Kommentar | 04.09.2017 (editiert am 08.09.2017)

Null plus Null ist Null

Das „Duell“ der Kanzlerkandidaten war eine glatte Nullnummer. Nicht nur, dass die entscheidenden Themen fehlten, selbst die Schein-Kontroversen waren ohne Substanz. Das Ergebnis am 24. September wird genau diese Null sein.

Wirtschafts- und Finanzpolitik gab es vermutlich schon deswegen nicht, weil keiner der Fragenden davon auch nur einen Hauch von Ahnung hat. Aber selbst Europa kam außer in blumigen Erklärungen von Herrn Schulz nicht vor. Von Krise schon gar keine Spur. Globale Herausforderungen wie den Klimawandel, die Entwicklungspolitik oder den internationalen Handel gibt es für die alte und neue Bundeskanzlerin keine – außer der Abwehr von fiktiven Flüchtlingen natürlich, dem Thema, an dem sich die sechs Beteiligten geschlagene 50 der insgesamt knapp 100 Minuten abarbeiteten.

Insgesamt gesehen weiß man nicht, was an einem solchen Fernsehabend peinlicher ist, das leise Säuseln der Fragen (bis auf die unverschämte Frage mit dem gefälschten Schulz-Zitat von Herrn Strunz, dem BILD-Rechtsaußen, den Sat 1 beigesteuert hat) oder die glatte nichtssagende Art der Antworten, die selbst da nicht zu ernsthaften Nachfragen führten, wo es sich absolut anbot. Bei der Rente etwa, wo Schulz Merkel über den grünen Klee lobt, weil sie den von der SPD begonnenen Schwachsinn mit der Erhöhung des Rentenalters nicht noch weiter treiben will (bis zur Rente mit 70). Doch wo kämen wir hin, wenn ein deutscher Journalist fragen würde, warum man nicht die Rentenbeiträge erhöht, wenn man die Rentner nicht massenweise in die Altersarmut treiben will (vgl. unser Stück dazu hier).

Talkshow mit anderen Mitteln

Ich will nicht über das Auslassen der wichtigsten Themen klagen. Hätte man sie angesprochen, wäre bei dem Niveau von Fragenden und Antwortenden wieder nichts anderes herausgekommen als heiße Luft. Es war eben wie in den täglichen Talk-Shows: Einer oder eine wirft Stichworte in den Raum und die Politiker spulen ihre Standardantworten herunter, die aus der Sicht der Fragenden auch fast immer völlig ausreichend sind. Das ist schon bei den normalen politischen Themen zum Nicht-Aushalten, bei wirtschaftspolitischen Themen ist es zum Davonlaufen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten können sich offenbar nicht einen einzigen profilierten und kritischen Wirtschaftsjournalisten leisten, der in der Lage ist, hin und wieder eine unkonventionelle Frage zu stellen, von den privaten Sendern muss man erst gar nicht reden.

Man spürt bei einer solchen Sendung förmlich, wie froh alle Beteiligten sind, wenn sie ein Thema wie die Flüchtlinge am Wickel haben, bei dem jeder mitreden kann, weil es um scheinbar einfache Fragen wie die geht, ob und wie viele „Flüchtlinge“ abgeschoben werden müssen und wer das erfolgreich bewerkstelligt. Angela Merkel tut sich dann unglaublich leicht, wie schon hunderte Male vorher, auf der einen Seite ihre mitfühlende Art zu zeigen und auf der anderen Seite ihr Fähigkeit zu betonen, schnell und klar die richtigen Entscheidungen zu treffen, um „Schaden vom deutschen Volk abzuwehren“. Dass man mit der wahnwitzigen Hervorhebung dieses Themas der AfD unmittelbar in die Hände spielt, wollten die meisten vermutlich nicht merken und einer hat sich diebisch gefreut.

Wo bleibt Europa?

Das Schlimmste jedoch ist, dass Herr Schulz, der „große Europäer“, nicht ein kritisches Wort zur fatalen Europapolitik von Merkel und Schäuble sagen kann, weil seine Partei all den Unsinn mitgemacht hat, der unter deutscher Führung anderen Ländern angetan wurde und immer noch wird. Deswegen war das gestern auch kein Duell der „Kanzlerkandidaten“, sondern ein Gespräch der ehemaligen und der zukünftigen Koalitionspartner. Schulz ist nicht Kanzlerkandidat, sondern Ministerkandidat in einem Kabinett Merkel. Er wird froh sein, wenn er nicht deutlich unter die 23 Prozent von Steinmeier fällt, weil er dann, wie er das gestern Abend schon andeutete, für sich auch weiterhin den Parteivorsitz und ein Ministeramt reklamieren kann.

Insgesamt gesehen war „Das Duell“ nicht einmal eine gute Show. Mit politischer Information und kritischer Aufarbeitung der Politik einer konservativen Bundeskanzlerin hatte es absolut nichts zu tun. Merkel wird, was vorher schon klar war, weiterregieren und sie wird es, wenn nicht alle Zeichen trügen, weiter mit den Sozialdemokraten tun. Noch einmal vier Jahre wird Deutschland den Stillstand verwalten, immer in der Hoffnung, dass niemand die Achillesferse des merkantilistischen deutschen Systems, den gewaltigen Leistungsbilanzüberschuss, berührt. Doch es ist unwahrscheinlich, dass das noch einmal gelingt. Nachdem Trump sich verrennt und Frankreich für den Moment stillgelegt wurde, ist Italien der nächste Kandidat, der das deutsche Schneckenhaus bedroht. In jedem Fall wird die Enttäuschung der nachdenklichen Menschen in Europa am Abend des 24. September noch viel größer sein als in Deutschland

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