Finanzsystem | 12.09.2017 (editiert am 21.09.2017)

Die EZB enteignet die deutschen Sparer

Wer die EZB heftig kritisiert, sollte wenigstens einige zentrale volkswirtschaftliche Zusammenhänge kennen. Dass es kein Sparen ohne Schulden gibt, ist der wichtigste.

In Deutschland ist es üblich geworden, die EZB hart zu kritisieren. Anders als bei der Bundesbank, die fast ohne jede deutsche Kritik über Jahrzehnte eine verheerende Politik verfolgt hat, fühlt sich bei der mindestens ebenso autonomen EZB das gesamte politische Spektrum, die Mehrzahl der Medien und sogar die deutschen Banken berufen, schärfste Kritik zu üben. Selbst wenn die eigene intellektuelle Position extrem schwach ist.

Schauen wir uns beispielsweise eine „Rechnung“ der DZ-Bank an, die zeigen soll wie „teuer“ die Nullzinspolitik der Zentralbank für Deutschland ist (hier in der ZEIT zitiert, die wiederum die FAS, die FAZ am Sonntag zitiert). Die DZ-Bank hat laut ZEIT den Verlust an Zinseinnahmen für Deutschland berechnet und kommt zu folgendem Ergebnis:

„Laut den Berechnungen entgingen den Deutschen in den Jahren 2010 bis 2016 Zinseinnahmen in Höhe von 344 Milliarden Euro, schreibt die FAS. In diesem Jahr würden nach Schätzungen der DZ Bank noch einmal 92 Milliarden Euro hinzukommen. Die insgesamt 436 Milliarden Euro umgelegt auf die Deutschen machen im Durchschnitt 5.317 Euro je Bundesbürger.

Die EZB-Politik führte andererseits auch zu niedrigeren Zinsen für Kredite. Diese Kreditersparnis, die die Deutschen zu ihren Gunsten verbuchen können, beziffert die DZ Bank für die Jahre 2010 bis 2017 auf 188 Milliarden Euro. Unterm Strich bleibt damit immer noch eine Einbuße von 248 Milliarden Euro und damit im Schnitt 3.024 Euro je Bundesbürger.

„Deutschlands Sparer zahlen einen üppigen Teil der Rechnung für die lockere Geldpolitik der EZB“, sagte der Chefökonom der DZ Bank, Stefan Bielmeier, im Gespräch mit der FAS.“

Um zu verstehen, wie weit daneben die Volkswirte der DZ-Bank liegen, stellen wir uns einmal eine normale Volkswirtschaft vor. In der sparen die privaten Haushalte in einer Größenordnung von 150 Mrd. € jährlich und erwarten für diese Ersparnisse natürlich Zinsen. Wir (bzw. alle halbwegs klugen Menschen) wissen jedoch, dass dieser Ersparnis immer Schulden in gleicher Höher gegenüberstehen müssen. Diese Schulden machen in einer normalen Volkswirtschaft (auf Deutschland als vollkommen unnormale Volkswirtschaft kommen wir gleich) die Unternehmen und oder der Staat – nehmen wir an, beide gleich viel –, also jeweils 75 Milliarden pro Jahr. Nun betrage vor der EZB-Zinspolitik des leichten Geldes der Zins auf Spareinlagen 3% und der Zins für Kredite 6 % (nach der alten Regel des 3-6-3 Bankings!). Die Sparer bekommen also 4,5 Milliarden an Zinsen pro Jahr, der Staat und die Unternehmen zahlen 9 Milliarden, die Differenz wird von den Banken eingesackt.

Nun senkt die EZB die Zinsen drastisch und die Zinsen auf Spareinlagen sinken auf Null. Allerdings sinken auch die Sollzinsen auf drei Prozent. Offenbar „verlieren“ die Sparer ihre 4,5 Milliarden und die Unternehmen und der Staat „gewinnen“ 4,5 Milliarden, denn sie müssen jetzt nur noch die Hälfte bezahlen, die Banken erhalten weiterhin 4,5 Milliarden – weil sie so tolle Kreditgeber sind! Wie hat sich die Position der Volkswirtschaft insgesamt verändert? Offenbar überhaupt nicht. Denn was die einen (die Sparer) verlieren, gewinnen die anderen, die Schuldner nämlich. Folglich hat die EZB-Politik nichts mit der deutschen Belastung zu tun.

Aber in Deutschland, wenden hier die Verteidiger des deutschen Vaterlandes ein, da gibt es ja seit einigen Jahren gar keine Netto-Schuldner mehr. Alle Sektoren, die Haushalte, die Unternehmen und der Staat sind Nettosparer – und deswegen ist die Zinssenkung für Deutschland per Saldo eine Belastung.

Das stimmt. Wenn es in einem Land nur noch Netto-Sparer gibt, dann müssen die Schuldner in anderen Länder sitzen. Denn ohne Schulden gibt es nun mal kein Sparen. Wenn Deutschland die Entlastung der Schuldner bei sich zu Hause haben will, dann darf es keine Leistungsbilanzüberschüsse haben und muss eine normale Volkswirtschaft werden.

Doch wessen Schuld ist eigentlich die einseitige Verteilung von Sparern und Schuldnern in Europa? Die der EZB? Komischerweise ist doch Deutschland stolz darauf, dass es durch Druck auf die Löhne infolge der Agenda-Politik seine Wettbewerbsfähigkeit stark erhöht, die anderen in Europa abgehängt hat und heute der erfolgreichste Exporteur der Welt ist. Und empfiehlt Deutschland nicht den Partnern in der Eurozone genau das gleiche zu tun? Wenn aber alle Druck auf die Löhne ausüben, muss es früher oder später eine deflationäre Entwicklung geben, denn die Löhne (die Lohnstückkosten) sind die wichtigste Determinante der Preise.

Das aber ist genau das Problem, das die EZB auf den Plan ruft. Weil in Europa inzwischen alle Sektoren in allen Ländern versuchen, durch Lohndruck Netto-Sparer zu werden, gibt es einfach zu wenige Schuldner. Wenn jedoch alle Deutschlands Spar-Beispiel folgen, geht die Wirtschaft in Europa den Bach runter. Arbeitsplätze werden abgebaut, die Löhne steigen noch weniger oder fallen sogar und setzen die Preise noch mehr unter Druck.

Die EZB, die scheinbar so böse Institution, hat aber von uns allen den Auftrag bekommen, für ganz Europa dafür zu sorgen, dass die Preise steigen und nicht fallen. Folglich tut sie das, was alle Notenbanken der Welt in der Situation tun müssen: sie senkt die Zinsen und hält sie so lange niedrig bis es wieder genügend Schuldner gibt. Die EZB tut das, was man tun muss, wenn es zu viele Sparer und zu wenige Schuldner gibt. Ob das gerecht ist oder nicht, darüber kann man lange streiten. Sicher ist nur, es ist Marktwirtschaft! Wenn es von etwas zu viel gibt in einem Markt, dann sinkt der Preis!

Doch statt in sich zu gehen und über die eigenen Fehler nachzudenken, rauscht der deutsche Twitterwald, weil das Gespenst vom bösen Mario Draghi umgeht, der mit seiner Null-Zins-Politik die deutschen Sparer enteignet. Von der Linken Sahra Wagenknecht:

„Merkels ‪EZB-Freund ‪Draghi flutet weiter die Finanzmärkte, drückt so Zinsen von Konzernen & entwertet Sparkonten.“ (hier auf Twitter, hier zitiert von Leiter der FAS-Wirtschaftsredaktion)

bis hin zu Gabor Steingart, dem rechten Vordenker und Herausgeber des Handelsblatts:

„EZB-0,0- Zinspolitik: Für D[eutsch]land das größte Enteignungsprogramm seit der sowjetischen Industriedemontage und der SED-Zwangskollektivierung“ (hier)

reicht das Spektrum derer, die mit Gewalt nicht verstehen wollen, was in Europa seit Jahren passiert und welch unrühmliche Rolle Deutschland dabei spielt.

EZB – das E steht für Europa

Die EZB ist die Zentralbank für die 19 Euro-Staaten und nicht der Zinsgarant für den deutschen Sparer. Beendet sie den Ankauf von Staatsanleihen und erhöht sie den Leitzins des Euro, mag das für deutsche Sparer kurzfristig von Vorteil sein. Dem deutschen Sparer müssen aber zwingend solvente Schuldner gegenüberstehen, weil es sonst gar keine Ersparnis gibt. Steigen jedoch in Ländern wie Spanien oder Italien die Zinsen, wird das Aufnehmen von Schulden teurer und der zumeist zarte Aufschwung gerät in Gefahr.

Der spanische Aufschwung beispielsweise basiert zu einem großen Teil auf dem Tourismus. Ende August wurden dort schlagartig 300.000 Menschen arbeitslos, da ihre Zeitverträge ausliefen. Zwar fanden zum gleichen Zeitpunkt circa 250.000 Menschen einen Zeitvertrag im Baugewerbe und der Industrie (hier und hier), allerdings liegt die Jugendarbeitslosigkeit noch immer bei 38% (hier).

Italien steht derzeit noch immer schlechter da als vor der Finanzkrise, also vor 2008. Die Zahl der Arbeitslosen liegt mit 2,8 Millionen doppelt so hoch wie 2007. Auch in Italien leiden die Jungen und drohen zu einer verlorenen Generation zu werden. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 37%. „Das Durchschnittseinkommen der Italiener ist heute niedriger als 1995“. Der italienische Wirtschaftswissenschaftler, Michele Fratianni, vermutet, dass die Voraussetzungen für eine Verschärfung der anhaltenden Krise in Italien voraussichtlich zurückkehren würden, wenn die EZB die Nullzins-Politik beendet (hier).

Ist es im Interesse des deutschen Sparers, dass Italien und Spanien, immerhin sechst- und elfgrößter Abnehmer deutscher Produkte, insolvente Schuldner werden, weil sie zurück in die Krise schlittern?

Die Draghi-Kritiker tun so, als gäbe es ein Recht auf Zinsen in einer Welt, in der niemand mehr Schuldner sein will. Doch wo sollen die Zinsen für die Sparer herkommen, wenn weder der Staat noch die Unternehmen Schulden machen und die bei den Banken aufgenommenen Mittel investieren? Würden beispielsweise Bund und Länder die Schuldenbremse ad acta legen und ein großes Konjunkturprogramm auflegen, schüfen sie unmittelbar die Voraussetzungen dafür, dass der deutsche Sparer wieder Zinsen bekommt. Will man das nicht, muss man die deutschen Unternehmen dazu bewegen, ihre Sparkonten aufzulösen und sich per Saldo zu verschulden, um zu investieren. Wer das alles nicht tut und dennoch die Politik der EZB beklagt, dessen Kritik muss man einfach nicht ernst nehmen.

Am schlimmsten aber ist, dass Deutschland aus seinem Bewusstsein verdrängt, dass sein eigenes Verhalten die wichtigste Ursache für die deflationäre Tendenzen in Europa ist (wie wir zum Beispiel hier und hier gezeigt haben). Es sind heute die EZB und der IWF, die zu Recht höhere Lohnsteigerungen für Deutschland und höhere öffentliche Investitionen fordern, es sind nicht die deutschen Spitzenpolitiker. Und selbst die deutschen und die europäischen Gewerkschaften schweigen, wie gerade hier gezeigt, zu dieser entscheidenden Frage. Aus der gesamten großen Koalition kommt nichts, was dazu beitragen könnte, der EZB bei ihrer schier unlösbaren Aufgabe zu helfen.

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