Arbeit | 29.08.2017 (editiert am 30.08.2017)

Die Realität ist eine andere

Die einflussreiche „OECD Jobs Study“ von 1994 war die Wegbereiterin der radikalen Deregulierungen der Arbeitsmärkte. Und das obwohl es nicht gelang, die Reformvorschläge empirisch zu untermauern.

Obwohl viele Vorschläge zur „Flexibilisierung“ der Arbeitsmärkte bereits in den 1980er Jahren (und früher) entwickelt wurden, kann die äußerst einflussreiche „OECD Jobs Study“ aus dem Jahr 1994 als Wegbereiterin der sogenannten Arbeitsmarktreformen gelten.

Die OECD trat in dieser Studie für eine radikale Deregulierung der Arbeitsmärkte und damit für eine massive Reform bestehender Arbeitsmarktinstitutionen wie etwa der Kündigungsschutzgesetzgebung, der Lohnersatzleistungen oder eben des Flächentarifsystems ein. Was den zuletzt genannten Punkt – das Tarifsystem – betrifft, sprach sich die OECD für eine Dezentralisierung der Lohnverhandlungen aus.

Von der Politik wurde die „OECD Jobs Study“ dankbar aufgegriffen, um Privatisierungen, Deregulierungen und Einschnitte in das Sozialsystem zu rechtfertigen, die allesamt dazu beitrugen, die Position der Arbeitnehmer und ihrer Vertretungen zu schwächen.

Die OECD versuchte gleich im Anschluss an die „OECD Jobs Study“, ihre Reformvorschläge auch empirisch zu untermauern. Doch das ging gründlich schief: In ihrem „Employment Outlook“ von 1997 testet die OECD in einer empirischen Analyse, die neunzehn Industrieländer umfasst, für die Jahre 1980, 1990 und 1994 den Zusammenhang zwischen Indikatoren des Tarifverhandlungssystems (Gewerkschaftsdichte, Deckungsgrad der Tarifverhandlungen sowie Zentralisations-/Koordinierungsgrad der Lohnverhandlungen[1]) und Indikatoren der ökonomischen Performance (Arbeitslosenquote, Erwerbstätigenquote, Inflation, reales Einkommenswachstum und Einkommensungleichheit).

Und zwar sowohl mit Hilfe einfacher Rangkorrelationsanalysen als auch anhand anspruchsvollerer, multivariater Regressionstechniken. Anschließend untersucht sie – wiederum regressionsanalytisch – den Zusammenhang zwischen den Veränderungen in den genannten Indikatoren des Tarifverhandlungssystems und den Veränderungen in den Indikatoren der ökonomischen Performance in den verschiedenen OECD-Ländern im Zeitraum 1980 bis 1990.

Die OECD findet insgesamt nicht viele statistisch signifikante Beziehungen zwischen den meisten Kennziffern der ökonomischen Performance und des Tarifverhandlungssystems. Sie stellt jedoch in einer Zusammenfassung ihrer empirischen Ergebnisse fest:

«Stärker zentralisierte/koordinierte Ökonomien haben bedeutend weniger Einkommensungleichheit als stärker dezentralisierte/unkoordinierte. Darüber hinaus, wenn dies auch nicht immer statistisch signifikant ist, ermittelt das Kapitel eine gewisse Tendenz, dass stärker zentralisierte/koordinierte Verhandlungssysteme niedrigere Arbeitslosenquoten und höhere Erwerbstätigenquoten haben als andere, weniger zentralisierte/koordinierte Systeme.»[2]

Das ist so ziemlich das Gegenteil der von der OECD erhofften Ergebnisse. Auch in einer späteren empirischen Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Zentralisierung/Koordinierung und Arbeitslosenquote der OECD-Länder mit Hilfe verschiedener Korrelations- und Regressionsrechnungen findet die OECD keinerlei Beleg dafür, dass ein geringerer Zentralisierungs-/Koordinierungsgrad der Lohnverhandlungen mit einer niedrigeren Arbeitslosigkeit verbunden ist.[3]

Weitere empirische Tests

Die OECD blieb mit ihren Ergebnissen nicht allein. Im Gefolge der „OECD Jobs Study“ entstand insbesondere in Europa eine große Zahl von Studien, die den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktinstitutionen und Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich analysieren. Wobei neben dem Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen auch z.B. die Quote und die Dauer der Lohnersatzleistungen, die Gewerkschaftsdichte oder der Kündigungsschutz als Institutionen-Variablen benutzt wurden.

Diese empirischen Untersuchungen verwenden oft komplexe multivariate Modelle (häufig Paneldatenregressionen), die versuchen, die Bedeutung einzelner institutioneller Variablen unter Kontrolle einer Vielzahl weiterer Faktoren aufzudecken. Die Ergebnisse sind – aus Sicht der Deregulierungsbefürworter – insgesamt sehr enttäuschend.[4]

Was in diesem Zusammenhang besonders interessant ist: Die weit überwiegende Zahl der empirischen Cross-Country-Analysen stellt einen negativen Zusammenhang zwischen dem Koordinationsgrad der Lohnverhandlungen und der Arbeitslosenquote fest. Das heißt, ein höherer Koordinierungsgrad ist mit einem niedrigeren Arbeitslosigkeitsniveau verbunden.[5]

Am Ende blieb selbst der OECD nach Auswertung der ihrer Ansicht nach fünfzehn wichtigsten empirischen Studien nichts anderes übrig, als einzuräumen:

«Die Mehrzahl der […] Regressionsanalysen aus dem Ländervergleich kommt zu dem Schluss, dass ein hoher Grad des Korporatismus (d.h. eine starke Zentralisierung und/oder Koordination der Tarifverhandlungen) mit einer geringeren Arbeitslosigkeit verbunden ist.»[6]

Spätere empirische Untersuchungen bestätigen diese Ergebnisse: Auch sie zeigen, dass ein höherer Zentralisierungs-/Koordinierungsgrad der Lohnverhandlungen mit einer niedrigeren Arbeitslosigkeit einhergeht.[7]

Mit Vorsicht interpretieren

Eine Warnung ist hier angebracht: Alle empirischen Studien zum Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktinstitutionen (nicht nur des Zentralisations-/Koordinationsgrades der Lohnverhandlungen, sondern auch des Kündigungsschutzes, des Systems der Arbeitslosenunterstützung etc.) und Arbeitslosigkeit sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Allein deshalb, weil ihre Ergebnisse nicht immer sehr robust sind.[8]

Wichtig ist aber, dass es dem Mainstream (die meisten der empirischen Untersuchungen stammen von Mainstream-Autoren) trotz einer Vielzahl von Versuchen nicht gelungen ist, die These von den Vorteilen dezentraler Lohnfindungsregime (Betriebs- oder Firmenvereinbarungen) gegenüber einem Flächentarifsystem empirisch zu untermauern.

Dies ist umso bemerkenswerter, als dass zumindest in einigen der angeführten ökonometrischen Studien – die Arbeitslosigkeit aus den Rigiditäten aufgrund von Arbeitsmarktinstitutionen zu erklären versuchen – so konstruiert sind, dass sie die gewünschten Ergebnisse begünstigen. Diesen Verdacht äußern auch Howell et al. in einem entsprechenden Literaturüberblick:

«Unser Überblick wird von der Sorge getrieben, dass die empirische Forschung zu den Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit in der entwickelten Welt in einem beunruhigenden Maße mehr von dem Bemühen geprägt ist, die orthodoxe Theorie zu belegen oder zu bestätigen, als von dem Versuch, sie kritisch zu prüfen.»[9]

Und dennoch gelingt es den empirischen Analysen definitiv nicht, einen arbeitslosigkeitsmindernden bzw. beschäftigungsfördernden Effekt dezentralisierter Lohnverhandlungen nachzuweisen – viel eher legen sie eine genau gegenteilige Wirkung nahe. Umso grotesker ist es, dass große Teile der Wissenschaft gegen alle Empirie weiterhin für eine stärker dezentralisierte Lohnsetzung zur Verbesserung der Arbeitsmarktsituation eintreten. Das lässt sich wohl nur noch ideologisch erklären.

Den französischen Präsidenten dürften die hier vorgestellten empirischen Studien wenig interessieren. Vielleicht sollte ihm aber zu denken geben, dass die Koordination der Tarifverhandlungen in kaum einem anderen europäischen Land in den vergangenen Jahren so massiv abgebaut wurde (im Zeitraum 2010-2014 gegenüber 2005-2009) wie in Griechenland.[10] Gleichzeitig attestierte die OECD Griechenland für den Zeitraum 2007 bis 2014 allgemein die mit Abstand höchste Reformaktivität aller in die Untersuchung einbezogenen 30 Länder, gemessen anhand eines „Reform Responsiveness“-Indikators.[11]

Nimmt man die herrschende Lehre ernst, müsste Griechenland also in den letzten Jahren ein wahres Beschäftigungswunder erlebt haben. Die Realität ist bekanntlich eine andere: Tatsächlich verzeichnet Griechenland im April 2017 mit fast 22 Prozent weiterhin die höchste Arbeitslosenquote in der EU28.


Hinweise

[1] Der Koordinierungsgrad bezieht sich auf das Ausmaß an Koordination in den Lohnverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen. Ein Aspekt der Verhandlungskoordination ist die Ebene, auf der die Verhandlungen primär stattfinden (Firmen-, Branchen-, regionale/nationale Ebene), also der Zentralisierungsgrad des Lohnverhandlungssystems. Weitere Aspekte sind u.a. die Gewerkschafts- und die Arbeitgeberzentralisierung, die informelle Koordination und der Korporatismus (einen Überblick geben Aidt, T./Tzannatos, Z. (2002): Unions and Collective Bargaining – Economic Effects in a Global Environment, Washington, S. 85, Tab. 5-4). Der Koordinierungsgrad der Lohnverhandlungen stellt folglich das umfassendere Maß der institutionellen Struktur dar. Zumeist sind jedoch stark zentralisierte Verhandlungen auch stark koordiniert und umgekehrt; es besteht also trotz einiger Unterschiede in Bezug auf einzelne Länder im Allgemeinen eine enge Verbindung zwischen Zentralisierung und Koordinierung (vgl. Howell, D. R. (2004): Introduction, in: Howell, D. R. (ed.): Fighting Unemployment: The Limits of Free Market Orthodoxy, Oxford, S. 3-34).

[2] OECD (1997): Employment Outlook, Paris 1997, S. 64; Übersetzung G.G.

[3] OECD (2004): Employment Outlook, Paris, S. 162ff.

[4] vgl. dazu Grunert, G. (2008): Arbeitsmarktinstitutionen und Arbeitslosigkeit, in: WSI-Mitteilungen 4, S. 191-197.

[5] z.B. Nickell, S. (1997): Unemployment and Labor Market Rigidities: Europe Versus North America, in: Journal of Economic Perspectives, Vol. 11, No. 3, S. 55-74 und Nickell, S. (1998): Unemployment: Questions and Some Answers, in: Economic Journal, Vol. 108, No. 448, S. 802-816; Blanchard, O./ Wolfers, J. (2000): The Role of Shocks and Institutions in the Rise of European Unemploy¬ment: the Aggregate Evidence, in: Economic Journal, Vol. 110, S. C1-C33; Fitoussi, J.-P./Jestaz, D./Phelps, E. S./Zoga, G. (2000): Roots of the Recent Recoveries: Labor Reforms or Private Sector Forces?, in: Brookings Papers on Economic Activity,1, S. 237-311; Bertola, G./Blau, F. D./Kahn, L. M. (2001): Comparative Analysis of Labor Market Outcomes: Lessons for the United States from International Long-Run Evidence, in: Krueger, A. B./Solow, R. (eds.), The Roaring Nineties: Can Full Employment be Sustained?, New York; Palley, T. I. (2001): The Role of Institutions and Policies in Creating High European Unemployment: The Evidence, in: The Levy Economics Institute, Working Paper 336; Nunziata, L. (2002): Unemployment, Labour Market Institutions and Shocks, Nuffield; Nickell, S./ Nunziata, L./ Ochel, W./ Quintini, G. (2003): The Beveridge Curve, Unemployment and Wages in the OECD from the 1960s to the 1990s, in: Aghion, P./ Frydman, R./ Stiglitz, J./ Woodford, M. (eds.): Knowledge, Information, and Expectations in Modern Macroeconomics, Princeton, S. 394-431 und Nickell, S./Nunziata, L./Ochel, W. (2005): Unemployment in the OECD Since the 1960s. What Do We Know?, in: Economic Journal, Vol. 115 (500), S. 1-27; Smith, R./Zoega, G. (2004): Global Shocks and Unemployment Adjustment, Central Bank of Iceland Working Papers No. 24; Baker, D./Glyn, A./Howell, D. R./Schmitt, J. (2005): Labor Market Institutions and Unemployment: A Criti¬cal Assessment of the Cross-Country Evidence, in: Howell, D. R. (ed.), Fighting Unemployment: The Limits of Free Market Orthodoxy, Oxford, S. 72-118; Bassanini, A./ Duval, R. (2006): Employment Patterns in OECD Countries: Reassessing the Role of Policies and Institutions, in: OECD Social, Employment and Migration Working Papers No. 35. Die hier angeführten Studien beziehen zum Teil auch die Interaktionen zwischen verschiedenen Arbeitsmarktinstitutionen (z.B. Verhandlungskoordination und Gewerkschaftsdichte) oder zwischen Institutionen und sog. makroökonomischen Schocks ein (hier wird die Bedeutung der Institutionen nicht in ihrem direkten Einfluss auf die Arbeitslosigkeit gesehen, sondern darin, dass sie bestimmen, wie empfindlich die Arbeitslosigkeit auf bestimmte makroökonomische Schocks reagiert).

[6] OECD (2006): OECD-Beschäftigungsausblick – Mehr Arbeitsplätze, höhere Einkommen, Paris, S. 85f.

[7] z.B. Amable, B./Demmou, L./Gatti, D. (2007): Employment Performance and Institutions: New Answers to an Old Question, in: IZA Discussion Paper No. 2731; Flaig, G./Rottmann, H. (2013): Labour Market Institutions and Unemployment: An International Panel Data Analysis, in: Empirica, Vol. 40, 4, S. 635-654; Avdagic, S./Salardi, P. (2013): Tenuous Link: Labour Market Institutions and Unemployment in Advanced and New Market Economies, in: Socio-Economic Review, Vol. 11, 4, S. 739-769; Avdagic, S. (2015): Does Deregulation Work? Reassessing the Unemployment Effects of Employment Protection, in: British Journal of Industrial Relations, Vol 53, 1, S. 6-26

[8] So zweifeln etwa Baker et al. die Datenqualität gerade einiger der in den frühen Studien eingesetzten institutionellen Variablen (etwa des Kündigungsschutzes) an und demonstrieren am Beispiel der einflussreichen Untersuchungen Nickells (1997) und des IWF (International Monetary Fund (IMF) (2003): Unemployment and Labor Market Institutions: Why Reforms Pay Off, in: World Economic Outlook, April, Washington, S. 129-150), dass schon kleinere Veränderungen bei den in diesen beiden Arbeiten verwendeten Variablen und sinnvolle Änderungen in den ökonometrischen Spezifikationen zu Ergebnissen führen, die keinen systematischen Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktinstitutionen und Arbeitslosigkeit erkennen lassen (Baker et al. 2005, 2004).

[9] Howell, D. R./ Baker, D./ Glyn, A./ Schmitt, J. (2006): Are Protective Labor Market Institutions at the Root of Unemployment? A Critical Review of the Evidence , S. 48; Übersetzung G.G.

[10] Visser, J. (2016): What Happened to Collective Bargaining During the Great Recession?, in: IZA Journal of Labor Policy, December, 5:9

[11] OECD (2015): Economic Policy Reforms 2015 – Going for Growth, Paris, S. 109.

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