Weltwirtschaft | 12.09.2017 (editiert am 15.09.2017)

Globalisierung, Finanzmärkte und Lohnentwicklung – 1

Ich möchte dieses „Sommerloch trotz Wahlkampf“-Phase nutzen, um über Entwicklungen zu schreiben, die uns deutlich mehr interessieren sollten als die Frage, wie häufig Frau Merkel eine Kirche besucht oder wie viele Nachbarn Herr Schulz in Würselen kennt.

Die alte Form des Kapitalismus

Auf Makroskop wird regelmäßig darauf hingewiesen, dass sich der Kapitalismus seit den 1980ern stark verändert hat. Mit den Ölpreiskrisen und dem Ende des Wechselkurssystems „Bretton Woods“ endete eine Phase von 2-3 Jahrzehnten, in denen man den Kapitalismus zumindest in Teilen gebändigt glaubte. Die schlechten Erfahrungen aus dem „Laissez-Faire“ Denken der 1920er Jahre, welches am 24. Oktober 1929 zum bis dahin größten globalen Finanzcrash geführt hatte, prägten junge Ökonomen und Politiker jener Zeit.

Die aus dem Crash resultierende Massenarbeitslosigkeit versuchten die meisten Länder durch eine Deflationspolitik zu bekämpfen. Wechselkursabwertungen sollten die eigenen Produkte für das Ausland so preiswert machen, dass man über die Handelsbilanzüberschüsse die notwendige Nachfragelücke ausgleicht, die durch die Arbeitslosigkeit entstanden war. Die Analogie zur heutigen Politik ist kaum zu übersehen: Die Abwertungen des Wechselkurses von damals sind die relativen Lohnsenkungen von heute. Außenwirtschaftlich macht dies keinen Unterschied, da es dem ausländischen Käufer egal ist, ob er weniger für ein Produkt zahlt, weil der Lohn oder der Wechselkurs gesunken ist.

Dass diese Politik nicht funktionieren kann, weil nicht alle gleichzeitig günstiger werden können, ist offensichtlich. Das Ergebnis der Deflationspolitik war daher auch eine Verlängerung der Krise. Dazu kam – wieder vergleichbar mit der heutigen Politik – eine globale Austeritätspolitik, die insbesondere in Deutschland fatale Folgen hatte: Der enorme Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Weimarer Republik trug dazu bei, die Massen von einem politischen Wechsel zu überzeugen und spielte den Nazis in die Hände. Die Erhöhung der Staatsausgaben nach deren Machergreifung leitete zudem eine wirtschaftliche Erholung ein, welche die Arbeitslosigkeit von über 25 % in wenigen Jahren auf knapp 2 % Prozent drückte. Richard Koo drückt es so aus:

„Nothing is worse than a dictator with a bad agenda having correct economic policy.“ (Koo (2014), S. 263)

Auch hier sind die Parallelen zur heutigen Zeit leider offensichtlich.[i]

Die goldenen Jahrzehnte

Die Zeit nach dem Finanzmarktcrash war, wie eingangs erwähnt, eine Phase der Zähmung des Kapitalismus. Roosevelt begann bereits 1933 in den USA mit Reformen, welche die Strukturen für eine Vollbeschäftigungspolitik schafften. John Maynard Keynes lieferte 1936 mit seiner „General Theory“ die theoretische Fundierung für diese Politik nach. Die Keynesianisch-Rooseveltsche Synthese, wie Hyman Minsky (1981) sie nennt, war ein von staatlichen Interventionen begleiteter Kapitalismus. Ein „Big Government“ war stark genug, um zyklische Schwankungen der privaten Investitionen oder der Auslandsnachfrage auszugleichen und den Arbeitsmarkt zu räumen. Roosevelts „New Deal“ enthielt neben vielen andere Maßnahmen die Einführung eines Mindestlohns, eine weitreichende Regulierung der Finanzmärkte, die Stärkung von Gewerkschaften und öffentliche Beschäftigungsprogramme. Von Letzteren zehren die USA noch heute. Ein Großteil der amerikanischen Infrastruktur stammt aus jener Zeit.

In anderen Ländern wurden ähnliche Maßnahmen ergriffen. Den heutigen Kritikern dieser Phase des staatlichen Interventionismus hielt schon Minsky entgegen, dass die realen Wachstumsraten in nahezu allen Industrieländern damals deutlich höher waren als in den Jahrzehnten vor der Krise wie auch in allen Jahrzehnten nach den 70ern. Dies wurde nicht nur begleitet von quasi keiner Arbeitslosigkeit. Die hohen Wachstumsraten waren die Folge einer Politik, die Arbeitslosigkeit nicht tolerierte. Wenn alle verfügbaren Ressourcen einer Volkswirtschaft genutzt werden, steigt die Produktion schneller.

Die folgende Abbildung zeigt durchschnittliche Wachstumsraten des preisbereinigten Bruttoinlandsproduktes für ausgewählte Länder, deren Datenverfügbarkeit in der Ameco-Datenbank bis in die 1960er zurückreicht. Der Trend ist eindeutig: Die Wachstumsraten sind seitdem stetig gesunken.

Abbildung 1, Quelle: Ameco
Abbildung 1, Quelle: Ameco

Dieses globale Phänomen scheint im Wahlkampf keine Rolle zu spielen, obwohl uns die Liberalisierung der Finanzmärkte, die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, die Intensivierung des internationalen Handels und der freie Kapitalverkehr doch eigentlich höhere Wachstumsraten erwarten lassen würden. Interessant wäre es zu erfahren, wie sich Angela Merkel und Martin Schulz dieses Phänomen erklären.

Die übliche Joker-Antwort „Globalisierung“ wurde erst kürzlich von Olaf Scholz gezogen. Nur ist es etwas merkwürdig, wenn alle bei der Globalisierung verlieren und es keine Gewinner gibt. Heiner Flassbeck zeigt hier, dass Entwicklungsländer, die in der obigen Grafik nicht aufgeführt sind, vom internationalen Handel netto nicht profitiert haben, sondern Leistungsbilanzdefizite aufweisen. Von diesen Ländern geht also offensichtlich kein Druck auf die Industrienationen aus. Und wenn Globalisierung bedeuten würde, dass alle verlieren, warum sollten wir sie dann umsetzen?

Das Problem ist nicht die Globalisierung, sondern die Reaktion der Politik auf die Behauptung, die Globalisierung sei ein Problem. Der Niedriglohnsektor wurde nicht von Gerhard Globalisierung, sondern von Gerhard Schröder umgesetzt. Die Sozialdemokraten weltweit haben Globalisierung mit Neoliberalismus verwechselt, wie Bill Mitchell hier überzeugend argumentiert. Und das war ein Fehler. Die Transformation des Kapitalismus begann aber schon vor Gerhard Schröder.

Die nächste Abbildung verdeutlicht, was wir bereits gesehen haben. Sie zeigt die Entwicklung der Arbeitslosenquoten seit 1960. Es ist klar zu erkennen, dass Arbeitslosigkeit für die meisten Länder vor den Ölpreiskrisen kein signifikantes Problem darstellte.

Abbildung 2, Quelle: Ameco

Aber was hat die goldenen Jahrzehnte ausgemacht und was ist seitdem passiert? In Deutschland werden häufig die marktwirtschaftlichen Reformen von Ludwig Erhard, dem ersten Wirtschaftsminister der Bundesrepublik genannt, wenn es um das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre geht. Heiner Flassbeck und Friedericke Spieker haben dies hier um eine makroökonomische Perspektive ergänzt. Die unterbewertete D-Mark im Bretton-Woods System hat in Deutschland maßgeblich zur Erholung beigetragen. Zudem zwang die gemeinsame Währung zu einer Koordination von internationalen Kapitalströmen und Wirtschaftspolitik.

Es war also keine rein marktwirtschaftlich ausgerichtete Politik, die Deutschland aus der Krise holte, sondern das stark regulierte Weltwirtschaftssystem. Erst nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods Systems begann eine völlig eigenständige Wirtschaftspolitik und das alte Denken aus der Vorkriegszeit kehrte zurück. Während des Fixkurssystems waren nationale Kapitalmärkte nahezu völlig abgeschottet. Banken wurden in vielen Ländern sogar Zinsen und Kreditnehmer gesetzlich vorgeschrieben.

Zu jener Zeit wurden Gewerkschaften gestärkt und Arbeitsmärkte reguliert, um ein Absinken der Löhne in einer Krise zu verhindern. Wenn bei ungenügender Nachfrage die Unternehmen ihre Löhne senken, um Kosten einzusparen, verringern sie auch die Einkommen ihrer Kunden. Man muss den Kapitalismus vor den Kapitalisten schützen, wie Hartmut Elsenhans so schön formulierte. Über einen langen Zeitraum gehörte es daher zum gesunden Menschenverstand, dass die Arbeitnehmer an dem allgemeinen Fortschritt zu beteiligen sind und die Löhne der Produktivität und der Inflationsrate folgen müssen. Damit die Angestellten auch das Geld verdienten, um die Produkte zu kaufen, die sie herstellen.

Der Anfang vom Ende des guten Kapitalismus

Die Ölpreiskrisen 1973 und 1979 führten weltweit zu einem Phänomen, welches als „Stagflation“ bekannt wurde – also der Kombination aus Inflation und stagnierender Wirtschaftskraft. Bisher glaubte man an einen festen negativen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnsteigerungen. Wenn die Wirtschaft in Fahrt kommt, können Arbeitnehmer höhere Löhne durchsetzen und die Preise steigen. In einer Flaute wäre dies nicht möglich. Helmut Schmidt bezog sich auf diese sogenannte Phillipskurve als er den oft zitierten Satz sagte: „Lieber 5 % Inflation als 5 % Arbeitslosigkeit.“

Die Monetaristen nutzten dann die Stagflation, um ihre Freimarktdoktrin wieder zu promoten. Der Keynesianismus sei gescheitert, weil er nur Inflation bringen würde, aber keine Ausweitung der Beschäftigung. Edmund S. Phelps (1967) und Milton Friedman (1968) argumentierten schon vor dem Zusammenbruch der Phillipskurve, dass man die Arbeitslosigkeit nicht dauerhaft unter ihr Gleichgewichtsniveau drücken könne. Dass man ihnen nun im Nahhinein Recht zusprach, leitete den globalen Siegeszug des Monetarismus ein.

Bill Mitchell schreibt in seinem Blog zurecht, dass die Keynesianische Ausgabenerhöhung zu jener Zeit entgegen den allgemeinen Behauptungen sehr wohl erfolgreich war. Da sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber aber nicht einigen konnten, wer die zusätzlichen Kosten der gestiegenen Ölpreise tragen sollte, überbot man sich in vielen Ländern gegenseitig mit höheren Löhnen und Preisen. Diese Lohn-Preis-Spiralen brachten viele Regierungen dazu, ihre Ausgaben wieder zu reduzieren, während Zentralbanken die Zinsen anhoben. Das Ergebnis waren hohe Inflationsraten bei stagnierender Wirtschaft.

Nur hatte dies nichts mit keynesianischen Ausgabenprogrammen zu tun. Auch in Deutschland sank die Arbeitslosenquote nach dem letzten großen Konjunkturprogramm als Antwort auf die zweite Ölpreiskrise auf 4%  (siehe hier). Mitchell und Muysken (2008) weisen zudem darauf hin, dass bereits die Akzeptanz des Phillipskurvenzusammenhangs ein großer Fehler war, weil von nun an Vollbeschäftigungspolitik mit einem Preis in Form von Inflation belegt wurde. Der Weg zum alten Gleichgewichtsdenken sei von dort aus vorgezeichnet gewesen.

Der Konsens einer an der Produktivität orientierten Lohnpolitik sowie eines regulierten Finanzmarktsystems begann in jener Zeit zu bröckeln. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kehrte das alte kapitalistische System der Vorkriegszeit sukzessive zurück. An der Arbeitslosigkeit war nun nicht mehr das kapitalistische System an sich schuld, sondern der Arbeitnehmer selbst, der wegen der ungenügenden Qualifikation nicht beschäftigt werden könne.

Mitchell und Muysken (2008) sprechen vom Übergang von einer Vollbeschäftigungspolitik hin zu einer Politik der Beschäftigungsfähigkeit. Sie argumentieren, dass insbesondere die OECD-Job Market Studies von 1994 einen wesentlichen Beitrag geleistet haben, dass Gleichgewichtsdenken wieder auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren. Günter Grunert hat hier ausführlich dargelegt, dass dies geschah, obwohl es der OECD nie gelungen ist, die Vorteilhaftigkeit flexibler Arbeitsmärkte empirisch nachzuweisen.


Hinweise

[i] Zu den Parallelen der Sparpolitik Brünings zur Austeritätspolitik in Europa siehe den Beitrag von Sebastian Müller, hier.

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