EU | 01.08.2017

Strategie mit desaströsen Folgen

Da freie Märkte rational und effizient sind, steigt auch die Produktivität. Stimmt das?

Vor kurzem hat Fritz W. Scharpf hier auf Makroskop die Strategie der EU zur Forcierung der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten der EU und ihre desaströsen Folgen für den Euroraum vorgestellt. Es konnte in der Darstellung von Scharpf der Eindruck aufkommen, dass diese Strategie zwar üble Nebenfolgen hat, da sie die Stabilität der Eurozone gefährdet, jedoch an sich erfolgreich sein könnte.

Daran gibt es jedoch berechtigte Zweifel. Bei näherem Hinsehen drängt sich der Eindruck auf, dass eine solche Strategie die Steigerung der Arbeitsproduktivität ausbremst, damit den Wohlstand der Staaten insgesamt gefährdet und so ihre selbstgesetzten Ziele nicht erreichen kann.

Zentrales Element der Wettbewerbsstrategie sind sogenannte Strukturreformen, womit im wesentlichen Reformen des Arbeitsmarktes und des Sozialstaates gemeint sind. Das Ziel ist eine „Flexibilisierung“ der Arbeitsmärkte und eine Verschlankung der Sozialsysteme, um die Lohnstückkosten zu senken.

Hier auf Makroskop wurden die destabilisierenden Wirkungen einer solchen Strategie wiederholt dargestellt; insbesondere die Zerstörung der Nachfrage, welche damit einhergeht und in eine deflationäre Abwärtsspirale führt. Es gibt jedoch noch einen zweiten Aspekt, der den Wohlstand gefährdet: Das Wachstum der Arbeitsproduktivität wird blockiert.

Paradigmatisch wurde die neoliberale Wettbewerbsstrategie von Alberto Alesina im Aufsatz „The Welfare State and Competitiveness“ 1994 formuliert. [1] Alesina ist ein einflussreicher Ökonom in den USA, Professor in Harvard, der in eine Fülle von Aufsätzen die neoliberale Sache offensiv vertritt. [2] Er hat den Begriff „expansionary austerity“ geprägt, die einflussreich gewordene Vorstellung, dass Austerität expansiv sein könnte, da sie irgendwie das „Vertrauen“ wiederherstellt.

Alesina fasst seine Thesen in drei einfache Postulate, die jeder Politiker schnell auswendig lernen kann:

Postulat 1:

Eine Erhöhung der Umverteilung an die Rentner, die durch eine Erhöhung der Einkommenssteuer finanziert wird, führt zu:

  1. einer Erhöhung der Preise der Exportgüter, d.h. eine Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit;
  2. einer Erhöhung der relativen Preise der nicht handelbaren Güter , sofern die Elastizität der Substitution zwischen den Gütern ausreichend hoch ist (a> 2);
  3. eine Verringerung der Beschäftigung in beiden Sektoren.

Postulat 2:

Eine Zunahme der Umverteilung an die Arbeitslosen, unabhängig davon, wie sie finanziert wird, führt zu:

  1. einer Erhöhung der Preise der Exportgüter, d.h. eine Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit;
  2. einer Erhöhung der relativen Preises der nicht handelbaren Güter, sofern die Elastizität der Substitution zwischen den Gütern ausreichend hoch ist  (c> 2);
  3. eine Verringerung der Beschäftigung in beiden Sektoren.

Postulat 3:

  1. das Verhältnis zwischen der Wettbewerbsfähigkeit und dem Grad der Zentralisierung der Lohnfindung ist U-förmig: Wenn der Grad der Zentralisierung zunimmt, nimmt die Wettbewerbsfähigkeit zuerst ab und dann wieder zu.
  2. die Beziehung zwischen dem relativen Preis der nichthandelbaren Güter  und dem Grad der Zentralisierung der Lohnfindung ist ebenfalls U-förmig: Wenn der Grad der Zentralisierung zunimmt, nimmt die Wettbewerbsfähigkeit zuerst ab und steigt dann an.
  3. das Verhältnis zwischen der Arbeitslosigkeit und dem Grad der Zentralisierung der Lohnfindung ist buckelförmig: Wenn der Grad der Zentralisierung steigt, erhöht sich die Arbeitslosigkeit zuerst, dann sinkt sie wieder.

Der Hinweis auf die Buckelförmigkeit oder U-förmigkeit der Kurven ist eine Rücksichtnahme auf das Phänomen der erfolgreichen skandinavischen Sozialstaaten. Jedoch bleibt dies in der weiteren politischen Rezeption ohne Belang. Die Handlungsanweisung, die bleibt, ist so simpel, dass sie jeder Politiker und jeder Funktionär der Unternehmerverbände schnell beherrscht: Senkung des Rentenniveaus, Senkung des Arbeitslosengeldes, Entmachtung der Gewerkschaften und Verlagerung der Lohnfindung auf die Betriebsebene verbessert die Wettbewerbsfähigkeit und ist deshalb von nationalen Interesse.

Der Aufsatz operiert mit den typischen neoliberalen Voraussetzungen:

  • einem neoliberalen Arbeitsmarkt, wonach die Beschäftigung steigt, wenn die Lohne sinken. Was von einem solchen Arbeitsmarktmodell zu halten ist, wurde auf Makroskop ausgiebig diskutiert.
  • einem Zweiländer Austauschmodell ganz in der Tradition von David Ricardo, also ohne Währungen, Wechselkurse und Handelsüberschüsse bzw. Defiziten. Die Abstraktion von Währungsverhältnissen und Handelsdefiziten hat bei der Anwendung dieser Strategie durch die Schröder-Regierung die bekannten desaströsen Folgen für die Eurozone bewirkt.
  • Alesina verschwendet in seinem Aufsatz keinen Gedanken an die Entwicklung der Produktivität und ihre Bedeutung für Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand.

Die ganze Konstruktion wirkt sehr zielgerichtet, auf das gewünschte Resultat hin ausgerichtet. Friedrich Nietzsche würde von Zurechtmacherei reden. Ich werde mich im Folgenden auf die Folgen dieser Strategie für die Produktivität konzentrieren.

Welche Folgen haben Arbeitsmarktreformen für die Produktivität? Steigern sie die Produktivität? Der Neoliberale würde sagen „Na klar!“. Arbeitsmarktreformen nähern die Wirtschaft dem Ideal der allseitig freien Märkte an. Und da freie Märkte rational und effizient sind, steigt natürlich auch die Produktivität. Jedoch ist dies wirklich so?

An dieser Stelle rächt sich, dass die neoliberale Wirtschaftstheorie über keine eigentliche Theorie der Produktivität verfügt. Produktivität fällt irgendwie vom Himmel.

Alfred Kleinknecht [4], dessen Überlegungen dazu im Folgenden vorgestellt werden, verweist in seinen Aufsätzen gerne auf einen Gedanken von Joseph Schumpter zu freien Märkten und wirtschaftlichen Fortschritt:

Perfekte Konkurrenz bedeutet freien Eintritt in jede Branche. Es ist ganz richtig, innerhalb dieser allgemeinen Theorie, dass der freie Eintritt in alle Industrien eine Voraussetzung für eine optimale Allokation der Ressourcen und damit für die Maximierung der Produktion ist. Wenn unsere ökonomische Welt aus einer Reihe von etablierten Industrien bestünde, die vertraute Waren durch etablierte und wesentlich unveränderliche Methoden herstellten, und wenn nichts passierte, außer dass zusätzliche Arbeitskräfte und zusätzliche Ersparnisse kombiniert würden, um neue Firmen der bestehenden Art aufzustellen, dann würden Hindernisse, die ihren Eintritt in irgendeine Branche, der sie beitreten wollen, verhindern, Verluste für die Allgemeinheit bedeuten. Indessen kann ein absolut freier Zutritt zu einem neuen Gebiet es unmöglich machen, es überhaupt zu betreten. Die Einführung neuer Produktionsmethoden und neuer Rohstoffe ist von Anfang an kaum mit einer perfekten und – ganz sofortigen – Konkurrenz vorstellbar. Und das bedeutet, dass der Großteil dessen, was wir den wirtschaftlichen Fortschritt nennen, damit unvereinbar ist. Tatsächlich wird und wurde die perfekte Konkurrenz immer vorübergehend ausgesetzt, wenn irgend etwas Neues eingeführt wird – automatisch oder durch Maßnahmen, die zu diesem Zweck erarbeitet wurden – auch unter Bedingungen, die ansonsten dem vollkommenen Wettbewerb genügen. [3]

Nach Schumpeter gibt es einen Trade-off zwischen perfekten Märkten und technischem Fortschritt. Alfred Kleinknecht ist diesem Gedanken von Schumpeter nachgegangen und bietet in seinen Arbeiten sowohl empirische Evidenz, wie auch theoretische Überlegungen die den Gedanken untermauern.

In seinem Aufsatz „Schaden Strukturreformen des Arbeitsmarkts der Innovation?“ bietet Kleinknecht in drei Grafiken einen Vergleich zwischen den angelsächsischen und den kontinentaleuropäischen Ländern. [5]





In den angelsächsischen Ländern ist die Arbeitsproduktivität deutlich geringer gewachsen, als in Kontinentaleuropa. Dafür wurde dort bei geringerem Reallohn länger gearbeitet. Kleinknecht führt dies auf die unterschiedliche Arbeitsverfassung zurück und formuliert mögliche Transmissionsmechanismen:

  • Aus der neoklassischen Theorie zitiert Kleinknecht das Argument der Faktorsubstitution: Steigende Löhne fördern die Kapitalintensivierung bzw. die Adoption von arbeitssparender Technologie.
  • Ein zweites Argument kann als „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) gedeutet werden: Innovative Unternehmen verdienen Monopolgewinne durch Innovation und können damit leicht höhere Löhne bezahlen.

Steigende Löhne sind jedoch ein Problem für die technologischen Nachzügler. Lohnerhöhungen fördern damit den Selektionsprozess, worin die besseren Betriebe die Nachzügler wegkonkurrieren. Dieser Mechanismus ist umso ausgeprägter, je zentralisierter die Lohnverhandlungen stattfinden. Oder anders herum: Lohnzurückhaltung schützt Unternehmen mit geringerer Qualität.

  • Ein dritter Transmissionsmechanismus findet innerhalb der Betriebe statt. Kündigungsschutz und langfristige Arbeitsverhältnisse fördern den Informationsfluss innerhalb der Hierarchien, schaffen Vertrauen und vereinfachen so die Implementierung von Innovationen. Mitarbeiter machen bereitwilliger Vorschläge für Verbesserungen und kooperieren bei deren Umsetzung, wenn sie sicher sein können, dass ihr Job nicht durch die Umstrukturierungen in Gefahr gerät.
  • Die offeneren Märkte der angelsächsischen Länder begünstigen eine Startup-Kultur wie im Silicon Valley, behindern dagegen die stetige Weiterentwicklung der vorhandenen Industrien. In der Summe fällt der Ertrag an Produktivitätssteigerung geringer aus.

Betrachtet man die Kurve der Arbeitsproduktivität genauer, so fällt auf, dass sie zum Ende hin abflacht. Die liberalen Reformen in Europa beginnen zu wirken.

Kleinknecht fällt ein bitteres Urteil:

«Die angelsächsischen LME (Liberale Marktwirtschaften) haben ein weniger vom Fortschritt der Arbeitsproduktivität getragenes, aber dafür faktorintensiveres Wirtschaftswachstum: mehr neue Stellen, aber mit weniger Produktivitäts- und Lohnwachstum. Ironie der Geschichte: Dies erinnert an das faktorintensive Wirtschaftswachstum in den Planwirtschaften Osteuropas vor 1989.» (420)

Mit den liberalen Strukturreformen gleicht sich Europa den angelsächsischen Ökonomien an: working poor, klaffende Reichtumsunterschiede, stagnierende Löhne, ein insgesamt erodierender Wohlstand. Wie dies auf Dauer die Stellung Europas in der Welt bessern soll, ist schwer zu erkennen. Ich sehe in dieser Strategie eher einen Weg des Niederganges, eine Abwärtsspirale in die Armut der Länder. Denn die Quelle des Wohlstandes der Länder ist die Produktivität.

Fritz W. Scharpf beschreibt im ersten Teil seiner Serie „Die politische Ökonomie der erzwungenen Angleichung“ über die ökonomische Strategie der EU-Politik die ihr zugrundeliegende ökonomische Vision. Ziel sei es vor allem, in den südeuropäischen Ländern den Exportsektor auf Kosten der Binnenwirtschaft auszuweiten, um sie strukturell den nördlichen Staaten anzugleichen. Dies solle „dem visionären Ziel einer ökonomisch integrierten und global bestandsfesten Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion dienen“.

Die Überlegungen von Scharpf kranken an derselben Schwäche, wie ich sie oben bei Alberto Alesina beschrieben habe. Auch Scharpf verschwendet keinen Gedanken an die Arbeitsproduktivität als Quelle des Wohlstandes. Stattdessen ist die Rede von „exportorientiertem Wachstum“.

Wie aber soll aus dem Export „Wachstum“ entstehen, wenn dieser erkauft ist durch stagnierende Produktivität? Wie soll es Wohlstand geben, wenn die Löhne stagnieren? Und wieso sollte ein großer Exportsektor die EU irgendwie „global bestandsfest“ machen? Die Wirtschaft der EU wäre dann nur noch abhängiger von den Launen der globalen Konjunktur.

 


Anmerkungen und Literatur

[1] THE WELFARE STATE AND COMPETITIVENESS Alberto Alesina, Roberto Perotti National Bureau of Economic Research, WP No. 4810, July 1994

[2] Sein Aufsatz „Large changes in fiscal policy: taxes versus spending“, National Bureau of Economic Research, WP 15438, October 2009 (zusammen mit Silvia Arganda) war die Blaupause für das berühmt gewordene Excel-Papier von Kenneth S. Rogoff „Growth in a time of debt“. Alberto Alesina gehört unbedingt zu den wichtigen Architekten des Unheils.

[3] Joseph A. Schumpeter, CAPITALISM, SOCIALISM AND DEMOCRACY, S. 104, Übersetzung CS

[4] Alfred Kleinknecht ist emeritierter Professor für Ökonomie der TU Delft, war Gastprofessor an der Universität La Sapienza in Rom und an der Université Panthéon Sorbonne in Paris. Schwerpunkt seiner Arbeiten ist die Dynamik und die Voraussetzungen von Innovationen. Kernthese ist: Arbeitsmarktreformen schaden der Innovation. Auf seiner Homepage finden sich weitere Hinweise auf seine Arbeiten.

[5] Die Grafiken habe ich dem Aufsatz Alfred Kleinknechts, „Schaden Strukturreformen des Arbeitsmarkts der Innovation?“, Wirtschaft und Gesellschaft, 40. Jahrgang (2014), Heft 3, entnommen.

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