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Arbeit | 05.09.2017 (editiert am 25.04.2018)

Die Musikindustrie am Scheideweg

Die Digitalisierung hat das Potential, schöpferisch zu zerstören. Besonders betroffen sind dabei immaterielle Güter wie Filme, Bücher oder Musik, in denen der Schutz geistigen Eigentums zunehmend schwieriger wird.

Am Beispiel der Musikindustrie zeigt sich, wie wichtig die richtigen Rahmenbedingungen für den Prozess der Digitalisierung sind. Die Veränderung der Wertschöpfungskette, weg von der Vermarktung und Distribution physischer Tonträger durch ein Musiklabel und hin zu digital verfügbarer Musik, erzeugt – wie jede Marktrevolution – Verlierer und Gewinner.

Plattformen wie YouTube, Facebook oder der Streamingdienst Spotify bieten bislang unbekannten Künstlern neue Möglichkeiten, ihre Musik in der Öffentlichkeit zu verbreiten. So wurde beispielsweise der Popstar Justin Bieber im zarten Alter von 13 Jahren über YouTube von einem bekannten amerikanischen Musikproduzenten entdeckt. Auch der bis dahin nur in Australien erfolgreiche Musiker Gotye erreichte mit seinem Musivideo „Somebody That I Used to Know“ über YouTube weltweite Berühmtheit.

Streamingdienste und Anbieter von Musik wie Spotify oder Amazon verfügen darüber hinaus über digitale Algorithmen, die aus dem Verhalten ihrer Nutzer spezifische Musikempfehlungen erzeugen. Der Käufer von Musik ist damit nicht mehr alleine auf die Empfehlungen von Freunden, Fachzeitschriften oder Personal in entsprechenden Geschäften angewiesen, sondern hat die Möglichkeit, täglich neue Musik von Künstlern probe zu hören, die seinen musikalischen Präferenzen entsprechen.

Darüber hinaus ermöglicht der technologische Fortschritt mittlerweile bereits bei semiprofessionellen Aufnahmen eine hohe Tonqualität, sodass Musik wesentlich kostengünstiger und einfacher produziert werden kann als früher. Bisweilen ist die Rede von einer „Demokratisierung“ oder gar „Sozialisierung“ der Musik und ihrer Produktionsmittel.

Doch von einer tatsächlichen Realisierung sozialistischer Utopien ist die Musikindustrie auch in Zeiten des digitalen Wandels weit entfernt. Neben den millionenschweren Stars der Popmusik existiert ein Gros an Musikern, die am Existenzminimum leben. Die deutsche Künstlersozialversicherung gibt das durchschnittliche Jahreseinkommen ihrer versicherten Musiker zum 01.01.2017 mit gerade mal 13.675 € an.

Wie viele dieser Musiker eigene Musik veröffentlichen und wie viele einer Mehrfachbeschäftigung in anderen Tätigkeitsfeldern nachgehen, geht aus den Zahlen nicht hervor. Die Tonträgerindustrie ist durch ein hohes Maß an Unternehmenskonzentration geprägt, bei dem wenige Konzerne den Großteil aller Umsätze erzeugen. Nach Berechnungen des Musikmagazins Billboard teilten die drei größten Musiklabels (Universal Music Group, SONY Music Entertainment und Warner Music Group) im Jahre 2013 insgesamt 88% des US-Marktes unter sich auf.

Die Macht der Oligopole

Eine solche Struktur kann als oligopolistisch eingeordnet werden. Typische Folgen oligopolistischer Strukturen sind überhöhte Preise (hier für Tonträger und ggf. Downloads), eine hohe Marktmacht gegenüber weiteren Beteiligten im Wertschöpfungsprozess (hier vor allem gegenüber den Künstlern) und die Abschottung des Marktes vor aufstrebenden Unternehmen. Wenn dieser Markt nun durch das Online-Geschäft aufgemischt wird, ist dies grundsätzlich zu begrüßen.

Das Problem ist jedoch, dass sich auch dabei eine starke Konzentration auf die Download- und Streamingangebote von Amazon, Apple oder Spotify abzeichnet. Und wie sich am Beispiel Spotify zeigt, schütten auch die Streaming-Dienste den Großteil ihrer Abonnement-Einnahmen an die Tonträgerunternehmen aus. So ergab eine Untersuchung durch Ernst & Young im Auftrag des französischen Verbands der Musikindustrie, dass 73% der 9,99 € pro Monat bei den Tonträgerunternehmen landen (einen Bericht darüber gibt es beim Stern). Die Künstler selbst verdienen pro Klick 0,6 bis 0,84 US-Cent. Das bedeutet, dass ein Musikstück, das immerhin eine Million mal gestreamt wurde, den Künstlern 6000 bis 8400 US-$ einbringt. Dieser Betrag muss dann häufig noch unter mehreren Urhebern aufgeteilt werden.

Werbefinanziertes Gratis-Streaming ist in Deutschland mittlerweile ein quasi-exklusives Angebot von Spotify, das der Anbieter nutzt, um sich immer größere Marktanteile zu sichern. Dabei nimmt Spotify vorzeitige Verluste in Kauf, was für kleinere Anbieter auf Dauer finanziell nicht zu verkraften wäre (der deutsche Anbieter Simfy kapitulierte beispielsweise mit seinem Gratis-Dienst und löste sich schließlich ganz auf).

Die Künstler können ihrerseits auf das Angebot von Spotify kaum verzichten, weil die Plattform mit ihren vielen Nutzern das Potential bietet, neue Hörer zu erschließen. Selbst wenn es dann nicht zum Kauf der Musik kommt, können Künstler zumindest auf mehr Konzertbesucher hoffen und über diesen Kanal Einnahmen erzielen. Darüber hinaus zerstört das kostenlose Streaming die Grundlage von illegalen Raubkopien und Musiktauschbörsen, was den Tonträgerherstellern und Künstlern tendenziell zugute kommt.

Dieses Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten von Künstlern, Tonträgerindustrie und Internet-Plattformen steht in der Gefahr, Probleme zu erzeugen, wenn einer der Parteien eine zu große Marktmacht hat. Genau wie auf dem klassischen Arbeitsmarkt sind daher bestimmte Regeln notwendig, damit der Markt ein gesellschaftlich wünschenswertes Ergebnis erzeugt. Zu Beginn einer Marktrevolution steht eine Industrie vor einer Vielzahl möglicher Entwicklungspfade, welche die Marktmacht in die oder andere Richtung verschieben können.

Wie oben beschrieben, sind dabei monopolistische und oligopolistische Strukturen in der Regel lediglich für die Oligopolisten und Monopolisten selbst von Vorteil, für die Kunden und weiteren Teilnehmer am Wertschöpfungsprozess jedoch nachteilig. Sind sie einmal entstanden, nutzen die großen Player ihre Marktmacht, um die Zustände zu zementieren (volkswirtschaftlich gesprochen, sichern sie sich ihre Renten). Die digitale Revolution ist ein „window of opportunity“, ein kurzes Zeitfenster in dem sich der Markt neu aufstellen und vorteilhaft entwickeln kann, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen.

GEMA, oder warum Regeln nötig sind

Die GEMA probiert, einen finanziellen Ausgleich für die Künstler zu schaffen, indem sie mit den Onlinediensten Verträge über die Vergütung abschließt (zuletzt beispielsweise mit YouTube). Im Falle von Streaming-Diensten können bei der GEMA gemeldete Urheber nur dann mit einer Vergütung rechnen, wenn der jeweilige Dienst eine gemeinsame Regelung mit der GEMA getroffen hat. Denn obwohl es pauschal festgelegte Gebühren für das Streaming in Deutschland gibt, zögerte beispielsweise Spotify die vollständige Entrichtung über Jahre hinaus; vermutlich um später eine gütliche Einigung mit der GEMA zu vorteilhaften Konditionen zu erzielen, um dann rückwirkend weniger Lizenzgebühren zurückzuzahlen.

Eine solche Situation war möglich, da bei Markteintritt von Spotify kein Vertag zwischen der GEMA und Spotify bestand. Spotify konnte dennoch am Markt agieren, da nach Artikel 11, Abs. 2 des Urheberrechtswahrnehmungsgesetz auch ein späteres Übereinkommen zwischen den Musikanbietern und der GEMA als Verwertungsgesellschaft möglich ist.

Es könnten Verwaltungsgebühren durch langwierige Verhandlungen vermieden werden und damit mehr Geld von der GEMA an die Urheber fließen, wenn der Gesetzgeber einfach eine allgemeingültige tarifliche Regelung für alle Streaming-Anbieter geltend machen würde. Diese kann in einem Pauschalbetrag pro gestreamtem Song oder pro Nutzer bestehen. Bei einer Pauschale pro Nutzer kann die GEMA die ausgeschütteten Gelder auch weiterhin an der Anzahl der gestreamten Songs eines Künstlers ausrichten, wenn sie die entsprechenden Daten durch die Streaming-Dienste zur Verfügung gestellt bekommt.

Wenn der Pauschalbetrag die Werbeeinnahmen von kostenlosem Streaming übersteigt, was bei einer Pauschale pro gestreamtem Musikstück sein kann, ist kostenloses Streaming auf Dauer nicht möglich. Hierdurch entsteht das oben beschriebene Problem, dass große Player auf dem Markt diese Preispolitik eine Zeit lang durchziehen, um andere Teilnehmer aus dem Markt zu kegeln. Es spricht gleichzeitig nichts dagegen, dass Künstler kostenloses Streaming nutzen, um neue Hörer zu gewinnen. Aus diesen Gründen könnte für kostenloses Streaming eine Begrenzung der gestreamten Musikstücke pro Nutzer und Monat festgelegt werden, an die sich alle Dienste halten müssen (es sei denn, die Musik wurde von den Künstlern oder ihren Labels selbst hochgeladen, wie teilweise bei YouTube).

Eine weitere gesetzgeberische Möglichkeit wäre eine Verpflichtung an die Online-Dienste, ein kostenlos abgespieltes Musikstück immer auch zum Kauf, d.h. kostenpflichtigen Download, anbieten zu müssen. Dies hätte den Vorteil, dass die Nutzer Künstler unmittelbar für ihre Musik vergüten können. Dass die Nutzer, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen, auch in digitalen Zeiten bereit sind, für Kunst zu zahlen, zeigen sowohl sogenannte Pay-What-You-Want Modelle, als eben auch die hohen Nutzerzahlen kostenpflichtiger Abonnements von Musikdiensten oder auch Serien- und Filmanbietern wie Netflix und Amazon Prime.

Die Funktionalität des Marktes sichern

Gesetzliche Mindestregelungen sollen nicht der Gängelung von Marktteilnehmern dienen, sondern letztlich die Funktionalität des Marktes sichern. Das Geschäft des Künstlers war und ist immer schon ein finanziell riskantes Geschäft, bei dem Künstler selbst oft das letzte Glied der Kette sind und trotz harter Arbeit vielfach am Existenzminimum leben. Je stärker diese Tendenz wird, desto niedriger ist der Anreiz für talentierte Künstler, überhaupt Zeit und Geld aufzuwenden, um Musik oder Filme zu produzieren.

Auch in der Tonträgerindustrie sorgen Strukturen, in denen nur noch wenige Unternehmen den Markt bestimmen dafür, dass lediglich die sehr erfolgreichen Künstler aufwendig produziert und vermarktet werden. Davon profitieren weder die Nutzer noch die Künstler. Schließlich ist auch bei den Streaming-Diensten ein Wettbewerb wünschenswert, bei dem die Künstler und Plattenfirmen hinreichend entlohnt werden und durch eine Vielzahl von Anbietern ein dauerhaft attraktives Angebot für die Nutzer besteht. Dafür bedarf es eines Gesetzgebers, der die digitale Entwicklung nicht verschläft, sondern aktiv mitgestaltet.

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