Weltwirtschaft | 15.08.2017

Globalisierung unter der Lupe

Die Globalisierung dient vielen als Totschlagargument für die Notwendigkeit von Strukturreformen. Eine Analyse der globalen Wirtschaftsbeziehungen aber stellt die propagierte Unausweichlichkeit solcher Reformen in Frage.

Seit einigen Jahrzehnten dominieren bestimmte, zumeist abstrakte Vorstellungen über die Globalisierung den Diskurs in der Öffentlichkeit und in den verschiedensten wirtschaftspolitischen Instituten. Obwohl es an einer präzisen Definition des Begriffs „Globalisierung“ mangelt, wird damit meistens in irgendeiner Weise ein intensivierter Wettbewerb der Nationen um weltweit mobiles Kapital, Exportüberschüsse und Renditen assoziiert.

Somit erscheint es nur logisch und unausweichlich, dass der Staat unter anderem seine Ausgaben kürzt, Lohnzurückhaltung (bei steigender Produktivität) fördert und dem transnationalen Kapital steuerlich ein möglichst attraktives Umfeld bietet. Spätestens seit Thatcher wissen wir, dass es dazu keine Alternative gibt.

Dieser Diskurs beschränkt sich heutzutage nicht nur auf die Handlungsmöglichkeiten einzelner Staaten, sondern wird darüber hinaus auf ganze Regionen angewandt. Die Vorstellung Merkels zum Beispiel, wie Europa zum „wettbewerbsfähigsten Kontinent der Welt“ werden soll, untermauert die oben genannten Implikationen, die mit dem so populären Globalisierungsverständnis einhergehen.

Auch im akademischen Bereich besteht die Tendenz dazu, das Ausmaß und die Auswirkungen der Globalisierung auf den interkontinentalen Wettbewerb zu überschätzen. Bedenkt man beispielsweise, dass der Exportanteil der EU (und anderer großer Volkswirtschaften wie den USA) bei ca. 15% liegt, so relativiert sich die Plausibilität der Lösungsvorschläge, die auf „eine höhere Wettbewerbsfähigkeit der EU“ gegenüber Asien oder den USA setzen.

Mit anderen Worten: Wir haben es trotz der Globalisierung mit mehreren großen, allerdings recht geschlossenen Volkswirtschaften zu tun. Eine strukturelle Konvergenz für den gesamten Kontinent mag in der Theorie zwar möglich sein, wird in der Praxis jedoch nur zu hohem Deflationsdruck, wirtschaftlicher Stagnation und hoher Arbeitslosigkeit führen (insbesondere im Falle Europas).

In diesem Zusammenhang ist es ratsam, die Globalisierung einer differenzierten Betrachtung ihrer geographischen Ausprägung zu unterziehen, wobei ich mich in diesem Artikel vor allem auf Handelsströme beziehen möchte[1].

Was bedeutet „global“?

Zunächst stellt sich in Bezug auf die Globalisierung die Frage, wie die Bedeutung des Wortes global zu verstehen ist. Für gewöhnlich assoziiert man damit die weltweite Reichweite eines bestimmten Konzepts oder einer Idee. In Bezug auf die wirtschaftliche Integration der Welt allerdings zweifelten die Wissenschaftler Paul Hirst und Grahame Thompson bereits 1996 in ihrem Buch „Globalization in Question“ die Adäquatheit des Ausdrucks global stark an. Sie bemerkten, dass der Begriff Triadisierung („Triadization“) deutlich angebrachter wäre, da sich der Großteil der wirtschaftlichen Integration (Handel, Direktinvestitionen, Finanzen) auf die Triade, also die drei größten Wirtschaftsräume der Welt, beschränkt.

Die Triad-Economies bestanden zum Zeitpunkt der ersten Ausgabe ihres Buches aus den Volkswirtschaften Nordamerikas, Europas, und Südostasiens (Japan, Taiwan, Hong Kong und Singapur). Im Jahr 1996 machten diese Länder zwar nur 14.5% der Weltbevölkerung aus, produzierten jedoch ca. zwei Drittel aller Exporte. Zudem wurden zwischen 1991 und 1996 mehr als 60% aller Direktinvestitionen (FDI) innerhalb oder zwischen den Triad-Economies getätigt, und deren Anteil an den weltweit akkumulierten FDI-Stocks belief sich auf 75%. Auch die Finanzströme waren in höchstem Maße in der Triade konzentriert, mit einem Anteil von ca. 80%[2].

Die untenstehenden Grafiken aus dem World Trade Report 2013 (S. 77) zeigen, dass sich zwischen 1990 und 2011 an dem grundsätzlichen Muster der Triadisierung nicht viel verändert hat, auch wenn Chinas Einfluss auf den Welthandel natürlich gestiegen ist. Insgesamt aber scheint es, dass der Begriff Globalisierung irreführend ist, wenn man darunter eine tiefe und weltweite wirtschaftliche Integration versteht.




Verbindet man mit der Globalisierung hingegen „nur“ wirtschaftliche Offenheit, die sich beispielsweise in einem steigenden Handelsvolumen zum BIP oder in der Menge internationaler Finanzflüsse ausdrückt, so finden sich dafür zwar zahlreiche Nachweise, jedoch werden die Implikationen für eine seriöse Wirtschaftspolitik signifikant vom TINA-Modell abweichen.

Regionale Integration im Zeitalter der Globalisierung

Die obenstehenden Grafiken weisen zudem auf eine weitere Merkwürdigkeit hin, die mit der Hyperglobalisierungsthese schwer zu vereinbaren ist: den hohen Anteil an intraregionalem Handel. In weiteren Untersuchungen, die der Erstauflage des Buches „Globalization in Question“ folgten, stellten Hirst und Thompson (1999) fest, dass der Trend der wirtschaftlichen Integration weniger auf eine Triadisierung, sondern vielmehr auf eine stärkere Regionalisierung hinweist.

Jeffrey Frankel (1997;1998) unterstützt etwa zur selben Zeit diese These und argumentiert, dass insbesondere beim Welthandel die regionale Vertiefung die globale Dimension in den Schatten stellt. Die Neuheit seines Beitrags zur Literatur bestand vor allem in seinem Verweis auf politische Faktoren, die das globale Handelsregime stark beeinflussen, in den wirtschaftlichen Analysen bis dahin aber nicht ausreichend berücksichtigt wurden.[3] So identifiziert er regionale Handelsabkommen (RTAs) als Hauptantreiber des wachsenden intraregionalen Handels, zeigt allerdings ebenso, dass politische Besonderheiten den Trend der Regionalisierung umkehren können (bspw. wirken sich die politischen Spannungen zwischen Indien und Pakistan negativ auf das regionale Handelsmuster aus, während die Commonwealth Staaten als Ganzes durch ihre historische Beziehung zu Europa ausgeprägtere Handelsbeziehungen zum Kontinent aufweisen).

Obwohl diese Studien gegen Ende der 1990er Jahre entstanden, so verdeutlichen auch weitaus aktuellere Daten der Welthandelsorganisation, dass die Implikationen und Befunde immer noch gültig sind (vgl. untere Grafik aus den International Trade Statistics 2012).



Die Trends der letzten zwanzig Jahre weisen ebenso wenig auf eine signifikante Tendenz zu „mehr Globalisierung“ im Welthandel hin (vgl. International Trade Statistics 2015). Auffällig an den Statistiken sind lediglich die marginalen Aktivitäten des intraregionalen Handels in Afrika und im Mittleren Osten, die jedoch leicht erklärt werden können. Im ersteren Fall führten unter anderem Liberalisierungen und Freihandelsabkommen dazu, dass sich kein vernünftiger Binnenmarkt entwickeln konnte, die „westlichen Partner“ allerdings ihre subventionierten Güter dort günstig loswurden (wir haben bei Makroskop darüber z. B. hier und hier berichtet).

Im Mittleren Osten hingegen sind es vor allem Rohstoff-Exporte in die Industrieländer, die den Großteil des Handels ausmachen (z. B. macht Rohöl allein 65% [4] aller Exporte (2015) in Saudi-Arabien aus).



Auf Grundlage dieser ausgeprägten regionalen Integration können Ökonomen internationale Handelsströme recht genau mit Gravitationsmodellen untersuchen. Diese nehmen an, dass der Handel zwischen zwei Ländern zum einen von der Größe ihrer Volkswirtschaften abhängt (gewöhnlich gemessen in % des globalen BIP), zum anderen aber eine negative Korrelation zwischen geografischer Entfernung und der Intensität des Handels besteht. Dieser sogenannte Distance Coefficient nähert sich in den meisten Fällen einem Wert von -1 an, woraus die Faustformel „if you double the distance, you half the trade“ entstand.

Diese äußerst negative Einflussnahme des Faktors „Distanz“ auf den Handel zeigt sich selbst im Vergleich unterschiedlichster Güter, Regionen und Zeiträume erstaunlich persistent und robust. In ihrem Paper “The puzzling persistence of the distance effect on bilateral trade” haben Anne-Célia Disdier und Keith Head eine der bis heute umfangreichsten Studien dazu durchgeführt. Disdier und Head zeigen, dass sich der negative Effekt der Entfernung auf den Handel von 1870 bis 1950 leicht reduzierte, danach aber wieder stieg und seit mehr als einem halben Jahrhundert auf hohem Niveau verharrt.

Aufgrund der Entwicklung neuer Technologien sowie effizienterer Transport- und Kommunikationssysteme würden wir allerdings unter normalen Umständen das Gegenteil dessen erwarten. Daraus lässt sich schließen, dass, wie Colin Hay (2016) bemerkt, die „Globalisierung eine Tendenz beschreibt, die in den meisten Fällen von einer Gegen-Tendenz zur Regionalisierung überschwemmt worden ist.“ (S. 309) Diese Tendenz trifft insbesondere auf Europa zu, das zudem ähnliche Ausprägungen in Bezug auf Direktinvestitionen vorweist.

Europa im globalen Wettbewerb

Die hier dargestellte Perspektive auf die Globalisierung relativiert das Bild eines europäischen Kontinents im globalen Wettbewerb mit Nordamerika und Asien. Zwar sollte man deswegen den Außenhandel der EU nicht als gänzlich irrelevant abtun. Doch die Narrative, dass nur gravierende Strukturreformen und die damit einhergehende „höhere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Rest der Welt“ Europa vor dem Untergang bewahren können, verliert deutlich an Substanz. Zudem sollte bedacht werden, dass sich die hier vorgestellten Erkenntnisse hauptsächlich auf die Handelsströme per se beschränken. Die eingangs erwähnten geringen Exportanteile der EU insgesamt vergrößern nur die Zweifel am Erfolg einer kontinentalen strukturellen Konvergenz.

Vielmehr spricht die vorgelegte Empirie dafür, wie auf Makroskop bereits öfter betont wurde (z.B. hier und hier), die EU als eine relativ geschlossene Volkswirtschaft zu betrachten, um eine vernünftige Wachstumsdynamik zu erzeugen. Andreas Nölke hat recht, wenn er in seiner hervorragenden Synthese der verschiedenen Ansichten über die Ursachen der Eurokrise darauf hinweist, dass Politikwissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler unterschiedliche Ansatzpunkte wählen.  Allerdings zeigt dieser Artikel, dass Politikwissenschaftler die globalen Handelsmuster stärker berücksichtigen sollten (insb. im Zusammenhang mit der EU), während viele Ökonomen sicherlich häufiger auf den Einfluss politischer und institutioneller Rahmenbedingungen zurückgreifen könnten.

Insgesamt kann jedoch festgehalten werden, dass vor dem Hintergrund der hier vorgestellten „relativierten Form der Globalisierung“ eine auf dem Merkantilismus aufgebaute Strategie für die gesamte EU nur fundamental scheitern kann.


Hinweise

[1] Die globale Integration der Finanzmärkte ist trotz einiger Tendenzen zur Regionalisierung (vgl. Home Country Bias oder Feldstein-Horioka Puzzle) stärker ausgeprägt, als es der Welthandel ist. Jedoch gibt es auch hier Unterschiede, z. B. zwischen Direktinvestitionen und Portfolio Investments (vgl. Ravenhill, 2016, insbes. das Kapitel „Globalization’s Impact on States“ von Colin Hay)

[2] Vgl. Petrella, R. (1996) ‘Globalization and Internationalization: The Dynamics of the Emerging World Order’, (S.77) in Boyer und Drache (eds), States Against Market: The Limits of Globalization

[3] Vgl. Frankel, J. ‘Regional Trading Blocs in the World Economic System’ (1997) und ‘The Regionalization of the World Economy’ (1998)

[4] 55 % crude petroleum, 10 % refined petroleum

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