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Weltwirtschaft | 10.10.2017

Die verdrängten Folgen des Peak Oil

Durch den absehbaren Rückgang der Erdölfördermenge droht der Zusammenbruch des globalen Wirtschaftssystems. Wir haben die Wahl: Transformation by design or by disaster.

Kaum jemandem ist das ganze Ausmaß der Abhängigkeit vom Erdöl bewusst. Erdöl ist nicht nur der Ausgangsstoff für die Produktion von Treib- und Schmierstoffen, die für beinahe jeden industriellen Produktionsprozess benötigt werden, sondern auch für alle Kunststoffe. Erdöl ist dementsprechend in den meisten Bereichen des privaten Konsums zu finden: in Textilien, in Pharmazeutika, in Verpackungen, in Spielzeugen, in Farben und Lacken, in Fußböden, in Matratzen, in Seifen, in Klebstoffen – die Liste ließe sich ewig fortführen. Alle diese Güter müssten nach dem Ende des Ölzeitalters auf der Grundlage nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden.

Die Peak-Oil-Theorie

Die sogenannte Peak-Oil-Theorie des britischen Geologen Marion King Hubbert aus dem Jahr 1956 beschäftigt sich mit genau diesem Szenario. Als Peak-Oil wird der Zeitpunkt bezeichnet, ab dem die globale Ölförderung ihr Maximum erreicht und danach abnimmt. Bedingt durch die zunehmende Erschließung von unkonventionellem Öl (Ölschiefer, Schiefersand, Tiefseebohrungen) lässt sich der Peak-Oil-Zeitpunkt für die weltweite Ölproduktion nicht exakt vorhersagen. Allerdings gehen, wie die unten stehende Abbildung zeigt, die weltweiten Funde neuer Ölquellen seit den Siebzigerjahren deutlich zurück. Und es gilt als wissenschaftlich gesichert, dass die jährliche Erdöl-Fördermenge in den nächsten Jahrzehnten nach und nach abnehmen wird.

Das Zentrum für Transformation der Deutschen Bundeswehr – Dezernat Zukunftsanalyse veröffentlichte im Jahr 2010 eine überaus lesenswerte Studie zum Thema Peak Oil. Die Autoren der Studie stellen fest, dass a) die Folgen eines Rückgangs der globalen Erdölfördermenge katastrophal sein werden und b) wir dies vollkommen ausblenden. Zudem sei es möglich, so die Autoren weiter, dass der Peak Oil bereits um das Jahr 2010 zu verorten ist und die Auswirkungen mit einer Verzögerung von 15 bis 30 Jahren erwartet werden können (vgl. Bundeswehr-Studie, S. 5).

Daran hat sich sieben Jahre sowie zahlreiche wissenschaftliche Studien später nichts geändert.

Die Abhängigkeit vom Erdöl

Doch die Probleme, die das Verschwinden des Erdöls mit sich bringt, werden nicht erst an dem Tag beginnen, an dem der letzte Liter Öl gefördert wurde. Das Erdöl-Zeitalter endet lange vor dem Ende des Öls, weil nach dem Peak Oil die Liefermengen von Erdöl nicht mehr mit dem globalen Bedarf werden Schritt halten können. Das wird zu einer sukzessiven Verteuerung des Rohstoffs führen.

Wer denkt: »Naja dann wird halt das Benzin und das Heizöl etwas teurer« sollte sich zweitens vor Augen führen, dass sage und schreibe 95 Prozent aller industriell gefertigten Produkte heute von der Verfügbarkeit von Erdöl abhängen (vgl. Bundeswehr-Studie). Der Rückgang der maximalen Erdölfördermenge führt deshalb zu drastischen Veränderungen in den globalen Wertschöpfungsketten. Deutschlands Ölförderung sinkt bereits seit 1967, was dazu geführt hat, dass das Land zu über 97 Prozent seines Bedarfs von Ölimporten abhängt (vgl. die Studie von Norbert Rost 2014).

Die prognostizierten Folgen des Peak Oil

Die Studie der Deutschen Bundeswehr zeichnet folgendes Szenario für die Zeit nach dem Peak Oil (vgl. Bundeswehr-Studie, S. 48 ff.):

Der Anstieg der Rohölpreise verteuert energieintensive landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Dünger und Pflanzenschutzmittel, den Einsatz von Maschinen sowie den Transport der landwirtschaftlichen Zwischen- und Fertigprodukte, was zu einer Verteuerung von Nahrungsmitteln führt. Der Verzicht auf erdölbasierte Dünger, erdölbasierte Pflanzenschutzmittel und maschinelle Bewirtschaftung führt wiederum zu einer drastischen Verringerung der Erntemengen. Angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums verschärft sich die Problematik einer regionalen Nahrungsmittelunterversorgung bis hin zu Hungerkrisen, auch in den westlichen Industrienationen.

Kurzfristig senken steigende Ölpreise Konsum und Output, wodurch es zu Rezessionen kommt. Der steigende Anteil der Transportkosten verteuert alle gehandelten Waren, die Handelsvolumina gehen zurück. Staatshaushalte geraten unter extremen Druck, die Ausgaben für die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung sowie Sozialausgaben konkurrieren mit den notwendigen Investitionen in Erdölsubstitute. Die Einnahmen des Staates sind durch die Rezession dabei erheblich gemindert. Das Bankensystem, die Börsen und die Finanzmärkte brechen zusammen. Es kommt erst zur Hyperinflation und zu Schwarzmärkten, dann zu einer tauschwirtschaftlichen Organisation auf lokalem Level. Marktwirtschaftliche Systeme konkurrieren wieder mit Planwirtschaften, es droht der Kollaps internationaler Wertschöpfungsketten. Unternehmen sind auf unbestimmte Zeit nicht mehr in der Lage, Gewinne zu erzielen und ihre Fremdkapitalkosten zu zahlen. Die Anpassung der Wirtschaftsstrukturen wird mit Friktionen am Arbeitsmarkt einhergehen und zu hoher Transformationsarbeitslosigkeit führen. Im Besonderen kann sich eine Entwertung des Humankapitals der Arbeitnehmer vollziehen, da aufgrund des Strukturwandels Qualifikationen, die bis zu diesem Zeitpunkt durchaus adäquat waren, durch andere Qualifikationsanforderungen abgelöst werden.

Das sind die kurzfristigen Folgen. Nun folgt ein Satz in der Studie, der den Leser aufgrund seiner Deutlichkeit in lang anhaltendes Staunen versetzen kann:

„Mittelfristig bricht das globale Wirtschaftssystem und jede marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft zusammen.“ (Bundeswehr-Studie, S. 49)

Um es zu paraphrasieren: Wenn wir uns nicht auf Strukturbrüche und Pfadwechsel, die ein Abnehmen der globalen Erdölfördermenge erzwingt, vorbereiten, fliegt uns der ganze (globale) Laden mit einem lauten Knall um die Ohren.

Das heißt nicht, dass der Zusammenbruch des Systems unausweichlich ist. Vielmehr geht es um die Frage, ob die Transformation geplant und dadurch halbwegs geordnet, sozial verträglich und human verläuft. Oder ob aufgrund fehlender Vorbereitungsmaßnahmen und fehlender struktureller Anpassungen das plötzliche Chaos droht. Wir haben die Wahl: Transformation by design or by disaster.

Norbert Rost, Leiter des Büros für postfossile Regionalentwicklung in Dresden, schreibt hierzu in der von Bündnis 90 / Die Grünen in Auftrag gegebenen Studie Peak Oil – Herausforderungen für Thüringen (S. 15):

„Die Transformation kann freiwillig durch vorausschauende Entscheidungen geschehen oder erzwungen werden, wenn steigende Energie- und Rohstoffpreise bestimmte Abläufe unwirtschaftlich machen. In jedem Fall lässt die Transformation des fossilen Industriesystems hin zu einem postfossilen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem eine Transformationskrise erwarten. Je später und unkoordinierter die Transformation angestoßen und umgesetzt wird, umso intensiver wird sich diese Transformationskrise im Leben jedes Bürgers zeigen.“

Fortschreitender Vertrauensverlust in Politik und staatliche Institutionen

Ein Problem hinsichtlich der Herleitung geeigneter politischer Maßnahmen, um auf den Peak Oil zu reagieren, ist der systemische Charakter knapper Ressourcen und hoher Ressourcenpreise in einem komplexen ökonomischen Umfeld. Die Übertragungskanäle eines Ölpreisschocks umfassen sehr verschiedene interdependente und zum Teil existenziell wichtige Infrastrukturen. Der Übergang in eine post-fossile Gesellschaft stellt eine völlig neuartige Aufgabe dar, für die es keinerlei Best-Practice-Modelle gibt. Das Durchdenken der Konsequenzen des Peak Oil kann nicht von historischen Parallelen geleitet werden, weil es keine gibt.

Entsprechend schwierig ist es, sich vorzustellen, welche Bedeutung ein sukzessiver Entzug der wichtigsten Ressource unserer Zivilisation haben kann. Vielleicht führt gerade das dazu, dass wir die möglichen Folgen des Peak Oil kollektiv verdrängen und es bislang zu keiner gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik kommt.

„Psychologische Barrieren sorgen für das Ausblenden an sich unbestreitbarer Fakten und führen zu fast instinktiver Ablehnung einer eingehenden Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Thematik. Der Eintritt des Peak Oil ist jedoch unvermeidlich.“ (Bundeswehr-Studie, S. 78)

Wenn zukünftig evident wird, dass es unsere Regierungen versäumt haben, angemessene Lösungsstrategien zu erarbeiten und der Gesellschaft in der drohenden Umbruchsphase Orientierung zu bieten, wird das Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Politik weiter geschwächt werden. Eine Krise der Marktwirtschaft während der Transformation zu einer post-fossilen Gesellschaft einerseits und die möglichen Vorteile zentralistischer und autoritärer Maßnahmen andererseits könnten dazu führen, so die Autoren der Bundeswehr-Studie, dass Raum für diverse ideologische und extremistische Alternativen zu den bestehenden Staatsformen entsteht (vgl. Bundeswehr-Studie, S. 43). Eine fortschreitende Fragmentierung der Gesellschaft sowie eine sich zuspitzende politische Legitimationskrise wären die Folge.

Ähnliches schreiben auch die Verfasser der Studie Ein Konzept zur Anpassung der österreichischen Wirtschaft an Peak Oil und Gas (S. 4):

 „Peak Oil und Gas ordnen sich in eine Reihe von Krisensträngen ein, die nicht nur die Energieversorgung und die damit zusammenhängende Klimastabilität umfassen, sondern auch die (…) Stabilität sowie die Legitimität von Regierungen und politischen Systemen.“

Da Die Linke, wie Sebastian Müller im Makroskop-Dossier »Markt und Staat neu denken« treffend schreibt, „mit sich selbst und ihrer Selbstfindung beschäftigt ist“ (S. 2), sollte sie diese Neuorientierung nutzen, um endlich die Ressourcenfrage als Gerechtigkeitsfrage zu denken und sie stärker in den Fokus ihrer Programmatik zu rücken. Eine Linke, die die Problematik knapper Ressourcen immer noch entkoppelt von Fragen sozialer Gerechtigkeit diskutiert, wird niemals im 21. Jahrhundert ankommen. Soziale Gerechtigkeit ist Ressourcengerechtigkeit.

Unternehmen haben keine Vorstellung, was ihnen droht

Der Versuch einer empirischen Erhebung im Rahmen der Studie »Peak Oil – Herausforderungen für Thüringen« zeigt, dass die Einzelwirtschaft ebenfalls überhaupt nicht auf den Peak Oil vorbereitet ist. Kein einziges der 100 größten Unternehmen Thüringens hat den Fragebogen zum Peak Oil, der im Rahmen der Studie versandt wurde, beantwortet. Noch hat nur ein einziges Unternehmen nachvollziehbare Gründe genannt, die gegen eine Beantwortung sprechen.

Auffällig war laut Autor Norbert Rost, dass die angerufenen Ansprechpartner in den Unternehmen beim Stichwort Öl an Heizöl dachten. Sofern das angesprochene Unternehmen kein Heizöl verwendete, ging der Ansprechpartner davon aus, dass die Studie für sein Unternehmen nicht relevant sei.

„Diese Reaktionen der Ansprechpartner in den Unternehmen zeugen davon, dass (…) kein Bewusstsein für die Relevanz von Mineralöl für das unternehmerische Handeln vorhanden ist.“ 
(Peak Oil – Herausforderungen für Thüringen, S. 57)

Wenn die Thematik nicht so ernst wäre, könnte man über den Reflex der Unternehmensvertreter lachen. Hinweise, dass sich die Ölfrage nicht nur auf Heizöl und nicht einmal nur auf unternehmensinterne Abläufe bezieht, blieben wirkungslos. Die Unternehmen befassen sich offenkundig nicht mit dem Problem des Ölfördermaximums und sind dementsprechend nicht auf einen Ölpreisanstieg und seine Folgen vorbereitet.

Aber selbst wenn ein einzelnes produzierendes Unternehmen intern auf Erdöl verzichten würde, bliebe es abhängig, weil es mehrere Zulieferer hat, die wiederum mehrere Zulieferer haben – und weil es mehrere Abnehmer hat, die wiederum mehrere Abnehmer haben. Dazwischengeschaltet sind zusätzlich die Transportunternehmen. Jedes Unternehmen bewegt sich in hochentwickelten Ökonomien in komplex ausdifferenzierten Wertschöpfungsketten, was vielfältige Abhängigkeiten schafft. Diese Abhängigkeiten erklären auch die folgende Einschätzung von Norbert Rost (S. 65):

„Unternehmen könnten ohne Mineralölversorgung oft nur wenige Tage weiterarbeiten. Selbst jene, deren Geschäftsmodell prinzipiell von einer Abkehr vom Öl profitieren würde. Dies zeigt eine enorme Verletzlichkeit der Unternehmen.“

Im Eigeninteresse sollten Unternehmen den Peak Oil in ihr Risikomanagement aufnehmen. Dabei ist es notwendig, die Analyse auf die gesamte Wertschöpfungskette auszuweiten. Es geht nicht nur um die Frage, wie sich steigende Ölpreise auf die eigene Produktion auswirken, sondern auch auf die Input- und Transportpreise sowie auf die Nachfrage. Das Risikomanagement einzelner Unternehmen müsste sich weit über den eigenen Betriebsbereich hinaus erstrecken und sowohl andere Unternehmen als auch die Konsumseite miteinbeziehen.

Selbst wenn eine Branche es schaffen sollte, das Erdöl komplett zu ersetzen und sich dadurch unabhängig vom Erdöl zu machen, bliebe dennoch das Problem der Nachfrageseite, weil der steigende Ölpreis die Masse der gehandelten Waren verteuert und dadurch der Konsum insgesamt zurückgeht.

Die Aufgabe einer solchen umfassenden Risikoanalyse kann ein einzelnes Unternehmen kaum leisten, weshalb Kooperationen von Unternehmen und ganzer Branchen unabdingbar sind. Vor dem Hintergrund dieser hoch komplexen Verflechtungen, Wechselwirkungen und Erdöl-Abhängigkeiten moderner Unternehmen wirkt der Verweis der Unternehmensvertreter, man verwende kein Heizöl und habe deshalb mit der Thematik nichts zu tun, beinahe bizarr. Die abschließende Einschätzung von Norbert Rost bezüglich der Unternehmen lautet wie folgt (S. 60):

„Vielmehr zeigten uns die Antworten unserer Gesprächspartner, dass ein Bewusstsein für die Ölproblematik nicht wirklich vorhanden ist. Es ist daher davon auszugehen, dass zum Zeitpunkt dieser Studie weder einzelne Unternehmen, noch über Wertschöpfungsketten miteinander verbundene Unternehmensnetze auf eine Ölkrise vorbereitet sind. Peak-Oil-Dynamiken würden vermutlich, wenn sie sich in den kommenden Monaten zeigen würden, mit extremer Härte in die Geschäftsmodelle der Unternehmen einbrechen und starke Verwerfungen in der thüringischen Wirtschaft auslösen.“

Selbst wenn die Auswirkungen des Peak Oil erst in zehn oder zwanzig Jahren spürbar werden, ändert dies nichts an der Härte, mit der die Unternehmen getroffen werden, wenn sie sich nicht vorbereiten. Da nicht davon auszugehen ist, dass die Unternehmen in Thüringen besonders ignorant sind, gilt das, was für Thüringen gilt, natürlich auch für das ganze Land.

Im zweiten Teil dieses Beitrages wird gezeigt, warum die bloße Substitution von Erdöl durch nachwachsende Rohstoffe ohne gleichzeitige strukturelle Veränderungen nicht zielführend ist. Und welche Lösungen die Peak-Oil-Studien und andere Quellen stattdessen anbieten.

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