Kommentar | 04.10.2017

Vom ersten Augenschein zum Tunnelblick

Will man die Ursachen der zurückhaltenden Lohnpolitik in Deutschland analysieren, führt der kritische Blick auf die Rolle der Betriebsräte der deutschen Exportkonzerne nicht weiter, sondern in eine Sackgasse.

In der Substanz versteht Hardy Koch die jüngere Geschichte der deutschen Tarifpolitik als eine Art Räubergeschichte. Er triumphiert, weil er meint, die Täter gefunden zu haben. Das Verstehen von Wirtschaftsgeschichte kann aber nicht auf ein solches Niveau heruntergebracht werden.

Mit einem Tunnelblick werden die eigentlichen und viel tiefer liegenden Gründe für die deutsche Lohnpolitik nach 1995 systematisch verkannt. So gerät Koch in eine Sackgasse, aus der er offensichtlich nicht mehr herausfinden kann.

Mythos Betriebsräte?

Sicher spielen die Betriebsräte großer Unternehmen eine Rolle für die Tarifpolitik ihrer Gewerkschaft. Das liegt in erster Linie daran, dass die Streikbereitschaft dieser Unternehmen für die Streikmächtigkeit der betreffenden Gewerkschaft von zentraler Bedeutung ist.

Es gibt ein historisches Beispiel, in dem die IG Metall diesen Zusammenhang unzureichend kalkuliert hatte. Der Streik um die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland 2003. Hier mangelte es nicht an der Streikfähigkeit der ostdeutschen Betriebe, sondern die Betriebsräte großer westdeutscher Automobilkonzerne unterstützten diesen Streik nicht, weil dadurch die Produktion auch in Westdeutschland gestört wurde. [...]

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