Theorie | 24.10.2017

Die sechs Zutaten des Kapitalismus

Durch die Bestimmung der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus ist es möglich, verschiedene Spielarten zu definieren. Eine platonische Urform des einen Kapitalismus braucht es dafür nicht. Umso mehr aber des Staates.

Ephoren nannte man fünf einflussreiche Aufsichtsbeamte im antiken Sparta. Volksversammlung wurden von ihnen einberufen und die Könige überließen ihnen Teile der zivilen Rechtsprechung. Auch vertraten sie die Anklage bei schweren Vergehen und staatlichen Prozessen. Vermutlich wurden sie geschaffen, um die Macht der Könige zu beschränken.

Der Motor des Kapitalismus

Der antike Begriff des „Ephor“ kommt bei Geoffrey Hodgson zu neuen Ehren. In Anlehnung an Joseph Schumpeter schreibt er Banken und Finanzinstituten die zentrale Rolle als „Ephor“ des Kapitalismus zu. Und das im produktiven Sinne. Es waren insbesondere die institutionellen Innovationen im Bank- und Finanzwesen, die große Investitionsprogramme und somit den rasanten Anstieg des Wachstums überhaupt erst ermöglichten – während Eigentumsrechte und Märkte schon lange vor Beginn des Kapitalismus bestand hatten.

Positive Rückkopplungseffekte entstanden, indem Investitionen gewaltige Mengen an produktiven Kräften freisetzten, was einen höheren Grad an Vertrauen und Sicherheit zur Folge hatte. Dies wiederum führte zu mehr Investitionen und einer höheren Kreditvergabe. Mit steigender Komplexität, großen Bauprojekten (wie z. B. dem Eisenbahnnetz), Entwicklung neuer Technologien und der Ausweitung des internationalen Handels erhöhte sich die Nachfrage nach Krediten und anderen Finanzierungsmöglichkeiten, die das Finanzsystem zum Motor des Kapitalismus machte.

Hodgsons Auseinandersetzung mit Schulden und Krediten folgt in vielerlei Hinsicht der Linie von Makroskop. Schulden sind kein Teufelswerk, denn ohne sie gäbe es kein Wachstum. Entscheidend ist, wer sich bei wem (in welcher Währung) verschuldet und für was diese Schulden verwendet werden. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, können Schulden entweder als Antreiber der wirtschaftlichen Entwicklung (z. B. bei öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur) oder Instabilitätsfaktor (z. B. bei zu hoher Verschuldung privater Haushalte) fungieren.

Das Geld- und Finanzsystem, so Hodgson, ist letztendlich fundamental von der rechtlichen Konzeption des Eigentums, der Schulden und Kredite abhängig, die von der Gesetzgebung des Staates bestimmt werden.

Ebenso ist Geld (ganz im „Knappschen Sinne“) ein „Geschöpf der Rechtsordnung“, was er anhand der Geschichte des Geldes darlegt.[1] Umso problematischer sieht er die Vernachlässigung des Geldes in der Neoklassik, die nicht erklären kann, weshalb Menschen Geld horten. Denn in einem (theoretisch) vollständigen und finalen Gleichgewicht aller mit Geld abgerechneter und beglichener Verträge stünden alle Individuen mit leeren Taschen da.

Problematisch ist diese Sichtweise auch, weil die gesamte Wirtschaft auf eine reine Tauschwirtschaft reduziert wird. Doch in der Realität bildet das Erwirtschaften von Geld einen wesentlichen (wenn auch häufig nicht absoluten) Anreiz für die Handlungen von Unternehmen und Privaten.

Hodgson legt seinen Schwerpunkt auf die evolutionäre Entwicklung des Geldes und der Finanzmärkte, vernachlässigt allerdings eine wichtige Differenzierung, auf die Steinhardt (2015) verweist: die Unterscheidung zwischen Staats- und Bankengeld.[2] Ersteres wird vom Staat für die Bezahlung seiner Einkäufe emittiert – und zwar ohne die Voraussetzung, dass er dafür bereits Geld aus der Emission einer Anleihe oder Steuergeld eingenommen haben muss.[3] Durch die Aufbürdung einer Steuerlast in einer bestimmten Währung sichert der Staat die Akzeptanz des Staatsgeldes bei der Bevölkerung, denn diese muss nun versuchen, an Staatsgeld zu kommen, um die Steuerschuld zahlen zu können.

Das Staatsgeld wird durch das Bankengeld komplementiert, das von gewinnorientierten Banken in einem vorgegebenem institutionell-rechtlichen Rahmen emittiert wird. Letztere benötigen immer einen Schuldner, um Geld emittieren zu können. Und der Schuldner wird wiederum ein Interesse daran haben, Bankengeld zu akkumulieren, um die Schulden bei der Bank begleichen zu können.

Wie auf Makroskop bereits häufiger erläutert, benötigen Banken zur Vergabe von Darlehen – abgesehen von den gesetzlichen Mindestreservepflichten – keinerlei Einlagen. Mit der Folge, dass zunächst niemand sparen muss, um eine Investition zu tätigen.

Die daraus folgenden Implikationen sind für das Funktionieren des Kapitalismus gravierend. Dadurch, dass Geld keine knappe Ressource ist, die Zukunft in höchstem Maße unvorhersehbar bleibt und Banken für das Funktionieren der Wirtschaft eine zentrale Rolle einnehmen, kann der Marktmechanismus hier nicht funktionieren.

Diese Differenzierung ist deshalb so wichtig, da durch die Art der Geldschöpfung die politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse bestimmt werden. Unterwirft sich ein Staat beispielsweise freiwillig „der Disziplin des Marktes“ und verzichtet so auf staatliche Geldschöpfung, wird seine Geld- und Fiskalpolitik zum Spielball der haute finance. Austerität, wirtschaftliche Stagnation und gesellschaftliche Verarmung sind unter anderem die Folge.

Falls der Staat den institutionellen Rahmen allerdings so gestaltet, dass die Zentralbank die Staatsanleihen direkt aufkaufen darf, steht den privaten Finanzinstituten ein mächtiger Gegenspieler mit unbegrenztem Geldschöpfungspotenzial gegenüber, der ihre Macht gegenüber dem Staat deutlich einschränkt.

Freilich dient das Argument der Inflation als beliebtes Mittel, um sich der Disziplin von Institutionen zu unterwerfen, die durch ihre Exzesse die größten Wirtschaftskrisen der letzten 100 Jahre zu verantworten haben. Diese bizarre Einsicht steht für das Dilemma, welches die dem Kapitalismus inhärente Instabilität erklärt.

Auf der einen Seite kann es im Finanzsektor aufgrund von Herdenverhalten, imperfekten Informationen und kurzfristigen Anreizen, die zu exzessiven privaten Schuldenbergen führen (sog. leverage), keinen funktionierenden Markt geben. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass eine Geldschöpfung, die gänzlich in öffentlicher Hand liegt, unter bestimmten Umständen (!) zu inflationären Effekten führen kann.

Um also kapitalistische Instabilitäten möglichst im Rahmen zu halten, sind ein ausbalanciertes institutionelles System sowie eine pragmatische Analyse der wirtschaftlichen Gegebenheiten zur Bestimmung der Geldpolitik unerlässlich.

Was ist Kapital?

Wenn man von Kapitalismus spricht, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Verständnis des Begriffs Kapital. Hodgson greift diese Diskussion in seiner Debatte zum Geldsystem auf. Geld ist für ihn der Schlüssel zur Definition des Begriffs Kapital. Kapital ist „Geld, das in die Produktion investiert werden kann oder den Geldwert des besitzenden, übertragbaren und als Kreditsicherheit verwendbaren Eigentums, das in der Produktion verwendet wird.“[4]

Mit diesem Verständnis grenzt er die in den Sozialwissenschaften inflationäre Verwendung des Begriffs Kapitals deutlich ein. Gemäß dieser Definition kann beim Humankapital von Kapital keine Rede sein, da Arbeit weder als Kreditsicherheit verwendet, noch in Besitz genommen oder in irgendeiner Form veräußert werden kann (es sei denn, es handle sich um Sklaverei).

Ohnehin schreibt Hodgson Begriffen wie „Human Capital“, „Reputational Capital“, oder „Environmental Capital“ einen geringeren analytischen Nutzen zu, was seiner Absicht, eine präzise Konzeptualisierung des Kapitalismus auf institutionell-rechtlicher Basis zu schaffen, im Wege stünde.

Firma und Lohnarbeit

Bevor sich Hodgson schließlich einer ganzheitlichen Synthese zuwendet, setzt er sich noch mit zwei weiteren wichtigen Konzepten auseinander: dem Konzept der Firma und der Arbeit.

Die Firma definiert er als „rechtlich anerkannte Einheit, die zum Zwecke der Produktion und des Verkaufs von Gütern oder Dienstleistungen besteht“ (S. 230) und über zwei wichtige Eigenschaften verfügt: Erstens ist eine Firma ausgestattet mit Ressourcen und Fähigkeiten, um die Güter und Dienstleistungen für den Verkauf zu produzieren. Zweitens besitzt eine Firma Vermögenswerte, geht vertragliche Vereinbarungen mit Zulieferern, Mitarbeitern, Partnern und Kunden (beim Verkauf) ein und agiert somit als ein individuelles Rechtssubjekt (mit diesem Status gehen Rechte und Pflichten einher).

Wie in den vorherigen Fällen bietet die rechtliche Konzeption hier ein höheres Maß an Präzision und eine klare Abgrenzung zum Markt. Eine wesentliche Ergänzung Steinhardts (2015) diesbezüglich wäre, dass Unternehmen mit ihrem Absatz nicht nur die ausgedrückten Wünsche der anderen Marktteilnehmer erfüllen, sondern durch extensive Marketingmaßnahmen die Wünsche in einer kapitalistischen Gesellschaft weitgehend selbst erzeugen.

Die vertragliche Vereinbarung von Firmen und Mitarbeitern ist ein weiterer wesentlicher Aspekt des Kapitalismus. Für Karl Marx ist es sogar der zentrale Aspekt schlechthin und Hauptbezugspunkt seiner Kapitalismuskritik. So müsse der Kapitalist seine Arbeiter zwangsläufig unter ihrem tatsächlichen Arbeitswert bezahlen, um einen Profit zu erwirtschaften. Ausbeutung ist für Marx folglich ein integraler Bestandteil des Kapitalismus.

Hodgson widerspricht den Ausführungen Karl Marx in zweierlei Weise. Zunächst sei die Beziehung zwischen Arbeitern und Kapitalisten nicht die zentrale Eigenschaft des Kapitalismus, da die Sklaverei noch bis weit in den Kapitalismus hinein bestand hatte. Auch die Ausbeutung bzw. Asymmetrien zwischen Arbeit und Kapital sei anders, als von Marx geschildert.

Ungleichheit, so Hodgson, resultiere aus der Fähigkeit des Kapitals / der Kapitalisten, Vermögensgegenstände als Kreditsicherheit zu hinterlegen („exploitation through unequal collateralizability“, S. 357) und auf diese Weise einen vereinfachten Kreditzugang zu haben. Mit den gewährten Krediten wiederum können rentable Investitionen getätigt werden. Der Kapitalismus folge somit Matthews Law – „Wer hat, dem wird gegeben.“

Die Bedeutung, die Hodgson dieser Asymmetrie beimisst, kann aus meiner Sicht angezweifelt werden. Sicher mögen viele Durchschnittsverdiener und kleinere Unternehmer Probleme damit haben, an Kredite zu gelangen, da Arbeit nicht als Kreditsicherheit hinterlegt werden kann.

Hodgson scheint sich allerdings nicht zu fragen, wie viele durchschnittliche Arbeiter überhaupt versuchen würden, rentable Investitionsoptionen zu finden, selbst wenn sie die Möglichkeit erhielten, ihre Arbeit als Kreditsicherheit zu hinterlegen. Naheliegend scheint eher, dass Investitionen sowohl in Equity als auch in Bondmärkte mit geliehenem Geld für große Teile der Bevölkerung unattraktiv sind und bleiben.

Die Entwicklungen in den USA vor der Finanzkrise bestätigen diese Vermutung. Als Kredite an fast jeden Menschen vergeben wurden, der nur seinen Namen unter einen Vertrag setzen konnte, wurde das Geld eher für Konsumgüter als für Investitionen ausgegeben. Auf der anderen Seite sind Unternehmen häufig nicht mehr auf Kredite angewiesen. Wie Costas Lapavitsas (2015) verdeutlicht, finanzieren viele Unternehmen seit einigen Jahren ihre Investitionen immer mehr aus erwirtschafteten Profiten heraus. Ohne eine vollständige Auslastung ihrer Kapazitäten und eine dynamische Entwicklung der Nachfrage wird sich an der Position der Unternehmen als Netto-Sparer auch nichts ändern.

Strukturelle Faktoren, die die Machtverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital in den letzten 40 Jahren immer mehr zugunsten des Kapitals verschoben haben, sind aus meiner Sicht viel bedeutsamere Antreiber des Ungleichgewichts, als es der asymmetrische Zugang zu Krediten ist.

Neben der hier relativierten Konzeption der Ungleichheit stellt Hodgson heraus, dass man die Beziehung zwischen Arbeit und Kapital nicht allein auf rechtliche Fragen reduzieren kann. In Anbetracht der heutigen Komplexität müssten Arbeitern in ihren Verträgen gewisse Freiheiten zugestanden werden, damit diese ihre Arbeit vernünftig und produktiv ausführen können. Aspekte wie Kooperation, Vertrauen und Motivation spielen hier eine Rolle.

Ferner besteht für den Arbeitgeber keinerlei Möglichkeit, den Arbeiter lebenslang an sein Unternehmen zu binden bzw. als Eigentum zu erwerben. In einer zentralen Institution des Kapitalismus fehlt es somit an einem Markt, was dazu führt, dass zum Beispiel sämtliche Investitionen in die Fortbildung der Arbeiter einer großen Unsicherheit unterliegen.

Die Argumentation Steinhardts (2015) zu Dienstverträgen liefert wichtige Ergänzungen. Zum einen, so Steinhardt, implizieren Dienstverträge – selbst wenn sie freiwillig eingegangen werden – immer ein gewisses Maß an Zwang. Zweitens seien sie von anderen Verträgen, wie zum Beispiel Miet- oder Kaufverträgen, abzugrenzen. Und zwar, weil Dienstverträge kein Gut seien, da die Handlung der Arbeit nicht vom Individuum selbst getrennt werden kann.

Das Problem der Separierbarkeit, das bei Hodgson noch den Kern der Ungleichheit bildet, konzipiert bei Steinhardt die Abtrennung von Dienstverträgen aus dem Konzept Marktwirtschaft. Der Inhalt von Tauschverhandlungen in einer Marktwirtschaft kann nämlich nur aus einem Kauf-, Miet- oder Darlehensvertrag bestehen. Arbeitsverträge dagegen etablieren asymetrische Abhängigkeitsverhälntisse zwischen „Arbeit“ und „Kapital“, die er wie folgt beschreibt:

„In Arbeitsverträgen unterwerfen sich Arbeitnehmer also dem Willen vonArbeitgebern. Der Arbeitnehmer willigt mit einem Arbeitsvertrag in eine soziale Beziehung ein, die durch Machtasymmetrien gekennzeichnet ist. Er verpflichtet sich, den Anweisungen des Arbeitgebers zu folgen. Der Arbeitgeber darf also befehlen und der Arbeitnehmer muss gehorchen.
Durch den Abschluss von Arbeitsverträgen suspendieren Arbeitnehmerdamit ihr im Grundgesetz verbürgtes Recht auf Selbstbestimmung.“ (Steinhardt, S. 272)

An dieser Stelle wird wiederum deutlich, dass eine von Hodgsons Kernaussagen – nämlich dass der Kapitalismus mehr als nur eine Marktwirtschaft sei – mit Steinhardts Argumentation unterstrichen werden kann.

Konzeptualisierung des Kapitalismus

Mit dem Verständnis elementarer Komponenten des Kapitalismus lassen sich nun die Fäden zusammenführen. Zunächst wurde deutlich, dass der Kapitalismus auf Märkten und Privateigentum beruht, diese Aspekte aber bereits weit vor Beginn des Kapitalismus verbreitet waren. Alleine können sie somit die historische Besonderheit des sozioökonomischen Systems nicht erklären, das zum rasanten wirtschaftlichen Wachstum beitrug.

Nichtsdestotrotz bilden die folgenden vier Eigenschaften, welche eine Marktwirtschaft im engeren Sinne charakterisieren, das Fundament von Hodgsons und auch Steinhardts Kapitalismusdefinition:

  1. Ein Rechtssystem, welches weitreichende individuelle Rechte sowie den Besitz, Kauf und Verkauf von Privateigentum unterstützt
  2. Weit verbreitete Märkte und Austausch von Gütern und Waren gegen Geld
  3. Weit verbreitetes Privateigentum der Produktionsmittel von Firmen, die auf profitorientierter Basis Güter oder Dienstleistungen für den Verkauf herstellen
  4. Ein Großteil der Produktion findet separat bzw. abseits der Familie/des Zuhauses statt

Um den Kapitalismus zu definieren, bedarf es weiterer essentieller Eigenschaften, die das System von anderen Systemen unterscheidet. Hodgson und Steinhardt finden diese Elemente in Marx und Schumpeters Ausführungen. Wie bereits erläutert, legte Marx großen Wert auf die Beziehung zwischen Arbeitern und Kapitalisten –  und in letzter Konsequenz somit auf die Lohnarbeit. Hodgson und Steinhardt fügen deshalb die folgende, fünfte Eigenschaft hinzu:

  1. Weit verbreitete Lohnarbeit und Arbeitsverträge

Schumpeter ignorierte diesen Punkt zwar, betonte aber die Rolle der Banken und Finanzindustrie für die Entwicklung des Kapitalismus. Unter Einbezug von Schumpeters Verständnis lautet die sechste essentielle Eigenschaft des Kapitalismus:

  1. Ein entwickeltes Finanzsystem mit Banken, einem weit verbreiteten Gebrauch von Krediten, die gegen Eigentum als Kreditsicherheit vergeben werden, und dem Verkauf bzw. Handeln von Schulden

Der Kapitalismus kann letztendlich als ein Produktionssystem verstanden werden, das all diese sechs Eigenschaften umschließt. In jeder einzelnen dieser Komponenten wird deutlich, wie ausgeprägt die rechtliche Grundlage von Hodgsons und Steinhardt Argumentation ist. Wichtig bleibt, dass sie sich allein auf die essentiellen Eigenschaften des Kapitalismus konzentriert. Somit ist ihre Konzeption zwangsläufig bis zu einem gewissen Grad unvollständig, lässt allerdings Spielraum für verschiedene Arten des Kapitalismus zu.

Die Klassifizierung verschiedener Arten von Kapitalismen sollte sich aus meiner Sicht weniger an volkswirtschaftlichen „Outcomes“ wie zum Beispiel Inflationsraten oder Exportquoten orientieren, sondern vielmehr auf institutioneller Basis organisiert sein. Auf diese Weise akzeptiert man zwar die Tatsache, dass – wie Steinhardt richtig argumentierte – essentielle und strukturelle Eigenschaften des Kapitalismus unterschiedliche wirtschaftliche Ergebnisse hervorbringen. Auf der anderen Seite begeht man allerdings nicht den Fehler, eine platonische Urform des Kapitalismus bestimmen zu wollen.

Meiner Meinung nach lässt Steinhardt in seinem Artikel Es gibt nur einen Kapitalismus eine wichtige Frage unbeantwortet: Wenn jedes Subsystem des Kapitalismus ein Ergebnis staatlicher Rechtsordnung ist und der Staat durch die Gesetzgebung den Kapitalismus nach seinen eigenen Präferenzen gestalten kann, wer oder was entscheidet, wie der Kapitalismus in seiner Reinform auszusehen hat? Auf Grundlage der hier präsentierten Konzeptualisierung ist es – so denke ich – unmöglich, so etwas zu bestimmen.

Die Möglichkeit, zu gestalten

Dass der Staat verantwortlich für die Existenz und die Ausprägung des Kapitalismus ist, bildet die wichtigste These von Hodgsons und Steinhardts exzellenten und überzeugenner Arbeiten.

Die Funktionsweise bzw. Ausprägung von Märkten, Eigentumsrechten, Firmenstrukturen, Geld und Lohnarbeit – also sämtlicher zentraler Aspekte des Kapitalismus – hängen allesamt am Staat. Die gegenwärtige Debatte um dem Brexit-Prozess, bei der es unter anderem darum geht, die Beziehung des britischen Rechts zu den etwa 12.000 EU-Regulierungen neu zu strukturieren, veranschaulicht diese Tatsache in der Praxis. Märkte sind keine gottgegebenen oder natürlichen Institutionen, sondern werden durch institutionelle Akteure erst geschaffen.

Der Staat hat deshalb alle Möglichkeiten, den Kapitalismus so zu gestalten, dass alle Menschen, die unter diesem Regime leben, von diesem auch profitieren können.

Zwar wäre es verkehrt daraus abzuleiten, dass der Staat die Wirtschaft bis ins kleinste Detail gemäß vorausgegangener Planung „auf dem Reisbrett“ organisieren soll. Planwirtschaften können nicht anders, als an der gesellschaftlichen Komplexität zu scheitern – und Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, wie brutal sich Staaten gegen dieses Schicksal wehren können.

Auf der anderen Seite zeigt eine rechtlich-institutionelle Perspektive aber mindestens ebenso schön, wie absurd und naiv die Argumente der Laissez-Faire-Befürworter sind. Dem Staat kommt, so lässt sich auch Hodgson und Steinhardt interpretieren, die Rolle eines strategischen Navigators zu, der den Kompass für die weitere wirtschaftliche Entwicklung setzt. Dies impliziert in letzter Konsequenz auch die Notwendigkeit eines entschlossenen staatlichen Handelns, wenn das System Gefahr läuft zusammenzubrechen oder die Gesellschaft zu spalten.

Staat und Markt gehen im Kapitalismus zwangsläufig Hand in Hand, sofern man sich gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Fragen mit Pragmatismus anstelle ideologischer Verblendung nähert. Selbst die Übergabe rechtlicher Souveränität an private Institutionen, wie es im Falle der sogenannten Freihandelsabkommen geschieht, wäre ohne den Staat nicht möglich.

Getreu dem Motto „Markt und Staat neu denken“, braucht es deshalb ein Bewusstsein dafür, dass an Märkten und Handelsregimen nichts natürlich ist, sondern der Staat die Entscheidungen über das System trifft. Ob dieses System Wohlstand für alle bzw. zumindest eine große Mehrheit schafft oder nur eine Minderheit vom Kapitalismus profitiert, ist somit letztendlich eine Frage der wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die in den letzten 30-40 Jahren allerdings nur eine Richtung kannten.


Hinweise

[1] Für eine weiterführende Auseinandersetzung mit der Geschichte des Geldes ist Christine Desans Buch Making Money zu empfehlen.
[2] Für eine ausführlichere Konzeptualisierung Steinhardts zum Thema Geld ist seine Artikelserie zu empfehlen.
[3] Aufgrund des hohen Anteils von Staatsanleihen auf den Bilanzen der Zentralbanken und deren Funktion als „Lender of Last Resort“ stimme ich mit der Aussage Steinhardts in diesem Fall überein, dass der Staat sich faktisch bei der Zentralbank refinanzieren kann.
[4] S. 199, original: „[Capital is] money investable in production or to the money value of owned, alienable, collateralizable property that is employed in production.”

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