Arbeit | 22.08.2017

Sättigungsgrenzen oder mangelnde Nachfrage?

Werner Vontobel gibt ein Verteilungsproblem als Problem der Sättigung von Bedürfnissen aus. Eine Replik.

Vontobel beschreibt mit großer Verve (belegt am Beispiel eines Papiers der OECD und von Adair Turner) vieles, was wir schon lange wissen: Der Weg aller Volkswirtschaften von der Agrargesellschaft über die Industriegesellschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft fordert die Anpassungsfähigkeit der Arbeitskräfte und bringt unterschiedliche Tempi der Arbeitsproduktivität mit sich.

Nachdem in der Landwirtschaft große Potentiale für die Rationalisierung von Arbeit ausgeschöpft worden sind (wobei aber auch heute noch erhebliche Fortschritte dort möglich sind) und auch die Industrie große Produktivitätsfortschritte zu verzeichnen hatte, wandern immer mehr Menschen bei steigenden Realeinkommen in die Dienstleistungsbereiche ab, weil dort neue Arbeitsplätze entstehen, denn die reicher werdenden Menschen fragen mehr Dienstleistungen (Tourismus zum Beispiel, Gesundheit oder künstlerische Aktivitäten) nach als der Bauer der frühen Jahre. In den Dienstleistungsbereichen aber ist der Produktivitätsfortschritt weniger groß als in den anderen Bereichen. Das führt in der Regel dazu, dass der gesamte Produktivitätsfortschritt einer Wirtschaft sich verlangsamt, weil die ersten beiden Bereiche die Dienstleistungsbeschäftigten quasi mittragen müssen.

Das ist aber kein Problem, wenn alle politisch Verantwortlichen begreifen (was sie in der Regel nicht tun), dass dieser Strukturwandel nur gut funktioniert, wenn an dem Prinzip festgehalten wird, dass in allen Bereichen der gleiche Lohn für die gleiche Arbeit (gleich qualifizierte Arbeit) gezahlt werden muss. Flächentarifvertrag nannte man diese wichtige Institution einst in Deutschland, bevor Rot-Grün sie im neoliberalen Wahn zerstörte.

Bei den Dienstleistungen steigen dann die Preise stärker als in den Bereichen, wo Produktivitätsfortschritte zu erzielen sind, was für sich genommen den Strukturwandel wieder ein wenig hemmt. Wandern viele Beschäftigte in Bereiche wie die Finanzindustrie ab, wo sie viel verdienen, aber wenig leisten (wenig produktiv arbeiten), schmälert das die Einkommen der anderen, weil die Preise, die sie für Finanzdienstleistungen zahlen, sehr hoch sind – zumindest genau so lange, bis die anderen merken, dass sie von den Finanzdienstleistern über den Tisch gezogen werden.

So lange gesichert ist, dass alle Beschäftigten zusammen und in jedem Bereich Lohnerhöhungen erhalten, die in realer Rechnung dem Produktivitätsfortschritt der gesamten Volkswirtschaft entsprechen, gibt es kein Nachfrageproblem, denn alle Beschäftigten zusammen können genau die Güter kaufen, die sie selbst produziert haben. Wenn man jedoch mit Gewalt (mit ökonomischer Macht) verhindert, dass die Beschäftigten dies bekommen, hat die Volkswirtschaft das größte aller Probleme, nämlich kurz- bis mittelfristig nicht genug Nachfrage, um die Produkt abzusetzen, die man produziert hat – und langfristig endet sie in Deflation.

In einer vernünftig geführten Volkswirtschaft würde das niemals passieren, aber wir wissen, es gibt Unternehmer, die niemals begreifen werden, was eigentlich ihr Interesse ist und es gibt Politiker, die Merkantilismus für Wirtschaftspolitik halten und das schafft enorme Probleme, wie man an der deutschen Volkswirtschaft leicht erkennen kann. In ganz Europa ist genau dieses Phänomen derzeit das mit Abstand größte Problem: Die Löhne steigen zu wenig, um die Arbeitslosigkeit zu senken. Auch in den USA sind die Lohnerhöhungen derzeit zu gering, als dass es gelingen könnte, die Potenziale der Volkswirtschaft voll auszuschöpfen. Wer etwas ändern will, muss dafür sorgen, dass die Beschäftigten insgesamt und jeder einzelne vernünftige Lohnerhöhungen und vernünftige Löhne erhalten. Das ist das ceterum censeo von Makroskop.

An irgendeiner Stelle in dieser im Grunde einfachen Ableitung tritt bei Vontobel „Sättigung“ von außen seitwärts auf die Bühne – doch man weiß leider nicht, warum. Ich habe schon in meiner Kritik an Precht (hier) klargestellt, dass Sättigung bei allen und bei einzelnen Gruppen leicht zu erkennen wäre:

«Um diese These endgültig zu widerlegen, muss man allerdings nur kurz in die Statistik schauen. Denn wenn es so wäre, dass die Menschen immer mehr Einkommen erzielen (durch die höhere Produktivität), aber nicht wissen, was sie damit machen sollen, dann würden sie ja immer mehr von diesem Einkommen sparen. Die Sparquote stiege unablässig. Genau das tut sie nicht. Mir ist kein Land bekannt, wo sie in den letzten Jahrzehnten oder Jahren deutlich gestiegen wäre. Ganz im Gegenteil, in vielen Ländern, insbesondere in den reichsten, ist sie in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren gesunken.»

Daraus kann man mit menschlicher Logik nur folgern und das ist genau das, was die Verwendung der Einkommen empirisch zeigt, dass die Masse der Menschen alle Realeinkommenszuwächse, die sie bekommt, dazu verwendet, mehr und andere (bessere oder ökologisch wertvollere) Güter und Dienstleistungen zu kaufen – bei immer der gleichen oder einer sogar leicht sinkenden Sparquote.

Doch Vontobel meint offenbar etwas anderes, das er wie folgt beschreibt:

«Sättigung heisst in diesem Zusammenhang nicht, dass alle genug haben, dass gleichsam das Schlaraffenland ausgebrochen sei. Der Begriff meint vielmehr, dass wir mit einem normalen Arbeitspensum volkswirtschaftlich gesehen mehr produzieren können, als wir nötig brauchen.»

Das ist nicht leicht zu verstehen, denn die Zeit, in der wir nur so viel produziert haben wie wir „nötig brauchten“, ist in der Tat schon eine Weile vorbei, so etwa einhundert bis einhundertfünfzig Jahre. Mit dem vollkommen unbestimmten Wort „nötig“ kann man alles und nichts meinen und definitiv nichts beweisen. Brauchen die reichen Leute ein 150.000 € Auto „nötig“ oder nicht. Und wenn sie es nicht nötig brauchen, warum kaufen sie es doch? Braucht man einen zweiwöchigen Urlaub in einem Luxushotel für 20.000 € nötig oder nicht?

Wenn aber vermögende und gut verdienende Menschen solche Sachen kaufen, obwohl sie es nicht nötig brauchen, warum sollten wir genau das den weniger begüterten verweigern? Selbst bei einer Sparquote von 50 Prozent verbraucht ein Mensch, der 1 Million Euro im Jahr verdient, 500 000 Euro. Mit welchem Recht suggerieren wir denen, die 50 000 Euro verdienen, sie hätten bei Gesamtausgaben von 45 000 Euro schon alles und sollten sich auf keinen Fall mehr wünschen?

Worüber man reden kann und muss, das ist die Verteilung der Einkommen und der Vermögen. Wenn der angebotenen Arbeit, wie Vontobel meint, „keine hinreichende monetäre Nachfrage gegenübersteht“, gibt es das oben beschriebene Problem zu geringer Löhne. Das lässt sich unter den heutigen politischen und akademischen Verhältnissen nicht leicht lösen, weil zu viele an den primitiven neoklassischen Arbeitsmarkt glauben, statt zu verstehen, dass die Arbeiter immer die Einkommenszuwächse brauchen, mit denen man die zusätzliche Produktion kaufen kann. Dann gibt es allerdings immer noch (und wie schon in den vergangenen hundert Jahren) die Sparlücke in der Gesamtnachfrage, aber die muss man, wie wir hier oft gezeigt haben, via Geld- oder Finanzpolitik schließen.

Dieses Nachfrageproblem ist eindeutig ein intellektuelles Problem der Ökonomen und politisch ein Verteilungsproblem. Mit Sättigung hat das absolut nichts zu tun und es ist in meinen Augen politisch extrem problematisch, wenn man suggeriert, dass dieses Verteilungsproblem gar nichts mit Macht, sondern mit quasi unabwendbaren Entwicklungen wie einer Sättigung der Bedürfnisse zu tun hat.

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