Finanzsystem | 13.09.2017 (editiert am 21.09.2017)

Die Hüter der Gegenreform

Zentralbanken sollen keine Politik betreiben? Eine Illusion. Welche Folgen das Dogma ihrer „Unabhängigkeit“ haben kann, bewies schon die Deutsche Bundesbank.

Was sich am 1. März 1973, einem wolkigen und verschneiten Donnerstag, im Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank zutrug, sollte als ideologischer Kurswechsel mit großer Tragweite in die Zeitgeschichte eingehen.

Bis dato war die stabilitätspolitische Debatte in Frankfurt von den Problemen des Bretton-Woods-System beherrscht. Die Unterbewertung der Deutschen Mark, importierte Inflation und die erzwungene Geldschöpfung durch Devisenankäufe des US-Dollars im Zuge des Vietnamkrieges. Doch mit der Entscheidung, die die Ratsmitglieder, unter anderem die Herren Karl Klasen, Otmar Emminger und Helmut Schlesinger, am Donnerstag den 1. März fällten, änderte sich alles.

Rückblick. Zweimal waren es „unabhängige“ Notenbanken, die für große Wirtschaftskrisen mitverantwortlich waren. Erstens wurde die durch Reparationszahlungen provozierte große Inflation in Deutschland 1922/1923 von der seit dem Autonomiegesetz vom 26. Mai 1922 unabhängigen Reichsbank weiter verschärft. Zweitens war es die ähnliche autonome amerikanische FED, die noch nach dem berühmten „Schwarzen Donnerstag“ im Oktober 1929, als die New Yorker Aktienkurse in die Tiefe stürzten, der Wirtschaft die Kasse um mehr als 30 Prozent kürzte und damit die Talfahrt beschleunigte.

Ungeachtet dessen setzte sich in Deutschland die Auffassung durch, dass eine unabhängige Notenbank die beste Sicherheit vor Inflation biete. Vor dem Hintergrund dieses Narratives und mit dem Ziel der Schwächung des Zentralstaates etablierten die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg erneut das System einer unabhängigen Zentralbank. Und das, obwohl es noch zwischen 1951 und 1957 immerhin eine große Debatte über den Grad der staatlichen Kontrolle der Bank gegeben hatte. 1949 wies Leonhard Miksch darauf hin, dass sie wohl auch unter der Bevölkerung anfangs nicht sonderlich populär gewesen und demnach „nicht aus dem Willen des deutschen Volkes hervorgegangen“ sei.[1]

Das änderte nichts daran, dass der Streit mit der Verabschiedung des Bundesbankgesetzes von 1957 endete, welches dem Geldinstitut nicht nur seine Unabhängigkeit sicherte, sondern auch die Schaffung einer stabilen Währung als alleiniges Ziel aller Bankaktivitäten festlegte.

10 Jahre später sollte diese einseitige Fokussierung auf die Preisstabilität zumindest theoretisch mit dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967, der Magna Charta der Globalsteuerung, gelockert werden. Nun war die Bundesbank dazu verpflichtet, die Preisstabilität mit gesamtwirtschaftlichen Zielen, sprich Vollbeschäftigung, einem Außenhandelsgleichgewicht und Wirtschaftswachstum in Einklang zu bringen. Durch den erweiterten Auftrag, die allgemeine Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zu unterstützen, war sie gleichsam „in den Zauberkreis des ‚magischen Vierecks‘“ eingespannt.[2]

Doch seit 1973 war von den Währungshütern plötzlich laute Kritik an der konjunkturpolitischen Beschäftigungspolitik der sozialliberalen Koalition zu hören. Nachdem das Interesse an der Stabilisierung der Konjunktur und der Wahrung eines hohen Beschäftigungsstandes ein halbes Jahrzehnt großes Gewicht in Selbstverständnis und Praxis der Bundesbank gehabt hatte[3], wurde nun wieder allein auf die Währungsstabilität fokussiert.

Das Deutschland der Globalsteuerung Karl Schillers wurde mit einem Schlag zum Ort, an dem der Monetarismus seine ersten Triumphe feiern konnte. Die Bundesbank avancierte zum „Pionier der neuen monetaristischen Lehre“. Jahre, bevor dies in Großbritannien und den USA geschah, führte sie 1974 Zielvorgaben für das Wachstum der Geldmenge ein. Was war passiert?

Zeitenwende

Noch im Wahlkampf 1969 konnte sich die SPD mit ihrem Zugpferd Karl Schiller und den Instrumenten der nachfrageorientierten Globalsteuerung mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist schmücken. Die exzellenten Wirtschaftsdaten verleiteten 1970 auch den neuen Bundesbankpräsidenten Karl Klasen bei seinem Amtsantritt zu der Prognose, „daß es auch in den nächsten zehn Jahren keine wirkliche Inflation geben wird.“[4]

Doch schon vor der Ölpreiskrise war man in der stetig wachsenden Gemeinde der Monetaristen innerhalb Deutschlands und der Bundesbank der Auffassung, dass die von ihnen angestrebte Utopie der eigenständigen Geldmengensteuerung innerhalb des festen Währungsgefüges von Bretton Woods nicht möglich sei. So agitierten einige Kräfte innerhalb der Bundesbank, unter anderem Vizepräsident Otmar Emminger, bereits vor 1973 für flexible Wechselkurse.[5] Der Grund für diese Positionierung war insofern auch in Autonomiebestrebungen zu finden, als dass durch die erzwungene Geldschöpfung der Dollar-Ankäufe die Position der Bundesbank als geld- und währungspolitische Instanz ausgehöhlt zu werden drohte.[6]

Aufgrund der Unvereinbarkeit der festen Wechselkurse mit dem Ziel der Geldmengenkontrolle war der Monetarismus ein willkommenes Vehikel zum Ausstieg aus dem ungeliebten Festkurssystem. Schnell erkannten die Notenbanker, dass sich das Geldmengenziel als finanzmarkttechnische Regel und „Schutzschildfunktion“ instrumentalisieren ließ, die zur Abschirmung vor „direkten Endzielwünschen vonseiten der Wirtschaftspolitik“ diente.[7]

Dies gelang umso mehr, als dass den Sozialdemokraten seit der Ölpreiskrise und ihrer Folgeprobleme wie Konjunkturrückgang, Inflation, Neuverschuldung und Arbeitslosigkeit auch in der Öffentlichkeit der Wind ins Gesicht blies. Schon am 2. Februar 1973, einige Monate vor der Ölpreiskrise, bat das Direktorium der Bundesbank die Regierung, von der Interventionspflicht der Dollaraufkäufe befreit zu werden.

Mittlerweile versuchten auch sämtliche wirtschaftswissenschaftlichen Institute Helmut Schmidt als Finanzminister zu bewegen, den Dollarkurs der deutschen Währung nicht mehr länger zu stützen und stattdessen den Wechselkurs der Mark freizugeben. Noch lehnte Schmidt – im Gegensatz zu seinem Vorgänger Schiller – entschieden ab. Als dann die Deutsche Bundesbank am 1. März 1973 1,7 Milliarden US-Dollar aufnehmen musste, weil die amerikanische Währung erneut unter den Interventionspunkt gesunken war, kam es in der Sitzung des Zentralbankrats zum Showdown. Bundesbank-Vizepräsident Emminger hatte die krankheitsbedingte Abwesenheit Schmidts und Klasens genutzt, um die Mehrheit des Zentralbankrats, der sich zuvor unter dem Einfluss des Bundesbankpräsidenten noch erfolgreich gegen flexible Wechselkurse wandte, umzustimmen.

Nun schaffte es Emminger auch mit Hilfe des Wirtschaftsministers Hans Friderichs, Bundeskanzler Willy Brandt zum Einlenken zu bewegen. Einen Tag später, am 2. März 1973, durften die Dollar-Ankäufe eingestellt werden. Nachdem bereits zwei Jahre zuvor MPS-Ökonomen und vor allen Milton Friedman als enge Berater in der Nixon-Administration den US-Präsidenten zur Aufgabe des Goldstandards bewegen konnten[8], war das Ende von Bretton Woods mit dem Ausstieg Deutschlands aus dem System fester Wechselkurse endgültig besiegelt. Als am 19. März 1973 das Floaten der D-Mark und der meisten anderen Währungen gegenüber dem Dollar begann, wurde es offiziell außer Kraft gesetzt.

Jetzt hatte die Bundesbank freien Spielraum. Sie musste nicht mehr den Wechselkurs der D-Mark zum Dollar verteidigen, sondern konnte sich ganz der Bekämpfung der durch die Nachfrageexpansion der USA ausgelösten Inflation[9] widmen. Damit war auch die politische Macht der Notenbankiers wieder nahezu unbeschränkt. Der Grundstein für die Übernahme einer geldpolitischen Führungsrolle in Europa war gelegt.

Ein letzter Interventionsversuch

Das letzte Hindernis für eine strategische Wende betraf nun nur noch die Frage der konjunkturpolitischen Ausrichtung der Geldpolitik. Ein letztes Mal sollte damit ein grundlegender Streit um die Rolle der Bundesbank in Deutschland aufflammen. Schmidt versuchte, dem Autonomiezuwachs der Bundesbank im August / September 1973 mit einem Gesetzesentwurf zur Änderung des Bundesbank-Gesetzes zu begegnen. Der Entwurf beinhaltete neue Instrumente zur besseren Geld- und Kreditregulierung. Die neuen Steuerungsmittel zur verstärkten Konjunkturbeeinflussung sollten in gemeinsamer Kompetenz mit dem Finanzministerium betrieben werden.[10]

Nicht ohne Grund bedeutete dies ganz konkret, dass die Notenbanker in Frankfurt erstmals einen Teil ihrer kreditpolitischen Beschlüsse in Bonn hätten absegnen lassen müssen. Denn Schmidt erkannte die Unabhängigkeit der Bundesbank durchaus als Problem. Bereits einige Monate vor der Veröffentlichung des Entwurfes soll er sich laut Spiegel intern dazu geäußert haben:

„Auf keinen Fall wird die Bundesbank, die politisch keinem verantwortlich ist, mehr Kompetenzen erhalten.“[11]

Hintergrund war die prophetische Befürchtung Schmidts, dass die Bundesbankiers die Wirtschaft durch drastische Geldverknappung zum falschen Zeitpunkt in eine tiefe Rezession führen könnten. Diese Befürchtung war insofern nicht aus der Luft gegriffen, als dass dieses Szenario bereits 1966/1967 von der Bundesbank vorexerziert wurde und auch im Herbst 1973 wieder eintreten sollte. Schon 1967 wurde von dem SPD-Bundestagsabgeordneten Herbert Ehrenberg deutlich auf die nicht nur hinsichtlich der demokratischen Legitimation problematischen Rolle des Frankfurter Instituts hingewiesen:

„Begreift man bei der Deutschen Bundesbank nicht, dass es die Pflicht dieser Institution ist, die allgemeine Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zu unterstützen, dann muss im Parlament die Position der Notenbank neu diskutiert werden.“[12]

Ehrenberg forderte, dem Parlament bei Streitigkeiten über die kreditpolitische Linie zwischen Bonn und Frankfurt ein Schlichtungsverfahren einzuräumen.

Der Mythos vom neutralen Experten

Mitten in der konjunkturpolitisch bedingten Kontroverse über die Rolle der Bundesbank wies Rolf Knieper 1975 auf die „Flecken“ der sauberen „Vorstellung vom interessenunabhängigen, neutralen Experten“ hin. Der Rechtswissenschaftler sah eine vorrangige „Einflussnahme über Beratung“ durch das „private Kreditgewerbe, also die wesentliche Klientel der Bundesbank“. Auch die „Einführung der sachlichen Autonomie selbst“ belege, „daß nicht die Un-Beeinflußbarkeit des sachverständigen Zentralbankangestellten beabsichtigt war, sondern dessen fortgesetzte Beeinflußbarkeit durch das private Kapital angesichts politisch prekärer Situationen“.[13]

In dieser Hinsicht, so Knieper weiter, setze die Autonomie der Deutschen Bundesbank die Tradition der Reichsbank fort, „die 1922 auf Betreiben der Siegermächte eingerichtet worden war, um Reparationszahlungen sicherzustellen und um sozialdemokratische Einflüsse auszuschalten.“[14] Während dementsprechend „konservative“ Wirtschaftspolitik stets mit der obligatorischen Unterstützung der Deutschen Bundesbank rechnen könne, „vermag diese sich einer Vollbeschäftigungspolitik mit Hinweis auf den gesetzlichen Auftrag zu entziehen und sie mit entgegengesetzt wirkender Geldpolitik zu konterkarieren.“[15]

Solche Stimmen blieben die Minderheit. Ungeachtet derer gewann die Bundesbank in den Auseinandersetzungen mit der Bundesregierung vor allem deshalb an Ansehen, „weil die Regierungsvorwürfe als politisch inszeniert und kurzatmig empfunden wurden“, während die Bank der Kritik zum trotz „als eher neutrale Instanz“ im Dienste der Interessen des Ganzen wahrgenommen wurde.[17] Um in der öffentlichen Meinung Unterstützung finden zu können, instrumentalisierte die Bundesbank ab 1973 auf geschickte Weise das „Schreckgespenst der Inflation“. So war es möglich, die Meinung, dass die Geldwertstabilität oberste Priorität hätte, gegenüber wachstums- und beschäftigungspolitischen Einwänden durchzusetzen.[16]

Wie nicht anders zu erwarten, stieß der Entwurf des Bundesbankgesetzes dann auch umgehend auf Widerstand. Nicht nur die Bankenverbände und die Bundesbank selber, sondern ebenso der Koalitionspartner in Personifizierung des Wirtschaftsministers Hans Friderichs hielten den Entwurf für ein dirigistisches Instrument wider den freien Markt. Letzterer kündigte umgehend an, dass „mit dem Widerstand der FDP und des Wirtschaftsministeriums [zu] rechnen [sei].“[18] Ganz grundsätzlich war Friderichs der Meinung, dass man „die Autonomie der Notenbank nicht antasten“ dürfe.

Da sich das Bundesbank-Gesetz nicht realisieren ließ, ohne einen Koalitionsstreit zu riskieren,[19] befürwortete bald auch Schmidt mangels Alternativen eine Geldmengenpolitik. Laut Otmar Emminger soll es schließlich die Fürsprache Schmidts gewesen sein – mittlerweile Bundeskanzler –, die dem Vorschlag bezüglich des vorangekündigten Geldmengenziels im Zentralbankrat voran geholfen hatte.

Hier konnte sich die Bundesbank auch auf das Jahresgutachten 1974 des Sachverständigenrats berufen, in dem dieser den Übergang von der Steuerung der Bankenliquidität zur Steuerung der Zentralbankgeldmenge vorschlug. Damit hatte die „strikt auf Objektivierung der Geldversorgung verpflichtete Notenbankpolitik (…) nun ordnungspolitischen Rang.“[20]

Ihre Unabhängigkeit sollte nun zu einem weitreichenden Problem für die keynesianische Konjunkturpolitik werden. Die Ausrichtung an einer Geldwertsicherung war mit der noch von Brandt gegebenen Vollbeschäftigungsgarantie unvereinbar. Aus diesem Grund waren zwar Befürchtungen ob der politischen Unvermittelbarkeit einer als Begleiterscheinung auftretenden Arbeitslosigkeit noch unter Klasen vorhanden. Für ihn, SPD-Mitglied und in einem engen Verhältnis zu Helmut Schmidt stehend, hatten anfangs noch im Geiste des Bundesbankgesetzes von 1967 Wachstum und Preisstabilität immerhin gleiches Gewicht.

Der geldpolitische Putsch

Die Bedenken wurden jedoch ab 1973/1974 mit einer scharfen Restriktionspolitik und einem damit verbundenen Regimewechsel beiseite geschoben: Weder wollte und konnte die Bundesregierung nunmehr eine stabilitätspolitische Verantwortung für den Geldwert übernehmen, noch fühlte sich die Bundesbank weiter für die allgemeine gesamtwirtschaftliche Stabilität zuständig. Die Geldpolitik war nicht mehr länger für die Beschäftigung verantwortlich.

Eine nachfrageorientierte Beschäftigungspolitik konnte unter diesen Voraussetzungen de facto nicht mehr reibungslos umgesetzt werden. Im Gegenteil, mit der Trennung der wirtschaftspolitischen Instrumente Fiskal- und Geldpolitik war das Beschäftigungsproblem an den Markt zurückverwiesen, sprich privatisiert worden.[21]

Die ab 1974 fabrizierte monetaristische Geld- und Zinspolitik wurde bald darauf von einer massiven Agitation gegen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung begleitet.[22] Kritik wie die des DGB-Vorsitzenden Heinz-Oskar Vetter, welcher der Bundesbank mit ihrer „hartnäckigen Stabilitätspolitik“ die Schuld an der hohen Arbeitslosigkeit nach der ersten Ölpreiskrise gab,[23] war nun offenbar leicht wegzustecken. So erwiderte der Bundesbank-Direktor Helmut Schlesinger gegenüber Vetter:

„Nicht die Restriktionspolitik hat in Wirklichkeit den Aufschwung 1973 zum Stehen gebracht und zur Rezession geführt, sondern die importierten und hausgemachten Kostensteigerungen.“[24]

Auch für Klasen war mittlerweile längst klar, dass „Vollbeschäftigung (…) dauerhaft nur durch Stabilitätspolitik zurückgewonnen werden [könne], nicht aber durch mehr Inflation“[25], dies zudem „nicht ohne Opfer“[26] ginge. Unterstützung für ihren monetaristischen Kurs erhielt die Bundesbank nun gleichfalls vom IfW. Dessen Leiter der Forschungsgruppe Konjunktur, Norbert Walter, schrieb im Januar 1976 in der Wirtschaftswoche, dass die „wichtigste Voraussetzung für eine stete Aufwärtsbewegung der deutschen Volkswirtschaft (…) die Einhaltung des potentialorientierten Kurses der Geldpolitik“ sei.[27]

Die Hochzinspolitik der Bundesbank während der ersten Ölpreiskrise mit ihren stark steigenden „Personalkosten, Preise und Zinsen engten zwangsläufig den Spielraum und die Akzeptanz für eine Fiskalpolitik des ‚deficit-spending‘ immer mehr ein.“[28]

Das Spiel wiederholte sich mit der zweiten Ölpreiskrise. Während 1973 auch die Gewerkschaften den Inflationsdruck von außen durch ihre Lohnpolitik zusätzlich verschärften und damit zur Rezession beitrugen, agierten sie 1979/1980 immerhin zurückhaltend. Die Bundesbank dagegen scherte erneut aus dem koordinierten Aktionsprogramm der Regierung aus. Anstatt eine gewisse Inflation zuzulassen, schaltete sie auf eine extreme Geldverknappung um, die der Bonner Regierung das gleiche Schicksal wie der Regierung Carter in den USA durch die FED bescherte.

Die destruktive Rolle der Notenbank für eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik wurde einige Jahre später in einer Studie von Fritz Scharpf bestätigt.[29] Die Fokussierung auf die Preisstabilität war eine wesentliche Mitursache für die tiefen Beschäftigungseinbrüche um 1975, 1982 und auch 1993,[30] die jeweils mit einer vorangegangenen Erhöhung der kurzfristigen Zinsen von 3,7 auf 12,2 Prozent 1980, dann im Vorfeld von 1992 mit einer Diskontsatzerhöhung von 2,9 auf 8,75 Prozent unmittelbar zusammenhingen.

Die spätestens mit dem Volcker-Schock durch die Notenbanken international erzwungene Zurückhaltung der jeweiligen nationalen Finanzpolitik, die vergleichsweise sehr hohen Zinsen in den 1990er-Jahren, der bald darauf institutionalisierte europäische Stabilitätspakt und ein starker Euro schienen als Wirtschaftspolitik nur noch „Strukturreformen“ mit dem Ziel zuzulassen, den Wohlfahrtsstaat zu schleifen und die Staatsverschuldung abzubauen. Das zumindest ist der Befund des französischen Ökonomen Jean-Paul Fitoussi.[31]

Mindestens genauso bedeutend für die Einschränkung der Spielräume nationaler Wirtschaftspolitik waren floatende Wechselkurse „als zentrale Voraussetzung für den rapiden Abbau fast aller Kapitalverkehrskontrollen und damit die Explosion der internationalen Finanzmärkte“.[32] Die Bundesbank, für beide Entwicklungen unmittelbar mitverantwortlich, war dabei ein wesentlicher „Hebel der Gegenreform“.[33]

Ungeachtet dessen wird die Unabhängigkeit der Bundesbank nahezu unisono als Erfolgsgeschichte dargestellt. Nichts könnte deutlicher auf die ungeheure Deutungsmacht politischer und ökonomischer Eliten aus ihrem Umfeld hinweisen.

Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Der Anbruch des Neoliberalismus. Westdeutschlands wirtschaftspolitischer Wandel in den 1970er-Jahren“ (siehe linke Seite).


Hinweise

[1]       Miksch, Leonhard: Die künftige Bundes-Bank, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen 2/1949, S. 517, zitiert aus: Spahn, Heinz-Dieter: Wie der Monetarismus nach Deutschland kam. Zum Paradigmenwechsel der Geldpolitik in den frühen 1970er Jahren, in: Hohenheimer Diskussionsbeiträge Nr. 258/2005, S. 29.

[2]      Eyern, Gert: Grundriß der Politischen Wirtschaftslehre, Wiesbaden 1968, S. 216.

[3]      Vgl. Spahn, Heinz-Peter: Wie der Monetarismus nach Deutschland kam. Zum Paradigmenwechsel der Geldpolitik in den frühen 1970er Jahren, in: Hohenheimer Diskussionsbeiträge Nr. 258/2005, S. 29.

[4]       Der Spiegel, Nr. 3/1970, S. 29.

[5]      In den 1960er-Jahren vertrat die Bundesbank diesbezüglich noch klar die Position der Bundesregierung, die sich in einer Auseinandersetzung mit dem Sachverständigenrat gegen flexible Wechselkurse wandte. Vgl. Eyern, Gert: Grundriß der Politischen Wirtschaftslehre, Wiesbaden 1968, S. 217.

[6]      Siehe Spahn, Heinz-Dieter: Wie der Monetarismus nach Deutschland kam. Zum Paradigmenwechsel der Geldpolitik in den frühen 1970er Jahren, in: Hohenheimer Diskussionsbeiträge Nr. 258/2005, S. 28.

[7]       Spahn, Heinz-Dieter: Wie der Monetarismus nach Deutschland kam. Zum Paradigmenwechsel der Geldpolitik in den frühen 1970er-Jahren, in: Hohenheimer Diskussionsbeiträge Nr. 258/2005, S. 29.

[8]      Vgl. auch Schmelzer: „1968 wurde Friedman mit Hilfe von MPS-Mitglied Arthur Burns in Nixons Advisory Group on the Economy engagiert (zusammen u. a. mit MPS-Mitglied Paul McCracken und dem späteren Notenbankchef Alan Greenspan). Einer der wichtigsten Erfolge von Friedmans Aktivitäten als Berater Nixons war, diesen mit seinem Chicagoer Kollegen und überzeugten Verfechter floatender Wechselkurse George Shultz bekannt zu machen, der in der Nixon-Regierung diverse Schlüsselpositionen inne hatte und als Finanzminister (1972-1974) eine äußerst wichtige Rolle bei der Durchsetzung freier Wechselkurse spielte.“ Schmelzer, Matthias: Freiheit für Wechselkurse und Kapital. Die Ursprünge neoliberaler Währungspolitik und die Mont Pèlerin Society, Marburg 2010, S. 183.

[9]      Balogh wies darauf hin, dass es vor allem „der vorsätzliche Missbrauch als Leit- und Interventionswährung des internationalen Währungssystems“ war, der den Wert des Dollars sinken ließ. „Es war die Folge eines militärischen und unternehmerischen Größenwahns.“ Balogh, Thomas: Internationale Wirtschaftsbeziehungen – Theorie und Wirklichkeit, Frankfurt 1975, S. 68f.

Der Drang der Bundesbank, aus Bretton Woods auszusteigen, beruhte auf der Kernthese, dass sich ein Land durch flexible Wechselkurse von den globalen währungspolitischen Entwicklungen isolieren und eine gewisse geldpolitische Autonomie erreichen könne. Dieser Glaube wurde relativ bald durch die reale Entwicklung widerlegt: Seit den 1970er Jahren entstanden neue und stärkere Formen internationalen Zwangs, welche die weltweite Durchsetzung monetaristischer, anti-inflationärer Geldpolitik bewirkten. Vgl. Schmelzer, Matthias: Freiheit für Wechselkurse und Kapital. Die Ursprünge neoliberaler Währungspolitik und die Mont Pèlerin Society, Marburg 2010, S. 206.

[10]    Vgl. Spahn, Heinz-Dieter: Wie der Monetarismus nach Deutschland kam. Zum Paradigmenwechsel der Geldpolitik in den frühen 1970er Jahren, in: Hohenheimer Diskussionsbeiträge Nr. 258/2005, S. 29.; Der Spiegel, Nr. 34/1973, S. 21.

[11]     Der Spiegel, Nr. 34/1973, S. 21.

[12]    Ehrenberg, Herbert: Eine neue Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 18/1967, S. 102.

[13]     Knieper, Rolf: Korrekturen an der Autonomie der Deutschen Bundesbank, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 26/1975, H. 12, S. 793.

[14]     Ebd., S. 793f.

[15]     Ebd., S. 792.

[16]      Auch Spahn verweist vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte auf die These, „daß sich die Reputation der Bundesbank vor allem dem Umstand verdankt, daß sie sich auch dann nicht vor einer ‚Politik der Währungssicherung‘ gescheut hat, wenn dies politisch inopportun erschien oder sogar ein direkter Widerstand seitens der Regierung spürbar war. Den nationalen und internationalen Geldvermögensbesitzern sollte demonstriert werden, daß die Sicherheit ihrer DM-Anlagen im Konfliktfall Priorität vor beschäftigungspolitischen Zielen hatte.“ Siehe Spahn, Heinz-Peter: Die Krise des EWS und die brüchigen Grundlagen der Leitwährungsordnung, in: Diskussionsbeiträge aus dem Institut für Volkswirtschaftslehre, Universität Hohenheim, Stuttgart 1994.

[17]     Schröter, Harm G.: Von der Teilung zur Wiedervereinigung 1945–2004, in: North, Michael (Hg.): Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Ein Jahrtausend im Überblick, München 2000, S. 387.

[18]     Der Spiegel, Nr. 34/1973, S.21.

[19]     Schmidts Ministerialdirektor Dieter Hiß: „Das ist doch kein Anlaß für Religionskriege.“ Vgl. Der Spiegel Nr. 34/1973, S. 20, 21.

[20]     Sievert, Olaf: Vom Keynesianismus zur Angebotspolitik, in: Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hg.): Vierzig Jahre Sachverständigenrat 1963–2003, Wiesbaden 2003, S. 36: Sievert weist in gleicher Stelle darauf hin, dass es laut Otmar Emminger die „Fürsprache von Bundeskanzler Helmut Schmidt [gewesen sei] – man kann ihn sonst ja nicht zu den Fans des Sachverständigenrates zählen –, die dem Vorschlag bezüglich des vorangekündigten Geldmengenziels im Zentralbankrat vorangeholfen hat.“

[21]     Vgl. Spahn, Heinz-Peter: Wie der Monetarismus nach Deutschland kam. Zum Paradigmenwechsel der Geldpolitik in den frühen 1970er Jahren, in: Hohenheimer Diskussionsbeiträge Nr. 258/2005, S. 30.

[22]    So die Erinnerungen Albrecht Müllers: „Sie war massiv, und ihre Massivität ist nicht verständlich, wenn man das Motiv, die Erzeugung einer Reservearmee von Arbeitslosen, nicht beachtet.“ Quelle: URL: http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=9287, zuletzt aufgerufen am 2. 2. 16.

[23]    Der Spiegel, Nr. 31/1975, S. 22. Dazu auch Ronald Schettkat, Professor für Wirtschaftspolitik, der den Standpunkt Vetters stützt: „Das war das erste Mal, wo die Bundesbank richtig Politik machen konnte. Und das hat sie trefflich genutzt. Sie hat sofort eine geringere Inflationsrate angepeilt, Deflationspolitik betrieben und da war sie auch Champion in Europa, aber zu sehr hohen Kosten für die Bundesrepublik, mit sehr hoher Folgearbeitslosigkeit; und wir haben Analysen durchgeführt, die zeigen, dass die Sprünge der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik und dem Rest Europas – die Bundesbank war ja die europäische Zentralbank –, dass die sehr gut mit restriktiver Geldpolitik zu erklären sind.“ (Im Interview mit Weinert, Klaus Peter: Das überschätzte Projekt. Wie der Neoliberalismus sich und die Welt veränderte, in: Deutschlandradio Kultur, 19. 10. 2011, in URL: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitreisen/1582272/)

[24]    Wirtschaftswoche, Nr. 24/30, 11. 6. 1976, S. 18, zitiert aus: Bökenkamp, Gérard: Das Ende des Wirtschaftswunders: Geschichte der Sozial- und Finanzpolitik in der Bundesrepublik 1969–1998, Stuttgart 2010, S. 82.

[25]    Vortrag in Frankfurt, 21. Januar 1975. Quelle: Deutsche Bundesbank: Zitate von Dr. Karl Klasen, in URL: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Bundesbank/Aufgaben_und_Organisation/50_Jahre_BBK/zitate_von_karl_klasen.pdf?__blob=publicationFile

[26]    Handelsblatt, 30. Dezember 1975. Quelle: Deutsche Bundesbank: Zitate von Dr. Karl Klasen, in URL: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Bundesbank/Aufgaben_und_Organisation/50_Jahre_BBK/zitate_von_karl_klasen.pdf?__blob=publicationFile

[27]    Wirtschaftswoche, Nr. 1/30, 2. 1. 1976, S. 20 f., zitiert aus: Bökenkamp, Gérard: Das Ende des Wirtschaftswunders: Geschichte der Sozial- und Finanzpolitik in der Bundesrepublik 1969–1998, Stuttgart 2010, S. 81.

[28]     Klauder, Wolfgang: Mit Nachfragepolitik gegen Konjunkturflaute und drohende Weltwirtschaftskrise?, in: Wirtschaftsdienst 81/2001, S. 567.

[29]     In einer empirischen Vergleichsstudie hat Fritz Scharpf im Jahr 1982 die Ursachen der unterschiedlichen Performanz von Schweden, Österreich, Großbritannien und der Bundesrepublik untersucht, die alle eine ähnliche Wirtschaftspolitik verfolgt hatten. Scharpf sieht die entscheidende Differenz im jeweiligen institutionellen Umfeld der einzelnen Volkswirtschaften. So habe in der Bundesrepublik die unabhängige Stellung der Bundesbank zu einem Konflikt zwischen Beschäftigungspolitik und Inflationsbekämpfung geführt. Dies habe im Endergebnis die Wachstumsrate heruntergedrückt und anhaltende Arbeitslosigkeit produziert, so seine Schlussfolgerung. Siehe Scharpf, Fritz W.: Sozialdemokratische Krisenpolitik in Europa, Frankfurt am Main 1987.

[30]    Vgl. Klauder, Wolfgang: Mit Nachfragepolitik gegen Konjunkturflaute und drohende Weltwirtschaftskrise?, in: Wirtschaftsdienst 81/2001, S. 567.

[31]    Fitoussi, Jean-Paul: Macroeconomic policies and institutions, in: Documents de Travail de l’OFCE, Observatoire Francais des Conjonctures Economiques (OFCE) 6/2006.

[32]    Schmelzer, Matthias: Freiheit für Wechselkurse und Kapital. Die Ursprünge neoliberaler Währungspolitik und die Mont Pèlerin Society, Marburg 2010, S. 206.

[33]    Huffschmid, 2001, 106-132, bezieht sich hier auf die Explosion der Finanzmärkte im Zuge des Abbaus der Kapitalverkehrskontrollen, zitiert aus Schmelzer, S. 206.

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