre, die Dinge zurechtzurücken.

Es spricht alles dafür, dass die gegenwärtige Erholung nur auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass der Euro extrem schwach war und die Finanzpolitik unter dem Druck der anhaltenden Rezession in vielen Länder weit weniger restriktiv gefahren wurde als vorher. Insofern bestätigt der Aufschwung die „Austeritäts- und Reformpolitik“ nicht, sondern widerlegt sie.

Kaum jemand erinnert sich, dass die Kommission explizit darauf verzichtete, wichtige Länder zur Haushaltsrestriktion zu mahnen (Junckers Antwort auf die Frage nach dem warum: „Weil es Frankreich ist“, war eindeutig zweideutig, aber klar in der Sache), weil sie immerhin verstanden hatte, dass es so nicht weitergehen konnte, wie sich die deutsche Politik das vorgestellt hatte. Auch die EZB hat sich ein Stück weit emanzipiert und vertritt gerade gegenüber Deutschland eine kritische Position. Doch mit diesem pragmatischen Abrücken von irrsinnigen Positionen ist leider noch nicht automatisch eine neue vernünftige Position gefunden. Man muss hoffen, dass in der Kommission und in der EZB die gemäßigten Kräfte inzwischen so stark sind, dass sie sich einem neuen Austeritäts-Diktat aus Berlin (nach der Wahl) entgegenstellen können.

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